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Gegen Rechts
Stärkung von demokratischer Kultur

 

 

Herr Nothdurfter, würden Sie uns zunächst einmal, sozusagen zur Orientierung, einige Definitionsmerkmale rechtsextremer jugendlicher Subkulturen nennen?

 

Der Freiburger Professor Scherr ist der Meinung, dass der aktuelle Rechtsextremismus nicht als Wiederbelebung des historischen Nationalsozialismus verständlich ist, trotz aller Rückgriffe auf dessen Symbolik und Ideologie. „Vielmehr handelt es sich um ein spezifisches Deutungs- und Handlungsangebot im Kontext des krisenhaften Modernisierungsprozesses der Gegenwartsgesellschaft. Der ideologische Kern des aktuellen Rechtsextremismus besteht in der Vorstellung, Einwanderung bzw. Einwanderer seien die zentrale Ursache von Arbeitslosigkeit, der Krise des Sozialstaates sowie von Problemen der kollektiven Identitätsbestimmung.“

 

Rechtsextremes Denken richtet sich deshalb letztlich gegen die gesellschaftlichen Demokratisierungs-, Emanzipations- und Liberalisierungsprozesse, die sich seit dem Ende der sechziger Jahre entwickelt haben.

 

Skinheads sind auch bei uns nur in wenigen Fällen in gefestigte neonazistische Gruppierungen eingebunden. Sie handeln vorwiegend aus einer diffusen Fremdenfeindlichkeit heraus, ihre Gewaltbereitschaft muss auch aus der sozialen Randlage heraus begründet werden. So gesehen ist Gewalt auch als ein sichtbares Zeichen einer misslichen verstandenen Lage zu werten eingebettet in ein Selbstverständnis als militanter Underdog.

 

 

An welchen Fakten lässt sich das Gefahrenpotential rechtsextremer Gewalt in Südtirol festmachen?

 

Hard facts sind die Gründung als rechtextrem eingestufter Vereinigungen, die Bandenbildung, Gewalt gegen Einrichtungen der offenen Jugendarbeit, gegen einzelne Personen oder Personengruppen, die als Ausdruck freier Lebensstile wahrgenommen werden.

 

Etwas anderes sind in unterschiedlicher Form, mehr oder weniger offen geäußerten Einstellungen oder Meinungen MigrantInnen gegenüber. Diese latente „Ausländerfeindlichkeit“, die Lust zur Ausgrenzung oder Diffamierung von Menschen unterschiedlicher Weltanschauung, Hautfarbe oder Religion, diese versteckte rechte Grundhaltung bzw. das stillschweigende Einverständnis mit rechten Positionen machen mir mehr Sorgen. Dass es auch auf der linken Seite extreme Positionen gibt, ist dafür aber keine Entschuldigung.

 

„Erst das Weggucken der Gesellschaft macht es möglich, dass sich rechtsextreme Einstellungen etablieren. Deshalb haben wir alle Verantwortung“, findet Thomas Heppener Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Netzwerke gegen Rechtsextremismus, der auch Vorstandsvorsitzender des Anne Frank Zentrums in Berlin ist.

 

 

Aus welchen Gründen schließen sich Jugendliche solchen radikalen, zum Teil illegalen Gruppen an?  (gesellschaftliche, individuelle Motive)

Monokausale Erklärungen gibt es nicht. Es handelt sich um ein Bündel von Faktoren, wie ein subjektives Überforderungs-, Vernachlässigungs- oder Versagensgefühl, die das Angebot, sich qua "Deutsch-sein" oder "Weiß-sein" aufgewertet zu fühlen, annehmbar machen,  Jugendliche sind auf der Suche nach vermeintlicher Geborgenheit in Gruppen, oft hat es mit mangelnder Konfliktfähigkeit oder Lust an eigenen Machtgefühlen und Ohnmachtsgefühlen anderer zu tun, die Faszination durch bestimmte Formen von "Männlichkeit" (Stärke, Kampfbereitschaft etc.) spielt eine Rolle, Perspektiven- und Chancenlosigkeit der beruflichen Verwirklichung und/oder mangelnde Verarbeitungskompetenzen erlittener Entäuschungen zeigen Wirkung.  Auch verbreitete Ressentiments gegenüber als "fremd" oder "minderwertig" konstruierte Menschen(gruppen), an die rechtsextreme Propaganda anknüpfen kann, sind in unserem Land als Ursache feststellbar. Mangelnde Verankerung von demokratischen Prinzipien und mangelnder Respekt vor allen Mitmenschen ist ein Problem, auch Leistungs-, Konkurrenz- und Ungleichwertigkeitsideologien im neoliberalen Gewand, die Prinzipien wie Elite/Masse, "Selektion" und Missachtung der Menschenwürde gerechtfertigt erscheinen lassen sowie eine Migrations- und "Ausländer"politik, die das Vorenthalten von Partizipationsrechten, von Bewegungsfreiheit und von gleichen Versorgungsansprüchen sowie Ausgrenzung und Abschiebung legitimiert. Dass das "Hoffähigmachen" rechter Inhalte durch renommierte PolitikerInnen nicht eben förderlich ist, kommt auch noch dazu.

 

Wieweit handelt es sich bei den so genannten Neonazis um „politisch“ motivierte Täter, wieweit eher um Jugendliche, die soziale Tabus verletzen, bzw. auffallen wollen?

