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Hans Peter Gaff

 

Süßes Gift

Unvollständige Notizen über den Umgang mit Erotik in der Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts

  

Es ist gegenwärtig praktisch nicht möglich, sich anhand eines Gesamtwerkes Überblick über die erotische Literatur zu verschaffen. Primärtitel gibt es zwar zuhauf, und es sind bekanntlich höchst klingende Autorennamen dabei; Sekundärliterarisches zum Themenbereich erotische Literatur wird jedoch kaum angeboten. Von den wenigen Titeln, die dazu existieren, sind die meisten älteren Datums und vergriffen oder wurden in den letzten Jahren von den Verlagen wegen mangelnder Nachfrage (?) sukzessive aus dem Programm genommen. Das heute noch als gültig angesehene – und ebenfalls vergriffene – deutschsprachige Standardwerk von Paul Englisch („Geschichte der erotischen Literatur“) datiert beispielsweise aus dem Jahr 1927 (!), und auch der „Anthologie der erotischen Literatur aller Zeiten und Völker“ desselben Autors (1932) war nur ein kurzer  Aufenthalt in den Regalen der deutschen Buchhandlungen erlaubt, bevor sie in den Flammen der Bücherverbrennungen aufging.

 

 

Literatur und Zensur

 

Dass die Thematik offenbar keine aktuelle Brisanz beinhaltet, also nichts, woraus Medienmacher einen Sensationsfunken schlagen könnten, beweist die gegenwärtige Zurückhaltung von Zensurbehörden. Von diesem die Sparte Erotik seit jeher begleitenden Widerpart und Gegenspieler ist seit etwa Mitte der neunziger Jahre kaum mehr etwas zu hören. Der Grund liegt wohl nicht zuletzt darin, dass die Jugendgefährdung – Argument Nummer eins der Sittenwächter gegen erotische Literatur – schon lange nicht mehr aus den Buchseiten kommt. Was heutzutage via Internet aggressiv auf den Bildschirm drängt, dagegen wirken Texte wie „Die Geschichte der O“ wie Gutenachtmärchen. Und selbst der berühmte „Index librorum prohibitorum“ der Katholischen Kirche, seit immerhin 1559 für Sammler einschlägiger Literatur ein Leitfaden für den hauseigenen bibliophilen Giftschrank, hat als  Hauptkatalog belletristischer Sündhaftigkeit ausgedient.

 

Dabei weist die erotische Literatur eine jahrtausende alte, durchaus ehr- und beschreibungswürdige Geschichte auf, der sich religiöse und philosophische Werke ähnlicher Adressierung zwanglos zugesellen. Dass sich mehr oder weniger einschlägige Texte allerdings auch von Anfang an neben dem und gegen den offiziellen „Geschmack“ zu behaupten hatten, zeigt  das Schicksal des römischen Dichters Ovid und seiner „Liebesschule“ (ars amatoria) in ebenso tragischem Ausmaß ebenso wie der verbürgte Vorschlag Platos – etwa vier Jahrhunderte früher –, das Werk Homers einer „jugendgerechten“ Säuberung zu unterziehen. Dabei entsprächen selbst die „Heiligen Schriften“ des Christentums und des Hinduismus bei weitem nicht den strengen Auflagen solcher Forderungen. Wenn also von einer Darstellung erotischer Literatur quer durch die Zeiten die Rede ist, kommen von selbst zwei Nebenthemen ins Spiel: das Verhältnis von Literatur zur Zensur und das Verhältnis von Erotik zur Pornografie, das den Ruf nach dem Zensor gewöhnlich auslöst.

 

 

Literatur und Erotik

 

Literarisches Gestalten kommt in den seltensten Fällen ohne erotische Komponente aus. Und zwar durchwegs nicht aus der Überlegung  heraus, die im Printbereich mit „sex sells“ so zutreffend beschrieben ist. Erotisches dient für Autorinnen und Autoren vielmehr als Motiv, Kulisse, Spannungselement und psychologisches Vehikel zum Transport nachvollziehbarer Handlungen. In Henning Mankells Roman „Tiefe“ etwa wird die animalische Triebmaschinerie des Protagonisten Lars Tobiasson Svartmann erst durch sein Verlangen nach Sara Frederika in Gang gesetzt wird, obwohl ein unbewältigtes Gefühlsleben – ziellos – schon in ihm angelegt ist und ihn auch über die Trennung von ihr hinaus beherrscht und determiniert. Und auch Martin Walsers neuer Roman „ Angstblüte“ lebt nicht unwesentlich von der „lächerlichen“ Liebe des alternden Geldhändlers Karl von Kahn zu der verhältnismäßig jungen Schauspielerin Joni, die sich in durchaus realistischer Bettdramatik ausdrückt – und trotzdem geht es Walser mitnichten um den erotischen Duktus als solchen, sehr wohl aber um die satirisch überspitzte Gleichung von Macht und Sex, was eine überschwengliche Kritik denn auch durchaus beklatschte und mit dem süffisanten Zusatz: Altherrenerotik etikettierte.

