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Michael  Zeller 

 

GRANATEN UND BALLADEN
Meine bosnische Reise

 

2005

    Die bosnischen und serbischen Wörter sind aus technischen Gründen ohne die diakritischen Zeichen gegeben –

 

 ..........Spät in meiner Kneipe in Sarajevo, einen Steinwurf entfernt von der Karawanserei, in der ich untergekommen bin. Die großen Fenster waren es, die mich reingezogen hatten ins AJSA. Vor mir der ganze geräumige Bahnhofsplatz. Viel Weite. Alles neu hier, vielleicht zehn Jahre. Die Taxifahrer schieben ihre Kisten an, beim Vorrücken am Stellplatz, um Sprit zu sparen.

Ich lese serbische Gesänge des Mittelalters, Heldenlieder um den endlos kühnen Königssohn Marko. Es geht auf Mitternacht zu. Dann wird im AJSA, wie überall in der Stadt, Zapfenstreich sein. Längst hatte ja auch der Muezzin des Viertels zum letzten Gebet gerufen.

In der Diagonale des Gastraums sitzt jemand über einem Blatt Papier. Prall spannt sich der rote Trainingsanzug über den massigen Leib. Sein schwarzes Haar ist wegrasiert vom Hinterkopf und legt ein imposantes Nackengelände frei, daß mir der Blick immer wieder wegspringt vom Buch. Senad, der Wirt, hilft dem Hünen beim Ausfüllen seines Formulars. Aus ihrer wohltuend fremden Suada dringen, leicht verknubbelt, vertraute Worte an mein Ohr: Bielefeld, Schalke, Bayern Minchen. Eine lange liste gehen sie durch, die Enzyklopädie deutscher Städte, halten überall an, Kopf an Kopf, den Totoschein zwischen sich und eine Flasche Bier. Wieviel Optionen eröffnet ihnen die Welt auf diesem Schnitzel Papier. Ein bißchen Glück nur - und alles würde anders sein. Wenn es mal klappt, daß die Fußballmannschaften in Deutschland, mit ihren Söldnern aus aller Welt (auch aus Bosnien), endlich so ins Tor treffen, wie es die beiden Männer in Sarajevo, selbst noch beinah im fußballfähigen Alter, zwischen sich hin und her drehen und wenden.

Kehre zurück zu meinen serbischen Gesängen aus anderen Heldentagen. Kann es in Ruhe tun, ohne Sorge, ohne jede Erwartung auch.

 

..........Die Türken damals siedelten sich auf dem Balkan in den Ebenen an, durch die die militärischen Invasionen und Einwanderungen ihren Weg genommen hatten. Die einheimischen Slawen wurden in die Berge zurückgedrängt, die Balkans. "balkan" ist das türkische Wort für Gebirge.

Städtisch geprägt war die Welt der Türken hier, kaum bäuerlich-ländlich. Die Perle des Landes aber hieß Sarajevo: Der Hof im freien Gelände.

  

 

..........Die hängenden Gärten der Semiramis? Nein. Die hängenden Friedhöfe von Sarajevo. In unregelmäßig engem Abstand sind die Wohnhäuser über die Hänge und Hügel der Stadt gestreut, zu beiden Seiten des Flüßchens Miljacka. Dazwischen, den Bodenwellen angepaßt, die Grabfelder mit ihren schlanken weißen Stelen.

Nie sah ich die Stätten der Gegangenen so nah an die Lebenden gerückt. Vielleicht liegt es an der weißen Farbe der Steine, daß bei ihrem Anblick nicht die Spur von Unbehagen aufkommt, sondern ein Gefühl der Intimität, des Vertrauens. Sie bleiben unter uns, wir werden bald bei ihnen sein. Dann leben die anderen weiter mit uns, Seite an Seite, und lachen, streiten, trinken ihren Mokka, den Raki, wie wir heute noch. Für jedes einzelne Grab muß man sich an diesen steil fallenden Hängen das Stückchen Erde ausgucken, das gerade reicht für einen Körper: zwei Stelen an Kopf und Fußende, dazwischen vielleicht ein Rosenstock. Nirgendwo liegen die Toten in Reih und Glied. Derlei Geometrie läßt die Landschaft gar nicht zu. Von Grab zu Grab geht es auf und ab, über wucherndes Gras - und plötzlich steht man an einer Felskante. Die meisten Grabfelder sind ungefriedet, kommen ohne Umzäunung aus, und wenn, dann ist es ein verbeulter Draht.

An den Rändern der Totenfelder, den Passanten zugewandt, die hier vorübergehen oder -fahren, sind die Gräber aus den frühen neunziger Jahren. Die Geburtsjahrgänge: siebziger Jahre, die sechziger. Über den fast durchweg männlichen Vornamen steht "Sehid" in den Stein gemeißelt, "Sehid" wird im Islam ein Mensch genannt, der für ein höheres Ziel gestorben ist: die Frauen im Kindbett, die Männer im Krieg.

Auf halber Höhe komme Ich an einem Schuppen mit Cafe-Schild vorbei, setze mich mit einem Mokka vor die Tür. Weit unten , die Stadt. Um mich herum, von allen Seiten, leuchten die weißen Stelen in der Mittagssonne, auch jenseits der Straße, die steile Böschung hoch. Ein Hund laust sich mit einer solchen Hingabe, daß ich hier, mit ihm, die Welt vergessen könnte. Ziehe mein Buch aus der Tasche, die serbischen Heldengesänge aus dem Mittelalter, wie Königssohn Marko den Türken aufs Haupt schlägt, allzeit kampfeslustig. Dieses Reclam-Bändchen aus der seligen DDR hilft mir auf meiner bosnischen Reise sehr bei dem Versuch, gerecht zu bleiben und beide Seiten wahrzunehmen und zu verstehen.

Beim Zahlen drinnen sehe ich die alten Männer im Halbschatten hocken, das Gesicht in weiße Bartstoppel hineingesunken. Auf ihren Stock gestützt, palavern sie oder schweigen. Sie sitzen auf der Schwelle. Weit zu gehen haben sie nicht von hier.

Kann man sagen, die Grabfelder von Sarajevo seien die weißen Bartstoppeln im Gesicht dieser Stadt?

  

 

.......Immer wieder treibt es mich zurück in dieses Loch. Kann mich nicht lösen, von der Beklemmung, der Raumnot hier. Ein paar Stufen abwärts, und man steht in einem dunklen Gang, den Glühbirnen dürftig beleuchten . Alles roh und provisorisch. Den Kopf muß man einziehen beim Gehen. Nach links und rechts kaum ein Armbreit Platz. Wenn jemand entgegenkommt, drängt man sich an die Holzpfosten und Wellblechbahnen, mit denen das Erdreich abgestützt ist. Und wenn es eine der Loren wäre, die auch noch hier entlangliefen, müßte man sich, im wahrsten Wortsinn, dünne machen und den Atem anhalten.

Und dennoch. Immer wieder gehe ich diesen primitiven unterirdischen Gang auf und ab. Nur noch zwanzig Meter sind heute davon zu benutzen. Jedesmal stoße ich gegen einen Balken, mit dem Kopf, der Schulter. Aber mich jetzt einfach so abzuwenden und oben wieder der Sonne unter die Augen zu treten, bringe ich lange nicht fertig.

Denn dieses Maulwurfsloch hier ist der Ort in Sarajevo, an dem die Stadt kenntlich wird wie nirgendwo.

Es ist das Ende des Tunnels, der in der ersten Hälfte des Jahres 1993 unter der Landebahn des Flughafens gebuddelt worden ist. Die Stadt mit ihren noch dreihunderttausend Einwohnern, die hier aushalten wollten, war eine Weile bereits eingeschlossen von der serbischen Armee. Auf den Höhen über der Stadt saß sie in ihren Nestern, ausgerüstet mit modernstem Gerät, und schoß auf alles, was sich bewegte oder nicht. Ihre Scharfschützen lösen bis heute noch ein Schaudern aus. Eine Stadt im Belagerungszustand. Die Feinde waren die Nachbarn von gestern. So gut wie keine Nahrungsmittel kamen herein,

keine Medikamente, keine Nachrichten. Und keine Waffen, um sich zu verteidigen. Abgeschnitten von der Welt.

Da griffen Pioniereinheiten des bosnischen Heeres zu Pickel und Schaufel und gruben den Tunnel, der die Innenstadt mit dem freigebliebenen Umland verband. Achthundert lange Meter, unter primitivsten Bedingungen. Die Arbeit, in drei Schichten rund um die Uhr, mußte heimlich geschehen. Die Serben hätten sofort bombardiert. Erdreich wie eintretendes Grundwasser wurden von Hand nach draußen transportiert, in Eimern und Kanistern, auf Schubkarren. Die Anwohner trugen die Erde weg in Taschen und verteilten sie über das Gelände. Ein großer Haufen hätte sie verraten.

Bis heute sind die Menschen in der Stadt stolz auf diese Leistung: Mit steinzeitlichen Mitteln in knapp einem halben Jahr einen Tunnel von solcher Länge zu graben, durch Kriegsgebiet, bei strengster Geheimhaltung. Kein Verräter unter ihnen. Nicht weniger bewundernswert, daß der unterirdische Gang die zwei Jahre  aushielt, die er lebensnotwendig war als einzige Verbindung Sarajevos mit der Außenwelt. In Gruppen von zwanzig bis zu tausend Menschen gingen sie Tag für Tag und Nacht um Nacht durch den Tunnel, ohne Pause, mit Rucksäcken und Taschen voller Lebensmittel, die sie in Kroatien gekauft hatten, für die Eingeschlossenen. Bis zu zwei Stunden waren sie unterwegs auf den achthundert Metern, gekrümmt, mit eingezogenem Kopf, eingezwängt zwischen Vorder- und Hintermann.

