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Konrad Paul Liedssmann

 

Blutsverwandtschaft

Über Kunst und Erotik. Ein Annäherungsversuch

 

Erotische Kunst! Die Faszination dieses Begriffes scheint ungebrochen, trotz sexueller Revolution, Enttabuisierung, medialer Omnipräsenz von Nacktheit, Thematisierung aller nur möglicher intimer Praktiken und Details in öffentlichen Talkshows und deren Demonstration in der Internet-Pornographie. Natürlich: die großen Skandale und Aufregungen, die einstens die Kunstszene in Atem hielten, ging es um die Darstellung so genannter "gewagter" Szenen, sind abgeflaut. Aber im künstlerisch-ästhetischen Kontext scheinen das Erotische und seine Konnotationen noch immer mit anderen Maßstäben gemessen zu werden als etwa in der Mode, in der Werbung oder in den Boulevardmedien. So verzahnt diese Bereiche mitunter auch sind, so sehr sich Kunst, Mode und Werbung mittlerweile in ihren Strategien, Methoden und Sujets auch austauschen – das Erotische fungiert in der Kunst nicht nur als ein besonderer Blickfang, sondern auch als Ausdruck einer weit intensiveren Auseinandersetzung mit einer zentralen Dimension menschlichen Lebens und Erlebens als sie den Medien des Zeitgeists in der Regel zugetraut wird.

 

Wer Kunst und Erotik in einem Atemzug nennt, verweist auf mehr als auf ein Sujet. Dass es sich dort, wo halbnackte oder nackte Körper, laszive Posen, zweideutige Gesten und sexuelle Handlungen zu sehen sind, um erotische Kunst handle, ist nicht viel mehr als Ausdruck einer Verlegenheit, etwas zu benennen, das lange die Grenzen der Konvention und der bürgerlichen Moral zu sprengen schien. Erotische Kunst war zumindest im bürgerlichen Zeitalter immer auch ein Synonym für die Welt verborgener und verdrängter Wünsche und Ängste. Auch noch die naturalistische Darstellung von Sexualität enthielt einen symbolischen Mehrwert, der auf eine Dynamik verwies, die sich unterhalb der sichtbaren Oberflächen abspielte. Mit dem Begriff des Unbewussten inaugurierte Sigmund Freud nicht nur ein Menschenbild, das diesen als triebgesteuerten Organismus dechiffrierte, sondern lieferte auch der Kunst ein Stichwort für die Beschreibung ihrer ureigensten Tätigkeit. Wie Eros bezieht seitdem auch Kunst ihre Kraft aus den verborgenen Tiefen der Seele.

 

Erotik ist allerdings mitnichten nur ein Synonym für Sexualität, und das Verhältnis zwischen Kunst und Erotik ist weit inniger, als dass es sich auf einen bestimmten Typus des Dargestellten reduzieren ließe. Lou Andreas-Salomé, eine der großen exzentrischen Frauen des Fin de Siècle, die in jungen Jahren mit Friedrich Nietzsche, später dann mit Rainer Maria Rilke und eben auch mit Sigmund Freud befreundet gewesen war, konstatierte in einem im Jahre 1910 für Martin Buber geschriebenen Essay über Erotik geradezu eine "Blutsverwandtschaft" zwischen Kunst und Erotik. Beiden gemeinsam sei eine "leidenschaftliche Erregung", die es mit sich bringe, dass ein ästhetisches Entzücken unmerklich in ein erotisches übergehen und die erotische Sehnsucht ebenso unmerklich nach dem Ästhetischen greifen könne. Lou Andreas-Salomé indizierte damit – wenn auch in der etwas schwülstigen Metaphorik ihrer Zeit - eine These, die das Denken in der Frühphase der ästhetischen Moderne insgesamt grundierte. Sie sieht im Verhältnis von Kunst und Eros eine Spielart jener Dualität, die zu den Grundkonstellationen zumindest des europäischen Menschen gehört: Geist und Körper. Während im Erotischen der Mensch wie vielleicht nirgends sonst seinen Körper als eine alles beherrschende Instanz erfährt, die eine "geistige Exaltation" nur als ein Nebenher mitschwingen lässt, ist die erotisch-sexuelle Erregung beim künstlerischen Vorgang Begleitmoment im Zustand einer "Gesamtergriffenheit".[1] Ohne ineinander aufzugehen, verweisen Kunst und Erotik stets aufeinander. Wenn auch in unterschiedlicher Intensität ist das Ästhetische immer mit dem Erotischen kontaminiert, so wie umgekehrt das Erotische immer vom Geist der Kunst infiziert erscheint. Kunst, so die These, hat auch jenseits aller Darstellung von Sexualität stets etwas Erotisches an sich, so wie umgekehrt das Erotische, sofern es die triebgesteuerte Sphäre reiner Unmittelbarkeit verlässt, immer zur Form, zur Gestaltung, zum ästhetischen Akt drängen wird.

