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Hans H. Reimer 

1994 – 2004 evangelischer Pfarrer in Meran

 

Spuren eines Kulturkampfes?

Werden und Wirken der Evang. Gemeinde A.B. Meran

 

Fünf Jahrhunderte lang hat das evangelische Pfarrhaus auf die deutsche Kultur bedeutenden Einfluß gehabt. Es waren evangelische Pfarrer und vor allem Pfarrerskinder, die das deutsche Geistesleben geprägt haben (z.B. Lessing, Hesse, Schleiermacher, Nietzsche, Brehm, Schliemann, Schinkel u.v.a.). Dort, in den evangelischen Pfarrhäusern, war nämlich die Kultur des Wortes und des Gesprächs äußerst lebendig, die Pflege der Musik spielte eine große Rolle und die Beschäftigung mit der Kunst in ihren verschiedenen Epochen galt als Teil allgemeiner Bildung.

 

Dies alles wurde aus den Pfarrhäusern und durch sie auch in die evangelischen Gemeinden hineingetragen. Eine evangelische Gemeinde, das war zugleich auch immer ein mehr oder minder ausgeprägter „Kulturplatz“. So war es jedenfalls noch uneingeschränkt zur Zeit der Gründung der Evang. Gemeinde A.B. Meran. Und wenn sich heute auch die prägende Kraft evangelischer Pfarrhäuser deutlich abgeschwächt hat bzw. allmählich zu verschwinden droht, so ist doch in der Ausformung evangelischer kirchlicher Gemeindearbeit die Affinität zu Kultur und Kunst weiterhin groß.

 

Allerdings war diese kulturelle Aufgeschlossenheit evangelischer Gemeinden und ihre ganz eigene kulturelle Prägung sicher nicht die eigentliche Ursache für die Ablehnung einer evangelischen Gemeindegründung in Meran kurz nach der Mitte des 19.Jahrhunderts. Ursache war vielmehr der Abscheu gegen eine kirchliche Lehre, die sich mit dem Namen Martin Luther verband und zu einer Trennung von der katholischen Kirche (und damit ihrer Ablehnung) geführt hatte. Dass diese Lehre sich nun im „Heiligen Land Tirol“ etablieren und möglicherweise sogar ausbreiten konnte, musste von Anfang an verhindert werden. Es galt, den rein katholischen Glauben zu erhalten und damit auch eine nur von ihm geprägte Kultur. Alles andere war heidnisch oder gar teuflisch und darum mit allen Kräften abzuwehren.

 

Angesichts dieser Ausgangslage erklären sich die heftigen Angriffe gegen die entstehende Evang. Gemeinde A.B. Meran und in deren Folge auch die Reserviertheit gegen „die Evangelischen“, die bis in unsere Gegenwart hinein durchaus noch zu spüren, wenngleich im Rückgang begriffen ist. Was aber „die Evangelischen“ treffen sollte, betraf in gleicher Weise ihre kulturellen Äußerungen. Und doch haben auch sie mehr und mehr ihren Platz im kulturellen Spektrum Südtirols gefunden.

 

Von der ersten evangelischen Institutionalisierung, nämlich der Gründung der Evang. Gemeinde A.B. in Meran durch eine kleine Gruppe von evangelischen Christen, hat die Öffentlichkeit wahrscheinlich wenig Notiz genommen, von der zweiten Institutionalisierung, nämlich der Einweihung eines evangelischen Friedhofs in Meran am 10.Dezember 1861 schon mehr. Die steigende Zahl nicht-katholischer Gäste, die in Meran Heilung suchten, aber oftmals dort starben, machte einen nicht-katholischen Friedhof dringend erforderlich und wurde verhältnismäßig kurzfristig vom damaligen Meraner Bürgermeister Dr. Putz veranlasst, wogegen der katholische Klerus zwar entschieden protestierte, was aber doch das Interesse vieler weckte. Hunderte sollen an der Einweihung teilgenommen haben, und laut „Bozner Zeitung“ soll ein Partschinser Bauer über den predigenden evangelischen Pfarrer sogar geäußert haben: „Schad, dass dös Herrle nit Messlesen kann.“

 