Zehn Jahre sind vergangen, seit der Tunnel nicht mehr gebraucht wird, dank der Amerikaner. (Wir Europäer waren bekanntlich dazu nicht in der Lage.) Es ist ein heißer Spätsommertag. Mit der Journalistin Zumra sitze ich im Basar bei einem Teller Pljeskavica. Um diese Jahreszeit ist der Basar ein einziges Freiluft-Lokal. Cafes und Bratereien reihen sich aneinander. Die Menschen einer mittleren europäischen Großstadt bummeln oder eilen an uns vorbei, durch die engen Gassen. Die Luft und der Klang und das Aroma des Orients. Mindestens jeder vierte von ihnen redet vor sich hin oder schreit sich sogar an - ach ja, natürlich. Dieses Ding am Ohr. Vierzig Mal sei sie wohl durch diesen Tunnel gegangen, erzählt Zumra. Platzangst? Nie. Das habe ihr nichts ausgemacht. Viele lustige Erfahrungen habe sie da gesammelt unter Tage, die sie nicht missen möchte, auch rührende. Auch traurige. Zum Schluß des Tunnelbaus sei's um die Wurst gegangen. Die Serben hatten Lunte gerochen und brachten sich in Stellung, um das Loch zuzubomben, ehe es offen war. "Ein dramatischer Wettlauf mit der Zeit an diesem 30.Juli 1993. Es ging um Stunden. Erst am Abend waren wir durch."

"Ja, um 21 Uhr, hab ich gelesen."

"Es war 21 Uhr 16", korrigiert Zumra mich ernst, und lacht sofort: "Ich weiß doch auch auf die Minute genau, wann mein Sohn geboren ist."

Dieser 30.Juli 1993 ist so etwas wie der Geburtstag des neuen Sarajevo geworden, für alle diese Menschen, die heute, wie überall in einer mittleren Großstadt Europas, durch die Straßen eilen oder bummeln, den Kopf voller Alltag und Telefon. Tief innen sitzt ein Stolz in ihnen. Bei allen.

Ich bin nicht stolz. Ich schäme mich.

 

  

 

..........Schöne Moscheen muß das Land gehabt haben vor 1992, wenn ich mir die Süleiman-Moschee in Travnik anschaue, einem Städtchen, in dem der Schriftsteller Ivo Andri6 zur Welt gekommen ist. An Travnik ist der Krieg vorbeigegangen. Aus dem 16., eher 17.Jahrhundert mag sie stammen, die Süleiman-Moschee, wie sie auf gedrungen kurzen Säulen mitten in der Stadt steht. Der Betsaal oben fast quadratisch. Alle Wände, von unten bis oben, voll bunter ornamentaler Malerei. Ländlich unmittelbar und kräftig die Farben und die Formen. Nur das Flüstern im Raum von ein paar alten Frauen, die im Schneidersitz in ihrem Sektor hinten beten und tratschen.

Siebenhundertfünfzig Moscheen in Bosnien-Herzegowina sind zerstört oder beschädigt worden im Krieg zwischen 1992 und 1995, aus den Geschützen der Christenheit, katholisch oder orthodox eingesegnet. Von der Europäischen Gemeinschaft, sagt man mir, habe es nie eine finanzielle Unterstützung für den Wiederaufbau gegeben. Dennoch sind die meisten islamischen Gotteshäuser mit ihren fragilen Minaretten wieder - ja, in Schuß. Das Geld floß aus Saudi-Arabien, den Golfstaaten, dem Iran, samt und sonders Vertreter einer strengen Spielart des Islam. Der ottomanische Sultan, der vier Jahrhunderte lang seine Hand auf dieses Land legte, vom fernen Istanbul aus, nahm's auch mit der Bildlosigkeit nicht so genau, die der Prophet gefordert hatte. Alle Moscheen hier waren ausgemalt, und so wollten die Bosnier ihre Bethäuser auch wiederhaben. Die Finanziers aus dem orthodoxen Osten schätzten das nicht. Sie stellten ihnen betonfrische Moscheen hin, vollkommen asketisch-karg.

Die König Fahd-Moschee, im Westen Sarajevos, nah an den Wohnsilos aus Tagen der Volksrepublik Jugoslawien, ist die größte

im ganzen Land: ein nagelneuer monumentaler Klotz von herzloser Stereotypie, außen wie innen. Beton für zwanzig Millionen Dollar. Man riecht noch die Baustelle. Ein wenig Holzschnitzerei um Fenster und Türen verliert sich an den Wänden. Erkältende Leere. Der Geldgeber hat es so gewollt. Kein Firlefanz zwischen den Gläubigen und ihrem alleinigen Gott.

Es ist Vormittag. Keine Menschenseele weit und breit. Ziehe mir die Schuhe aus und stelle sie ins Regal neben dem Eingang. Ein Geistlicher, sehr junger Mann, kommt zufällig die Treppen hoch. Er empfiehlt mir, die Schuhe doch lieber bei mir zu behalten.

Das hat er durchaus freundlich gesagt. Schade, daß er so schnell um die Ecke biegt.

 

  

..........In der Nacht vom 25. auf den 26.August des Jahres 1992, noch zu Beginn des Krieges, schoß serbisches Militär Brandbomben in die Universitätsbibliothek. Das Gebäude selbst, ein robuster Baukörper in orientalisierendem Stil, blieb unversehrt. Die Habsburger hatten es in ihrer Ära als Rathaus hingestellt. Die Bomben galten nicht den Mauern. Sie sollten bloß die Bücher und die Urkunden dort verschlingen, und das gelang ihnen gut.

Mehr als zwei Millionen schriftlicher Dokumente sind seit jener Nacht aus der Welt. Darunter ungezählte Unikate der bosnischen Kultur.

 

 

..........Auf den breiten Straßen dieser Großstadt Sarajevo oder im Gassen-Gewirr des Basars, durch das sich dicht bei dicht die Menschen drängen, von allen Errungenschaften der kapitalistischen Warenwelt neuesten Zuschnitts gebenedeit -Invaliden sehe ich keine unter ihnen. Zehn Jahre erst ist hier der Krieg vorüber. Wie lange sah man in Deutschland nach dem Krieg noch Männer zwischen ihren Krücken schwingen oder mit leerem Jackenärmel, das Ende säuberlich in die Tasche gesteckt? Ist die moderne Waffentechnik unterdessen derart ausgereift, daß sie keine halben Sachen mehr macht? Oder war der Haß zu groß, um sich damit aufzuhalten, Gefangene zu nehmen?.

Der Schriftsteller Nihad H., dreißig Jahre alt, hat seine eigene Theorie. Er war selbst in diesem Krieg, direkt von der Schulbank weg, wie alle Freunde, Bekannten, Kollegen seines Alters. Jeder von ihnen hat etwas abbekommen am Körper, von anderem zu schweigen.

Sie schämen sich, sagt Nihad, die Krummen und Einbeinigen und Blinden. Verstecken sich in ihrer Wohnung, im Viertel, wo jeder Bescheid weiß, und meiden das grelle Licht des geschäftigen, mondänen Zentrums mit seinen makellos schönen jungen. Passanten, nach letztem Schick gekleidet. Hier haben sie nichts verloren, diese Monster einer anderen Zeit. Selbst als Bettler nicht. Das sind in Sarajevo durchweg Zigeuner. Kinder, Jugendliche, junge Frauen mit ihren Säuglingen, sehr beweglich alle und fix. Damit könnten sie nicht konkurrieren. Und irgendwo an der Straßenecke hocken mit einem Plastikbecher und den Armstumpf hinhalten? Davor ist die Scham, bei den vergessenen  Helden des Vaterlands. Nein, sagt Nihad. Sie wollen das normal gewordene Leben ihrer Stadt nicht stören. Gerade auch die Touristen des Auslands möchten ihnen das danken.

Wenn sie sie vermißten.

 

  

..........Es ist später Nachmittag geworden. Ich steige die Hänge der Stadt hoch, zusammen mit den ersten, die auf dem Nachhauseweg sind, langsamen Schritts, unter der Last der Taschen mit dem Abendbrot. Ein Ziel habe ich nicht. Es soll bloß aufwärtsgehen, so lange, bis mein Blick frei ist auf das Zentrum im Tal und auf die gegenüberliegenden Hügel, mit der türkischen Festung als ihrem Akzent.  Drüben liegt noch die Sonne. Nie leuchtet sie die Dinge schärfer aus als zu dieser Stunde, jedes Gebäude, jedes Grabfeld in Weiß.

Von den steilen Straßen zweigen Stufenwege ab, gepflastert, uralt, bestimmt aus dem Mittelalter. Noch enger wird's hier zwischen Haus und Haus. Müßte ich irgendwo ankommen, ginge mir mit Sicherheit die Orientierung verloren.

Ich dreh mich um und schaue zurück. Der Blick ist schön genug. Unten und gegenüber das Minarett-Wunder von Sarajevo. Immer wieder aufs Neue kann ich mich daran begeistern, wie diese zarten weißen Finger das Gelände gliedern und rhythmisieren. Wie viele mögen's sein? Ich zähle und komme auf fünfzehn Minarette. Ach ja, dort der Turm einer orthodoxen Kirche der Serben. Wie massig und plump. Soll ich den mitzählen?

Gehe weiter, versuche die mittlere Höhe zu halten, was nicht einfach ist hier. Geradeaus geht es nie. Entweder muß man ein Stück höher oder tiefer. Nach einer halben Stunde habe ich einen guten Teil des Zentrums, das mich im Tal unten begleitet hat, abgeschritten.

Bevor ich absteigend meine schweißtreibende Höhe wieder verschleudere, Schritt um Schritt, zähle ich nochmals die Minarette durch, von dieser Stelle.

Sechzehn sind es jetzt. Kein Kirchturm mehr darunter. Insch' Allah.

 

 

 

..........Abends, wenn ich ins AJSA komme, über den weiten Bahnhofsplatz, der um diese Stunde längst brachliegt, sitzen dort ein paar vereinzelte Biertrinker herum. Ab und zu taucht ein Polizist auf für einen raschen Mokka und quatscht sich dann doch eine halbe Stunde lang fest. Oder ein Reisender wartet auf seine Abfahrt, bei einem Glas Wasser, gratis. Aber man bekommt nachts auch noch etwas zu essen. Hinter dem Tresen steht ein Grill, auf dem sich ruckzuck ein Cevapcici braten läßt. Mitternacht ist Schluß, denn morgens um sieben geht's schon wieder weiter. Zu zweit führen sie das Lokal, Senad und seine Frau Emina. Heute macht sie die Spätschicht.

Emina ist Ende Dreißig. Von ihr geht die entspannte Freundlichkeit der Fülligen aus. Ihr Lachen ist warm. Seit sie mein deutsches Buch neben dem Bierglas entdeckt hat, sind wir im Gespräch.