 

Was aber macht diesen Eros aus? Und lässt er sich von Sinnlichkeit, Körperlichkeit, Sexualität sinnvoll trennen? Und weiter gefragt: Lässt sich erotische Kunst überhaupt als eigenes Genre gegenüber dem Obszönen und der Pornographie behaupten? Und wenn ja, mit welchen Argumenten? Wer versuchte, Erotik exakt zu definieren, käme wohl schnell in Schwierigkeiten. Weder lässt sich Erotik auf pure Sinnlichkeit, auf nackte Sexualität reduzieren, noch ist sie deckungsgleich mit dem, was das Abendland die Liebe nannte. Zwar ist das Erotische mit dem Begehren ebenso verschwistert wie mit der Begierde, aber die pure Triebbefriedigung wird man nicht unbedingt mit Erotik gleichsetzen. Wohl hat Erotik mit den Verheißungen der nackten Körper zu tun, zu ihr gehört aber genauso das Spiel mit Verhüllungen und Maskierungen aller Art. Erotik lässt das Verhältnis der Geschlechter, zwischen Begehrenden und Begehrten überhaupt, vibrieren, und kann doch nicht darauf reduziert werden. Erotik rührt auf der einen Seite an die lange verbotenen sexuellen Genüsse und Lüste, und streift damit unweigerlich auch immer wieder die Felder des Pornographischen und Obszönen, Erotik meint auf der anderen Seite aber auch Spannungsverhältnisse, die sich auf weit mehr als auf begehrenswerte Körper beziehen können: auf Macht und auf Geld, auf Kunst und auf Geist, auf Schmuck und auf Technik, auf Waffen und auf Automobile. Wo sich ein leidenschaftliches Interesse, eine Gier und Begierde, mit einem ästhetischen Anspruch trifft, sind die Verlockungen des Erotischen nicht fern.

 

Natürlich: das Fundament des Erotischen ist die Sexualität. Sinnlos, die Sinnlichkeit des Sexus aus dem Erotischen verbannen zu wollen. Allerdings: reiner Sex ist nicht unbedingt auch schon erotisch. Sex als solcher ist Natur, ist die alltäglich zu beobachtende Animalität am Menschen. Am reinen Geschlechtsakt, an der Kopulation, am Akt der Begattung, an schwitzenden und stöhnenden Leibern, die sich gefunden haben, um Lust zu empfinden und dabei vielleicht ihresgleichen zu produzieren, ist noch nichts oder nichts mehr von dem zu spüren, was das Erotische kennzeichnet. Was immer einem Geschlechtsakt an Begegnung, Verführung, Moral, Konvention, Ritual – schlicht: an Kultur vorausgehen oder folgen mag: in der Betätigung der Geschlechtswerkzeuge selbst unterscheidet sich der Mensch nicht vom Tier. Die Faszinationskraft der Sexualität und ihre Tabuisierung haben hierin gleichermaßen ihre Wurzel: Sexualität sprengt prinzipiell alle kulturellen Konventionen, denn sie ist für einen Moment der Rückfall in eine Animalität, die vor aller Kultur liegt.

 

Die Humanisierung der Sexualität vollzieht sich deshalb nicht in ihrer Moralisierung – im Geschlechtsverkehr wird der Kantianer so gut zum reinen Sinnenwesen wie der Christ -, sondern in ihrer Technisierung. Es sind die Technologien der Gegenwart und nahen Zukunft, von der extrauterinen Fertilisation über genetische Manipulationen am Embryo bis zum Klonen, die den Fortpflanzungsakt seiner Animalität entkleiden und zu einem kühlen Verfahren machen, das neues Leben aus der sterilen Atmosphäre hochgerüsteter medizinischer Laboratorien entstehen lässt. Dass der Mensch seit jeher Sexualität als Lusterfahrung vom Trieb zur Fortpflanzung zu trennen weiß, lässt uns nicht nur die zunehmende Technisierung der Reproduktion ohne größere Aufregungen erleben, sondern diese erscheint geradezu als letzte Konsequenz einer Rationalisierung, die nichts mehr dem blinden Walten der Natur überlassen will. Die Animalität des Geschlechtsaktes im Zeitalter der Reproduktionsmedizin wird wie alles zu einer Natur aus zweiter Hand. Welches Tier auch immer sich hier noch entbirgt – es ist gezähmt, weil ihm die Kraft des Zeugens und Gebärens tendenziell genommen ist.

 

Sowenig der reine Geschlechtsakt erotisch ist, sowenig sind es die Reagenzgläser, Pipetten, Zentrifugen, Bildschirme und Mikroskope der modernen Reproduktionslabors. Allerdings: gerade die für viele nahezu horriblen Möglichkeiten der Biotechnik, die sich nun auftun, verweisen mitunter auf uralte erotische Phantasmen: Nun wird es möglich, jene Tier-Mensch-Chimären tatsächlich zu erzeugen, die in den Tagen des Minotaurus und der Zentauren so manches Frauenherz höher schlagen ließ. Und dass sich Zeus mitunter in Tiergestalt mit seinen Geliebten verreinigte – Szenen, die ob ihrer erotischen Faszinationskraft die europäischer Kunst aller Epochen immer wieder inspirierte - , gewinnt eine völlig neue Bedeutung, wenn man weiß, dass es zumindest im Prinzip möglich ist, durch Genmanipulation Hunde oder Affen dazu zu bringen, menschliche Spermien zu produzieren: Der Geschlechtsverkehr mit einem solchen Tier würde zwar keinen Halbgott, aber immerhin ein normales menschliches Wesen zur Folge haben.[2] Die Geschichte der phönizischen Königstochter mit Namen Europa, der sich Zeus als Stier offenbart hatte, liest sich dann doch ein wenig anders, wenn man bedenkt, wie die aus dem europäischen Geist entstandenen neuzeitlichen Wissenschaften nun daran gehen, dem erotischen Vibrieren, das sich zumindest im Mythos auch zwischen Mensch und Tier einstellen konnte, eine gentechnische Basis zu verleihen.

