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Theodor Siller

 

Lebensentwürfe und Stadtplanung

 

 

Wer in einer Großstadt geboren und aufgewachsen ist, weiß um die vielen Facetten, die ein Großstadtleben in sich birgt, wobei diese Facetten in verschiedensten Kombinationen sowie in mannigfaltigen Spielarten einen individuellen urbanen Lebenswandel prägen. Als die zwei wesentlichsten, einander entgegengesetzten Voraussetzungen, welche diese Spielarten bedingen, können zum einen die innere und äußere Bewegungsfreiheit und zum anderen die vielen sowohl subjektiv (aus einer Überängstlichkeit heraus) empfundenen als auch realen, (aus Unbedachtheit) oft übersehenen Tücken und Fallen angesehen werden.

 

 

 

Aus einem biographischen Wechselspiel heraus resultiert - setzt man sich damit auseinander - unter bestimmten Umständen eine subjektive Wahrnehmung eines diffusen Unbehagens, welches das Verlangen nach Alternativen heraufbeschwört. Grundlage dieser Motivation sei in idealistischer Betrachtungsweise die Diskrepanz zwischen einer normativen „Idee der Gerechtigkeit“ und des empirischen „Faktums der Ungerechtigkeit“, welche die urbane Realität ausmache. Damit in Zusammenhang stehende Visionen können gekennzeichnet sein von (sozial-)romantischen Vorstellungen wie dem Wunsch nach mehr Nähe zur Natur, zum Natürlichen, zum Lebendigen, zu allen Lebewesen und vor allem zum Menschen selbst.

 

Diese Visionen bilden einen Pool, aus dem Anregungen geschöpft werden können, die den Anforderungen einer Lebensplanung gerecht werden, welche sich heutzutage komplex und gleichzeitig unmittelbar darstellt: komplex, weil eine solche Lebensplanung als Gesamtes unzählige Lebensbedürfnisse berücksichtigen und auf einen Nenner zu bringen verlangt, und unmittelbar, weil sie sich gleichsam an der Basis individueller Lebensgestaltung nährt und orientiert.

 

Ein urbaner Lebensraum bietet eine Reihe von Möglichkeiten, intuitiv in der interindividuellen Begegnung verschiedenste Lebenslagen zu erschließen, die sich je nach sozialen Voraussetzungen verschieden gestalten.

 

Ökologische Aspekte, getragen von Umwelt- und Friedensbewegungen, sind zudem wegweisend. Letztendlich lösen sich diese ganzen Ideen im unmittelbaren Ausleben eines Lebensgefühls als Konzept zur Lebensgestaltung auf. An diesem Punkt beginnt Lebensgestaltung, sich mitzuteilen und damit in gewisser Weise Einfluss auf andere individuelle und soziale Sphären zu nehmen.

 

Die Reflexion dieser Zugänge führt zu einem Punkt, an dem die Auseinandersetzung mit individuellen Großstadterfahrungen erfolgen kann. Letztlich sind es spezifische Interessen, die den urbanen Erfahrungen ihren Stempel aufdrücken. Vielfältige Eindrücke regen die Phantasie an, lassen die Kreativität wachsen und entfalten. In einer Großstadt zu leben bedeutet aber auch, in vieler Hinsicht auf sich allein gestellt zu sein, selbst Verantwortung übernehmen zu müssen für das, was man tut oder nicht tut, mit all seinen Folgen. Da kommt es vielfach darauf an, welche Erfahrungshintergründe man aufweist. Erfahrungshintergründe können mit ausschlaggebend dafür sein, für welche gesellschaftlichen Entwic­klungen und Modeströmungen man empfänglich ist und inwiefern man daran teilhat. Zum anderen ist interessant, in welcher Weise sich persönliche moralische Konzepte in die eigene Lebensgestaltung integrieren? Macht einem die momentane Lebensführung glücklich oder nicht? Inwiefern beeindrucken die vielen Menschen, denen man oft nur einmal im Leben begegnet, die aus dem Blickfeld verschwinden und die man höchstens mit großen Glück (oder auch Pech) wieder sieht? Von welchen (wechselnden) Bezugspersonen wurde man in den verschiedenen Lebensabschnitten geprägt.

 

All diese Einflussfaktoren können in der Folge bis zu einem gewissen Grad auch mit sich bringen (oder verhindern), Phasen von Lebensexperimenten durchzugehen. An einem bestimmten Punkt, einem Einschnitt im Leben, an biographischen Bruchstellen gelangt man dann zu einer spezifischen, ganz persönlichen Erkenntnis, vollzieht im Geiste Synthesen. Oder man baut eine von Disziplin und Kontinuität geprägte Entwicklung auf, fügt neue Erkenntnisse und bewusst gemachte und erlebte Erfahrungen als Mosaiksteine in das Kunstwerk eines reflektiert gelebten Lebens ein.