„Oh, ich mag Deutschland!"

In holprigem Englisch, mit ein paar Brocken Deutsch oder Bosnisch, verständigen wir uns mühelos. Es reicht, daß sie mir ihr ganzes Leben erzählt. Eine balkanische Familiengeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts.

Emina ist eine von hier, hat ihr ganzes Leben in Sarajevo zugebracht. Der Vater, lange tot, war Moslem und damit ein echter Bosniake. Ihre Mutter aber stammt aus Kroatien. Solange Bosnien ein Teil Jugoslawiens war, spielte das keine Rolle. Heute steht in Eminas bosnischem Paß: Nationalität kroatisch, Religion moslimisch. Das findet sie natürlich verrückt.

Eminas Augen leuchten, wenn sie von früher erzählt. 1984! Die Olympiade! Da war sie ein junges Mädchen, und so schlank, lacht sie, stand kurz vorm Abitur, wie ihre Tochter heute. Damals ... Bald lernt sie Senad kennen, aus Makedonien, Moslem ebenfalls. Sie heiraten. Im Kommunismus heiratete man früh. Das erste Kind kommt, Ajsa. Alle Namen in der Familie sind islamisch und verraten ihre Herkunft. Auch der von Smail, dem Sohn, der nach dem Krieg kam, eine Hoffnung auf den Frieden. Schließlich sind sie ja wirklich auch Bosniaken, aber damals, in Jugoslawien, war das etwas ganz anderes gewesen.

Dabei geht Emina lieber in die katholische Kirche als in eine Moschee, da fühlt sie sich eher fremd. Ihre Mutter hat im Krieg Sarajevo verlassen und lebt jetzt wieder in Kroatien, mit ihrem zweiten Mann. Ein paar Mal im Jahr besucht sie sie dort, in Osijek, zweihundertdreißig Kilometer bloß von hier, aber eine Tagesreise, mit Eisenbahn und Bus. An Allerseelen geht sie mit der Mutter zum Friedhof und stellt dem Großvater eine Kerze aufs Grab. Das Herz geht ihr auf dabei, wenn sie in der Dunkelheit überall ein Licht brennen sieht auf den Gräbern.

Den Großvater hat Emina nicht mehr erlebt. Er ist gefallen, im Zweiten Weltkrieg, 1944, im August. Er trug den Rock der deutschen Wehrmacht. Deshalb haben ihn serbische Tschetniks erschossen, zuhause. Seine Frau stand neben ihm, hochschwanger. Drei Monate später kam eine Tochter zur Welt, Eminas Mutter.

Nein, die Serben mag sie nicht, sagt Emina, und schüttelt den Kopf. Das wirkt endgültig. Sie wird sie wohl nie mehr lieben. Zeit ihres Lebens hat sie sich als Kroatin gefühlt, auch hier in Sarajewo. Kroatien: Das ist ihre Mutter, ein Teil ihrer Familie. In Jugoslawien war das kein Problem für sie.

Dann kam der Krieg hierher, ein Krieg auf Leben und Tod. Drei Jahre des Mordens, vor ihren Augen. Emina sieht mein Glas leer, bringt eine neue Flasche.

"Und danach, stellen Sie sich vor, waren wir alle, ich, mein Mann, der aus Makedonien stammt, die beiden Kinder - wir waren nicht mehr nur Bosniaken, sondern Bosnier. Bosnier von Staats wegen." Sie akzeptiert diesen Staat bis heute nicht. Was hat sie damit zu tun?

„Was haben Sie dagegen?" frage ich.

Dumme Präge. Das sagt Emina nicht, aber es steht ihr ins Gesicht geschrieben.

"Meine Mama ist Kroatin ..." Das reicht doch wohl.

Nein, sie mag nicht bleiben in diesem Land, das das ihre sein will. Sie werden auswandern, nach Amerika. Alle. Ihr Mann, die Kinder, "und meine Kiki auch". Kiki, der Pudel, ist Eminas Herzblatt. Die Mutter wird nachkommen, aus Osijek, mit ihrem zweiten Mann, sobald sie alle drüben sind.

"Wenn wir nur bald auf diese Liste kommen von den Amerikanern!"

Kein Traumglanz auf Eminas Augen. Nicht die Spur davon. Pure Entschlossenheit und jede Menge unverbrauchter Lebensenergie. Als müßte sie gleich zum Eimer greifen und das Lokal aufwischen.

 

 

 

..........Eine Stadt nach. Krieg: Mostar, in der Herzegowina. Noch offen die Wunden. Der türkische Ortskern, auf halber Höhe angelegt zwischen dem Flußtal und den Bergen ringsum, mit seiner orientalisch geprägten Architektur. Immer wieder öffnet sich der Blick auf die Brücke. Das Bild ihrer Zerstörung durch kroatische Bomben ging seinerzeit um die Welt. Ihre Wiederherstellung ist zum Symbol eines ganzen Landes geworden, seiner Widerstandskraft, seines Lebenswillens. In mattem Gelb spannt sie sich dreißig Meter breit über die Schlucht der Neretva. Darunter, zum Fürchten tief, wildes Berggewässer, von tintig grüner Farbe, das ungeregelt durch das nadelspitze Tal dahinschießt. Die Brücke ist ein Schmuckstein europäischer Baukunst. Nirgendwo, selbst in Italien nicht, kenne ich aus der Renaissance einen Bogen von solcher Leichtigkeit und Eleganz. Die Türken waren Meister darin, und einer ihrer Großen hieß Hajrudin.

In den Straßen Mostars fühle ich mich in meine früheste Kindheit zurückversetzt, nach einem anderen Krieg. Ausgebrannte Häuser, verrußte Fassaden, die Fenster leer: direkter Ausblick zum Himmel. Sträucher wachsen aus eingestürzten Dachstühlen, Bäume, zwischen verkohlten Balken. Baulücken auf Schritt und Tritt, Geröllhalden. Wie wir früher spielen hier Kinder Versteck, trotz aller Warnungen der Eltern, weil jäh sich ein Abgrund auftun könnte: die Schwärze eines Kellers.

Die meisten der wuchtigen Profanbauten aus Habsburgs Tagen stehen leergeschossen, ausgebrannt, bis zum vierten Stockwerk hoch. Gericht, Schule, Spital, Sparkasse, Kirche - alles, was eine Stadt zum Funktionieren braucht. Unkraut wuchert in das Girlandenwerk aus Stein hinein, mit dem dieser verschwenderische Stil die Häuser schmückte. Weggeplatzter Putz an den Wänden, Maschinengewehrsalven über die ganze Fassade gezogen.

Auch die schweren Betongebäude der jugoslawischen Volksrepublik in Schutt und Asche, von Holzzäunen umstellt. Willkommene Freiflächen für Werbeplakate und die Konterfeis strahlender Politiker. Ein sozialistisches Großkaufhaus, das den gesamten Platz füllt: totes Grau, vom Feuer versengt. Das Luxushotel, mit Terrasse direkt über der Neretva, bekam den Blattschuß, bevor es den ersten Gast empfangen konnte. Die Eisenträger des Neubaus ragen noch heraus. Eine riesengroße Moschee, mit zerfetztem Mauerwerk. Die Kuppeln allerdings sind wieder frisch belegt und gleißen in der Sonne.

Im kantigen Funktionalstil der siebziger Jahre steht ein Großbau, Sitz eines staatlichen Konzerns, nacktgeschossen bis auf den Kern. Stahlgerippe bricht durch die aufgerissene Betonhaut. Aus den Resten der altmodischen Leuchtschrift auf dem Dach läßt sich gerade noch ENERGOPETROL zusammenbuchstabieren. Die Glasreste der Fensterscheiben hängen wie Eiszapfen von den Rahmen herab. Doch das Wrack strotzt vor Leben. Die Szene-Kneipe Mostars hat sich hier eingerichtet. Das ganze junge Volk strömt her und sitzt in den noch benutzbaren Räumen von ENERGOPETROL. Die Möblierung innen auf den neuesten Stand gebracht. Da fehlt nichts. Auch auf der Terrasse im ersten Stock bleibt kein Stuhl frei. Die Gäste, die sich hier drängen, waren vor zehn Jahren, als ihre Stadt zertrümmert wurde, noch Kinder. Vor ihnen liegt eine Zukunft mit anderen Bedrängungen und Wünschen. Sie leben in den Kulissen eines Krieges und trinken ihr Bier wie überall auf der Welt. Ich setze mich dazu und kehre, an ihrer Seite, zurück in die eigene Kindheit. Rumpelstilzchen-Glück.

 

 

 

..........Schwarz. Eine schwarze Gestalt. Vollkommen schwarz verhüllt, vom Scheitel bis zur Sohle. Leichter Schritt. Eine Frau. Jung muß sie sein, denn sie trägt ein Kleinkind an ihrer Schulter, hält es fest dort mit schwarzen Handschuhen. Verdunkelt nur sieht sie die Welt um sich herum durch das dichte Geweb vor ihren Augen.

Eine solche Erscheinung ist ausgesprochen selten in Sarajevo. Natürlich trifft man auf verhüllte Frauen in allen Abstufungen, aber kaum häufiger als im Stadtbild von Köln, Mannheim, Berlin.

Die jungen Mädchen und Frauen tragen in Bosnien all das, was sie anderswo auch lieben zurzeit: Das nabelfreie Baumwoll-Leibchen aus sehr wenig Stoff, die enge Hose, die die Anatomie ihres Körpers nachmodelliert bis in die intimste Falte. Zweite Haut eher als Bekleidung.

Und sie tragen es überall.

Im Hof der alten Husrev Beg-Moschee, mitten im Basar von Sarajevo, tummeln sich gerade auch die jungen Leute. Es kommt mir manchmal so vor, als sei das hier ihr Treffpunkt. Ein angenehmer Ort ist das für jeden, eine Insel der Ruhe, im lauten Gedränge einer Großstadt, nicht mehr als durch eine Mauer davon getrennt. (Harem nennt sich der Hof vor einer Moschee.) Der Brunnen von zierlich feiner Architektur, für die rituellen Waschungen. Darüber die Äste einer mächtigen Kastanie. Die erhöhte Halle vor dem Betraum, unter Säulen, mit Teppichen ausgelegt, ist tagsüber immer belebt, auch außerhalb der Gebetszeiten.