 

Die künstlerische Darstellung sexueller Posen oder Handlungen, in welcher Qualität auch immer, verweist so auf ein Doppeltes: auf die Verlockungen des Animalischen und auf dessen Überbietung durch die ästhetische Geste. Erotisch ist, was von der Sexualität zehrt, ihr vorausgeht, sie umspielt, ohne mit ihr zusammenzufallen. Keine erotische Kunst, die deshalb nicht an das Obszöne und Pornographische streifte, keine aber auch, die darin aufginge. Das Obszöne setzt die Geschlechtlichkeit selbst drastisch in Szene, mit dem durchaus aufklärerischen Gestus, den Menschen seiner Animalität zu überführen. Das Obszöne zeigt den Menschen als Objekt seiner Triebe und Begierden, reduziert ihn auf jenes zuckende Bündel Fleisch, dem alle naturalistische Ästhetik ihre provozierende Kraft verdankt. Die Lust am Obszönen entspringt so weniger der Lust am Dargestellten, als am Modus der Darstellung: es ist der einer Entlarvung. Die Kunst des Obszönen war und ist so immer ein Moment im Programm der Selbstdesillusionierung des Menschen, der - vermeintlich - heroische Versuch, seiner eigenen Niedrigkeit ins Auge zu sehen. Die empörte Reaktion des kultivierten Bürgers, der sich durch solche Kunst in den Schmutz gestoßen fühlt, ist nicht ganz unberechtigt: Immerhin wird ihm seine Kultur abgesprochen. Verdächtig ist dann doch eher der Connaisseur, der den Stachel des Obszönen nicht mehr spürt und seine Degradierung zum Tier als Kunstgenuss erlebt.

 

Gegenüber dem Obszönen liefert das Pornographische ausschließlich Sujets, die der Erregung und Steigerung der Lust dienen, also reizen sollen. Pornographie lebt von dem Wissen, dass es optische und akustische Reize gibt, auf die der Organismus nahezu reflexartig reagiert. Bei aller Eintönigkeit gehorcht die Pornographie dem Gesetz der Reizvariation und Reizsteigerung, keine noch so abstruse Form sexueller Betätigung ist ihr fremd, sofern sich nur irgend jemand daran delektieren kann. Ihr muss alles zum Objekt werden. Die Pornographie simuliert so die Erregung und die Befriedigung gleichermaßen, ihr eigentlicher Stachel beruht weniger im Verstoß gegen Moral oder Konvention, sondern darin, dass sie zeigt, dass alles auf einen einfachen Reiz reduziert werden kann, der eine unmittelbare Reaktion provoziert. Der ästhetischen Theorie seit dem 18. Jahrhundert war deshalb auch eine Kunst, die ausschließlich die Sinne anstachelt, suspekt – und dies nicht, weil die Sinnlichkeit als solche von übel wäre, sondern weil die Erregung der Sinne nicht Aufgabe von Kunst sein kann. Bis heute schwingt in den Debatten um Kunst und Pornographie deshalb auch das Kantisch-Schopenhauer’sche Argument mit, dass eine Kunst, die nur die Sinne, nicht aber den Geist oder wenigstens das geschulte Auge affiziere, verwerflich sei.

 

Während das Obszöne dem Menschen die Wahrheit seiner Animalität demonstriert, verweist ihn die Pornographie auf die Mechanik seiner Lüste. Das Erotische hingegen oszilliert zwischen dem kunstvoll inszenierten Reiz und einem Aufschub der Lust, der sich hin und wieder sogar bis zu einer reflexiven Entsinnlichung steigern kann. Natürlich kann auch eine Kunst in hohem Maße erotisch sein, die das Erotische auf wenige Strichen, Andeutungen, Skizzen zurücknimmt. Umgekehrt: Wie drastisch, unmittelbar und opulent Sexualität in erotischer Kunst auch immer in Szene gesetzt sein mag – es wird dabei immer ein Moment der Irritation, der Ablenkung, der Erschütterung geben, das diese Kunst vom Obszönen und Pornographischen gleichermaßen scheidet, wie stark die Berührungen und Überschneidungen mit diesen Sphären auch sein mögen.

 

Eros war von allen Anbeginn an im europäischen Denken mit der Frage assoziiert, wie Menschen zueinander finden, was sie füreinander so unwiderstehlich macht, nicht damit, was sie tun und treiben, wenn sie zueinander gefunden haben. Weder der Sex, schon gar nicht die Fortpflanzung standen im Mittelpunkt der Diskurse des Erotischen, sondern die Geheimnise des Begehrens und die Abgründe der Begierde. Allerdings: Erotik ist, im Gegensatz zur Sexualität, dem Modus der Indirektheit verpflichtet. "Das Prompte", schrieb der Philosoph Günther Anders einmal, "ist das Barbarische".[3] Das Erotische hingegen ist der Umweg, der Aufschub. Erotik ist die Kunst des Andeutens und des Abstandhaltens, ist verzögertes, umschriebenes und sublimiertes Begehren, ist kultivierte Sinnlichkeit und sinnliche Kultur, ist aber auch eine Kraft, die nicht nur begehrt und hervorbringt, sondern Abgründe signalisiert und den immer möglichen Umschlag in Ekel, Abscheu und Zerstörung zumindest mitschwingen lässt. Erotik, Georges Bataille vor allem hat darauf insistiert, ist Lebensbejahung bis in den Tod, ist Ausschweifung und Verschwendung, ist auch die Erfahrung einer Lust, die der Gewalt entspringt. Und die von Freud in seinen späten Jahren vorgenommene Engführung von Eros und Thanatos ist bei weitem radikaler als seine früheren Konzepte der Libido. Erotik ist so auch nicht von der Destruktion und Aggression, vom Krieg und von der Jagd zu trennen, die Sprachen und Symbole der Liebe zeugen bis heute davon.[4]