Zu heftigen öffentlichen Reaktionen und kämpferischer Verhinderung „der Evangelischen“, ihrer Lehre und ihrer Lebensäußerungen, kam es dann erstmals bei dem Bemühen, für die Evang. Gemeinde A.B. Meran die rechtliche Anerkennung des österreichischen Staates zu erhalten. Man fürchtete in der katholischen Kirche ein Zerbrechen der Glaubenseinheit: Der damalige Meraner Dekan Santner kämpfte leidenschaftlich dafür, das Ansässigwerden von Protestanten in Meran zu verbieten. Aber dieses Ansinnen wurde als verfassungswidrig sehr schnell annulliert. Denn es war in Österreich seit dem 8. April 1861 das Protestantenpatent in Geltung, das der evangelischen Kirche - jedenfalls offiziell - Gleichberechtigung versprach. Man war aber in Tirol und besonders in Meran noch lange nicht willens, dieses Gesetz auch gelten zu lassen. Nahezu 15 Jahre hat es gedauert, bis endlich der Tiroler Landtag in Innsbruck die rechtliche Konstituierung der Evang. Gemeinde A.B. Meran nicht mehr blockieren konnte; sie erfolgte am 7.Februar 1876. Diese langjährige Blockade trägt in der Tat schon alle Züge eines Kulturkampfes: Man wollte „die Evangelischen“ nicht haben in Tirol und sah in deren Anwesenheit, Lehre und Kultur eine Gefahr für die Einheit von Glaube, Volk und Heimat.

 

Das wird noch deutlicher, als die Evang. Gemeinde A.B. sich anschickte, eine eigene Kirche in Meran zu bauen und diese schließlich am 13.Dezember 1885 einweihte. Da wurde zu einer Bittprozession gleich nach der Einweihung aufgerufen, „damit Gott nicht Meran strafen möge wegen der Entweihung seines Bodens durch die Errichtung eines dem Götzendienst gewidmeten Gebäudes“. Und in der damaligen Lokalzeitung „Der Burggräfler“ hieß es: „Jeden Tiroler, der seine Religion und sein Vaterland noch aufrichtig liebt, wird diese Feier (der Einweihung) mit Schmerz und Trauer erfüllen. Gott hat uns damit sehr, sehr gestraft!“

 

In solchem Geiste blieb auch in der Zukunft das Verhältnis der katholischen Kirche und der von ihr geprägten Gesellschaft zur Evang. Gemeinde A.B. in Meran gespannt bis ablehnend. Der Kulturbeitrag der Evangelischen in Gestalt und Ausstattung ihres Kirchenbaus und der dort beheimateten Aufschließung biblischer Texte für die Gegenwart blieb den katholischen Südtirolern weitgehendst verborgen, da einem Katholiken schon das Betreten dieses Gebäudes von seiner Kirche nicht erlaubt war. Und auch der auf dem Evang. Friedhof sich dokumentierende Kulturbeitrag – zunächst in der Grabmalkunst auf dem alten Evang. Friedhof im Bereich des heutigen Marconi-Parks, dann ab 10.Dezember 1897 auf dem neuen, heutigen Evang. Friedhof an der Marlinger Straße – blieb lange verborgen und rückt erst jetzt in den Blickpunkt: „Die Liebe hört nimmer auf“, so heisst der kürzlich gedrehte Meran-Film von Gottfried Deghenghi nach einer häufig auf den Grabmalen des Evang. Friedhofs zu findenden Inschrift, und so, mit Bildern, Stimmungen von dort, beginnt er auch. Und konfessionsverschiedene Ehepaare sowie eine mehr und mehr Beachtung findende, fortschreitende Sanierung dieses Friedhofs haben ihn in den letzten Jahren als „Kulturplatz“ in eine wachsende Wahrnehmung durch Katholiken gerückt und auch zum vermehrten Erwerb von Grabplätzen durch sie geführt.