Die Momentaufnahme dreier Jugendlicher dort, zwei Mädchen, der Junge. Ein Stilleben. Er, das kurze Haar fett hochgestellt zum Hahnenkamm. Das eine Mädchen mit dem Fetzen Stoff, der gerade ihre Brüste bedeckt. Noch enger und kürzer kann man es auch in Trier, Triest oder Trinidad nicht tragen. Ihre Freundin im langen Mantel, Kopftuch, fingert an ihrem Mobiltelefon herum. Vollkommen versunken. Sie braucht sonst nichts. So sitzen sie beieinander, drei muslimische Jugendliche, im Vorraum der Haupt-Moschee auf Teppichen, und nichts geschieht, gar nichts, woraus sich eine Geschichte machen ließe.

Natürlich ist Sarajevo als Kapitale ein Sonderfall. In den kleineren Städten dominieren schon die verkleideten Frauen auf der Straße, gerade auch Mädchen, die aus der Schule kommen, mit Kopftuch und fußlangem Mantel, meist in hellem Blau oder Grau. Doch auch hier gehen sie, kichernd und schnatternd, Hand in Hand mit einer Freundin im hautengen, nabelfreien Hemd.

Schwer zu lesen diese Schrift des Gewandes für einen, der von außen kommt. Es weckt die Scheu vor einem Urteil ins Allgemeine.

 

 

 

...........Bei derart vielen Moscheen in der Stadt habe ich es längst aufgegeben, mir ihre Namen merken oder gar jede betreten zu wollen. Von außen gefallen sie mir sowieso besser mit ihren bauchig flachen Kuppeln und dem filigranen Minarett. Der Betraum innen bietet meist wenig. Keine Ablenkung fürs Auge. Beten soll man hier. Nicht gaffen.

Etwas Neues entdecke ich doch in dieser Moschee, am Rand des Basars von Sarajevo. Vorn an der Betwand Richtung Mekka liegen die Gebetschnüre der Gläubigen, ordentlich aufgereiht nebeneinander, auf dem Teppich. Verschieden in Größe und Farbe. Ihre Benutzer finden sie hier vor, an ihrem Platz, griffbereit, wenn sie sich treffen zum Gebet. Die Perlenschnüre verlassen also nie die Moschee, besudeln sich nicht mit der Welt da draußen.

Seitlich ein Regal mit Exemplaren des Korans. Ich kann nicht widerstehen. Auf der rechten Seite die herrliche Kalligraphie der arabischen Schrift, voll schöner Rätsel. Wie prosaisch alltäglich die Übersetzung ins Bosnische gegenüber.

Ohne daß ich ihn hörte, steht der Mann neben mir. Ich erkenne einen der Wärter, der draußen im Hof saß neben einem Tablett leerer Mokkatassen. Fordert mich auf, das Buch zurückzustellen. Seine Miene sagt mir nichts, was ich in sie hineindeuten könnte. "Amtsmiene" fällt mir allenfalls ein.

Reden können wir nicht miteinander. Also mutmaße ich, ob's wohl der Weltschmutz an meinen Fingern sei, der nicht an ihr heiliges Buch kommen soll. Es stimmt. Die Hände hatte ich mir nicht gewaschen am Brunnen, wie sich's gehört, im Harem der Moschee.

Draußen gibt mir der Mann keine Gelegenheit, ihn zum Abschied zu grüßen. Mein Gott, dann soll er mich doch –

 

 

 

 

          Von der historischen Altstadt Mostars – was von ihr geblieben ist – geht es auf schmalen, engen Steintreppen in die Höhe, sehr steil. Häuser, die ihr Gesicht von den Stufen abwenden. Kleine Moscheen mit ihren Minaretten. Ein paar Obstläden., ihre Früchte und das Gemüse bis auf die Treppen. Kinder rennen spielend herum, spüren die Last des Steigens noch nicht wie ihre Mütter, die mit prallen Plastiktüten an beiden Händen immer wieder Ruhepausen einlegen müssen. Jugendliche haben nichts zu tun. Sitzen herum. Warten. Rauchen die Stunden weg.

Dann hört die Bebauung auf. Der Berg jetzt pur. Grau verkarsteter Hang, voll hoher Trümmerhaufen. Naturstein und Zerstörung sind für das fremde Auge, das zum ersten Mal hier hochsteigt, schwer zu unterscheiden. Links eine gewaltige Treppe, die nirgendwo mehr hinführt. Doch. Vor eine Halde aus Steinen. War mal Kirche und Kloster. Nach den Grundmauern auf der Terrasse eine Anlage von beträchtlicher Größe. Höher. Der nächste Schuttberg, der einst Kirche war. Der Berg Velez muß so etwas wie der heilige Berg der Serben gewesen sein. Dahinter das einzige Gotteshaus, das aufrecht steht und als Kirche zu erkennen ist. Mehrere Handwerker machen sich daran zu schaffen. Als Deutscher bin ich ihnen willkommen. Die Gelder für den Wiederaufbau zahlt Berlin. Sie öffnen für mich die Tür: Baubretter mit Vorhängeschloß. Das Innere sieht manierlich aus. Die Ikonostase steht bereits an ihrem Platz, von irgendwo hierher verpflanzt. Der Fußboden fehlt noch.

Kein Hochamt der Baukunst, diese Kirche der Geburt der Jungfrau Maria am Berg Velez zu Mostar, aus dem mittleren 19.Jahrhundert. Aber wenn sie erst wieder aufersteht im Kerzenschein und nach Weihrauch duftet – Bald. Das Datum der Eröffnung steht schon fest. Wie wollen sie das schaffen?

Hinterm Chor der Kirche Grabsteine. Die Schrifttafeln zerplatzt. Einschüsse. Eben mal so mit dem MG darübergehalten. Vielleicht waren sie ja bloß besoffen, die jungen Rambos der Soldateska. Kroaten? Muslime?

Steige weiter, über die Trümmergrenze hinaus, in das graue Gestein, ohne Weg. Gerate an die Planke des Bergs, vor eine Schlucht, in die der Blick nicht dringt. Jenseits klettert ein Friedhof hoch, mit Kreuzen. Welche Form haben sie? Liegen hier Serben begraben oder Kroaten? Solche absurden Fragen sitzen einem im Kopf, wenn man sich eine Weile in diesem Land aufgehalten hat. Bis vor kurzem hingen davon noch Tod oder Leben ab.

Von gleicher Höhe, auf dem Gipfel des gegenüberliegenden Bergs, jenseits der Neretva, dominiert ein pompöses weißes Kreuz die Landschaft. Neu. Bestimmt keine zehn Jahre alt. Das lateinische Kreuz. Der Berg der Kroaten. Schossen sie von hier aus ihre Granaten ab auf den heiligen Berg der Serben, mit seinen Kirchen und Klöstern und Friedhöfen, um sie in eine Geröllhalde zu verwandeln, den Velez wieder in seine Naturgestalt zurückzubomben?

Unter dem gewaltig weißen Kreuz duckt sich die Ansiedlung der Muslime, die Altstadt. Grün leuchtet das Wasser der Neretva hoch aus sehr fernen Tiefen. Zurück auf dem Treppenweg, abwärts, vorbei an Moscheen, Obstläden, Häusern mit abgewand­tem Gesicht, Vor zehn Jahren lag mein Weg noch im Feuer feindlicher Kanonen. Jetzt gleich kann ich mich irgendwo in eine der Straßen setzen, den unvergleichlichen türkischen Mokka trinken in einem der vielen Cafes und eine Ballade lesen aus der Ritterzeit.

 

 

 

 

 

 

..........Shahab K. lerne ich im Bus kennen, der uns beide von Mostar nach Sarajevo bringt. Ein feingliedriger jüngerer Mann, mit angenehmen Gesichtszügen. Ein Intellektueller. Er stammt aus Pakistan und ist mit einer Bosnierin verheiratet. Seit ein paar Jahren lebt er hier und unterrichtet an den Universitäten von Sarajevo und Mostar. Englische Literatur, mit dem Schwerpunkt Renaissance. Also Shakespeare. Wir sind sofort im Gespräch. Einen brillanteren Kenner des Shakespearschen Werkes bin ich in meinem Leben noch nicht begegnet. Wir haben genug Zeit zu reden, Sitz an Sitz. Kurz ist sie nicht, die Strecke zwischen beiden Städten. Mit der gleichen Offenheit erzählt Shahab mir von seiner Religion, als gläubiger Moslem.

Am besten gefällt mir die Geschichte vom Sufi, der aus dem Osten nach Bosnien gewandert kam, im frühen Mittelalter, eine große Gefolgschaft hinter sich. Mit jeder Station unterwegs wuchs die Zahl seiner Jünger. Aus allen Regionen seines Glaubens zog er sie an, von weither, und um allen endlich ein Dach über den Kopf zu geben, ließ er sich in Bosnien nieder und gründete ein Kloster. Mit den Jahren seines heiligen Wirkens hier festigte sich, sein Ruf als Sufi, über Südosteuropa hinaus, und auch der Blick der Mächtigen (wie anders) richtete sich auf das Kloster. Auch sie wollten etwas einstreichen von der Kraft seiner Spiritualität.

Als er starb, bemühten sich alle, selbst der König von Ungarn, in den Besitz des Sarges zu kommen. Der weise Mann hatte vorgesorgt. Sieben Särge ließ er zimmern, als es ans Sterben ging. Sechs davon gingen in die Welt, der siebte blieb zurück in seinem Kloster.

Die Menschen wollen sehen, woran sie glauben, ganz ohne Sorge, ob es dann noch Glaube sei. Also konnten sie's nicht lassen und öffneten, an jedem Ort, ihren Sarg. Siebenmal. Und siehe: In jedem lag der Sufi.

Ich brauche Shahab nicht zu fragen, den jungen Intellektuellen, der jede Zeile von Shakespeare parat hat. Es steht in seinen Augen. Shahab glaubt an den Sufi in den sieben Särgen, Und da er dermaßen die Literatur liebt und lebt, glaube ich auch daran.

Es macht mir wenig Mühe, wunderbarerweise.