 

Das Erotische lebt dabei vor allem von einer Gestik des Entblößens, von einem Wechselspiel des Enthüllens und Verhüllens, das nicht nur in einem faktischen Sinn das erotische Begehren strukturiert, sondern dem Eros auch seine philosophische Dignität gibt. Denn immerhin dachte sich das Abendland die Wahrheit als ein Weib, das seiner Enthüllung harrt, ohne sich dem lüsternen Erkenntnissuchenden je vollständig preiszugeben. Eros ist nicht nur, aber in hohem Maße ein Spiel mit dem Verbergen und Entbergen von Wahrheiten, und die zufällig oder gezielt dem Blick preisgegebene nackte Haut, die mehr ahnen als sehen ließ, galt lange als das sinnfälligste Moment in der Dynamik erotischer Begegnungen.  Nirgendwo wird die Krise des Eros deshalb deutlicher als in der Dominanz von purer und unverblümt zur Schau gestellter Nacktheit.

 

Auch wenn Nacktheit und Erotik oft in einem engen Zusammenhang gesehen werden - die spezifisch sexuell-erotische Dimension von Nacktheit eröffnet sich immer erst in einem spezifischen Kontext. Es gibt, darauf hat schon Georges Bataille verwiesen, Situationen, in denen Nacktheit gleichermaßen selbstverständlich wie unerotisch ist: etwa die Nacktheit des Patienten im Zimmer des Arztes oder die Nacktheit dort, wo sie, wie bei der Freikörperkultur, zum Selbstverständlichen erklärt wird. Nacktheit wirkt nur dort erotisch oder anstößig, wo sich in ihr eine "Regelwidrigkeit" ausdrückt.[5] Nur dort, wo man in der Regel die Hüllen nicht fallen lässt, kann man dadurch Aufmerksamkeit erregen, dass man die Hüllen fallen lässt. In der Kunst, in der Nacktheit seit der Antike nahezu zur Regel gehörte, wird reine Nacktheit deshalb selten als Provokation empfunden. Sogar Schopenhauer, der alle Lüsternheit aus der Kunst verbannen wollte, akzeptierte Nacktheit dann, wenn sie, wie in der Kunst der Antike, aus einem "objektiven Geiste" erschaffen scheint.[6] Zum erotischen Stimulus oder zum Skandalon wird Nacktheit in der Kunst dann, wenn sie so kontextualisiert und modifiziert wird, dass das Auge des Betrachters aus seiner objektiven Distanz gerissen wird.

 

Im Umgang mit Nacktheit kennt die Kultur der Moderne zumindest zwei Strategien, das Erotische auszuklammern und der Nacktheit ihren Stachel zu nehmen: Einmal durch die Verklärung der Nacktheit zu einem Zustand der Natürlichkeit, der selbst erotisch unschuldig ist; und zum anderen durch die gleichsam wissenschaftliche Inszenierung von Nacktheit als Resultat eines medizinischen Blicks auf den Menschen. Dieser objektive Blick auf eine als natürlich deklarierte Nacktheit manifestiert sich in der Kunst der Moderne vielleicht am ehesten in jenen Varianten der Aktfotografie, die vorgeben, nichts zu zeigen als das Naturhafte am Menschen. Manche dieser Fotos mögen allerdings noch immer gewagt erscheinen, etwa die Darstellung von sehr jungen Mädchen in allen Stadien ihres Reifungsprozesses. Dieser Eindruck verdankt sich einerseits einer neuen Prüderie, die nicht mehr Nacktheit an sich, wohl aber die Nacktheit von Minderjährigen tabuisieren möchte, und andererseits der Tatsache, dass Nacktheit jederzeit, unter Umgehung des Erotischen, in Pornographie umschlagen kann – es genügt dazu oft nur eine wenig veränderte Perspektive. Nicht zuletzt ist dafür die Befindlichkeit des Betrachters ausschlaggebend. Noch in den 50er Jahren erfuhren Jugendliche ihre ersten erotischen Verwirrungen mitunter beim Anblick anatomischer Darstellungen im Hauslexikon oder halbentblößter Brüste in den schlechten Reproduktionen klassischer Historienmalerei. Solches Vibrieren der Sinne angesichts völlig harmlos erscheinender Bildwerke ist freilich im Zeitalter der Internet-Pornographie verschwunden. Und dennoch: alles Übermaß an Nacktheit in den modernen Medien und ihren Öffentlichkeiten vermochte nicht, den Reiz, das Versprechen und die Provokation von Nacktheit, erscheint sie nur am richtigen Ort, vollends zu brechen.

 

In der europäischen Tradition symbolisierte vor allem der junge nackte Körper eine für die Kunst selbst entscheidende Dimension: Schönheit. Dazu allerdings war die Formung dieses Körpers Voraussetzung. Es war nicht die natürliche Nacktheit, sondern eine idealisierte, die den menschlichen Körper zum Inbegriff des Schönen, damit aber auch zum Modell des Begehrenswerten avancieren ließ. Seit der Antike und ihrer Wiederentdeckung in der Renaissance kennt die europäische Kunst die Möglichkeit, den nackten Körper so festzuhalten, dass er zu einer skulpturalen Form findet, die alle Erotik in die Kraft der ästhetischen Gestaltung legt. Der Körper im Zustand der sexuellen Erregung - in der Antike kein seltenes Sujet - wurde hingegen selten als schön empfunden. Es ist die Formung selbst, die am nackten Körper, der nichts zu verbergen hat, doch etwas verbirgt, die ein Versprechen andeutet, obwohl schon alles gesagt scheint.