 

Von politischer Seite können solche Diskurse als Modell anderen zugänglich gemacht werden – gleichsam als Modell einer Stadtkultur. Im Grunde handelt es sich dabei um einen kulturanthropologischen Zugang. Es geht darum, sich zu entdecken, zu erfahren, sich mitzuteilen, andere teilhaben zu lassen: all das ist Bewegung, Vermittlung, Austausch. Entwicklung ist eine Bewegung, vor allem, wenn es um Beziehungen in ihrer Vielgestaltigkeit und Wandlungsfähigkeit geht. Es sind Geflechte zu erkennen, die in Beruf, Freizeit, in verschiedensten Aktivitäten und Engagements oftmals dieselben Gesetzmäßigkeiten aufweisen. Bewegung in ihrer sozialen und kulturellen Dimension stellen Dynamik und Rhythmus urbaner Prägung dar. Bewegung im wörtlichen wie im übertragenen Sinn spielt sich sowohl im reellen Alltagsgeschehen als auch reflektiert in den Köpfen der vielen Menschen ab, die in einer Großstadt leben und mit ihr in ihren Strömungen und Gegenströmungen verbunden sind – oft gegen den Strom schwimmend. Die Menschen sind damit vertraut, wissen zum Beispiel um die verschiedenen Subkulturen, welche in einer Großstadt immer wieder auftauchen. Aus einem oft nicht näher erklärbaren Angst- oder Schamgefühl heraus, verbunden mit Neugier, wird so manches soziale Phänomen im besten Fall peripheren Freizeitaktivitäten an der Grenze zum Untergrunddasein alternativer Existenzsicherungsversuche zugeordnet. Jedenfalls tragen urbane Sphären intellektuelle bzw. kulturelle Codes in sich, welche die fortwährende Neuentstehung sozialer Phänomene ermöglichen und als selbstverständlich erscheinen lassen. Leben in einer Großstadt bedeutet daher, vielen sogenannten „Versuchungen“ ausgesetzt zu sein, die aber nicht unbedingt ins (subjektiv empfundene) „Unglück“ führen müssen. Der Vorgang des Sich-Hingebens muss dabei äußerst bewusst erfolgen und von viel Disziplin getragen sein. Neue Stadtplanung muss deshalb lebensgestalterische Aspekte beinhalten, die sich in steter Reflexion verdichten und so urbane Visionen lebendig erhalten.

 

Neue Erkenntnisse empfehlen eine Stadtplanung, die von der Dynamik der Stadtentwicklung auszugehen vermag. Demnach muss, in Zusammenfassung oben stehender Überlegungen, neue Stadtplanung Rahmenbedingungen schaffen, unter denen jedem Individuum maximale Freiräume zur Lebensgestaltung eingeräumt werden und ihm ein maximaler Zugang zu den dafür notwendigen vorhandenen Ressourcen gewährt wird. Die gerechte Verteilung der Ressourcen zwecks flächendeckender Existenzsicherung muss dabei nicht nur nach ökonomischen, sondern vor allem auch nach ökologischen Gesichtspunkten erfolgen. Ökologische und wirtschaftliche Entwicklungen können wirksam gesteuert werden, indem für räumlich stabile Existenzgrundlagen gesorgt wird. In ihrem Kern liegt eine gerecht verteilende und umfassende Versorgungswirtschaft mit ausreichender Infrastruktur, welche sich in sozial verträglichen Lebenserhaltungskosten einzelner Haushalte als die wichtigste Voraussetzung niederschlägt. Ökologische Konzepte möchte ich dabei vor allem handlungstheoretisch, also die individuelle Lebensgestaltung als stadtplanerisches Element im organischen Sinn betrachtend, aufgefasst sehen.

 

Als handlungsleitendes Moment erscheint mir der Aspekt der Kreativität bedeutend: Kunstempfänglichkeit bzw. Kunstverständnis oder vielmehr die Frage des Zugangs zu künstlerischen Aktionsformen spielen für mich dabei eine wesentliche Rolle. Experimentier- und Risikofreudigkeit sind hierbei angesagt. Hier soll auf der Steuerungsebene von Erfahrungen auf individueller oder mikrosozialer - soll heißen - enggemeinschaftlicher Ebene geschöpft werden. Zum Beispiel können Inhalt von Lebens- bzw. Partnergemeinschaften ungewöhnliche gemeinsame berufliche oder freizeitliche Aktivitäten, auch in der Gemeinschaft mit anderen, sein. Dabei können neue Erfahrungen gesammelt werden, die unter bestimmten Voraussetzungen einem größeren Kreis Interessierter mitgeteilt werden können. Dieser Erfahrungsaustausch und die auf einer dadurch erfolgenden gegenseitigen Durch­­­­dringung gründenden wechselseitigen Modifizierungen führen durch gegenseitige „Angleichung“ wiederum zu einem sich daraus wie von selbst entwickelnden neuen Gestaltungskonzept, welches von anderen, ursprünglich dafür unempfänglichen, in möglicherweise direktem Kontakt stehenden Interessensgruppen aufgenommen und auf die entsprechend gruppenspezifische Art und Weise umgesetzt werden kann. Wird das Vorhandensein solcher praktizierter Gestaltungskonzepte von verantwortlicher Instanz aufgegriffen, so ist zu wünschen, dass sich daraus deren Förderung sowie Publizierung dem gesamten sozialen Umfeld gegenüber ergibt. Im besten Fall kann damit zumindest indirekt ein damit einhergehender möglicher Wertewandel bewirkt werden. Soziale Normen sind vielfach ungeschriebene Gesetze und können als solche nur schwer erfasst werden, weil sie in vielen Fällen durch legislative Akte aus verschiedensten, oft guten Gründen nicht abgedeckt werden. Dies bietet die Chance, das Mit- oder Nebeneinander verschiedener etablierter Anschauungsweisen zu ergründen bzw. zu erkennen, wobei man durch konstruktive Interventionen auf höherer Ebene die Beziehungen zwischen diesen sozialen Einheiten begleiten kann. Diese Interventionsstrategien sollten einen wichtigen Bestandteil jeder menschengerechten Entwicklung von Stadt- bzw. Siedlungskonzepten bilden, welche letztendlich von Wertschätzung getragen sein muss.

 

 

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