 

Was fasziniert Jugendliche an rechtsextremer Ideologie? Dazu stellte Prof. Eckart Osborg, von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg in einem Vortrag fest, dass „sie konkrete Feinde, auf die sich lebensgeschichtlich aufgestaute Gefühle von Hass, Wut und Rache übertragen lassen, bietet. Sie bietet eine eigene „Moral“ und ein eigenes Rechtsbewusstsein, in dem etwa Gewalt von Tätern und ihrer Gruppe als etwas Wertvolles, gut Vollbrachtes erlebt wird. Durch die Identifizierung als „Deutscher“ bietet sie ein kollektives Überlegenheitsgefühl, mit dem die Abwertung anderer Völker und ethnischer Gruppe einhergeht, sie ist damit Selbstwertersatz und „Sinngebung“ für das eigene Leben.“  Für ein größeres Ganzes zu leben („für Deutschland kämpfen“) vermittelt eine zumindest psychologische Teilhabe an Macht.

 

 

Welche sozialpolitischen, institutionellen Möglichkeiten sehen Sie grundsätzlich, das Phänomen zu entschärfen?

ich halte verschiedene Strategien, ja ein ganzen Strategienbündel für notwendig. Es muss auf unterschiedlichsten Ebenen angesetzt werden. Neben konkreten Aktivitäten braucht es eine allgemeine durchgängige Orientierung an bestimmten Prinzipien, die je nach Kontext von pädagogischer, politischer, "zivilgesellschaftlicher" Seite umzusetzen sind. Dr. Renate Bitzan, wissenschaftliche Assistentin an der Universität Göttingen nennt u.a. folgende Möglichkeiten bzw. Wege:

  • Förderung von "zivilen" Auseinandersetzungsfähigkeiten
  • Förderung von Einfühlungsvermögen und der Fähigkeit zum Perspektivwechsel als Grundprinzip sozialer Kompetenz
  • Förderung der Entfaltungschancen in kreativer, emotionaler und beruflicher Hinsicht
  • Stärkung nicht-rechter und interkulturell orientierter Jugendszenen durch materielle und öffentlich-argumentative Unterstützung ihrer Anliegen
  • alternative gerechtigkeitsorientierte Angebote lustvoller Freizeitgestaltung
  • Infragestellung von hierarchischen, ausgrenzenden, patriarchalen, rassistischen, ethnisierenden und konkurrenzhaften Positionen und Strukturen
  • Demonstrationen und Protestaktionen
  • "Aufklärungsarbeit" über rechtsextreme Akteurinnen und Akteure, Inhalte und Strategien
  • klare Distanz von sich als demokratisch verstehenden Parteien und Administrationen gegenüber rechtsextremen Kräften sowie Reflektion eigener Anteile an dementsprechenden Ideologien.

Kann man überhaupt  mit rechtsextremen Jugendlichen pädagogisch arbeiten, ist auch eine häufig gestellte Frage. Laut Prof. Hajo Funke von der Freien Universität Berlin wäre es absurd, nicht mehr mit ihnen zu arbeiten. Jugendarbeit sei ein guter Weg, um die rechtsextrem orientierten Jugendlichen zu erreichen, also die, die noch nicht gefestigte Rechtsextreme sind. Wichtig sie allerdings eine strikte Trennung zwischen Ideologie und Person. Die Ideologie müsse strikt abgelehnt, die  Person mit ihren Wünschen und Bedürfnissen aber demütigungsfrei anerkannt werden. Ziel ist es, die Jugendlichen aus den rechtsextremen Gruppierungen hinauszuführen.

 

Welchen Weg wird das Amt für Jugend in der Prävention rechtsextremistischer Tendenzen beschreiten?

Da kann ich auf den Jugendbericht 04 hinweisen: „Im Sinne des Koalitionsprogramms dieser Regierungsperiode soll der Jugend eine bestmögliche Beteiligung am gesellschaftspolitischen Leben ermöglicht werden. Deshalb sollen zeitgemäße Partizipationsmöglichkeiten  so gefördert werden, dass bei den Jugendlichen Interesse für die Gestaltung ihres Lebensumfeldes sowie für lokale und globale Zusammenhänge geweckt werden und dass ihre Bereitschaft für die Übernahme von Mitverantwortung gestärkt wird.“ Programme zur Stärkung von demokratischer Kultur werden deshalb verstärkt gefördert werden. Auch die verschiedenen von Frau Dr. Bitzan genannten Punkte werden vermehrt in die Diskussion mit JugendarbeiterInnen eingebracht werden, die dann Förderungen und vor allem Rückendeckung in der Umsetzung brauchen. Im Burggrafenamt soll das Projekt „streetwork & mobile Jugendarbeit“ auf den Weg gebracht werden. Da haben sich vor allem die Jugendzentren und Jugenddienste von Lana bis Naturns engagiert. Streetwork bzw. mobile Jugendarbeit bieten bedarfsgerechte Angebote für die Entwicklung von tragfähigen Zukunftsperspektiven an und versuchen die Lebenswelten Jugendlicher lebenswerter zu gestalten und/oder Alternativen aufzuzeigen, die eine verminderte Gefährdung im öffentlichen Raum ermöglichen sollen.

Am wichtigsten ist aber, dass es in Zukunft eine breite gemeinsame Plattform aller Bildungsbereiche „Gegen Rechts“ gibt, die es einmal ermöglicht, dass Wissen und Erfahrungen ausgetauscht werden, dass Programme aufeinander abgestimmt werden, so dass sie sich optimal ergänzen und die die Basis dafür legt, dass Maßnahmen gegen rechtsextreme Entwicklungen nicht als reines Jugendthema abgehandelt werden. Hier ist die gesamte Gesellschaft gefragt und gefordert. Auch im Sinne der Schaffung eines lokalen und globalen demokratischen Leitbildes, das alle Menschen einbindet. Der Mensch lebt nicht von Brot allein.

 

 

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