 

Wenig verwunderlich, dass der Zusammenhang von Nacktheit, Schönheit und Begehren von allen Anfang an auch den Diskurs über die Erotik strukturierte. In einer Initialschrift des europäischen Denkens, zu der jede Reflexion des Eros zurückkehren muss, in Platons Symposion, finden sich die dafür entscheidenden Formulierungen und Metaphern. Die bei diesem legendären Athener Trinkgelage vorgetragenen Lobreden auf Gott Eros demonstrieren nicht nur die unterschiedlichen Erscheinungsformen und Ambivalenzen der sinnlichen Liebe, sondern stellen auch in der Schlussrede des Sokrates jenen Zusammenhang zwischen Erkennen, Begehren und Schönheit her, der seitdem jede Reflexion über Erotik grundiert. Aus gutem Grund folgt die Rede des Sokrates auf die mitreißende Ansprache des Aristophanes, der Eros durch einen Mythos illustriert hatte, der seitdem immer wieder zur Charakterisierung des Begehrens zitiert wird. Von Anfang an, so erzählt Aristophanes, gab es drei Geschlechter: Männer, von der Sonne stammend, Frauen, von der Erde stammend, und gemischte, zwittrige Wesen, vom Mond stammend, weil dieser an Erde und Sonne teilhat. Diese Menschen waren kugelrund, sie hatten vier Hände und Füße und entweder zwei weibliche, zwei männliche oder ein weibliches und ein männliches Geschlechtsorgan. Sie waren stark und klug und forderten in ihrer Hybris die Götter heraus. Zeus beschloss zur Strafe, sie zu zerteilen. Sie wurden halbiert. Jede Hälfte war getrennt von ihrer anderen Hälfte und suchte sie nun sehnsüchtig. Diese Sehnsucht ist Eros, das Begehren desjenigen, ohne den man unvollständig ist.

 

Eine bis heute aktuelle Pointe dieses Kunstmythos ist, dass es drei natürliche Möglichkeiten der geschlechtlichen Liebe gibt. Die ehemals Zweigeschlechtlichen suchen nun das andere Geschlecht: das heterosexuelle Mann-Frau-Verhältnis; diejenigen, die vorher Frau gewesen waren, suchen ihre weibliche Hälfte: die Lesbierinnen; die aber, die vorher Mann gewesen waren, suchen ebenfalls ihre gleichgeschlechtliche Hälfte, einen anderen Mann oder Jüngling: es sind die Homosexuellen. Das Entscheidende an der Erzählung des Aristophanes ist allerdings, dass das Erotische als Ausdruck eines existentiellen Unvollständigkeitsgefühls gedeutet wird: Den Menschen fehlt etwas, und das erotische Begehren ist die Suche nach jenem Teil, der aus verstümmelten Einzelnen und Einsamen wieder ganze Menschen machen wird. Diesem Kapitel des Symposions verdankt das Abendland die Vorstellung, dass die erotische Liebe nach einer Ergänzung sucht, dass der Mensch erst als Paar zu seiner wahren Existenzform findet und dass der Mangel am Anderen zu einem unbefriedigenden Leben führen muß. Es ist dies ein Gedanke, der sich bis in die gegenwärtigen psychotherapeutischen Leitideen fortsetzt.

 

Nach Aristophanes spricht Sokrates. Er erzählt von seiner Belehrung in eroticis durch die Priesterin Diotima. Sie hatte ihn in jungen Jahren das Wesen des Eros eröffnet: Eros, so ihr Postulat, ist das Begehren des Schönen. Eros, der Gott, der Dämon, ist selbst jedoch nicht schön. Wer liebt, wer begehrt, dem fehlt offensichtlich etwas. Eros ist tatsächlich defizitär, Indikator eines Mangels - aber eines Mangels an Schönheit. Eros, so Diotima mit einer berühmten Formulierung, ist "der Liebesdrang zum Zeugen und Hervorbringen im Schönen, dem Körper wie der Seele nach".[7] Nirgendwo ist die Verschwisterung von Kunst und Eros deutlicher grundgelegt als in dieser Formulierung. Denn des Erotische ist ein schöpferischer Akt, er unterscheidet sich von der reinen Produktion und Reproduktion, die als Naturvorgang aufgefasst werden könnte, durch den Willen zum Schönen. Eros meint nicht nur das Begehren des Schönen, sondern auch das Begehren, Schönes hervorzubringen. In diesem Sinne ist Kunst, ist das Schöpferische nicht – wie es zwei Jahrtausende später Sigmund Freuds Psychoanalyse wollte – sublimierte Erotik, sondern Erotik par excellence. Unwiderstehlich deshalb bis heute die Aura, die von Menschen ausgeht, denen künstlerische Schaffenskraft, Kreativität nachgesagt wird. Erotisch ist Kunst nicht nur, wenn ihr ein eindeutiges Sujet zugrunde liegt, sondern auch dann, wenn an ihr nicht mehr ablesbar ist als ein Wille zur Kreation, zur Form, zum – im weitesten Sinn – Schönen.

