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Bernhard Nußbaumer

 

Leben am Rand

 

Strukturelle Überlegungen zu Stadtentwicklungen der Gegenwart

In der historischen Perspektive gilt die Stadt seit jeher als Raum der persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten. „Stadtluft macht frei“ war im Mittelalter ein durchaus wörtlich zu nehmendes Diktum. Das frühe zwanzigste Jahrhundert versuchte erstmals auch strukturell ernst zu machen mit der Idee des sozialen Ausgleichs im urbanen Raum und schuf unter der Bezeichnung „Sozialer Wohnungsbau“ die ersten Wohnbauprogramme. Vor allem aber galt die Stadt nach Ende des zweiten Weltkrieges – infolge des Wirtschaftswunder genannten Aufschwunges - als Hoffnungsraum auf immer währende Prosperität. Nach der Jahrtausendwende aber scheint es nun, als ob das Schreckgespenst städtischer Armmut – wie man es aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert kennt – erneut Einzug hält in die europäischen Metropolen. Soziologen stellen bereits die Frage, ob das Wohlfahrtszeitalter in der Stadtgeschichte kein Kontinuum, sondern eher eine Episode in einer über weite Strecken von Mangel geprägten Entwicklung darstellt.

Allerdings kann man den diesbezüglichen langzeitig angelegten Studien zufolge moderne armuts- Phänomene im urbanen Umfeld nicht linear auf die soziale Frage des 19. Jahrhunderts zurückführen. Es geht heute weniger um ein „Oben und unten“ als vielmehr um ein „Drinnen und Draußen“ – Dazugehören oder Ausgegrentztsein.

 

 

Ursachen der urbanen Armut

 

Soziologen beobachten das Phänomen seit nunmehr zwei Jahrzehnten: Eine „Neue Armut“ hält Einzug in die Städte. Die Idee des langfristig prosperierenden Wohlfahrtsstaates erlebte mit dem Ölschock Anfang der siebziger Jahre seine ersten Grenzerfahrungen, eine dauerhafte Krise konnte aber über Sozialleistungen und intensive soziale Wohnbauprogrmme noch relativ gut abgefedert werden. Seit dem Ende der achtziger Jahre aber wächst infolge der weltweiten ökonomischen Veränderungen kontinuierlich ein sozialer Riss auch in europäischen Gesellschaften. Am deutlichsten zeigt sich diese  langfristige Tendenz zur Polarisierung am Auseinanderdriften der Einkommensskala: ebenso wie die Zahl und der Umfang der höchsten Einkommen stetig zunehmen, wächst am unteren Ende der Einkommen die zahl der Sozialhilfebezieher seit dem ende der achtziger Jahre stetig.

Diese sogenannte „Dualisierung“ macht sich besonders stark in städtisch geprägten lebenswelten bemerkbar und führt ursächlich zu nachhaltigen  Veränderungen städtischer Strukturen mit Tendenz zu Benachteiligung und Ausgrenzung gewisser Bevölkerungsschichten. Aus langjährigen Feldbeobachtungen lassen sich aus soziologischer Perspektive im wesentlichen fünf Ursachen urbaner Armut erkennen.

 

 

Veränderungen der Arbeitswelt und Langzeitarbeitslosigkeit

 

