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Bernhard Nußbaumer

Geschichte im Brennpunkt

Paul Esterházy 1901 – 1989
Ein Leben im Zeitalter der Extreme
Herausgegeben von Stefan August Lütgenau
Innsbruck/Wien/Bozen, 2005, StudienVerlag

 

 

Eine faktenorientierte Aufbereitung historischer Ereignisse eignet sich gewöhnlich eher als Forschungsquelle und Nachschlagewerk und weniger als „Lesebuch“. Dass in der vorliegenden Sammlung sich das eine – wissenschaftlich fundiertes Arbeiten – mit dem anderen sinnvollerweise verbindet, ist das Verdienst des Herausgebers Stefan Lütgenau, der die Anordnung und Ausrichtung der Aufsätze rund um das Leben des ungarisch-österreichischen Adeligen Pál (Paul) Esterházy (1901 – 1989) betreut hat.

Exemplarische Lebensabschnitte und Episoden bestimmen den Umriss der Forschungsarbeit; die dreißiger Jahre, Nationalsozialismus und II. Weltkrieg, die kommunistische Machtergreifung in Ungarn ab 1948 sind dabei die äußeren Eckpunkte, und es wäre wohl verwunderlich, wenn eine Persönlichkeit von der Bedeutung Fürst Esterházys vom Spiel der Zeitläufe verschont geblieben wäre, selbst wenn er – wie in den Beiträgen mehrfach durchklingt – sich weder direkt noch indirekt um eine tragende gesellschaftliche Rolle bemüht hat. An das Geschlecht der Esterházy knüpften offensichtlich zu allen Zeiten Vertreter aller möglichen gesellschaftlichen Kräfte eine Menge Phantasien, die wohl ursächlich mit dessen Verwaltungshoheit über einen riesigen Familienbesitz in Ungarn und im heutigen Burgenland zusammenhängen.

 

Der Aufsatz von László Karsai beschreibt die Versuche der Familie Esterházy, ungarische Juden vor der Verfolgung ungarischer Nazikollaborateure, vor allem der so genannten „Pfeilkreuzler“, seit der Besetzung Ungarns durch die deutsche Wehrmacht im Jahr 1944, zu schützen. Mit einer für die damalige Zeit beispiellosen Geldsumme legte Fürst Esterházy den Grundstein für eine Stiftung zur Rettung jüdischer Kinder. Ein anderer Beitrag (von Peter Haber) behandelt die Unterstützung der schweizerischen Gesandtschaft in Budapest, die sich ebenfalls um die Ausreise von Juden aus Ungarn bemühte, durch die Esterházys.

Das Herzstück des Werkes zeichnet die Prozessgeschichte des kommunistischen Nachkriegsregimes in Ungarn gegen Paul Esterházy nach. 1949 wurde der Adelige zusammen mit dem Fürstprimas von Ungarn, Kardinal József Mindszenty, und anderen Vertretern der konservativen, katholischen Elite des Landes in einem stalinistischen Schauprozess wegen nichtiger Vergehen („Besitz ausländischer Devisen“) zu völligem Vermögensfall (!) sowie 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Im letzten Aufsatz beschäftigt sich Herausgeber Lütgenau mit dem „Gerangel“ um den Esterházyschen Besitzes in Österreich nach 1945: sowjetische Zwangsverwaltung, ungarische Ansprüche sowie zahlreiche Zugriffsversuche der burgenländischen SPÖ werfen ein bezeichnendes Bild auch auf Amtsanmaßungen und Rechtsbrüche in nichtkommunistischen, westlichen Staatsordnungen.

 

Was kann die Aufrollung eines exemplarischen Einzelfalles, und sei es auch anhand der Person eines ehemaligen Fürsten, größten Einzelbesitzers in Ungarn, Angehörigen des europäischen Großadels und Vorsitzenden des esterházyschen „Fideikomisses“ (Gutsverwaltung), an historischer Wahrheit bringen? Da ist einmal das von Herausgeber Lütgenau ins Feld geführte „Archetypen“-Argument: in der Esterházy-Biografie versammelt sich wie in einem Brennpunkt die Jahrhundertmitte des 19. Jahrhunderts, das „Age of Extremes“: die politischen Umbrüche nach dem Ersten Weltkrieg, die Verbrechen extremistischer Ideologien, die Grausamkeiten des Zweiten Weltkrieges, der Völkermord an den Juden, die Erfahrung von Stalinismus und kommunistischer Diktatur – alle diese Ereignisse hat Fürst Esterházy am eigenen Leib, als Stellvertreter einer zu Ende gegangenen Epoche sozusagen, miterlebt und mit erlitten.

Dazu kommt, und das ist der wissenschaftlich-distanzierten Art der Faktendokumentation im vorliegenden Band zu verdanken, dass hinter den Ereignissen Strukturen historischer Wirksamkeiten sichtbar werden. Die Darstellung eines kommunistischen Verfahrens mit Verhaftung, Folter, Schauprozess, Verurteilung ist in Jenö Gergelys Beitrag („Fürst Pál Esterházy im Mindszenty-Prozess“, St. 85-133) ebenso eindrücklich dargestellt wie in Aleksander Solschenyzins furchtbarem Bericht „Archipel Gulag“ oder dem Securitate-Roman „Rote Handschuhe“ des siebenbürgischen Pfarrers und Schriftstellers Eginald Schlattner. Mit dem Unterschied, dass Gergely praktisch ausschließlich aus den Prozessakten zitiert und dadurch die Pseudolegalität der Prozedur sich selbst entlarvt.

Aber auch Lütgenaus abschließende Darstellung unzähliger Zugriffsversuche der burgenländischen Politik nach 1945 auf die in Österreich befindlichen Esterházy-Besitzungen wirft nicht nur ein deutliches Schlaglicht auf die Nachkriegssituation insgesamt, sondern bildet ein geradezu beängstigendes Lehrstück in Sachen unrechtmäßiger Forderung und Vorteilnahme von öffentlichen Instanzen zu Lasten einer – vermögenden – Privatperson, die aufgrund äußerer Umstände in die Situation gerät, die eigenen Interessen nicht mehr nachdrücklich wahrnehmen zu können.

Schon allein aus diesem Grund ist der Esterházy-Biografie breite Bekanntheit zu wünschen.

 

 

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