 

In einen Kulturkampf ganz anderer Art wurde die Evang. Gemeinde A.B. Meran dann gezogen, als nach der Eingliederung Südtirols in den italienischen Staat die Faschisten Einfluß gewannen: Die 1904 eingeweihte Evangelische Schule in der Weingartenstraße, von deutschsprachigen Kindern aller Konfessionen besucht, musste im Oktober 1922 der sog. Italienischen Volksschule überlassen werden. Die danach in Räumen in Untermais trotzdem weitergeführte Evangelische Schule durfte dann ab 1937 nur noch Schüler evangelischer Konfession aufnehmen und musste 1939 ganz geschlossen werden. Damit wurde nicht nur deutschsprachige Kultur, was wohl das primäre Interesse war, im Südtiroler Raum beseitigt, sondern auch evangelisch geprägte Erziehung und Bildung in Literatur, Sprache und Denkpraxis verhindert.

 

Die ständige Situation der Evang. Gemeinde A.B. Meran, letztlich im doch eigentlich dem Katholizismus vorbehaltenen Südtirol nur geduldet zu sein, und dann vor allem die politische Entwicklung in Südtirol nach dem 1.Weltkrieg zehrten zahlenmäßig und dann auch hinsichtlich der Profilierungsbereitschaft, also auch hinsichtlich kultureller Beiträge, so sehr an den Kräften der Evang. Gemeinde A.B. Meran, dass sie immer weniger wahrnehmbar wurde. Sie musste sich um ihr Überleben kümmern, musste mit bescheidensten (finanziellen) Mitteln ihren Bestand sichern. Erst als nach dem 2.Weltkrieg der Tourismus neue (Spenden-) Gelder auch in die Evang. Gemeinde A.B. Meran spülte, begann man, neben der kirchlichen Grundversorgung der Mitglieder und der urlauberseelsorgerlichen Betreuung der Gäste auch der evangelischen Affinität zu Kultur und Kunst wieder Raum zu geben. Und zwar nach und nach so viel, dass auch eine breitere Öffentlichkeit davon Notiz nehmen konnte, ja musste.

 

Dies begann mit Kirchenmusik auf der wertvollen „romantischen“ Steinmeyer-Orgel, mit Konzerten mit den Kräften des eigenen Chores und eines ständig sich weiterentwickelnden Organisten, dann kamen auch zunehmend Konzerte von Gastmusikern mit überwiegend geistlicher, aber auch weltlicher Musik dazu. Die Evang. Gemeinde A.B. brachte in den letzten 10 Jahren – von Meranern oft ignoriert, von den Gästen jedoch begeistert aufgenommen – als erste in Meran wieder große Oratorien auf hohem künstlerischen Niveau zu Gehör: Weihnachtsoratorium, Johannes-Passion und h-moll Mess von J.S.Bach, Messias von G.F.Händel, Die sieben Worte Christi am Kreuz von C.Franck.

 

Verbunden damit war das Bemühen, auch die in lupenreinem neugotischen Stil erbaute Evang. Christuskirche als Kulturgut zu präsentieren: Von ca. Ende März bis Ende Oktober wurde sie täglich und ganztägig geöffnet als Raum der Stille, der Andacht und mit der Ausstrahlung dessen, was in ihr zu sehen war an Kunst (z.B. Schnitzwerke von F.X.Pendl), Gestaltung, Formen und Farbe. Dazu wurde sie Schritt für Schritt in ihren ursprünglichen historischen Zustand zurück–restauriert, worauf gegenwärtig allerdings aus Kostengründen Altar, Kanzel und Taufe noch warten.

 

Das Jubiläumsjahr 2001 - 140 Jahre seit Gründung der Gemeinde, 125 Jahre seit ihrer rechtlichen Konstituierung - und das Projekt „Kirche und Kunst“ im Jahre 2003 brachten dann noch einmal einen gewaltigen Schub für die Bezogenheit von Kirche und Kultur bzw. Kunst. Es stellte den Versuch dar, für sich und andere die ästhetische Dimension christlichen Glaubens und kirchlichen Handelns, auch als kritische Auseinandersetzung mit ihnen, wieder und neu zu entdecken, und zwar auf folgenden Feldern der Kunst: Bilder, Musik, Welt, Wort und Baukunst. Dem galten besondere Predigten, Konzerte, Ausstellungen, Lesungen bzw. Rezitationen, Vorträge und Führungen.