Marx und Engels hatten das Hauptproblem gesellschaftlicher Klassenunterschiede  mit der  Ausbeutung der Lohnarbeiter begründet. Heute stellt sich das Problem eher umgekehrt dar: Nicht der „Zwang“, sich auf dem Arbeitsmarkt zu verkaufen,  schafft soziale Mangelsituationen, sondern die Tatsache, dass auf dem Markt für bestimmte gruppen keine „Lohnarbeit“ angeboten wird. Die weiträumige Umgestaltung der Arbeitswelt in den letzten dreißig jahren hat dazu geführt, dass Arbeitnehmer mit geringer Ausbildung, wenig entwickelter Flexibilität. geringer Mobilität, höherem Alter und gesundheitlichen Beeinträchtigungen quasi per se zu den verlierern im Arbeitskreisluf gehören.  Vor allem die Abwanderung des produktionssektors aus Europa in kostengünstige Drittländer (China-effekt) sowie die Abhängigkeit vieler betriebe von gewinnorientierten kapitalgebern führt zu ersatzlosen Streichungen bei arbeitsplätze im zweiten sektor, die durch schaffung neuer tertiärer berufsmöglichkeiten nur ungenügend gedeckt sind, und bestenfalls im segment der billigen disnstleistungsarbeiten (Mac-Jobs) aufgefangen werden können. Gerade mit diesen berufsmöglichkeiten wird für die betroffenen aber die Tür in die soziale dejklassierung schon aufgemacht.

 

 

Globalisierung

 

Die weltweite wirtschaftlich motivierte Mobilisierung, die unter dem Titel „Globalisierung“ reichlich euphemistisch ein großartiges interkulturelles Weltprojekt suggeriert, offenbart aus der Warte europäischer Arbeitsmarktpolitik eine doppelte Problematik:

 

Diese  äußert sich zum einen im schon angedeuteten Abwanderungseffekt großer Unternehmen, der produzierenden Arbeitsplätze in Drittländer transferiert, während sich die ehemaligen europäischen Produktionsstätten in Kommandozentralen und kreative think thanks  verwandeln, die nur mehr für wenige hochspezialisierte und bestentlohnte Arbeitsplätze bieten,  und zum anderen in einem gleichzeitigen Immigrationzusfluss aus eben diesen Drittländern, der eine Menge wenig spezialisierter Arbeitskräfte als sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge eingemeindet, ohne entsprechende Arbeitsmöglichkeiten anbieten zu können. Während die erstere  Bewegung neben dem verlust von arbeitsplätzen auch zum bereits angedeuteten Schereneffekt in der Einkommensverteilung führt,  ist die zweite Bewegung ursächlich mit diesem Export europäischer, oder besser: westlicher Lebensvorstellungen verknüpft und weckt als Bildnis medialer suggestion zum teil unerfüllbare hoffnungen bei allen, die ihr Glück in Europa (ver)suchen.

Aus dieser Doppelbewegung – Abwanderung von Arbeitsplätzen bei gleichzeitiger Zuwanderung von Arbeitskräften – ergibt sich einer der Hauptverursacher des strukturellen Wandels, der für die zunehmende armut in den  großen städten verantwortlich ist: die Anwesenheit der Dritten Welt in den Zentren der Ersten Welt, der zwar prinzipiell ökonomisch motiviert ist,  in der folge aber auch weit reichende  soziale, politische und kulturelle Veränderungen nach sich zieht.

 

 

Wandel sozialer Systeme/Familienstrukturen:

 

Das Netzwerk sozialer und kleinökonomischer Subsidiarität im urbanen Raum, das in der Nachkriegszeit in Europa oder in den Ländern Osteuropas bis zum Fall des Eisernen Vorhang teilweise monetäre Beziehungen ergänzte oder sogar ersetzte, geht in der modernen Großstadt verloren. An die Stelle der Nachbarschaftshilfe und des Verwandtschaftsverbandes mit ihren informellen Subsistenzmöglichkeiten und Rollenverteilungen tritt in einem weitgehend anonymen gesellschaftlichen Klima das umfassende System von Markt und Staat. Jenseits davon ist eine gesellschaftlich integrierte Existenz nicht vorstellbar. Moderne haushaltsformen, wie Singles, alleinerziehende oder Kleinfamilien verstärkend die Erosion sozialer Netzwerke und leisten voll ökonomisierten und institutionalisierten Lebensbedingungen Vorschub. Daraus resultiert einerseits, dass urbanes Leben einerseits ziemlich viel ökonomischen aufwand erfordert, beziehungsweise umgekehrt soziale Ausgrenzung, wenn auf arbeitsmarkt, wohnungsmarkt und ökonomisch organisiertes bezugssystem nicht mehr adäquat reagiert werden kann.