 

 

.........Unterschlupf gefunden habe ich in einer Kaserne der jugoslawischen Volksarmee. Der Baukomplex zieht sich über mehrere Straßen. Völlig ruiniert. Ein Kriegskrüppel. Die Dächer weggefegt, Dachstühle eingebrochen. Kräftige Birken, schon ein paar Jahre alt, konkurrieren mit den Stümpfen von Kaminen. Eine Art botanischer Garten hat sich die Natur da oben geschaffen, frei Hand. Die Fenster blind, kaum einmal mit Brettern zugenagelt. Einschüsse in den Putz von verbrauchtem Grau. Ganze Placken rausgebrochen.

Bis zum Schluß hatten sich hier serbische Einheiten verschanzt, die von den Höhen herab die Stadt mit Granaten und Brandbomben belegten. Und ihre gefürchteten Scharfschützen, die jeden Passanten von der Straße runterholten, unfehlbar, in der Regel. Hier igelten sie sich ein, bis das Dach über ihnen zusammenbrach.

Die langgestreckte Fassade zum Bahnhofsplatz ist stehengeblieben, und zur Straßenecke hin sind sogar noch zwei Flure teilweise benutzbar. Hier hat sich eine Art Karawanserei niedergelassen, wie ich sie von Aleppo oder Bengasi her kenne. Zehn Zimmer vielleicht sind zu mieten, zehn von einst hunderten.

Das Kabuff gleich am Eingang ist rund um die Uhr von zwei oder drei unrasierten Männern besetzt. Ohne Pause läuft in der Ecke das Fernsehgerät, und ungeheure Mengen Rauch werden hier verschlungen. Immer glüht oder schwiemelt mindestens eine Zigarette. Kein Wort in einer fremden Sprache möglich. Aber die Verständigung klappt reibungslos. Wir reden mit Taschenrechner und Lexikon und handeln einen Preis aus, der beiden Seiten gefällt.

An der Inneneinrichtung der Zimmer hat sich wenig verändert seit Tito. Authentische siebziger Jahre, sozialistische Spielart. Die eisernen Pritschen von damals. Wolldecken. Die Blechspinde allerdings sind nicht mehr im Einsatz. Ausrangiert stehen die stumpfgrauen Kästen hinter einem Vorhang. Wer weiß, ob man sie noch einmal braucht. Der grüne Filz am Boden ist beinahe schwarz geworden von den Brandlöchern der Zigarettenglut. Im Bad acht Duschköpfe auf Reihe, von Plastikfähnchen getrennt. Das Wasser: kalt. Gemeinschaftsklo mit genügend Loch-Toiletten. Kein Papier. Stattdessen Wasserflaschen.

Fast die ganze Zeit über bin ich der einzige Gast. Für zum Wochenende fallen manchmal Großfamilien ein. Die sind in den Gemeinschaftszimmern untergebracht, zwölf Mann auf einer Stube. Von den gebeugten Großeltern, die Schüchternheit von Dörflern im Gesicht, bis zum Kleinkind auf Mutters Arm. Die Frauen flüchten, wenn ich leichtgeschürzt im Duschraum auftauche. Gestandene Männer dagegen, im dunklen Anzug, lassen sich nicht stören und ziehen vorm halbblinden Spiegel ein letztes Mal den Kamm durchs pomadisierte Haar und duften herrlich süß dabei. Ab Montagfrüh habe ich mein Reich wieder allein für mich.

Nur manchmal, am späten Nachmittag, hör ich das elektrisierende Seufzen zweier menschlicher Leiber, die ineinanderstecken. Zur Nacht ist die Zelle mit der Eisenpritsche längst frei. Auch stundenweise läßt sich Geld verdienen. Seitdem schau ich mir die feisten jungen Männer genauer an, wenn sie unten am Tresen stehen, meist mit Glatze, und rauchen und verhandeln. Mädchen sehe ich nie. Sie warten wohl draußen.

Eines Morgens, als ich das Haus verlassen will, herrscht Aufruhr im Kabuff. Ein Jammern und Weinen, das auch den Fernseher übertönt. Alles dreht sich tun einen alten Fettwanst, der sich kaum auf seinen Beinen halten kann. Blind scheint er auch zu sein. Mit hoher Stimme winselt er, ohne Atem zu schöpfen. Zwei Jüngere mit schwarzem Vollbart haben ihn untergefaßt und tragen ihn eher als ihn zu stützen, daß er schweren Leibes auf der Liege ruhe.

Ein Sufi vielleicht, ein Heiliger? Der Hauch einer vollkommen fremden Welt rührt mich an. Ein Bild' setzt sich fest, stärker als jede Erklärung. Mehr muß ich nicht wissen.

Hier in der Karawanserei bin ich in Sarajevo, lebe unter den Menschen. Mein Fenster geht auf den weiten, meist leeren Bahnhofsplatz hinaus. Jeden Morgen, Punkt sechs Uhr, weckt mich der Gesang des Muezzins vom Hügel herab, weich und doch durchdringend genug. Es ist mir ein lieber Lockruf geworden, in den Tag hinein.

 

 

 

 

..........Um Pale zu erreichen, verläßt man Sarajevo durch einen Tunnel am Ende des Tals. Kurz ist er nicht, und weitere folgen. Man taucht auf aus der Nacht und sieht sich in eine andere Landschaft versetzt. Die gemach durch die Stadt gleitende Miljacka schießt hier dahin in harten Zacken, tief unten in einer Schlucht. Die  Berge stehen höher. Ihre bewaldeten Spitzen bleiben im Morgennebel. Zerschossene Häuser klammern sich an den Steilhängen fest, direkt daneben wird der Neubau hochgezogen. Mehr Platz gibt es nicht.

"Willkommen in der Republik Srpska!" grüßt ein großes Schild auf Serbisch und Englisch. Die Straße hat sich verbreitert, ihr Belag nagelneu. Es könnte eine ausgebaute Landstraße in Westeuropa sein. Auf den Verkehrs- und Straßenschildern dominiert die kyrillische Schrift, an den meisten Geschäften, auch bei den Graffiti an den Hauswänden. Serben unter sich, nachdem sie alle anderen weggebissen haben. Zwar stehen daneben und darunter auch noch lateinische Zeichen, natürlich bei der internationalen Werbung. Doch es kann kein Zweifel sein. In ein paar Jahren hat der Schriftwechsel hier eine neue Wirklichkeit geschaffen. Das Kyrillische ist jetzt in der Welt. Und damit neuer Konfliktstoff für die Zukunft. Das Rad des Balkans dreht sich ohne Unterlaß.

Inmitten von Bergen gelegen, macht Pale den Eindruck eines Luftkurortes, für bequeme Wandertouren über Wiesenhänge, durch Wald. Ein lehmbraunes Bächlein windet sich durch den Ort. Die Häuser, jedes für sich, über die Hügel verteilt. Blumen davor, Gemüsebeete, Obstbäume. Schafe, eine Kuh, ein Schuppen. Viele Menschen aus dem nahen Sarajevo hatten hier ihre Wochenendhäuser. Auch ein Psychiater namens Radovan Karadzic besaß in Pale seine vikendica.

Dieser alte, beschauliche Teil zeigt sich dem Reisenden nur, wenn er die Neustadt jenseits der Landstraße hinter sich läßt. Doch besteht die Gefahr, daß er vorher kehrt gemacht hat, angesichts von so viel protzig auftrumpfender Kriegssymbolik dort, in Stein und Erz.

Gleich nach den ersten Schritten stellt sich einem ein Kriegerdenkmal in den Weg. Aufrecht ein junger Mann im Kampfanzug, die Ärmel hochgekrempelt, vages Lächeln um den Mund. Keine Waffe im Gurt. Fast ein sympathischer Kumpel, vom Schlag der sozialistischen Helden der Arbeit von dazumal. Das Erz blinkt frisch, wie gerade aus der Fabrik geliefert. Sreten ("der Glückliche") Knezevic steht auf dem Sockel. Seine Lebensdaten (1958 bis 1998) enthalten fast seine gesamte Biographie: Der "Glückliche" war ein Vorkämpfer des Serbentums in diesem Krieg, der das Land Jugoslawien in Stücke riß. Rosefarbene Gerbera aus Plastik zwischen seinen Knobelbechern wissen ihm Dank dafür.

Noch in Blickweite des Tschetniks Sreten ein weißer Block aus Beton, obenauf ein ungefüges Kreuz. Ehrenmal für die Gefallenen im Krieg von 1992 bis 1995. Die Sträucher der Grünanlage haben es noch nicht weit gebracht.

Von hier aus sieht man gleich den nächsten Neubau, man meint schon von hier aus den gerade aufgetragenen Mörtel zu riechen. Modernistischer Stil, mit Bögen und Säulen. Dahinter eine kleine Kirche, von 1909, frisch aufgemöbelt in Weiß und Grau. Der Neubau könnte das dazugehörende Kirchenamt sein, für ein Wohnhaus ist es zu groß. Zwei Garagen. Ein schwerer BMW parkt davor. Der Pope, mit brustlangem Bart und in schwarzem Ornat, verkauft hier Kerzen, kleine Ikonen und eine Postkarte, die einzige, die sich in ganz Pale auftreiben läßt, natürlich mit dem Motiv der Kirche. Ich lege ihm eine große Münze auf den Teller. Er wartet, stumm. Ich warte auch. Bis er mir den Rest auf Heller und Pfennig zurückgegeben hat, ohne mit der Wimper zu zucken. Vielleicht versteckt sich ja unter seinem langen Rock Herr Karadzic, wie in Bosnien allerorts spekuliert wird.

An meiner Hartnäckigkeit wird mir erst klar, wie meine Laune gesunken ist, seit ich mich hier in Pale aufhalte. Nein, offen und neutral bin ich heute nicht. Nach allem, was ich im Land wahrgenommen und erfahren habe, sehe ich in diesem Denkmalskitsch mehr nur als Erz und Beton, ob ich will oder nicht. Gefühle und Erinnerungen, auch wenn’s nicht meine eigenen sind, treten vor den Blick und steuern ihn.

Und die Leute hier? Betrete eine Bar. Sie ist leer. Der  Mann hinterm Tresen stürzt sich auf den Fremden, auch wenn er dann nur einen Kaffee bestellt. Erst jetzt sehe ich eine junge Frau am Fenster sitzen, blond, sogar ziemlich hübsch. Das Bierglas vor ihr ausgetrunken. Mit einem Kopfnicken bestellt sie das nächste. Wie getrieben raucht sie eine Zigarette nach der anderen. Dabei verliere ich meine eigene Ruhe. Ihre Hektik frißt mich an. Wollte etwas niederschreiben. Hier geht es nicht. Ich muß die Bar verlassen.