 

Zuweilen dient die erotische Darstellung in der Literatur auch einer bestimmten soziologisch motivierten Milieuschilderung: so werden etwa Francois Villons Balladen, die  im „Galoisses“, der Sprache der Pariser Prostituierten seiner Zeit, verfasst sind, trotz ihrer „sexistischen“ Eindeutigkeit kaum je als spätmittelalterliche Form von Pornografie, sondern stets als Schichtliteratur gelesen, rezipiert und übersetzt, und der erotische oder sexuelle Inhalt  ist als Gegenbild zur klerikalen-politischen Machtinszenierung des späten Mittelalters verstanden worden. So ähnlich beziehen auch schon die Novellen aus Boccaccios „Decamerone“ ihren erotischen Gehalt vor allem aus der Umkehrung der gültigen Werte, die allerdings nicht zuletzt der geistlichen Zeitgenossenschaft einen moralischen Spiegel vor Augen halten. An dieser Stelle passt ein epochenübergreifender Zusatz:  wie in Boccaccios indiziertem und in vielen Ländern jahrhundertelang verbotenem Werk regte die – zumindest nominell - Sexualität ausschließende Welt des Klosterlebens immer wieder zu erotischen Spekulationen an, in deren Mittelpunkt geradezu klassisch der „geile Mönch“ steht. Matthew G. Lewis Schauerroman „The Monk“, der 1796 anonym erschien, bildete als „Bestseller“ seiner Zeit die Motivgrundlage für einschlägige Sujets und wirkte weiter bei einer Autoren in einer Bandbreite von E.T.A. Hoffmann bis D.A.F. de Sade.

 

Mit der Nennung dieses wohl mehr berüchtigten als berühmten Namens wechselt nun das Verhältnis von Literatur zur Erotik in eine Gegenrichtung. Wie für das Werk des noch zu erwähnenden US-Autors Henry Miller gilt besonders auch für den freidenkenden Marquis aus südfranzösischem Adelsgeschlecht, dass in seinen pornografisch-libertinistischen Texten 

Sprache und literarischer Duktus vorrangig  zum Vehikel einer erotischen  – oder hier besser: perversen – Phantasie werden. Natürlich kann das Werk de Sades, das zweifellos in der Reihe einer atheistischen, materialistischen Aufklärung steht,  durchaus differenziert betrachtet und in seiner Symbolhaftigkeit mehrschichtig analysiert werden. In der Tat haben sich selbst dezidierte Feministinnen recht unterschiedlich über De Sade und seine Wirkung geäußert. Einer positiven Beurteilung durch Susan Sontag (in „The Pornografic Imagination“, 1967) widersprach etwa Andrea Dworkin  (in „Pornography: men posessing Women“, 1979) aufs Schärfste mit Hinweise auf De Sades menschenverachtende Darstellungen von Gewalttaten gegen Frauen.

 

 

 

Was De Sades Werk, dessen äußerst harte Pornografie zwar ursächlich tatsächlich zum Teil auf seine Lebenserfahrungen zurückgeht, zum größten Teil aber in jahrzehntelanger Kerkerhaft und Irrenanstalt entstanden ist, letztlich zum gefährlichen Indizierungsfall quer durch die Jahrhunderte gemacht hat, ist wohl die äußerste, durch keine Moralvorstellung  kontrollierte Gedankenfreiheit seiner Darstellungen, in denen sich die Sprengkraft abgründiger menschlicher Gedanken offenbart – sein Werk enthält zum einen sozusagen die Negation der Botschaften des Christentums – und zum anderen lässt sein Blick in die tiefe menschlicher Greuelvorstellungen sogar noch unsere Zeit erschauern. De Sade ist somit bis heute der literarische Grenzfall unmoralischer Darstellungsmöglichkeiten geblieben.

 

 

 

Brennpunkt 20. Jahrhundert

 

Ein Blick auf vorwiegend deutschsprachige Publikationen des zwanzigsten Jahrhunderts grenzt nicht nur das schier endlose Feld möglicher Betrachtung des hier erörterten Gegenstandes ein, es vergegenständlicht auch exemplarisch das erotische Konjunkturbarometer in der Literatur anhand eines relativ überschaubaren Zeitraumes, dessen Begleitumstände als allgemein bekannt vorausgesetzt werden dürfen. 