 

 

Ausdünnung des Sozialstaates:

 

Dieses Phänomen ist bis heute in Europa nur bedingt feststellbar, und, wenn man die Situation mit dem Wohlfahrtssystem der USA vergleicht, wo der „Lageeffekt“ – vorwiegend schwarzer - Armutsquartiere zu einem Förderungsstopp an öffentlichen Zuwendungen geführt hat („Rückzug des Staates“, Loic Wacquant), sicher nicht besorgniserregend. In Europa sind  grundsätzlich soziale institutionelle Grundsicherungen zwar Standard, allerdings könnten sie indirekt der globalisierten Konkurrenz der Nationalstaaten um Standortvorteile zum Opfer fallen. Dass Steuersenkungen für Unternehmungen mit dem Sozialbudget gegengerechnet werden, wie Wirtschaftsktritiker immer behaupten, lässt sich so als Argument sicher nicht halten; dass die Ausgaben für soziale Bedürfnisse in naher Zukunft allerdings auch nicht aufgestockt werden dürften, ist ziemlich sicher. Hier könnte sich eine Kluft zwischen nachgefragten und angebotenen Leistungen auftun, die in Summe ein Weniger an Sozialstaat bedeuten könnte.

 

 

Städtischer Strukturwandel:

 

Die bereits  angesprochenen Phänomene wie Immigration und ökonomische Polarisierung  führen zu einem innerstädtischen Strukturwandel, der auf eine soziale Entmischung der Bevölkerung hinausläuft: wenn in einem Quartier die sozialen Distanzen wachsen und die öffentlichen Probleme zunehmen, ziehen die Bessergestellten weg, weil sie ihre Chancen im Quartier schwinden sehen. Vor allem Familien mit Kinder versuchen in das suburbane Umland auszuweichen, um den Kindern institutionelle Mangelsituationen  wie schlechte Schulen, einen verwahrlosten öffentlvcichen Raum und ein Sozialmilieu des offenen Prekariats zu ersparen. Im Viertel bleiben einkommenschwache und wenig mobile Personen, wie zum Beispiel  Alte, Ausländer und Arbeitslose. Mit der zeit entsteht so im Quartier ein Armutsmilieu, das für die im Viertel lebenden Personen selber benachteiligende Folgen hat (geringe konsumptive, kommunikative und kulturelle Möglichkeiten) und das Viertel insgesamt zu einer „schlechten Adresse“ werden lässt.

Aus dieser strukturellen Entmischung folgt eine soziale  Ausgrenzung derjenigen Bevölkerungsanteile, die mit dem allgemeinen Standard nicht mehr mithalten können. Gerade diese letzte der fünf angesprochenen Armutsursachen soll im Mittelpunkt der weiteren Untersuchung stehen.

 

Das Quartier als Kulisse der sozialen Identität

 