 

Dann zeigt die Priesterin, dass dieses umfassende Begehren des Schönen auch eine ganz andere Dimension des Eros eröffnet als die rein sinnliche Ebene, nämlich die allmähliche Näherung an das Wesen der Schönheit selbst, an ihre Idee, an das "Urschöne": "Den dies ist der rechte Weg, zur Sphäre des Eros zu gelangen: dass man, bei den vielerlei Schönen hier beginnend, um jenes Schönen willen immer weiter emporsteigt wie auf Stufen - von einem schönen Leib zu zweien und von zweien zu allen schönen Leibern, von den schönen Leibern zu den schönen Handlungen, und von den Handlungen zu den schönen Erkenntnissen, bis man von den Erkenntnissen endlich zu jener Erkenntnis gelangt, die keine andere ist als die Erkenntnis jenes Schönen selbst, und man am Ende gewahr werde, was das Schöne an sich ist."[8]

 

Die viel zitierte platonische Liebe erweist sich so als raffiniertes epistemologisches Programm, das sich das sinnliches Begehren, die Suche nach Lust, zunutze macht, um mit dieser über sie hinaus zur wahren Erkenntnis des Schönen, und damit auch zur Erkenntnis des Wahren und des Guten zu gelangen. Im Schönen fallen Ethik und Erkenntnis zusammen. Und eine besondere Pointe dieser Konzeption liegt darin, dass Sokrates, der körperlich hässliche Philosoph, dem das Wesen des Eros gelehrt worden war, durch dieses Wissen zum eigentlich Begehrenswerten wird. Solches mag bis heute ein Trost für all jene sein, denen die unmittelbare Schönheit des Körpers verwehrt bleibt und die deshalb ihre Attraktivität durch die Hervorbringung einer das Körperliche übersteigenden inneren Schönheit zu kompensieren suchen. Was für Künstler allemal ein tragfähiges Konzept sein mag, um als Objekt des Begehrens in Erscheinung treten zu können, weil das Schöpferische selbst erotisch ist, erweist sich im Alltag allerdings nach wie vor als Illusion. Die innere Schönheit, die Kraft der Kreativität, der Wille zur Form und zum Schein sind nichts, was sich so einfach erwerben ließe wie ein perfektes Make-up, und die rezenten Methoden zur Modellierung der Körper, von den Hungerkuren über die Trainingsprogramme bis zur Schönheitschirurgie, zeigen, dass am platonischen Konzept des Eros sich vor allem dessen Ausgangsbedingungen bewährt haben: Es sind die schönen Körper, die wir begehren, und erotische Kunst war und ist deshalb aus gutem Grund in erster Linie Darstellung, Inszenierung, aber auch Zerstörung unserer Körperphantasien.

 

Immerhin: Mit Platons Programm teilt die Kunst nicht nur die Lust am Schönen, sondern auch die an der Erkenntnis. Gerade dort, wo das Erotische, wo nackte Körper, wo Sinnlichkeit und Sex ins Bild gesetzt werden, geht es oft nicht nur um eine Huldigung des Eros, sondern um mitunter schmerzhafte Erkenntnis- und Reflexionsprozesse. Dazu gehört die Thematisierung entfremdeter Sexualität ebenso wie die Darstellung ausgebeuteter und geschundener Körper, dazu gehört vor allem die schockhafte Evokation des Zusammenhangs von Sexualität und Gewalt. Man muss vielleicht nicht soweit gehen wie George Bataille, der das Erotische in einem ursprünglichen Sinn dem Krieg, der Gewalt und dem Tode verschwistert sah, aber nicht nur der erotische Blick, der im Anderen das Objekt seines Begehrens sieht, sondern im Begehren selbst steckt das Potential einer Gewalttätigkeit, ein bedingungsloser, verzehrender und selbstverzehrender Anspruch auf den Anderen, der nicht nur in der Kunst der Romantik als Ausdruck ekstatischer Leidenschaftlichkeit gewertet wurde.

 

Heinrich von Kleists Penthesilea, die zwischen Bissen und Küssen nicht mehr zu unterscheiden weiß, initiierte am Beginn des 19. Jahrhunderts eine Neuberwertung dessen, was man die Liebe nannte: Es handelt sich dabei um den Krieg der Geschlechter. "Ist eine Umarmung ein Kampf?" - Sören Kierkegaard lässt in seinem skandalumwitterten Tagebuch des Verführers seinen zynischen Protagonisten solches einmal fragen,[9] und vor allem durch Friedrich Nietzsche wurde die Gleichung von Erotik und Geschlechterkampf ins philosophische Bewusstsein gehoben. Die einzige Definition von Liebe, die Nietzsche eines Philosophen für würdig erachtete, lautet: "Liebe: in ihren Mitteln der Krieg, in ihrem Grunde der Todhass der Geschlechter."[10] Nietzsche fand diese Auffassung in Bizets Carmen ebenso bestätigt wie in den Dramen von August Strindberg, und die Metapher vom Krieg der Geschlechter, der die erotische Begegnung nicht konterkariere, sondern definiere, durchzieht nicht nur die Literatur des Fin de Siècle, sondern hat ihre Spuren auch in der Musik und bildenden Kunst hinterlassen.