 

Sigmund Freuds Entdeckung und Rekonstruktion der Triebmechanik setzt den ersten Paukenschlag des beginnenden Saeculums. Die Rückführung aller triebspezifischen Äußerungen, also auch der krankhaften Äußerungen, auf den als Urtrieb beschriebenen Sexualtrieb mag uns zwar heute sehr eindimensional vorkommen, aber im Kontext der damaligen Zeit ist er einerseits aus dem wissenschaftsgläubigen Postdarwinismus zu erklären, andererseits, eher psychologisch betrachtet, verständlich als längst fälliger Befreiungsschlag des Sexuellen gegen die Unterdrückungskultur, die zumindest ins Biedermeier zurückreicht und ihren protestantisch verhärteten Ausdruck im rigiden Verhaltenskodex des Viktorianischen Zeitalters findet.

Trotz wissenschaftlicher Fundierung und der relativen Aufgeklärtheit „moderner“ Zeitgenossen wie Karl Kraus („Pornografie braucht die Menschheit wie einen Bissen Brot“) tat sich die offizielle Obrigkeit allerdings mit kulturellen Lustäußerungen schwer, selbst wenn – oder gerade weil(?) – diese weniger dem Selbstzweck, sondern der gesellschaftskritischen Intention ihrer Urheber dienten. Die zwei prominentesten diesbezüglichen Beispiele aus der „Hochliteratur“ sind zwar sattsam bekannt, dennoch sollen sie hier noch einmal in den Zeugenstand treten. Zum einen ist es Arthur Schnitzlers Drama „Der Reigen“, das schon bei seinem Erscheinen 1896 verboten wurde, und selbst bei seiner Uraufführung 24 Jahre später noch für einen handfesten Skandal sorgte,  zum anderen Frank Wedekinds naturalistisches Schaustück „Frühlings Erwachen“, das bezeichnenderweise auch erst 15 Jahre nach Erscheinen (1906) in einer gekürzten Version aufgeführt werden konnte und selbst in dieser Form noch von der Kritik abgestraft wurde. In beiden Dramen sind Promiskuität, sexuelle Devianz und verschiedene Praktiken der Selbstbefriedigung für das zeitgenössische Empfinden wohl zu anschaulich beschrieben, als dass es nicht zu gesellschaftlichen Sanktionen gegen die Autoren gekommen wäre. Schnitzler verhängte in verbitterter Selbstzensur ein  Aufführungsverbot über sein Werk, Wedekind trug sein Kampf um „Wahrhaftigkeit“ unter anderem Festungshaft ein.

 

Aber selbst ein Volksautor wie Ludwig Thoma, der nicht gerade als Produzent exquisiter Erotika gilt, konnte im aufgeheizten Klima der Kaiserzeit durch ein paar Zeilen in der satirischen Zeitschrift „Simplizissimus“ in ein Strafverfahren mit daraus folgenden sechs Wochen Kerkerhaft geraten: weil er sich in einem satirischen Gedicht gegen die Prüderie der so genannten Sittlichkeitsvereine stellte, die ihre Kampagnen gegen die Verbreitung von „Schmutz und Schund“ geradewegs auch gegen Exponenten der modernen Literatur wie Zola oder Flaubert (insbesondere: „Madame Bovary“) richteten. 

 

Diesen ebenfalls im biologistisch-ideologischen Boden des Naturalismus wurzelnden Verfechtern einer moralisch integren Lebensführung entgegen bildete sich um die Jahrhundertwende vor allem in den zahlreichen antinaturalistischen Strömungen ein Sammelbecken des freizügig denkenden, „antibürgerlichen“ Bürgertums. In Deutschland entstand für Connaisseurs eine neunbändige „Bibliotheca germanorum erotica et curiosa“ (nach den Autoren auch Hayn-Gotendorf genannt), und in der Kunst: verschob sich bezeichnenderweise in den Darstellungen des Wiener Malers Egon Schiele das naturhaft Sexuelle schon ins Morbide und „Kuriose“ hinüber. Zu trauriger Berühmtheit ist die Lebensgeschichte des englischen Erfolgsautors Oscar Wilde gelangt, dessen bekannt freizügige Lebensführung und offen gezeigte homosexuelle Präferenz zu einer Serie von zermürbenden Prozessen und letztlich auch zu seinem frühen Tod im Pariser Exil führte – eine Art biografischer Zensur, die noch konsequenter und verhängnisvoller wirkte als die nur literarische.