Die spiralförmige Entwicklung eines urbanen Quartiers in Richtung Unterklasse kann symptomatisch durch das Beispiel der ökonomischen Entwicklungsgeschichte eines einzigen Wohnkomplexes  beschrieben werden. Es handelt sich um eine innerstädtische Wohneinheit in einer mittleren europäischen Stadt, zentrale Lage, Bahnhofsnähe, Baujahr 1950, gestückelt in zirka 40 Wohneinheiten (Ein-, Zwei- und Dreizimmerwohnungen), zum Teil von den Eigentümern bewohnt, zum Teil vermietet. Die ursprüngliche Belegung besteht aus niederem städtischem Beamtentum, jungen Familien, Arbeitspendlern, welche die Stadtnähe für einen arbeitsbedingten Zweitwohnsitz nutzen. Der Immobilienwert gilt wegen der Innenstadtnähe als gut, selbst wenn die 1950 errichtete Anlage nicht mehr den modernsten Standards entspricht und keine eigenen Parkplätze zur Verfügung stellt. Die Benützerfluktuation zwischen 1985 und 2005 zeigt folgendes Muster: einheimische Mieter nutzen anderweitige Angebote und machen zunehmend Immigrantenfamilien Platz, denen die Bahnhofsnähe als Sprungbrett zur Ansiedelung dient. Die eher kleinflächigen Wohnungen sind teilweise überbelegt. Die Abnützungserscheinungen des Objekts werden mit der Zeit auffällig. Der Immobilienwert sinkt dadurch, und wer die Wohnung nicht selbst benutzt, stößt das Objekt ab. Mittelfristig werden die Mieten billiger, aber die Infrastruktur wird nicht mehr im gleichen Maß gepflegt wie früher. Für Besitzer und Vermieter resultiert der Gewinn aus der Diskrepanz zwischen Mieteinnahme und Instandhaltungsausgabe; die durch Neubewertung auf dem Immoblienmarkt  resultierende niedrigere Mietwert wird durch geringfügigere Gebäudesanierungen ausgeglichen. Dadurch verliert die Immobilie mittelfristig weiter an Wert, wird für den unteren Mittelstand noch unattraktiver und zieht mit der Zeit nur noch Personen an, die Billigmiete nachfragen und dafür auch strukturelle Mängel in Kauf nehmen.

Der in diesem nur teilweise konstruierten Beispiel beschriebene circulus vitiosus kann im Kleinen demonstrieren, wie sich der oben angesprochene Strukturwandel eines Stadtviertels im Detail abspielt, ohne dass die soziale Komponente dabei noch überhaupt berücksichtigt wäre.

 

Natürlich gehörte es zum städtischen Leben seit jeher, dass Städte in Viertel mit unterschiedlichem „Prestige“ zerfallen, und ein nicht unerheblicher Teil des Stadtbürgerstolzes auch vergangener Zeiten resultierte aus der jeweiligen Wohnadresse. Dieser Trend wird gegenwärtig in manchen europäischen Metroplolen ins Unvorstellbare getrieben, wenn man sich zum beispiel vor Augen hält, dass Toplagen in Europas zur zeit angesagtester hauptstadt, London, über 3 Millionen pro Quadratmeter betragen (kensington)

 

Zum problem wird ein von armut betroffenes stadtviertel allerdings dann, wen es für seine bewohner zu einer sozialen Falle ohne Ausweg wird. Der Quartiersverfall wird in der Stadtsoziologie üblicherweise mit dem Begriff des sogenannten „Fahrstuhleffektes“ (Hartmut Häußermann:  Berlin. Ausgrenzugsprozesse in einer europäischen Stadt, in: An den Rändern der Städte, Frankfurt, Suhrkamp 2004) beschrieben: damit ist gemeint, dass der vermehrte Verarmungsprozess, zumeinst infolge fehlender oder wegfallender Arbeitsplätze, zu einer Degradierung des Viertels insgesamt beiträgt. In dem Maß, wie Kaufkraft abwandert, ziehen Billigläden nach, wird Sozialhilfe sichtbar, verwahrlosen öffenliche Einrichtungen, steigt – vor allem bei Jugendlichen -  die offen zur schau getragene Aggression.

 

Um die Effekte von Quartieren mit Segregationseffekt: zu beschreiben, gibt es einerseits objektive Kriterien, die beschreiben, wie sich ein benachteiligtes Viertel von anderen absetzt, anderseits auch emotionale Beschreibungsmuster. Zu den objektiv wahrnehmbaren Gradmessern der Wohn- und Lebensqualität eines Viertels gehören soziale und kulturelle Einrichtungen, sanitäre und schulische Institutionen, die Ausstattung mit privaten und öffentlichen Dienstleistungen, Kaufkraft, Wohnqualität, Verkehrverbindungen und –anbindungen.  In dem Maße, wie sie fehlen oder vernachlässigt werden, hat man es mit Quartiersverfall zu tun.

