zurück  

     

      

 

Hans Ausgustin

 

Dear Mr. President,

mein Name ist Cindy Sheehan aus North Carolina. Ein schönes Land, wie Sie sicher wissen. Mit Bergen und Küsten. Gerade richtig für Familien.

Ich bin amerikanische Staatsbürgerin und den größten Teil meines Lebens war ich Hausfrau und Mutter. Immer beschäftigt, auf das Wesentliche des Lebens konzentriert. Und ich habe viele Jahre in der Volksschule von Beaufort unterrichtet.

Aber nach meiner Heirat mit Henry bin ich zu Hause geblieben.

Wir sind nicht sehr reich und daher reinige ich manchmal ich ein paar Stunden die Woche die Ordination von Doktor Samuel Steinbeck. Ein wirklich guter Mensch. Er ist einer der wenigen Ärzte, die auch nachts kommen, wenn es notwendig ist.

 

Ich schreibe Ihnen als Mutter, die sich nicht nur um ihre Familie sorgt, sondern in letzter Zeit auch um das, was unser Land, die Vereinigten Staaten und die Welt betrifft. Und es ist manchmal sehr interessant was so alles passiert um unser Haus herum.

 

Bis Casey, das ist mein Sohn, ich meine das war mein Sohn, zur Army ging, hatten wir ein ganz normales Leben. Ich meine Kindergarten, Schule, Berufausbildung, im Beruf, mit unseren Nachbarn, im Urlaub, im Supermarkt. Wir feierten Weihnachten, wir gingen jeden Sonntag zur Kirche. Nur einmal, als ich das dritte Kind bekam, konnten wir nicht gehen.

Wir gingen zur Wahl, wenn es eine gab. Aber in den vergangenen Jahren wurde es zunehmend schwieriger.

 

Wir haben nie ein Problem mit der Polizei, weil wir etwas gestohlen hätten, oder anderer Straftaten, wir hatten nie ein Problem mit Drogen, mit Prostitution, Entführung, wir hatten auch keine Probleme  mit unserer Bank. Wir zahlten pünktlich die Rechnungen für Strom, Zeitung, Lebensmittel, TV, etc.

 

Wir benützen zwei Autos weil mein Mann eines für seine Arbeit benötigt. Er arbeitet als Computer-Ingenieur in einem internationalen Unternehmen. Sehr erfolgreich sogar.

Aber als Casey plötzlich in den Irak gehen mußte, veränderte sich alles. Ich meine wir planten niemals in den Irak auf Urlaub zu fahren, aber ich erinnere mich, dass es vor einigen Jahren einmal in einem Reisebüro unserer Stadt ein Angebot dorthin gab.

 

Ich weiß nicht, was ihm Freude machte, in die Army zu gehen, vielleicht weil er sein Land, die Vereinigten Staaten liebte, die Freiheit, ich ließ ihn gehen, er war alt genug zu wissen, was er tun sollte. Er war wirklich ein pflegeleichter Junge, glücklich, mit einem guten Willen, er betreute sehr oft einige alte Damen in einem Altersheim. Und sie waren sehr glücklich darüber. Er absolvierte das Lincoln-College mit gutem Erfolg in Mathematik, Geografie und Kunst. Er war ein Junge mit einem Ziel für eine Karriere.

 

Also Herr Präsident, ich schreibe Ihnen, weil Sie entschieden haben in den Irak zu gehen. Ganz plötzlich nach der Attacke auf die beiden Türme des World-Trade-Center.

Nicht Sie gingen dorthin, sondern unsere Soldaten und natürlich ohne Tennisausrüstung und anderem Gepäck aber dafür mit Flugzeugen und Panzern und Maschinengewehren. Und für diesen sehr fremdartigen Aufenthalt in diesem Gebiet haben Sie nicht das Volk befragt, das wäre eine Frage der Höflichkeit und des Respekts gewesen.

 

Aber Sie gingen in Wahrheit persönlich nicht in den Irak. Nur die Army ging dorthin, bewaffnet und im Interesse der Militärs und der Öl-Lobby.

Das ist die Meinung vieler Leute hier.

Und ich kann es verstehen.

 

Das wäre ein untragbarer Preis für unsere Energiebilanz.

