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Martin Droschke

 

Kito Lorenc (Hrsg.): Das Meer. Die Insel. Das Schiff. 
Sorbische Dichtung von den Anfängen bis zur Gegenwart. Geleitwort von Peter Handke, Nachwort von Christian Prunitsch. Heidelberg (Wunderhorn) 2004. 327 S., Euro 24,90

 

 

Tausend Jahre langt mühten sich Kaiser, Könige und Regierungen, sich die letzte verbliebene slawische Minderheit in Deutschland Untertan zu machen. Die Abwehr militärischer und diplomatischer Akte der kulturellen und sprachlichen Einverleibung prägt die Geschichte der Sorben und ihres Siedlungsgebietes, die Lausitz, das südliche Grenzgebiet der ehemaligen DDR zu Polen. Bis unter Honecker immer mehr Dörfer dem Braunkohlebergbau zum Opfer fielen und der Fall der deutsch-deutschen Grenze viele der Jungen ihr Glück in der Fremde suchen ließ, war die Verteidigung einer Identität tatsächlich gelungen. Es wundert also nicht, dass Peter Handke “das still und klar Widerständische” als “Hauptzug” in der sorbischen Dichtung ausmacht, die - für kleine Sprachvölker typisch – die Lyrik mehr schätzt als die Prosa.

“Das Meer. Die Insel. Das Schiff”, in das der österreichische Großautor slowenischer Herkunft kenntnis- und verständnisreich einführt, zieht einen repräsentativen Querschnitt von den ersten überlieferten sorbischen Volksliedern des 15. Jahrhundert bis zu aktuellen Autoren, die sich zu der mittlerweile auf 60.000 Menschen geschrumpften Minderheit bekennen. Die von Kito Lorenc, einem der aktuell wichtigsten Dichter, der sowohl auf Niedersorbisch, als auch auf Hochdeutsch schreibt, herausgegebene und reichlich kommentierte Anthologie tastet sich die Evolutionslinie einer kaum bekannten Tradition entlang. Prägen restaurative Leitmotive aus christlichem Glauben, Brauchtumspflege und der Beschwörung der eigenständigen Identität bis zur Wende ins 20. Jahrhundert die Produktion, halten anschließend surrealistische und poetistischen Spielformen Einzug; und mit ihnen ein Denken, das über den engen Tellerrand einer Agrargesellschaft hinaus reicht. Zwar präsentiert die Anthologie immer wieder auch solche Stimmen, die im Niedergang des kulturellen Außenseitertums und der Assimilierung die einzige Chance sehen, dass die Sorben nicht zum Museumsvolk verkommen - und das nicht nur aus jüngster Zeit. Doch die Mehrheit spiegelt den Willen, gegen den Druck des Mainstreams zu bestehen, der immer tiefer in den Alltag der Insel eindringt. “jede sprache verendet mit einem menschen”, trauert zum Beispiel die 1951 geborene Roza Domascyna, um sogleich die Parole Hoffnung auszugeben: “doch wenn du ihn nachahmst läßt du ihn / auferstehn in deiner person”. Jener propagierten Überlegenheit gegenüber dem Deutschtum, mit der über die Jahrhunderte der Zusammenhalt der Sorben aufrecht erhalten wurde, erteilt die einflussreichste der aktuellen Dichterinnen allerdings sogleich eine Absage: “was wichtig ob er noch lebt - / und trachtenteile wie uniformteile / sind sowieso aus dem gleichen nest”.

Obwohl die sorbische Parallel-Gesellschaft seit 1989 zerfällt, erlebt das Niedersorbische, die noch lebendige der ursprünglich zwei Sprachen der Lausitz, derzeit eine unerwartete Renaissance. Die Zahl der Menschen steigt, die sie lernen, lesen und gebrauchen wollen. Auch in der Fremde scheinen immer mehr Sorben zu entdecken, dass sich ihre anachronistische Welt als Ruhe- und Rückzugszone und als geistige Alternative zur galoppierenden Globalisierung anbietet. “Das Meer. Die Insel. Das Schiff.” bietet deutschsprachigen Lesern den Einstieg in eine fast schon luxuriöse Nische aus einem anderen Land und einer anderen Zeit.

Martin Droschke

 

Ketschendorfer Str. 76

D-96450 Coburg

Tel: (0049) 09561/59 62 08

m.droschke@gmx.de

 

 

 

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