Andererseits tragen aber auch emotionale Effekte zum Wahrnehmungsbild eines Quartiers bei. Durch vorherrschende Überzeugungen und das dominante minderheitliche Verhalten im Quartier bildet sich eine vom mainstream abweichende Kultur heraus. Diese hat eine  selbstverstärkende Tendenz nach innen, das eigene Viertel „schlechtzureden“ und dem Quartier die Schuld auch an Missständen zu geben, die völlig anders gelagerte Grundlagen haben. Und sie gibt ein Image nach außen ab, das in der Beurteilung und (ökonomischen) Bewertung diskriminierend funktioniert und allgemein bereits vorherschende negative Vorurteile bestätigt.

 

 

Ghettobildungen am Beispiel Frankreichs und der USA

 

Die meisten Untersuchungen über städtische Armut und ihre strukturellen Erscheinungsformen kommen aus den USA und Frankreich. In beiden Ländern ist das Phänomen schon sehr früh beobachtet worden und zwar auf einem qualitativ wie quantitativ hohem Niveau.

Es gibt für beide Gesellschaften ein paar vergleichbare Ausgangslagen: zum einen den Umbau des produzierendes Sektors und die weitgehende Entflechtung von Wohn- und Produktionsraum infolge steigender Bedeutung der „Imformationsgüter“ gegenüber materiellen Gütern in modernen Wirtschaftszusammenhängen; zum zweiten die ethnische Komponente des Marginalisierungsprozesses und – damit zusammenhängend - die teilweise konfliktuösen Folgen von Marginalisierung und Segregation; drittens die Langzeitarbeitslosigkeit als Hauptgrund für die verschiedenen Formen von „Verelendung“ und schließlich die Häufung gleichgestellter Nachbarschaften, was ein Verschwinden auch der nachbarschaftlichen Hilfsnetzwerke, beziehungsweise der sozialen Netze in einem Viertel bedingt. Vielmehr, so scheint es den Studien zufolge, führen ähnliche Schicksale zu einer Entsoldiarisierung zwischen den „Schicksalsgenossen“..

 

Doch es gibt zwischen den untersuchten Fällen auch markante Unterschiede; in erster Linie, die räumliche Verteilung des Innen-Außen-Schemas betreffend, die in der Stadtsoziologie mittlerweile mit den sprechenden Toponymen „Schwarzer Gürtel“, bzw „Roter Gürtel“ (Loic Wacquant: „Roter gürtel, schwarzer Gürtel“,  in: An den Rändern der Städte; Frankfurt, Suhrkamp, 2004) umschrieben werden. Der so genannte „Schwarze Gürtel“ das sind jene us-amerikanischen Innenstädte mit schwarzer Bevölkerungsmehrheit, aus denen sich der Staat ebenso wie der Mittelstand  verabschiedet haben. Während sich der Mittelstand in den suburbanen Zonen den traum von Eigenheim mit Garage und Garten verwirklicht oder sich hinter festungsartigen videoüberwachten Stadtrandsiedlungen verbarrikadiert, zerfallen die Innenstädte und mit ihnen alle institutionen, wie Nahverkehrsmittel, öffentliche schulen und selbst kommerzielle Einrichtungen.

 

Als „Roter Gürtel“ werden in Frankreich – mit ironischem Verweis auf die politische Urheberschaft - die vorwiegend den sozialen Wohnprogrammen der frühen sechziger Jahre entstammenden Arbeiterstädte oder „Schlafstädte“ an den Stadträndern bezeichnet (cités oder banlieues), die in den späten achtziger jahren erstmals und seitdem immer wieder aufgrund von Jugendunruhen in die schlagzeilen auch der internationalen presse gekommen sind. Die banlieues haben seit der Mitte der siebziger Jahre einen demografischen Austausch erlebt, der bei Abwanderung französischer arbeiterfamilien zugleich eine starken Zustrom ausländischer familien aus dem maghreb mit sich brachte. Jugendarbeitslosigkeit ins eines der größten probleme der cités, und sie hat zu nicht unerheblichem teil gerade eben mit der „territorialen Stigmatisierung“ der Banlieue-Bewohner zu tun. Die fremdeinschätzung und die selbsteinschätzung der gefährlichkeit weichen allerdings erheblich voneinander ab.

