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Benno Hafeneger

Jugend und Gewalt
Benno Hafeneger , Univ Gießen, Soziologe
Informationsstelle der Zeitschrift „Wissenschaft & Frieden“

 

 

Vorspann

 

 

Die aktuelle Jugenddebatte wird von einem Thema dominiert: der Gewalt von und unter Jugendlichen. Politik, Schule und Jugendarbeit, die sozialwissenschaftliche und pädagogische Jugendforschung befassen s ich mit keinem Thema so intensiv, wie mit diesen »neuen« Verhaltensweisen unter Jugendlichen. Dabei sind zwei Entwicklungen und Diskurse zu unterscheiden: einmal die »Alltagsgewalt« in Schulen, Einrichtungen der Jugendarbeit, im alltäglichen Umgang; dann die politisch stimulierte »rechtsextreme Gewalt« von Jugendcliquen, Skin-Heads, rechtsextremen Gruppen und Hooligans.

 

Beide Entwicklungen sind Indikatoren und zeigen seismographisch komplexe und komplizierte Gesellschaftliche Umbruch- und Krisenentwicklungen an, von denen insbesondere Jugendliche betroffen sind. Gewaltformen und gewaltförmige Verhaltensweisen verweisen auf die innere Struktur, auf die inneren Verhältnisse einer Gesellschaft, sie sind eine mögliche Interaktionsform von Jugendlichen mit der Gesellschaft, eine mögliche Antwort, Reaktion auf alltägliche, zugemutete, unbegriffene und demütigende Erfahrungen. Die Ursachen und Begründungen für solche Entwicklungen liegen folglich »im Zentrum« der Gesellschaft, in ihrer Verfasstheit, ihren Strukturen, Prozessen und ungelösten Problemen.

 

 

Differenzierung tut Not!

 

Wenn über »Jugend und Gewalt« geredet wird, gilt es zunächst zu fragen, zu klären und zu differenzieren:

 

1. Über welche Gewalt wir reden? – Über ungerichtete (eher noch unbegriffene) Gewalt von Cliquen (sog. Gangs, Banden), die derzeit in Metropolen durch »Überfälle, Diebstähle, Bedrohungen« auf sich aufmerksam machen; über instrumentelle, zielgerichtete Gewalt von Hooligans und Skin-Heads, rechtsextremen Gruppen, die ihre (diffusen) fremdenfeindlichen und rassistischen Mentalitäten in gewaltförmige Praxis umsetzen; über strukturelle Gewalterfahrungen von Jugendlichen (Armut, Ausgrenzung) und ihren Umgang mit dieser Realität.

 

2. Über welche Jugendliche wir reden? – Über männliche und/oder weibliche Jugendliche; derzeit konzentriert sich die Auseinandersetzung auf männliche Jugendliche; über deutsche und/oder ausländische Jugendliche, derzeit geht es um deutsche, ethnische und multiethnische männliche Jugendliche; über jüngere oder ältere Jugendliche, derzeit scheinen die 14 bis 18-jährigen zu dominieren.

 

3. Was wissen wir über die männlichen Jugendlichen? – Wir wissen kaum was Genaues, Gesichertes über die sozialen Erfahrungen und die Lebenssituationen der Jugendlichen; den Ablösungsprozeß der Jugendlichen der zweiten Migrantengeneration; über Einstiegs- und Gruppenbildungsprozesse; über subjektive Motive und Deutungen; über Treffen und Gesellungsformen, Bewegungsformen (Mobilität) und Aufenthaltsorte.

 

4. Was haben Politik und Öffentlichkeit (Medien) für – unterscheidbare – ordnungs-, sozialpolitische und pädagogische Motive und Interessen, dieses Thema in den Mittelpunkt der »Jugenddiskussion« zu rücken? – Erkennbar sind disparate Hinweise: Beschreibung von bedrohlichen Entwicklungen und die Sicherheitsbedürfnisse der »Normalbevölkerung«; Erfahrungen von Betroffenen, von Eltern, Lehrerlnnen, Mitarbeiterlnnen in der Jugendhilfe; Image von Kommunen, parteipolitisches Kalkül und schnelle Befriedigungs(Kontroll)- interessen; Nachdenken über Lebenssituationen und Perspektiven von Jugendlichen.

 

 

Bedeutung von Gewalt für Jugendliche – Hinweise zur Klärung

 

Zunächst lassen sich aktuell – mit aller Vorläufigkeit – vier Tendenzen erkennen, die die öffentliche Diskussion stimulieren: zahlenmäßige Zunahme von gewaltförmigem Verhalten; Verjüngung im Gewaltverhalten, die Hinweise konzentrieren sich auf Grundschulen und die 14 bis 18-jährigen; neu ist, daß nicht mehr »nur« Randgruppen mit einschätzbaren (politischen) Interessen gewaltförmig agieren, sondern Gewalterfahrungen die »Normalgesellschaft (Normaljugendlichen)« erreichen; Veränderungen von Tabuzonen und Hemmschwellen (brutaler, rücksichtloser, unkontrollierter) bei den unterschiedlichsten Formen von (verbaler, angedrohter, physischer) Gewalt.

 

Will man sich verstehend und erklärend (nicht akzeptierend und verharmlosend) dem Thema nähern, gilt es historisch und analytisch einige Aspekte zu unterscheiden; dies sind Grundlagen für Überlegungen zu möglichen begrenzten – Handlungsstrategien auch in der Jugendarbeit.