 

Das deutschsprachige erotische Hauptwerk jener Zeit schlechthin aber ist „Josephine Mutzenbacher (1906), dem Bambi-Autor und Journalist Felix Salten (eigentlich: Salzmann) zugeschrieben. Weil es sich dabei um Erfahrungsberichte eines Mädchens handelt, das sexuelle Kontakte mit Erwachsenen hat, gilt der ursprünglich anonym als Privatdruck in Wien erschienene Roman bis heute als „jugendgefährdend“ und wird wegen des angeblichen Naheverhältnisses zur Kinderpornografie und Missbrauchsszenarien bis dato im deutschsprachigen Raum weder beworben noch öffentlich in Buchhandlungen angeboten.

 

In Deutschland setzten dann allerdings  in den dreißger Jahren die politischen Umwälzungen mit Zensur, Ausweisung und Bücherverbrennung dem lustvollen Treiben der Goldenen Zwanziger Jahre vorerst und infolge der weiteren Ereignisse auf lange Zeit ein Ende. Es ist diesfalls vielleicht nicht uninteressant – ohne weiteren Kommentar – zu bemerken, dass die führenden Nationalsozialisten Hitler und Rosenberg in ihren Schriften immer wieder in dieselbe Kerbe wie die vorgenannten Sittlichkeitsvereine und Moralapostel schlugen („Das öffentliche Leben muss von dem erstickenden Parfüm unserer modernen Erotik befreit werden“, Hitler, Mein Kampf).

 

Eine wieder ansteigende Konjunktur für erotische Literatur setzte erst wieder Anfang bis Mitte der sechziger Jahre ein, als aus den skandinavischen Ländern kommend die so genannte „Sexwelle“ nach Deutschland überschwappte. Mit dem amerikanischen „summer of love“ war dann ab 1968 Sex endgültig wieder einmal zum Thema Nummer eins geworden, auf das auch der Buchmarkt reagierte. Ganze Reihen widmeten sich nun mit dürftigem Inhalt und in verführerischer Aufmachung der wichtigsten Hauptsache der Welt („Sexlibris“, „Sexologie“), wobei in zunehmendem Maß auch die öffentlichen Behörden nachlässiger auf das Faktische reagierten und Zensur trotz rechtlicher Grundlage weitgehend unterblieb.  Sehr schnell geriet aber die sexuelle Befreiungsbewegung außer Kontrolle und in pornografisches Fahrwasser, besonders im audiovisuellen Bereich, und so formierte sich mit der Frauenemanzipationsbewegung recht schnell auch eine lautstarke Gegenbewegung, die sich  – in Gestalt der EMMA-Herausgeberin Alice Schwarzer – zunächst gegen die „sexistischen“ Titelblätter der großen deutschen Wochenpresse richtete.

 

Trotzdem wirkte in Deutschland noch lange eine aus den 50er Jahren mitgebrachte Prüderie, die sich nicht zuletzt auch aus dem Verstummen der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg herleiten lässt, nach. Eine eigentlich sexuell motivierte, im Ausdruck pornografische Literatur, brachten die sechziger Jahre aus den USA mit, wo schon vor den sprachlichen Fäkalorgien von Beatpoeten wie Charles Bukowski ein Henry Miller mit seinen Romanen „Wendekreis des Krebses“(1934) und „Wendekreis des Steinbocks“ (1939) für Aufsehen und Missfallen gesorgt hatte. In einer Serie von „Pornografieprozessen“, deren erster im Jahre 1962 für Aufsehen in den nach wie vor puritanisch gefügten USA sorgte, wurde Miller schlussendlich von diesem Vorwurf „freigesprochen“ –  mit dem Hinweis, dass es sich bei seinen Darstellungen um „Ideen“ handle. Aber noch 1990 war Millers Werk, vor allem das bereits vorher indiziert gewesene „Opus Pistorum“ (posthum, 1983) dem deutschen Bundesgerichtshof ein Prüfung wert mit dem Beschluss, dass der Roman aus Gründen des Jugendschutzes weder beworben noch öffentlich ausgestellt, wohl aber – irgendwie unter dem Ladentisch – erworben werden könne.  

Der radikale Individualismus und die nonkonformistische Grundhaltung Millers spaltet nach wie vor die Geister, wobei die Einschätzungen von: „einer der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts“ bis: „ein Werk, das allein zum Zweck der Herstellung erotischer Lektüre entstanden sein mag“ reichen.