 

Wie sehr die Evang. Gemeinde A.B. Meran nicht nur mit alledem, sondern auch unabhängig davon und darüber hinaus Kulturplatz ist und bleibt, soll abschließend noch einmal mit wenigen Bemerkungen zum Evang. Friedhof in der Marlinger Straße belegt werden. Dort hat sich nämlich im Laufe der Zeit nicht nur ganz unmerklich ein Kulturgut herausgebildet, sondern ist auch ein Stück Kulturgeschichte der Stadt Meran dokumentiert. Denn nicht nur kunstvolle (vorwiegend stilvolle bis manchmal skurrile) Grabdenkmäler finden sich dort, sondern auch die Gräber vieler bedeutender oder von Geschichte und Geschichten umrankter Persönlichkeiten:

-Margarethe Heyse-Kugler, die Ehefrau des Nobelpreisträgers Paul Heyse;

-der Geheimdiplomat Johann Wit, gen.von Doerring;

-der Mitbegründer des „Deutschen Schulvereins“ in Südtirol, Dr. Johann August Lotz;

-der Oberbefehlshaber der österreichischen Truppen, Herzog Wilhelm von Württemberg;

-der finnische Schriftsteller und Freiheitskämpfer Elias Erkko;

-der aus St.Pankraz stammende Kunstmaler Wilhelm Settari;

-der Kämpfer gegen den Völkermord an den Armeniern, Pfarrer Johannes Lepsius;

-die Frauenrechtlerin Dr. Käthe Schirrmacher;

-der Schriftsteller Fritz von Herzmanovsky-Orlando;

-der Künstler Peter Fellin u.v.a.

Durch regelmäßige, vom Pfarrer angebotene sog. „Geführte Spaziergänge“ über den Evang. Friedhof ist diese seine Bedeutung in den letzten vier Jahren zunehmend in die öffentliche Wahrnehmung gerückt, wenngleich das finanzielle Engagement der Stadtgemeinde Meran für dieses Kulturgut in ihren Mauern zur Zeit noch bescheiden ausfällt.

 

Aber die Entwicklung, die in alledem und besonders am Evang. Friedhof wahrnehmbar wird, erscheint doch inzwischen unumkehrbar: Gerade die kulturellen Beiträge der Evang. Gemeinde A.B. Meran scheinen der Stoff zu sein, aus dem mehr und mehr Begegnung und damit auch Akzeptanz erwächst und der langfristig alle Spuren von Kulturkampf überwinden wird. Das hat sich in den letzten 10 Jahren auch gezeigt in der ständig zunehmenden Aufnahmebereitschaft der Südtiroler Bevölkerung für die zahlreichen Beiträge des Meraner evangelischen Pfarrers im Fernsehen und vor allem im Rundfunk, zu denen erstaunlich viele und positive Rückmeldungen erfolgten. Verständigung und Miteinander ist angesagt und damit Stärkung und Bündelung all dessen, was konfessionelle, ethnische und sprachliche Unterschiede fruchtbar macht für eine noch menschlichere und offene Gesellschaft in Südtirol.

 

 

Die

Evang. Gemeinde A.B. Meran

ist die Keimzelle des Protestantismus der Neuzeit in Südtirol und im Trentino. Im November 1861 gegründet und nach 15jähriger Blockade im Tiroler Landtag im Februar 1876 endlich rechtlich konstituiert, entwickelte sie sich schnell zu ungeahnter Blüte: Im Jahre 1910 gehörten ihr bereits 3.318 Gemeindeglieder an.

Schon seit 1878 hielt der Meraner evang. Pfarrer Gottesdienste in Bozen-Gries, seit 1898 unterhielt die Evang. Gemeinde A.B. Meran dort eine Predigtstation mit eigenem Pfarrer, aus der dann 1916 die selbständige

Evang.-Luth. Gemeinde Bozen

hervorging. Die politische Entwicklung nach 1919 reduzierte beide evangelischen Gemeinden auf einen Restbestand. Erst durch Tourismus und Heiratsmigration nach dem 2.Weltkrieg bekamen sie wieder Lebensfähigkeit und Bedeutung, vor allem für die vielen evangelischen Gäste in Südtirol.

Heute gibt es schätzungsweise 2.000 evangelische Christen in Südtirol, von denen allerdings nur rund 1.000 in den beiden Gemeinden Bozen und Meran registriert sind.

  

 

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