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Heimat-Kunde. 
Hans Pertings Roman „Im Sechsten Arm“

 

Vor 40 Jahren gab Martin Walser einem Sammelband seiner besten gesellschaftskritischen Essays den Titel „Heimatkunde“. Wohl, um ein damals belächeltes Wort – war „Heimatkunde“ als Schulfach nicht Inbegriff der politisch und pädagogisch rückständigen Nachkriegsgesellschaft? – in einer anderen Bedeutungsfacette zu präsentieren. Der Titel war zugleich eine Anspielung auf das Werk eines der größten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Kein geringerer als Ernst Bloch hat sein Leben lang versucht, „Heimat“ aus den gängigen ideologischen Bezügen zu befreien. Für ihn war sie nicht Blut-und-Boden-Sumpf, sondern U-Topos, „Nicht-Ort“: Kern des Utopischen als der Ort, an dem „noch nie jemand wirklich war“. Heimat und Utopie sind Geschwister. Eine Verwandtschaft, die seit Jahrzehnten von der kulturindustriellen Kitschproduktion inzestuös missbraucht wird. Und die – wer denkt nicht an die einschlägigen Filme und Bücher der 50er Jahre? – doch nur der Nachklang einer unvergleichlich schlimmeren politischen Vergewaltigung des Begriffs war. Bloch hatte schon in den 30er Jahren gefordert, Heimat nicht den mystischen Reden der damals aufkommenden Nazis zu überlassen, sondern sie für die Utopie einer befreiten Gesellschaft als Leitmotiv zu nutzen.

Hans Pertings Roman „Im Sechsten Arm“ kann man wie eine ästhetische Umsetzung dieser Forderung lesen. Es ist ein „Heimat-Roman“ im prononcierten Sinn: einer, der den Gründen ebenso wie den Abgründen dieses mixtum compositum nachgeht, indem er die formale und inhaltliche Spannung zwischen Tradition und Moderne selbst zum Gegenstand macht. Der Roman ist keine „Recherche du temps perdu“, sondern eine Suche nach dem Eigenem in dem, was wir oft vorschnell als das Vertraute begreifen. Erzählfolie ist die Geschichte des Johann Anton Glauber, der, als geborener Südtiroler, doch immer ein „Fremder im eigenen Land“ bleibt. Weil er als Jude mit dem Stempel des Außenseiters versehen ist. Glauber, im Roman 1920 geboren, wird in seiner Biographie, die ihn durch halb Italien und dessen politische Geschichte treibt, zum exemplarischen Protagonisten der wechselvollen Geschicke des Landes in dieser Zeit. Der Leser verfolgt Glaubers dramatische Lebensgeschichte, die ihn schließlich, unterm Faschismus, in den „Sechsten Arm“, den toten Trakt eines berüchtigten Römer Gefängnisses bringen wird, zugleich als Spiegel der Epoche. Atemlos.

Perting verdichtet das Schicksal seines Protagonisten in einer Vers-Epik, die ihr formales Vorbild in Homer und ihre epische Kraft aus einer Tradition des Erzählens gewonnen haben mag, die uns heute, wenn überhaupt, dann als unerwarteter Glücksfall familiärer mündlicher Überlieferung widerfährt. „Im Sechsten Arm“ erscheint mit dieser ungewöhnlichen Erzähltechnik auf den ersten Blick als ein un-, ja antimodernes Unterfangen. Der zweite Blick enthüllt seine ästhetische und politische Qualität: Pertings Epik produziert den erstaunlichen Effekt, dass man – hat man sich erst einmal ihrem Ton anvertraut – einen anderen, einen distanzierten Blick auf die kaum vergangene Geschichte des 20. Jahrhunderts werfen kann.

„Im Sechsten Arm“ ist ein durch und durch außergewöhnliches Buch. Spannend, zugleich überaus instruktiv, geschichtlich erhellend und psychologisch sensibel. Ein Buch zudem, das dazu taugt, in Schulen gelesen zu werden. Selten kann man soviel in so gelungener Form über die Geschichte Südtirols und seiner Bewohner erfahren wie hier. Tatsächlich: Heimat-Kunde. In höchster Qualität.

 

 

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