 

Solche Bedingungslosigkeit im Begehren rückte das Erotische allerdings nicht nur in die Nähe von Gewalt und Tod, sondern auch in die Nähe des Heiligen. Seit der Antike gilt der Liebeswahn als göttlich, und die Konstellationen der Leidenschaft erinnern nicht nur in ihrer Sprache und Metaphorik auch an die Ausdrucksweise der Religionen. Von Opfer in mannigfacher Hinsicht kann dabei die Rede sein, von Qual und Erlösung, von Hingabe und Unterwerfung, von Ekstase und Verzückung. So wie das Heilige ist auch das Erotische in seiner letzten Konsequenz nicht von dieser Welt, es liegt jenseits des Profanen, wird als Grenzerfahrung, als "Überschreitung", wie George Bataille schreibt, gleichermaßen verehrt wie bekämpft. Nicht zuletzt aber sind die es reglementierenden Verbote, die die Religionen, das Christentum vor allem, und die säkulare Moral über den Sexus verhängten, die eine spezifische Form der Sinnlichkeit überhaupt erst ermöglichten. Wenn Sören Kierkegaard, der vielleicht größte Erotomane unter den religiösen Denkern der Moderne, einmal bemerkt, dass die Sinnlichkeit überhaupt erst durch das Christentum in die Welt gekommen ist, so hat dies insofern seine Berechtigung, als nichts dem Reiz gleichkommt, den ein Verbot darstellt, und nichts der Lust gleicht, die die Überschreitung eines Verbotes verschafft. Die Überschreitung ist deshalb nach Bataille nicht die Negation eines Verbots, sondern seine Vervollständigung. Dort, wo die Verbote und Tabus fallen, stellt sich vielleicht phasenweise eine sexuelle Freizügigkeit ein, es entsteht ein geschäftiges Treiben vermeintlich aufgeklärter Zeitgenossen, die jede Form des Sex aus dem Internet kennen und in ihren Talkshows tabulos über alles plaudern können, aber der erotische Reiz ist dahin, und die sexuelle Gier sucht verzweifelt nach den letzten Verbotszonen, um sich noch einmal einen Kick zu verschaffen.

 

Natürlich ist dies kein Plädoyer für eine repressive Sexualmoral, wohl aber für die Einsicht, dass das Erotische als eine Form der Grenzüberschreitung nur dort erlebbar sein kann, wo es Grenzen gibt. Dies gilt nicht zuletzt für eine Kunst, die solche Überschreitungen auch nur dort inszenieren kann, wo es ein Bewusstsein von Regeln gibt, die dafür außer Kraft gesetzt werden müssen. Erotische Kunst war so immer auch ein Indikator dafür, nach welchen Regeln und unter welchen Bedingungen dieses ständige Wechselspiel von Grenzziehung und Grenzüberschreitung vonstatten gehen kann. An den Sujets, Formen und Sprachen der erotischen Kunst lässt sich so nicht nur einiges über die Formen und Verirrungen des Begehrens, sondern auch immer etwas über die Dialektik des Verbotes erfahren.

 

Wie aber Verbote, explizite oder implizite, transzendieren? Es gibt einer Form der Überschreitung und Übertretung, die man  geradezu paradigmatisch für den Eros nennen könnte: die Verführung. Nicht der Zwang, nicht die Gewalt, nicht die Überredung macht letztlich das Erotische aus, auch nicht das Einverständnis, das Abkommen oder gar der Partnerschaftsvertrag, sondern jene Strategie des Begehrens, die ein widerstrebendes Objekt dazu bringt, offenbar gegen seinen Willen den Widerstand aufzugeben. Verletzt wird damit eine fundamentale Regel: dass der Wille des Anderen zu respektieren sei. Nicht der galante Liebhaber – Casanova -, schon gar nicht die geprüften, letztlich aber glücklichen Eheleute – Tamino oder Fidelio -, aber auch nicht der bis zum selbstzerstörerischen Wahnsinn Liebende – Werther oder Tristan - wurden in der europäischen Kultur zum Inbegriff des Erotischen, sondern der Verführer: Don Juan. In seinem philosophisch-erotischen Roman Entweder-Oder hat Sören Kierkegaard deshalb am Beispiel von Mozarts Don Giovanni die Verführung als die eigentliche erotische Tätigkeit beschrieben und in all ihren Nuancen ausgeleuchtet.[11] Die Verführung - und das macht das Anstößige an dieser Erscheinungsform des Erotischen bis heute aus - hat ein Gefälle, eine unhintergehbare Differenz zwischen ihren Protagonisten zur Voraussetzung: Einer ist überlegen. Aber: wer einem Verführer unterliegt, wird nicht nur zum Opfer einer überpräsenten Sinnlichkeit oder raffiniert ausgelegter Fallstricke, sondern auch zum Opfer seiner selbst. Die großen Verführer und Verführerinnen nicht nur der Welt- und Opernliteratur faszinieren nicht zuletzt deshalb, weil für die Verführten die Verführung immer auch eine Verführung zu sich selbst bedeutet. Alle Verführung und alles Verführerische enthält dieses reflexive Moment, das noch einmal den Zusammenhang von Eros und Erkenntnis demonstriert. Die Verlockung aller Verführungskunst besteht im Anbieten einer Möglichkeit, die ohne diese Künste nicht hätte wahrgenommen werden können. Es gibt in der Tat nichts, das den Eros besser kennzeichnen würde, als dieses Spiel mit bislang verborgenen Möglichkeiten des Begehrens.