Der Kaffee, den ich zu zahlen habe, ist deutlich billiger als in Sarajevo. Die Republik Srpska hat ihren eigenen Preis.

Dabei steht mir das Schlimmste noch bevor in Pale: das Colosseum des Dr.med.Radovan Karadzic, klinischer Psychiater im jugoslawischen Sarajevo und Poet dazu.

Ein durchgeknallter Titan muß das gewesen sein - oder der Prinzipal einer Irrenanstalt? -, der diesen Brocken Beton auf die ländliche Idylle eines Bergtals herabschleuderte.

Als er das Ding dort liegen sah, bekam er1s mit der Angst zu tun und machte sich aus dem Staub, ehe es fertig wurde. So ist das Colosseum des Dr.Karadzic jetzt als ein verrotteter Rohbau in der Welt. Und wird es bleiben. Beton und Stahl faulen langsam, und Geld ist knapp im Staate Bosnien.

Über Bauschutt, Disteln, verdrehte Plastikflaschen steige ich hinweg, rostigen Draht und Hundekot. Stehe mitten in der Arena und betreibe die Archäologie eines Wahns. Ränge wachsen um mich in die Höhe, als Skelett, drei mächtige Geschosse. Darüber spannen sich ein paar Streben aus Leichtmetall. Nur der Himmel ist höher. Das hätte mal das Dach werden sollen. Wie winzig doch wir Menschlein sind ...

Mein Nacken schmerzt vom vielen Hochschauen und von der Frage, womit, um Himmels Willen, man diese Arena hätte füllen sollen. Tierhatzen auf Moslems? Da wäre doch womöglich verhalten abwägender Protest aus den Hauptstädten Europas zu erwarten gewesen, nach gehöriger Bedenkzeit.

Gegen solche Eindrücke wie von diesem kranken Colosseum kenne ich nur ein Mittel: Gehen, gehen, gehen. Die Betäubung aus dem Körper ablaufen, die Ratlosigkeit, die Wut, ohne nach links und rechts zu schauen. Nur Gehen. Ich gehe weit, blind für das heroische Kriegsdenkmalsgerümpel, gehe immer noch, bis ich am Ortsausgang von Pale stehe. Diese hübsche kleine Holzkirche da, wie man sie überall im slawischen Raum findet, die Balken fast schwarz geworden - erst diese Kirche abseits der Straße öffnet mir wieder den Blick. Natürlich längst außer Dienst ist diese Kirche mit dem lateinischen Kreuz und zugesperrt. Muß also mal den Kroaten gehört haben. Erkunde ein bißchen das Gelände. Die Wiese hinter der Kirche geht in einen Bauernhof über. Zwei Heuhaufen. Hühner suchen ein abgeerntetes Gemüsefeld ab. Dann - von der Straße aus nicht zu sehen - weiße Stelen, hinter Stacheldraht. Ein muslimischer Priedhof . Wann mag jemand vor mir über den schadhaften Zaun gestiegen sein? Ein kleiner Totenacker, leicht abzuschreiten. Die alten Inschriften längst verwittert, aber die Sterbedaten aus den achtziger Jahren sind noch erkennbar. 1990 fand hier die letzte Beerdigung statt.

Als Deutscher kann ich diese Zahl gut lesen.

 

  

..........Heute bin ich der einzige Gast im AJSA. Emina freut sich, daß sie jetzt jemanden zum Plaudern hat, noch dazu aus Deutschland. Mein Notizbuch und die serbischen Balladen lasse ich gleich in der Tasche stecken.

Die Geschichte von Emin ist an diesem Abend dran, ihrem Bruder? Wie es ihm gelungen ist, damals, vor zwölf Jahren, sich dem Krieg zu entziehen, der über seine Stadt gekommen war. Zwanzig Jahre jung war er, im besten Soldatenalter. Aber zum Kanonenfutter wollte er nicht werden bei dieser Veranstaltung, die die Handvoll eiskalter Strategen inszenierte, den Traum eines Großserbien, das es niemals so gegeben hat, Wirklichkeit werden zu lassen, am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts.

Obwohl Emin Moslem ist, kann er sich auch die bosnische Seite nicht zu eigen machen. Nicht stark genug jedenfalls, um dafür zur Waffe zu greifen und Kopf und Kragen zu riskieren. Er fühlt sich als Jugoslawe, mit seiner kroatischen Mutter, und erkennt keinen Sinn in diesem Krieg. Ein junger Mann von zwanzig Jahren, der ins Leben hinaus will, nichts sonst. Seine Mutter hat bereits das Land verlassen, Richtung alter Heimat. Von dort setzt sie alle Hebel in Bewegung, um dem Sohn das Schicksal ihres Vaters zu ersparen. Mit einer hohen Summe kauft sie ihn frei. Zehntausend Mark. So viel kostet das Leben eines waffenfähigen Mannes in Bosnien damals.

"Zehntausend Mark? Das ist viel Geld. Hatte Ihre Mutter das alles gespart?"

So wie Emina lacht, habe ich wieder etwas furchtbar Dummes gefragt.

Nein, das Geld stammt aus Deutschland. Eine Abfindung für den Vater, der als Soldat der Wehrmacht gefallen ist, 1944, unter den Kugeln serbischer Tschetniks. Bis heute bezieht sie eine kleine Rente dafür aus Deutschland, von der sie mit ihrem Mann in Kroatien leben kann.

"Sie leben bescheiden, aber es reicht. Von der Abfindung hätten wir uns ein Haus bauen können. Alles frißt der Krieg auf, über Nacht. Weg. Nur wegen dieser Serben."

Emina bricht ab. Sonst kämen ihr wohl Worte über die Lippen, die sie vor einem Fremden nicht sagen will. Aber ihre Miene zeigt, zu welchem Abscheu, welcher Härte diese gutmütige, mütterliche Frau fähig sein kann.

Mit der Todesprämie für den gefallenen Vater kauft die Mutter ihren Sohn los von der Einberufung in die bosnische Armee. Emin kann seinen Militärdienst in Kroatien ableisten, im Hinterland irgendwo, an sicherer Stelle. Dort hat er genügend Zeit, seine Lage zu bedenken in diesem veränderten Land. Sofort nach Ende des Dienstes kehrt er der Heimat, die nicht mehr die seine ist, den Rücken. Um nie mehr wiederzukommen, bis heute, trotz seiner Mutter dort, der Schwester.

Der Schnitt ist tief gegangen. Auch ins eigene Fleisch.

Mittlerweile sind wir nicht mehr allein im Lokal. Ein kleiner Mensch ist reingekommen, rund und wuselig, mit einer Kiste Grünzeug. Kein Gast. Ein Bekannter. Kurzer Wortwechsel. Rasch schiebt Emina den Karton hinter die Theke, wirft den Grill an, brutzelt eine Pljeskavica, die am meisten gegessene Mahlzeit in Bosnien. Mit tüchtigem Appetit räumt der Kleine den Teller ab, trinkt sein Bier dazu und redet dabei ohne Punkt und Komma. Das balkanische Pourparler. Da hat selbst Emina ihre liebe Not mitzuhalten. Ich aber kann mich meinen serbischen Gesängen widmen, jahrhundertealt.

.....In der Früh das Amselfelder Mädchen,

     In der Frühe geht hinaus sie, sonntags,

     Sonntag morgens vor der lichten Sonne.

     Aufgestreift sind ihre weißen Ärmel, 

     Aufgestreift bis zu den Ellenbogen.

     Also wandelnd, führte sie der Zufall

     Zu Paul Orlowitsch, dem Heldenjüngling,

     Zu des Fürsten jungem Fahnenträger.

  ...Und sie fand den Armen noch am Leben,

  ...Abgehauen war die rechte Hand ihm

  ...Und der linke Fuß bis an die Kniee,

  ...Ganz zerbrochen hing die eine Rippe,

   ..Und man sah die weiße Lunge liegen.

   ..Und sie zog ihn aus den Strömen Blutes,

   ..Wusch ihn ab mit ihrem frischen Wasser,

   ..Träufelt in den Mund den roten Wein ihm,

   ..Speiset’ ihn mit ihrem weißen Brote.

Ja, diese legendäre Schlacht auf dem Amselfeld, am 15.Juni 1389, im Kosovo, als das Heer der Serben von den Türken geschlagen wurde und das Land für Jahrhunderte unter die Herrschaft des Sultans in Istanbul geriet. Damit hat alles angefangen. Damals und vor dreizehn Jahren noch einmal wieder.

"Er ist ein guter Mann", sagt Emina. Als gab's auch andere. Sie schaut dem Gemüsehändler durch die Fenster nach, wie er davonwuselt. Viel Zeit hat er sich nicht gelassen.

"Wir tauschen. Er bringt uns Gemüse, dafür bekommt er sein Abendessen." Bevor sie mir sein ganzes Leben erzählt, lenke ich zurück auf Emin, ihren Bruder. Ihre Augen leuchten auf.

"Oh, Emin geht's gut in Florida. Er ist Manager geworden. Manager!" Wie sie das Wort ausspricht, strahlt es im Glanz des amerikanischen Traums, des Versprechens von Erfolg, Reichtum, Glück. Mit nichts angefangen drüben. Geschuftet wie verrückt, sich hochgearbeitet bei einer Pizza-Kette. Und jetzt leitet er eine Filiale, ist sein eigener Chef geworden. Fast jede Woche telefonieren sie miteinander. Mit aller Energie betreibt er, daß sie, ihr Mann und die Kinder zu ihm rüberkommen. Nur an der Einwanderungsliste der Amerikaner, daran kann auch er nichts drehen.

Emina will weg von hier, mit aller Macht. Vor allem wegen ihrer beiden Kinder. Sie und ihr Mann könnten sich weiter hier durchschlagen. Der Laden wirft genug ab für sie alle. Aber Ajsa steht vorm Abitur, sie will studieren, und bald auch Smail. Ihre Kinder haben keine Chance hier. Die Zukunft ist ihnen verstellt in diesem land. Das ganze Bildungssystem von Korruption verseucht. Nirgendwo auf der Welt werden die bosnischen Examina anerkannt. Ajsa ist die beste Schülerin ihrer Klasse. Ihr Englisch - perfekt. Nebenbei singt sie, tanzt, und schön ist sie obendrein.