 

Eine relativ neue Schiene innerhalb der erotischen Literatur bildet spätestens seit den siebziger Jahren schwule, lesbische und transgender-Literatur. Erst im Gefolge der gesamtgesellschaftlichen sexuellen Befreiung durch die Generation ´68 konnten sich auch sexuelle Minderheiten öffentlich geschützt zu Wort melden, während zum Beispiel gerade weibliche „Offenheit“ in sexuellen Belangen seit jeher und nach wie vor einer ganz kleinen Schar von Autorinnen und Leserinnen vorbehalten blieb, wie es das Beispiel von Henrry Millers Langzeitgeliebter, der Schriftstellerin Anais Nin, belegt.

 

Ein für die vorliegende Darstellung interessantes Verlagsporträt kann die Situation seit den späteren siebziger Jahren für deutschsprachige erotische Literatur exemplarisch erhellen: 1978 gründete Claudia Gehrke in Tübingen  mit  Freunden die literarisch-essayistische Zeitschrift „konkursbuch“ – mit einem satirischen Augenzwinkern in Richtung „Kursbuch“, dem offiziöse Organ der sozusagen schon in Konkurs gegangenen Studentenbewegung. Aus der Zeitschrift entwickelte sich schnell ein Verlag, in dem neben der Zeitschrift selber zunehmend erotische Literatur in den Mittelpunkt rückte. Seit 1982 werden in der Reihe: „Mein heimliches Auge. Das Jahrbuch der Erotik“ Essays, Bilder und Literarische Texte zum Genre gesammelt. Trotz eines grundsätzlich positiven Echos in der Fachwelt gab es immer wieder auch Episoden juristischer Verfolgung durch Staatsanwälte und die zuständige „Bundesprüfstelle“ zu überstehen, die allerdings folgenlos blieben. Mittlerweile hat sich Claudia Gehrkes Verlag zu einem gar nicht mehr geheimen Tipp für Autorinnen und Autoren sowie Fotokünstler entwickelt, die im Konkursbuch-Verlag auch ein Forum für homosexuelle und multisexuelle Themen finden. Obwohl es längst nicht in allen Publikationen des Verlages um Erotik geht, spielen die Veröffentlichungen gerne mit  Elementen einer erotischen „Zwischenwelt“. In der großen deutschen PorNo-Debatte von 1988, die von EMMA-Herausgeberin Alice Schwarzer maßgeblich mitinitiiert worden war, sprach sich Gehrke mehrmals öffentlich gegen die Zementierung der Opferrolle von Frauen … und für … die Freiheit der erotischen Liebeskunst“ (aus: FAZ). Mehr zu schaffen macht dem Konkursbuch-Verlag heute allerdings die Tatsache, dass erotische Literatur immer mehr aus den Auslagen der Buchläden verschwindet; sei es als gezielte Maßnahme indirekter Zensur, wie man verlagsintern vermutet, sei es, dass Erotik in literarischer Form tatsächlich ein wenig out geworden ist.

 

Denn es lässt sich insgesamt als  Befund feststellen, dass erotische literarische Werke – ob Klassiker oder Neuerscheinungen ist dabei eher zweitrangig, denn, wie ein Kenner richtig formuliert hat: es gibt keine Unterscheidungung in alte und neue Erotik, denn das Thema ist stets in dem Moment aktuell, in dem es rezipiert wird – dass Texte mit erotischem Inhalt heute eher ein älteres, vorwiegend intellektuelles Publikum ansprechen. Dass daneben Erotik-Linien größerer Verlage, die so aufregend sind und auch so literarisch wie die unsäglichen Arzt-Romane der siebziger Jahre, mithin erotisch aufgemöbelter Kitsch, um das Publikum buhlen, lässt die Gruppe, um deren Seelenheil willen Zensur und Verbote meistens bemüht werden, nämlich die Jugendlichen, ziemlich kalt. Wenn heute noch diesbezügliche Aufreger aufflackern, sind sie meist künstlich erzeugt und oft genug nur als Anschiebekampagne gegen flauen Verkauf inszeniert. Dennoch bleibt – mit Blick auf den Gang der Jahrhunderte – das Thema literarische Erotik ein abwechslungsreiches Kräftemessen zwischen Gewähren und Verhindern, zwischen Lust und Frust, dessen Bedeutung vielleicht am ehesten in  dem Wort eines französischen Bischofs vom Ende des 18. Jahrhunderts über die erotischen Texte zum Ausdruck kommt: „Sie sind ein Zeugnis der Geschichte der Menschheit, der Sitten und Gebräuche, der Kunst. Dem freisinnigen Beobachter geben diese Werke oft Aufschluss über das Jahrhundert, das sie hervorgebracht hat.“ (Abbé Grégoire)  

 

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