 

 

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In solchen Siedlungen, die sich urbanistisch wie sozial „an den Rändern“ der städte befinden, führt eben diese Randständigkeit bei Jugendlichen zu gewaltbereitem und delinquentem Verhalten, zu Kleinkriminalität, Eigentumsdelikten, Drogen- und Alkoholmissbrauch. Jugendunruhen und Vandalismus an öffentlichem oder privatem Eigentum sind die häufigste Form aggressiven Verhaltens. Ursachen sind die tatsächliche oder gefühlte gesellschaftliche Isolation der Banlieue-Bewohner, und im Fall von männlichen Jugendlichen nordafrikanischer Herkunft spielt außerdem oft die Diskrepanz zwischen dem im Islam kulturell tradierten männlichem Selbstbild und der tatsächlichen oder gefühlten sozialen Rolle im  randstädtischen Milieu eine aggressionsfördernde Rolle. Trotz der weiten Verbreitung von Alarmanlagen und Abschreckungswaffen gilt in der cité  gewöhnlich das ungeschriebene Gesetz, dass Delinquenz nur gegen andere und außerhalb des banlieues geduldet wird. Kriminelle Erträge fließen im Tauschweg gewöhnlich wieder in die Ressourcen des Viertels ein – dadurch entsteht auch eine Art von Selbstkontrolle über das Ausmaß der Illegalität, die im banlieue geduldet wird.. Im Ganzen aber – und darin markiert sich ein struktureller Unterschied zu den gewaltformen des „schwarzen Gürtels“, wird kriminelles Verhalten eher als Zeitvertreib und Spiel mit der Gefahr angesehen, und schließt nicht zwangsläufig eine nachfolgende kriminelle Karriere mit ein.

 

Für die Ghettos der amerikanischen Großstädte – und hier vor allem für  die soziologisch am eingehendsten untersuchte „South Side“ Chicagos – gelten andere Maßstäbe: offene Gewalt, einschließlich Körperverletzung, Vergewaltigung und Mord am helllichten Tag zwingen die Bewohner zu Überlebensstrategien wie in einem Kriegsgebiet. Denn die Brutalität macht auch vor der eignen community nicht Halt.  Die starke Verbreitung von Schusswaffen, selbst bei Jugendlichen, hat eine absolute niedere Hemmschwelle gegenüber Tötungsdelikten zur Folge. Aggression als Folge von Angst und Frustration gehört zur alltäglichen reziproken Interaktion ganz selbstverständlich dazu. In Chicagos Ghettos  ist – laut einer 15 Jahre alten Polizeistatistik (!) - das typische Mordopfer ein Schwarzer unter 30 Jahren, der durch Schüsse getötet wird. Aggressiv zur Schau gestellte Männlichkeit, verstärkt durch weitestgehende Verbreitung von Drogen und Schusswaffen, verwandelt die South Side in ein „groteskes Theater“ (Wacquant). Öffentliche und private Einrichtungen ziehen sich aus dem Viertel zurück. Parks sind selbst bei Tag nicht sicher. Die Verwaltung versucht die Kriminalität (vergeblich) einzudämmen, indem Bahnhofshallen geschlossen und öffentliche Telefone abmontiert werden, und demonstriert dabei ihren Rückzug aus der eigenen Verantwortung. An ihre Stelle treten rivalisierende Gangs, die als institutionalisierte „soziale Plünderer“ und „informelle Unternehmer“ das soziale Klima des Ghettos prägen. Die durchgängige strukturelle Gewalt ist vorwiegend ökonomisch begründet, soziale Beziehungen auch innerhalb des Ghettos sind durch Angst und Misstrauen vergiftet. Im Unterschied zu den banlieues, deren Merkmal geradezu die Häufung von Sozialhilfeeinrichtungen bildet, zieht sich der Staat aus dem „Schwarzen Gürtel“ sukzessive zurück. Infolgedessen ist auch die Verwahrlosung der Schulen besonders dramatisch, weil sich so auch für die nachfolgende Generation im Ghetto kaum Möglichkeiten abzeichnen, aus dem Milieu auszubrechen.