"Amerika ist auch ein hartes Land", versuche ich gegenzusteuern. "Sie werden dort ein ganz anderes Leben führen müssen." Ob sie es denn nicht reize, in ein europäisches Land zu gehen. 

„Wohin denn?" Emina hebt die Schultern. "Natürlich gingen wir gern nach Deutschland. Ich liebe das Land. Bayern Minchen, das ist meine Mannschaft. Für die drück ich mir die Daumen wund. Oder Holland."

Ich muß es ihr glauben, wenn sie behauptet, die wirtschaftlichen Grenzen durch diesen Kontinent seien noch wirksamer als die abgerissenen aus Stacheldraht und Beton. Nur schwarz könne sie in Westeuropa arbeiten, zu einem Hungerlohn, und jederzeit vor die Tür gesetzt werden. Oder heiraten. Eine Pseudo-Ehe eingehen, wie das viele Frauen in ihrer Lage tun.

"In Europa sind wir nirgendwo willkommen, wir Bosnier, und dazu noch Moslems. Keiner will uns haben." Also Amerika. Ihr Bruder hat dort seinen Weg gemacht, und sie werden das auch.

Nein, Emina ist keine achtzehn mehr wie damals bei der Olympiade in ihrer Stadt. Sie träumt nicht. Mit beiden Beinen steht sie auf der Erde und weiß genau, was sie will und was sie kann.

"Sobald wir auf der Liste stehen, sind wir weg, wir alle. Und Mama kommt nach. Dann sind wir wieder eine richtige Familie, wie früher, in Jugoslawien. Good bye, Sarajevo. Good bye, Bosnia. Welcome, Florida!"

Ich werde melancholisch bei der Vorstellung, daß unser Kontinent solche tüchtigen, arbeitsamen Menschen ziehen läßt, voller Lebensenergie, Anpassungskunst, Begabung, Schläue.

Ach, Europa, weißt du, was du tust - und läßt? Immer größer werden meine Zweifel, ob es dich überhaupt gibt. Du willst dich ja gar nicht, wirklich.

 

 

 

..........Die Hauptpost Sarajevos steht da als ein Garant von Dauer: einer jener stabilen Verwaltungsbauten, mit dem das habsburgische Imperium Europa in seiner Mitte überzogen hat, von Bozen bis Lemberg, von Prag bis Split. Und selten zeigen sich die Gebäude in plumper Massigkeit, trotz stattlicher Maße. Viel Sorgfalt und Kunstfertigkeit wurden auf Bauschmuck verwendet. Der Schein des Leichten, von Musik fehlt dieser Architektur fast nie.

Die beiden Ufer des Flüßchens Miljacka, die Aorta der Stadt, sind gut bestückt damit und zeigen, wie wichtig Österreich-Ungarn den heuen Gebietszuwachs nahm, der ihm mit Bosnien-Herzegowina zugefallen war, auf der Berliner Konferenz von 1878.

Nach vier Jahrhunderten unter ottomanischem Gesetz betrieb Habsburg mit staunenswerter Entschlossenheit die Europäisierung dieses Landstrichs, gab der Stadt Sarajevo als dem Zentrum eine neue Infrastruktur. Eine Eisenbahnstrecke wurde gelegt samt Bahnhof, Apartmenthäuser gebaut für die zugezogenen Beamten und Geschäftsleute, eine Novität damals, Kasernen, das Rathaus, ein Gericht, zwei Schulen, die katholische Kirche, eine aschkenasische Synagoge, Parks dazwischen, um Luft zu schaffen. Und eben auch ein Postamt.

Man kann wirklich nicht sagen, daß das Imperium während der sechsunddreißig  Jahre, die ihm  bis 1914 blieb, die Hände in den Schoß gelegt hätte. Österreich-Ungarn plante und verwirklichte Zukunft hier.

Auch die Miljacka wurde reguliert. Teppichglatt läßt sich das Wasser seither über die künstlichen Schwellen fallen, mit artigem Aufwallen, ohne jede Verpflichtung zu elementarer Wucht.

Die muslimische Oberschicht seinerzeit war, so scheint's, angetan von der neuen Herrschaft, die dieser Modernisierungsschub über Stadt und Land und Leute brachte. Auf Fotos von damals sieht man sie mit Turban oder Fez, ein modisches Jackett über die angestammten Pluderhosen, beim Billard in den Salons. Oder sie plauderten, die Zeitung überm Knie, im maurisch nachempfundenen Interieur des k.u.k. Kaffeehauses, dieser einmaligen Institution Habsburgs, das Schönste, Wertvollste und Liebenswerteste, was es der Welt geschenkt hat.

Bis heute sind die Bürger Sarajevos voll des Lobes, wenn ihre österreichische Vergangenheit in Rede steht, und nutzen gern die hinterlassenen Gebäude, in solcher Großzügigkeit angelegt, daß sie auch heute noch genügen. So auch die Post.

Ein paar Schritte nur entfernt, am Ufer der Miljacka, stand an der Straßenecke übrigens jener serbische Student Gavril Princip mit der Pistole im Gewande, als der Thronfolger Franz Ferdinand am 28.Juli 1914, einem lärmgedämpften angenehmen Sonntag, in seiner Kutsche vom Rathaus kam und zu seinem Hotel einbog, um dort das Mittagessen zu nehmen - und schoß sie ab. Vier Tage später war Krieg in Europa und weitete sich aus über einen großen Teil der Erde.

Bald achtzig Jahre später, 1992, kündet ein anderer Krieg sich an in Sarajevo. Nach dem Kollaps des Kommunismus löst Jugoslawien sich in seine alten historischen Bestandteile auf. Die Fiktion eines südslawischen Staates, die bald ein halbes Jahrhundert gehalten hat, zwei Generationen, unter Titos Fuchtel, zerfällt und setzt uralte Haßgefühle frei. Die Menschen  Sarajevos tun sich schwer zunächst mit dem Gedanken, ja, sie wollendes lange nicht fassen, daß ihre serbischen Mitbürger, Nachbarn, mit denen sie die Stadt geteilt haben, schiedlich-friedlich, es Ernst meinen mit ihrem Anspruch, die Stadt sei serbisch, und dafür ihren moslemischen Nachbarn an die Gurgel gehen, wortwörtlich.

"Das hier ist Serbien!" hat jemand nachts an das stolze Postgebäude aus Franz Josephs Portefeuille gesprüht, im Sommer 1992.

Am nächsten Tag steht ein zweiter Spruch daneben.

"Das hier ist die Post, du Idiot!"

Eine Post ist eine Post ist eine Post. Der zweite Schreiber hat Recht behalten. Doch erst mußten zehntausend dieser Postbenutzer sterben, und daneben sank ein großer Teil der Stadt in Schutt und Asche.

Ein Europäer, der dieser Tage Sarajevo besucht, zehn Jahre nach dem Rasen eines Wahnsinns, geht beklommen durch die immer noch gezeichneten Straßen dieser wunderschönen alten Stadt, vorbei an dicht belegten Friedhöfen, voll frischer Gräber. Wir Europäer waren nicht in der Lage, den Amoklauf eines der unseren aufzuhalten. Es waren die fernen Vetter aus Amerika.

Wer weiß, ob ohne sie die alteuropäische Hauptpost an der Miljacka heute noch stünde.

 

 

 

 

 

 

..........Unterwegs im Basar mit Shahab, dem muslimischen Shakespeare-Forscher. Es ist Freitag.

Ich habe ihn von der Universität abgeholt, nach seiner Vorlesung. Auf den Fluren diskutierende, herumalbernde Studenten. Junge Leute, um nichts anders als in anderen Ländern.

Hart an die Universität grenzt das Regierungsgebäude des Staates Bosnien-Herzegowina. In dem Flachbau tagt das Parlament. Das Areal aber dominiert die Ruine eines Hochhauses, zwanzig Stockwerke gewiß. Geschwärzter Beton , voller Löcher. Da waren einmal Fenster. Nur das Gerippe dieses Verwaltungsgebäudes hat den Bomben widerstanden und gibt den Blickfang ab in diesem Teil der Innenstadt, aus allen Richtungen. Ein schlimmes Bild, mitten in einer Hauptstadt Europas.

Gegenüber, jenseits der breiten Magistrale, zwei Bauten gleicher Höhe. Der gewohnte Blick. Mit Spiegelglas verkleidet, funkeln sie in der Sonne dieses Mittags. Kein Anlaß, darüber nachzudenken, was hinter der gläsernen Haut eigentlich steckt. Ein internationales Hotel, eine westliche Bank.

"Die sahen bis vor kurzem genau so aus wie dieser Turm", klärt Shahab mich auf. »Unserer Regierung fehlt eben das Geld."

Wir haben uns nicht zufällig gerade hier niedergelassen im Basar, in einem der zahllosen Straßen-Cafes, bei Mokka. Hinter Bäumen versteckt sich eine kleine Moschee. Heute ist, wie gesagt, Freitag, der wöchentliche Feiertag des Moslems.

"Ich werde dich gleich mal verlassen, zum Mittagsgebet", sagt Shahab. "Es dauert nicht lang." Anders als unter der Woche muß das Mittagsgebet am Freitag in der Moschee gesprochen werden, in der Gemeinschaft der Gläubigen.

Ein älterer Mann begrüßt Shahab, nimmt Platz an unserem Tisch. Ein gemütlicher Rentner. Vor dem Gebet gönnt er sich noch seinen Schluck Kaffee und klopft eine Zigarette aus dem Päckchen IRINA.

„Ein Täßchen Mokka ohne Zigarette / ist wie Moscheen ohne Minarette", zitiert er eine alte bosnische Redensart. Der Muezzin hat bereits seinen Ruf begonnen, oben vom Turm herab. Aber dieser Ruf ist lang. Erst beim letzten "und Mohammed ist sein Prophet" leert der Alte die Tasse, tritt die IRINA in den Boden und eilt den anderen nach in die Moschee.

Um mich das menschendichte Treiben einer Großstadt in Europa. Die Arbeit geht am Freitag weiter, alle Geschäfte sind offen. Der wöchentliche Ruhetag in Bosnien ist der Sonntag geblieben.