 

1. Mit einem historischen Verweis und mit Blick auf die Jugend- und Jugendarbeitsgeschichte ist Gewalt kein neues Thema in der Jugendhilfe/arbeit; sie läßt sich rekonstruieren von der wilhelminischen Zeit bis heute, vom ersten preußischen Jugendpflegeerlaß bis zu den aktuellen Jugendschutzdebatten. Die Jugendpflege kann auch als eine Geschichte der Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang »Jugend und Gewalt« rekonstruiert werden. Stichworte in der Etikettierung von Jugendlichen waren bzw. sind u.a.: (Wilde) Cliquen, Halbstarke, Streetgangs, Banden. Immer geht es um »Auffälligkeit, Abweichung, Gefährdung, Kriminalität«, um die Straße und vermeintliche Sicherheit, um Verwahrlosung und Kriminalität – damit zusammenhängend geht es der Jugendpflege um den ezieherisch-integrativen (und auch repressiven) Einfluß von Erwachsenen bzw. der Gesellschaft auf Jugendliche. Immer oszilliert die Diskussion zwischen Pädagogik, Erziehung, Beeinflussung (gute Worte) auf der einen Seite und »law-and-order«, Repression und Ordnungspolitik auf der anderen Seite.

 

2. Jugendliche reagieren auf gesellschaftliche, ökonomisch-soziale Erfahrungen wie Armut, Ausgrenzung, Desintegration – aus der Opfersituation und Erfahrungen sozialer Kälte – auch mit Gewalt; gesellschaftlich strukturelle Gewalterfahrungen werden – als eine Möglichkeit im Interaktionsprozeß – gewaltförmig zurückgespiegelt. Der Gesellschaft wird der Spiegel (ihre eigenen Verhältnisse) vorgehalten.

 

3. Gewalt hat mit konkreten Erfahrungen des Scheiterns an gesellschaftlicher Realität (Schule, Familie, Beruf, soziale Bindungen, Orientierung etc.) zu tun. An den komplexen und auch undurchschaubaren Anforderungen an die »Jugendphase heute« – als Individualisierung, Auflösung von Milieus; Mobilität, Flexibilität u.a. vielfach beschrieben – scheitern viele Jugendliche. Diese Erfahrungen müssen aber subjektiv bewältigt werden. Gewaltförmige Befreiung ist dann ein möglicher und gesellschaftlich angebotener Weg, überhaupt wieder Handlungsfähigkeit und Realitätskontrolle herzustellen; er knüpft an individuelle Erfahrungen und gesellschaftliche Leitbilder wie „der Stärkere setzt sich durch“ an.

 

4. Aus der Rechtsextremismusforschung wissen wir, daß es bei der Frage nach Verarbeitungsweisen von »Aufwachsen/Jugend heute« zentral um drei Erfahrungen geht: um Ohnmachtserfahrungen (übermächtige Konkurrenz – Stärke und Gewalt als Befreiung), um Handlungsunsicherheiten (Erosionen von Normalbiographien, der Chronologisierung von Lebenslaufphasen, Bastelmentalität als biographischer Weg) und um Vereinzelungen (Auflösung von sozialen und kulturellen Milieus, Zugehörigkeiten, Nation, Natur/Kultur, Hautfarbe als letztes Angebot). Diese Erfahrungen von immer mehr Jugendlichen können- ideologisch mit Ungleichheitstheoremen untermauert – Anknüpfungspunkte und Einstiegsschleusen für gewaltförmiges Handeln sein.

 

5. Es geht in gruppenpädagogischer und mentalitätspsychologischer Perspektive um Abgrenzung »nach außen« und Vergewisserung »nach innen«. Biographische und cliquenbezogene Sozialisationserfahrungen (im Auseinandersetzungs- und Ablösungsprozeß vom Elternhaus, der Erwachsenenwelt) und um Vergewisserungsversuche von Identität, sozialer Zuordnung und rückgemeldetem Selbstwert (als Stärke, Mutproben, Kräftemessen, Spannung, Grenzen und Männlichkeit). Wenn die Jugendlichen von anderen pädagogischen, sportlichen, kulturellen, actionbezogenen Angeboten und Aktivitäten nicht erreicht werden bzw. diese nicht realisierbar sind, ist Gewalt im Gruppenzusammenhang möglicher vorübergehender oder sich auch verfestigender Bestandteil im Prozeß von Identitätsbildung, in dem Peer-Groups, informelle Gruppen und Cliquen einen bedeutsamen Beitrag leisten. Ungeklärt ist derzeit, warum sich aufgrund dieser Prozesse Gewaltphänomene ausbreiten. Vielleicht zeigen sich hier gesellschaftliche soziale Kälte, Desinteresse und Desintegration; Erfahrungen von Langeweile, sozial-räumliche Enge; fehlende (körperliche) Grenzerfahrungs- und Experimentiermöglichkeiten von Jugendlichen besondes deutlich.

 

6. Gewalt kann als eine Möglichkeit konkreter Aneignung von Realität (Geld, Konsum, Partizipation an werbevermittelten Jugendstandards, an Reichtum) verstanden werden; was eine reiche Gesellschaft armen Jugendlichen vorenthält, wird über diesen Weg (Überfälle, Diebstähle) angeeignet.

 

 

Quelle: Wissenschaft & Frieden, Zeitschrift für ….

 

Marburg

 

 

 

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