 

 

Folgen und Gegenmaßnahmen

 

Bei aller Diskrepanz dieser Szenarien aus den am meisten betroffenen westlichen Gesellschaften konstatieren alle Beobachter unisono sich  seit Jahren häufende Anzeichen eines Auseinanderfallens der herkömmlichen Stadtgesellschaften. Wenn auch wohlmeinende Analytiker darin ein Hoffnungszeichen sehen wollen, und von einem Szenario der „Homogenität und Auflockerung“ sprechen wollen, einem „Mosaik von kleinen Welten“, das als multikulturelles patchwork  in wunderbarem Neben- und Miteinander funktionieren kann (nach: Rolf Lindner, Die Entdeckung der Stadtkultur, Frankfurt, Suhrkamp, 1990), zeigt sich bei etwas nüchterner Betrachtung allerdings leider der gegenteilige Effekt: die Auflösung der integrierenden Kraft städtischer Konglomerate und deren Zerfall in eine ethnisch, ökonomisch und auch ideologisch diversifizierte urbane Landschaft, für die es kein bindendes identifikatorisches Merkmal mehr gibt. Die soziale Ungleichheit von Menschen und Gruppen wird begleitet von auseinanderdriftenden Weltbildern und/oder Religionen, und besonders der Nichtbeschäftigungseffekt führt weitgehend zur Konstituierung „explosiver sozialer Milieus“, die sich vor allem in jugendlicher Aggression, begleitet von Erscheinungen wie Alkoholismus und Drogenmissbrauch, öffentlich manifestiert.

 

Verstärkt werden diese „explosiven Milieus“ durch negativ besetzte, sich selbst verstärkende Quartierseffekte, die sich in einer Verwahrlosung des öffentlichen Raums ebenso manifestieren wie in einer Verrohung sozialer Gepflogenheiten. Die Tatsache, dass sich die genannten Probleme durch die räumliche Konzentration von marginalisierten Gruppen in einer Stadt verstärken, hat in der Vergangenheit von Seiten der Verwaltungen im Wesentlichen zu zwei Strategien geführt: zum einen wurde versucht, die Mobilität der Bewohner von Armutslagen zu verbessern, um das Viertel zu entlasten. Das konnte durch die Schaffung von Verkehrsinfrastrukturen und Arbeitsplätzen außerhalb des Viertels geschehen, oder auch in Form einer so genannten sozialen „Durchmischung“ wobei man vorwiegend im sozialen Wohnbau versuchte, die Populationen zu durchmischen, das heißt, ethnische und oder soziale Minoritäten inmitten der Majoritätsgesellschaften anzusiedeln, um so einen „friedensstiftenden“ Ausgleich zu schaffen. Mittlerweile halten anerkannte Soziologen beide Strategien für nicht zielführend (Mark Alan Hughes: Over the horzon: jobs in the suburbs of major metropolitan areas, Philadelphia, 1993) Die Lösung kann somit nicht in der erzwungenen Durchmischung der Quartiere liegen, sondern nur in der Entwicklung von Strategien urbaner Integration für die marginalen Bezirke. Bei Hughes wird dies mit der Forderung formuliert, „das Ghetto wieder an die Gelegenheiten anzukoppeln“, zum Beispiel durch Arbeitsplatzangebote und durch verstärkte Arbeitsvermittlung im Viertel, oder sogar durch die Förderung eines „gegenläufigen“ Pendelverkehrs.