Sie haben im Fernsehen behauptet, daß die Vereinigten Staaten in Gefahr sind. Islamische Terroristen – ich habe nie vorher diesen Begriff gehört – wollen Amerika zerstören. Was ist also zu tun? Wir müssen uns verteidigen.

Wir müssen die Feinde in der ganzen Welt suchen. Wir müssen sie über die ganze Welt verfolgen.

Sie haben unsere Flugzeuge wie Bomben in die WTC-Gebäude gesteuert, wir müssen angreifen wo immer sie sind.

 

Nicht lange danach haben Sie und Herr Rumsfeld die Feinde schon im Irak gefunden. Aber in Wahrheit haben Sie sie nicht gefunden. Sie haben das nur geglaubt. Ist es nicht so?

In der Zwischenzeit wurden tausende amerikanische Soldaten getötet. Und Sie haben die sog. Terroristen noch immer nicht gefunden.

Wieviele Frauen wurden Witwen, haben Schwestern ihren Bruder, Mütter ihre Söhne und Kinder ihren Vater verloren?

Wo sind die Terroristen? Wer sind sie? Osama bin Laden? Wer ist diese Person? Vielleicht ist es nur eine virtuelle Figur, eine Idee einiger gefährlicher Pentagonträumer.

Sie werden sie niemals finden wenn es sie wirklich gibt. Weil sie ein spirituelles Ziel haben, zu töten und zu sterben. Sie aber haben nur Dollars im Herzen.

Die Leute von El-Kaida verstehen offenbar nichts von Demokratie. Mag sein, aber wieviel verstehen wir davon? Sie denken die westliche Zivilisation ist dekadent, vielleicht sollten wir darüber einmal nachdenken.

 

Nun bin ich müde, von Ihnen und Ihrem Stab als amerikanische Staatsbürgerin ignoriert zu werden. Ich gebe meine Position als Mutter eines im Irak getöteten Soldaten auf, als eine Mutter, die an die Ehre und die Stärke eines Landes glaubte, das in der Fahne Stars and Stripes die Farben der Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit trägt.

Ich werde lernen müssen, daß ein Menschenleben nichts wert ist. Dass es Spielgeld in den Casinos der Politik ist.

Ich habe viele Jahre Steuern an ein System gezahlt, das unsere Söhne nimmt und sie für nichts opfert.

Erinnern Sie sich an Vietnam.

 

Casey ist für nichts gestorben.

Für nichts Mr. President. Wissen Sie was nichts ist?

Ich weiß nicht, ob Sie wissen, was es bedeutet, für nichts zu sterben. Und eine Mutter zu sein, deren Sohn für nichts getötet wurde. Er starb nicht, er wurde getötet bei einem Angriff von einer anonymen Kugel. Es ist im Prinzip egal, Casey ist tot. Und alle unsere Mühen eine gute Ausbildung zu bekommen, ein guter Mensch zu sein, ein gutes Leben zu haben, eine Frau und Kinder vielleicht, waren umsonst. Sie haben unseren Traum umgebracht von einer glücklichen Familie unseres Sohnes Casey.

Am 24. April 2004, als der Sprecher der US-Army uns mitteilte, daß Casey getötet worden war, versuchten mein Mann und ich zu verstehen, wofür.

An diese Frage musste ich immer denken, wenn ich kochte, wenn ich die Kinder zu meiner Schwiegermutter brachte, wenn ich zur Kirche ging. Ich habe viele Nächte nicht geschlafen. Ich wollte eine Antwort und schrieb viele Briefe an das Militärkommando.

Ich versuchte jemanden ans Telephon zu bekommen, aber ich erhielt keine Information wofür Casey getötet wurde.

 

So entschied ich schließlich unser Zelt am Eingang zu Ihrer Ranch in Texas aufzustellen. Sie wissen das. Wir haben es oft benützt, wenn wir auf einem Ausflug kampierten. Ich wollte ein Signal setzen gegen diesen Krieg, der Männer, Frauen, Kinder tötet, Häuser, Straßen, Spitäler, Schulen, Geschäfte und Seelen zerstört.

 

Ich bin sicher, dass Sie es gesehen haben weil es gelb ist und Ihre Sicherheitsleute haben Sie informiert, daß Frau Sheehan eine verrückte Frau – sie nannten mich verrückt, nur weil ich wissen wollte wofür mein Sohn getötet wurde – in einem Zelt am Zaun Ihrer Ranch für einige Wochen lebt.