 

Erotik ist deshalb auch das Gegenteil einer symmetrischen Beziehung, in der die Karten offen auf dem Tisch liegen und die Befriedigung von Bedürfnissen nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage gewährleistet ist. Immanuel Kants klassische Definition der Ehe als Vertrag zum wechselseitigen Gebrauch der Geschlechtswerkzeuge[12] entspricht zwar einem Rationalisierungskonzept, das auch die Sexualität als verhandelbaren Gegenstand vernünftiger Subjekte auffasst, lässt aber jede erotische Konnotation vermissen. Auch das moderne Ideal, das Sexualität in einer erweiterten Fassung der Kantischen Definition als das bestimmt, was erwachsene Menschen freiwillig mit ihren Körpern wechselseitig anzustellen gedenken, gehorcht einem nüchternen Kalkül, das all jene Erotik ausblenden muss, die ihre Faszination und mitunter zerstörerische Kraft aus der Verletzung eben jenes bürgerlichen Partnerschaftsideals gewinnt. Und dass, wie jüngst festgestellt, auch Kontakte, die über Partnervermittlungsbörsen im Internet zustande kommen, die das Feld möglicher Beziehungen ausschließlich nach den Gesetzen des Marktes definieren, auf dem Menschen ihre Vorzüge anpreisen und ihre Vorstellungen vom anderen eindeutig formulieren können, in der Realität der ersten Begegnung dann oft jedes erotische Flair vermissen lassen,[13] deutet an, dass das Erotische sich gerade nicht am Modell der reinen Tauschbeziehung orientiert. Die Erotik liebt asymmetrische Verhältnisse, sie liebt die Ungleichheit der Menschen, die Differenz und das Überraschende. Der Erotik haftet in der Tat etwas Vorbürgerliches an. Gegenwärtig sind es dann auch weniger gesellschaftliche Tabus oder moralische Normen, die das Erotische zensurieren als vielmehr der Wille zur Eindeutigkeit, zur unverblümten Thematisierung, zum schlichten Aussprechen auch noch der intimsten Details.

 

Keine Erotik ohne Verführung also, und keine Verführung ohne Erotik. Erotik ist das Spiel mit der Möglichkeit, dass der sinnliche Leib mehr und anderes weiß und will als der Geist, die Vernunft und die Moral. Das Entgrenzende und das alle Schranken der Konvention Überschreitende ist dem Erotischen deshalb eingeschrieben, auch wenn es, auch in der Kunst, selbst konventionalisiert erscheinen muss. Dass für Kierkegaard die unmittelbare Sinnlichkeit des Erotischen allerdings nicht mehr in der Lebenswelt, sondern überhaupt nur mehr in der Kunst, genauer: in der Musik Mozarts in Erscheinung treten konnte, sagt Entscheidendes über den Eros selbst aus: Er bedarf, gerade dort, wo er sich feiert, der ästhetischen Vermittlung. Lou Andreas-Salomés These von der Blutsverwandtschaft zwischen Kunst und Erotik ist hier vorformuliert: Das Erotische kann überhaupt erst in der Kunst einen ihm gemäßen Ausdruck finden.

 

Kierkegaard gelangt so zu einer entscheidenden Einsicht in das Verhältnis von Geist und Erotik, die mutatis mutandis auch für die Kunst gilt. In seiner Studie über den Begriff Angst fragte der dänische Philosoph sich einmal, warum beim erotischen Akt immer ein Anflug von Angst und Scham dabei sein wird, und er antwortete: "Weil der Geist auf dem Gipfelpunkt des Erotischen nicht mit dabei sein kann. Wohl ist der Geist zugegen; [...] aber er kann sich im Erotischen nicht ausdrücken, er fühlt sich fremd. Er sagt gleichsam zum Erotischen: Lieber! Hier kann ich der Dritte nicht sein, darum will ich mich solange verstecken. Dies aber ist die Angst und die Scham."[14] Die Faszination des Erotischen und die Faszination aller erotischen Kunst hat mit dieser Angstlust zu tun: Mit der die Erfahrung, dass man gerade angesichts des Schönen, Begehrenswerten und Lustversprechenden sich selbst ein Fremder werden kann - eine Erfahrung, vor der auch die rationale Durchdringung des Erotischen in einem nüchtern gewordenen Zeitalter nicht wirklich schützen kann.

 

 



[1] Lou Andreas-Salomé: Die Erotik. Frankfurt/Main: 1985, S. 104

[2] Robin Baker: Sex im 21. Jahrhundert. Der Urtrieb und die moderne Technik. München 2000, S. 194f.

[3] Günther Anders: Lieben gestern. Notizen zur Geschichte des Fühlens. München 1986, S. 116

[4] Georges Bataille: Die Erotik. (L'érotisme). München 1994, S. 13f.

[5] Bataille, Erotik, S. 191

[6] Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung I/1. Frankfurt/Main 1986, S. 295

[7]  Platon, Das Trinkgelage. Über den Eros. Übertragen von Ute Schmidt-Berger. Frankfurt/Main 1985, S.73f.

[8]  Platon, Das Trinkgelage, S. 82

[9] Sören Kierkegaard: Entweder-Oder. München 1998, S. 490

[10] Friedrich Nietzsche: Der Fall Wagner. KSA 6, S. 15

[11] Konrad Paul Liessmann: Ästhetik der Verführung. Kierkegaards Konstruktion der Erotik aus dem Geiste der Kunst. Wien 2005

[12] Immanuel Kant: Metaphysik der Sitten, § 24. Frankfurt/Main 1979, S. 389f.

[13] Eva Illouz: Gefühle in Zeiten des Kapitalismus. Frankfurt/Main 2006, S. 132

[14]  Sören Kierkegaard: Der Begriff Angst. Gütersloh 1979, S. 72

 

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