 

Nicht räumliche Umverteilung oder Durchmischung von Populationen, sondern Strategien einer positiv sich selbst verstärkenden Quartiersentwicklung scheinen in dieser Situation ein zukunftsweisendes Angebot zu sein. Das Stichwort dafür heißt „Empowerment“. Das bedeutet, das betroffene Quartier muss mit Mitteln und Entscheidungskompetenzen ausgestattet werden, um für sich selber und aus den eigenen Ressourcen  ein Instrument der Planung und Lenkung zur strategischen Überwindung der Quartierslage zu entwickeln: Die Aufgabe lautet, die Qualitäten des Viertels zu finden, auszubauen und zur „Marke“ zu machen. Geldmittel, die bisher aus den Sozialtöpfen für nicht mehr als eine „Linderung der Not“ eingesetzt wurden, ändern am Zustand eines vernachlässigten Viertels gewöhnlich nichts. Dieselben Gelder, im Sinne eines Empowerment eingesetzt, können den Umschwung – langfristig – eher bewirken. Restrukturierung ist allerdings kein Projekt mit kurzfristigen Erfolgschancen. Man muss langfristig planen und vor allem Entwicklungen am Arbeitsmarkt im Auge behalten. Eine Trendumkehr in nachhaltiger Form ist am Ende aber nur über eine positive Entwicklung der Arbeitsmarktlage zu bewerkstelligen, bzw. wenn das Quartier es schafft, einen  solchen aus sich zu erschaffen.

 

In dieser Sicht wird ein weiterer Punkt ganz entscheidend für die Trendumkehr in einem Ghetto: die Bedeutung  von Qualifikationen durch Bildung und Ausbildung. In den Metropolen der Zukunft wird sich die Konkurrenz um Arbeitsplätze weiter verschärfen. Die Herkunft des Bewerbers wird weniger Bedeutung haben als die Qualifikation und allenfalls, wie viel Abschlag an sozialer Absicherung jemand hinzunehmen bereit ist (was arbeitgeberseitig gerne mit dem euphemistischen begriff „Flexibilität“ umschrieben wird).   Ein strukturelles Merkmal problematischer Quartiere ist es geradezu, dass die Situation an Schulen katastrophal ist. Ein wichtiger Schritt zur Stadtviertelentwicklung wäre  somit, durch eine Bildungsoffensive bei nachwachsenden Jahrgängen jene Qualifikationen zu entwickeln, die entweder sofort einsetzbar sind oder sie jedenfalls durch Weiterbildungsmaßnahmen auf einem Niveau zu halten, das bei entsprechender Nachfrage sofort umsetzbar ist.  Auch diesbezüglich hier ist es jedoch notwendig, in längerfristigen Zusammenhängen zu denken.

 

Und schließlich muss sich die Bedeutung sozialer Netzwerke gerade für die Bewohner von Armutslagen neu manifestieren. Der Zusammenbruch sozialer Strukturen ist, wie gesagt,  in den Ghettos eine der Hauptquellen für Frustration und Lethargie. Im Sinne einer Quartiersaufwertung müssen soziale und kulturelle Ressourcen wieder als wichtiger Qualitätsbestandteil anerkannt werden, die dazu beitragen können, das Selbstwertgefühl der Bewohner zu stärken. Selbst bei geringer Beschäftigungsdichte fangen soziale, karitative oder kulturelle Vereinigungen Menschen auf, sie weisen ihnen eine Rolle und Bedeutung zu, und deren Arbeitskraft oder Leistungen fließen wieder der gesamten Wohlfahrt des Viertels zu. Ähnliche Lebenserfahrungen führen zu einer ähnlichen „Weltsicht“. Wie sich das negativ verstärken kann, so könnte man es auch ins Positive wenden: gemeinsame Krisenerfahrung kann gemeinsame Lösungsversuche produzieren. Oder, um es mit einem Wort Hölderlins zu sagen: Mit der Gefahr wächst auch das Rettende.

 

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