 

Aber meine Anwesenheit hat Sie nicht beeindruckt. Nicht einmal in unserer kurzen Begegnung konnten Sie mir eine zufriedenstellende Antwort geben, die für eine Mutter sehr wichtig ist.

Weil eine Mutter doch immer ein Zuhause für jede Art Leben ist, von Visionen, Hoffnungen und Traurigkeiten.

 

Ich frage Sie, Herr Präsident, gibt es irgendetwas, das Sie berührt? Außer dem Profit von Öl und Militärausrüstungen?

Nicht die zahllosen verwundeten, getöteten, heimatlosen, verzweifelten Menschen im Irak?

 

Ich weiß nicht, ob mein Brief Sie erreicht. Vielleicht landet er bei einer Dame in einem Vorzimmer mit der Entfernung von zwei oder mehr Tagen. und sie versteht die Absicht des Briefes nicht. Weil sie vielleicht gar keine Kinder hat.

Und sie ist nicht in der Lage Ihnen den Brief zu geben bzw. einen Hinweis auf seine Bedeutung.

Daß die Tatsache des Todes meines Sohnes ein zentrales Ereignis in meinem Leben wurde.

Ich kam zur abgrundtiefen Erkenntnis, daß mein Sohn Casey für nichts starb. Das ist für eine Mutter die schlimmste Erfahrung, Kinder in einem Land zu haben, das die Rechnung für Energie und Macht mit dem Leben nicht nur meines Sohnes bezahlt.

 

Mein Land nimmt keine Rücksicht auf das Leben und die Gesundheit seiner Bürger. Das ist eine neue Perspektive eines Staatsbürgers. Ich dachte niemals nichts. Ich sorgte für das Wohl meiner Familie, übernahm die Verantwortung, war im Sozialverein meiner Stadt für die Außenseiter, die Armen Arbeitslosen engagiert. Ich habe Sie nie in einem unserer Treffen gesehen, weil das doch auch zu Ihren Aufgaben gehört sich um diese Menschen zu kümmern.

 

Die Medien mißbrauchten meine Engagement gegen Ihren Krieg im Irak für ihr Image für die Anti-Kriegs-Bewegung. Es könnte sein, dass meine Aktion eine Form der Anti-Kriegs-Bewegung ist.

Ich kann tatsächlich in diesem Krieg keinen Sinn erkennen. Wie auch in jedem anderen nicht.

 

Herr Präsident können Sie fühlen, was eine Mutter, eine Braut, eine Schwester, eine Frau fühlt wenn ihnen mitgeteilt wird, daß ihr Sohn, ihr Bräutigam, ihr Bruder, ihr Ehemann niemals wieder nach Hause kommen wird? Niemals wieder von ihnen gesehen wird, von den Kindern?

Niemals, Herr Präsident!

Und wissen Sie, was es bedeutet – für nichts?

Nicht einmal für ein Blatt Toilettenpapier?

 

Das einzige was ich sehe ist, daß in unserer Regierung Leute sitzen, die gegen Leute (wie mich) agieren, weil sie gegen jeden Krieg sind, ganz besonders im eigenen Land.

 

Ich gebe auf, Herr Präsident.

Ich gebe Ihnen bekannt, daß ich zu meiner Familie zurückkehre und mein Zelt abbreche.

Ich übernehme wieder meine Arbeit als Mutter für meine Kinder, um sie vor dem Schicksal ihres Bruders Casey zu bewahren. Ich werde meine anderen beiden Söhne rechtzeitig aus diesem Land bringen, bevor die Army die Finger nach ihnen ausstreckt.

Ich werde versuchen meine Tochter vor einer Heirat mit einem Soldaten zu bewahren, oder sie davon abhalten in die Army einzutreten.

 

Ich habe von Mutter Teresa gehört. Sie Iebt den Frieden ohne Waffen. Wie ist das möglich? Haben Sie darüber schon einmal nachgedacht?

 

Gott möge Ihnen vergeben, wenn Ihre Zeit zu gehen gekommen ist.

Es kann jeden Augenblick sein. 

 

Mit freundlichen Grüßen

Cindy Sheehan

  

 

zurück