Nach einer Viertelstunde ist Shahab zurück. Ich frage ihn nach seinem Bekannten von eben.

"Herr Begovic? Der stammt aus einer alten Adelsfamilie der Stadt. Sie hatten mal großen Einfluß hier." Der türkische Sultan früher habe die lokale Elite nach Istanbul geholt und dort ausbilden lassen. Danach wurden sie in ihre Heimatprovinzen zurückgeschickt und verwalteten das land an Sultans Stelle. "Bey" war der entsprechende Titel dafür.

„Das türkische Wort ‚Bey’ haben die Leute hier slawisiert, zu Begovic. Aus einer solchen Familie stammt der Mann. Wir kennen uns schon eine Weile. Er ist der Vater eines meiner Studenten. Der hat es weit gebracht inzwischen, bei einer österreichischen Bank ..."

"Dank Shakespeare ", sag ich.

 

 

..........“Die Angehörigen der drei bosnischen Hauptkonfessionen (Muslime, griechisch-orthodoxe und katholische Christen) hassen einander von der Geburt bis zum Tode, vernunftlos und abgrundtief, und sie übertragen diesen Haß auch aufs Jenseits, das sie als ihren Ruhm und Sieg und als Niederlage und Schande des andersgläubigen Nachbarn auffassen. Sie werden geboren, wachsen und sterben in diesem Haß, in diesem wirklich physischen Abscheu vor dem Andersgläubigen; oft vergeht ihr ganzes leben, ohne daß sich ihnen Gelegenheit bietet, diesen Haß in seiner ganzen Stärke und Schrecklichkeit zu beweisen; wenn aber anläßlich eines bedeutenden Ereignisses die feste Ordnung der Dinge ins Schwanken gerät und Verstand und Gesetz für einige Stunden oder Tage außer Kraft gesetzt sind, dann ergießt sich diese Horde, beziehungsweise ein Teil von ihr, nachdem sie endlich einen tauglichen Grund gefunden hat, über diese Stadt, die sonst wegen ihrer feinen Liebenswürdigkeit im gesellschaftlichen Leben und ihrer schmeichelhaften Redeweise bekannt ist. All jene so lange zurückgehaltenen Gehässigkeiten und schlummernden Wünsche nach Zerstörung und Gewalttat, die bisher ihre Gefühle und Gedanken bewegt haben, dringen dann an die Oberfläche, und wie eine Flamme, die lange Zeit Nahrung gesucht und endlich gefunden hat, beherrschen sie die Gassen, spucken, beißen und zerbrechen, bis sie eine Kraft, die stärker ist als sie, zerschlägt oder bis sie selbst in ihrer Raserei verbrennen und erschlaffen. Dann ziehen sie sich wie Schakale mit eingezogenem Schwanz in ihre Seelen, Häuser und Straßen zurück, wo sie wieder jahrelang verborgen leben und bloß in bösen Blicken, häßlichen Redewendungen und obszönen Bewegungen hervorbrechen."

So steht's geschrieben bei Ivo Andric, im letzten Band seiner bosnischen Roman-Trilogie „Das Fräulein". Wer dürfte ein solches Urteil fällen wenn nicht er?

Von serbischen Eltern 1892 geboren bei Travnik, im Herzen Bosniens, als das Land den Kronen Habsburgs gehörte, hat er zeitlebens die Spannungen dieser Region in sich ausgehalten und das beste daraus gemacht: Literatur. Sein gesamtes Werk spricht von nichts anderem.

"Dieser für Sarajevo eigentümliche wütende Haß" zwischen den Religionen bricht im Roman nach jenem 28.Juli 1914 auf, als der serbische Student Gavril Princip mitten in der Stadt den österreichischen Thronfolger mit seiner Frau erschossen hat. Es kommt zum Aufruhr der Straße. "In dem Haufen mochten etwa zweihundert Aufwiegler sein, Mohammedaner und Katholiken, meist dürftig gekleidet und schlecht genährt, mit den Spuren des Elends oder des Lasters im Gesicht und in der Haltung. Sie schrien wahllos 'Nieder!’ oder 'Hoch!1, alles nach der Anleitung eines etwas besser gekleideten Mannes, der sie anführte." Der Student Ivo Andric, zweiundzwanzigjährig damals, gehörte der gleichen gegen Österreich gerichteten Bewegung "Junges Bosnien" an wie der Attentäter Princip und wurde deshalb während des Ersten Weltkriegs interniert. Was ihn nicht daran hindert, nach 1918 in Osterreich weiter zu studieren, in Wien und Graz, wo er 1923 promoviert. Anschließend geht er in den diplomatischen Dienst des Königreichs Jugoslawien, bis zum nächsten Krieg. Gerade zum Gesandten in Berlin bestimmt, wird er 1939 entlassen und kehrt nach Belgrad zurück. Er nutzt die Zeit des Kriegs, sich die Geschichte seiner bosnischen Heimat von der Seele zu schreiben, vom ausgehenden Mittelalter bis in die Gegenwart, dieses Landes auf der Grenze von Religionen, Sprachen, Kulturen.

Vielleicht hätte es ja die Kriegsgier um 1990 ein wenig gedämpft, auf allen Seiten, wenn man die Romane Andrics noch mal aufgeschlagen hätte. Ach, wie anders sähe unsere Welt aus, wenn die Politiker die richtigen Bücher läsen. Nicht nur in Bosnien und Serbien. Balladen statt Granaten.

 

 

 

 

 

 

          Einen Busbahnhof kann man ihn wirklich nicht nennen, den Wendeplatz am Ortseingang von Pale, mit tief ausgefahrenen Spuren. Dahinter der Bretterverhau eines Schalters. Geschlossen. Sieht nicht so aus, als würde er jemals wieder geöffnet. Alte Frauen in der Hocke, bieten auf dem Boden Zigaretten an, Süßigkeiten. Nirgendwo eine Tafel mit Abfahrtszeiten. Viele Menschen stehen herum und warten. Auch reichlich Junge. Sie frage ich, wann ein Bus nach Sarajevo geht. Doch keiner spricht hier eine fremde Sprache. Freundlich reagieren sie, aber zurückhaltend, scheu. Fragen untereinander nach, ob jemand Englisch spricht oder Deutsch. Niemand meldet sich. In den erstbesten Bus, auf dem „Sarajevo“ steht, steige ich ein. Nur fort von hier.

Der Bus ist voll, bis auf den letzten Platz. Erst als ich dem Schaffner meinen Fahrschein hinhalte, merke ich: Hier stimmt etwas nicht. Er wendet das Fetzchen Papier hin und her und redet, redet auf mich ein. So laut, dass alle Hälse sich in unsere Richtung drehen. Als er merkt, es fruchtet nichts, gibt er mir den Schein zurück. Freundlich schaut er dabei nicht.

Der falsche Bus? Wir fahren nicht nach Sarajevo?

„Sarajevo?“ frag ich nach vorn, nach hinten, zur Seite. Das müssen sie doch verstehen. Ein Schwall von Antworten. Jedes Wort zu viel. Köpfe nicken, aber Köpfe werden auch geschüttelt. Beides: Ja und nein? Wird der Bus von einer anderen Firma betrieben? Warum wollte der Schaffner dann kein Geld von mir? Wenn’s um Geld geht, versteht man das, in jeder Sprache. Nichts dergleichen. Immerhin: Noch sind wir auf der richtigen Straße.

Niemand, der mir helfen kann, und dabei redet der ganze Bus über mich und den komischen Fahrschein, mit einigem Stimmaufwand. Von hinten tippt mir jemand auf die Schulter und erklärt mir alles, bis ins kleinste Detail, mit eindringlichen Gesten, wird immer lauter, gibt endlich auf. Seine Nachbarin springt ihm bei. Sie versucht es mit langsamem Reden, Wort für Wort. Es endet mit hilflosem Lachen, auf beiden Seiten. Mit einem Auge behalte ich immer die Straße im Blick.

Da schiebt sich eine junge Frau durch den Gang, schön wie ein Engel. Ein Gesicht mit klaren Zügen, sehr heller Haut. Blond ihr Haar, fällt glatt bis auf die Schultern.

"Sie sind Deutscher?" fragt sie mich, ohne auch nur den geringsten Akzent.

Jelena lebt in Hamburg, aber sie stammt von hier. Serbin sei sie, sagt sie gleich. Wir haben viele Zuhörer um uns, die mit vorgestrecktem Hals und offenen Mundes verfolgen, wie Jelena da spricht. Ich will nur wissen, ob wir nach Sarajevo fahren, sonst nichts.

"Wir fahren schon nach Sarajevo, aber in den serbischen Teil der Stadt.“

„Dann kann ich ja vorher aussteigen", sage ich erleichtert.

„Ja, schon." Aber irgendein "Aber" liegt ihr auf der Seele, das sie nur schwer in Worte fassen kann. Es ist ihr wichtig mir zu vermitteln, daß es einen serbischen Teil der Stadt gibt. Ich weiß Bescheid. Einen Vorort, am Rand des Stadtgebiets, wo der Reisende normalerweise nicht hinkommt.

"Oder fährt der Bus durch und hält vorher nicht an?"

„Nein, nein, wir halten überall."

"Na wunderbar. Machen Sie sich keine Sorgen, ich kenn mich ganz gut aus in Ihrer Stadt inzwischen."

Doch Jelena ist nicht zufrieden mit mir. Irgendetwas mache ich falsch. Wenn ich's bloß wüßte. Sie sucht nach einer Erklärung.

Ich frage sie nach Hamburg. Seit zwölf Jahren lebt sie dort, mit Mutter und Schwester. Drei Jahre war sie alt, als sie aus Sarajevo flohen, vor dem Krieg.

"Und Ihr Vater?"

Die helle Haut flammt auf. In einer Sekunde ist sie rot geworden.

„Mein Vater ist im Krieg gefallen."

"Und jetzt", steuere ich auf harmloses Gelände zu, "besuchen Sie Ihre Verwandten in Sarajevo?"

Wieder sperrt sich etwas in ihr.

"Früher waren sie alle Serben in Sarajevo, wissen Sie. Mindestens ihre Großväter oder Urgroßväter waren Serben. Alle!" Ihr Blick ist starr geworden, geht an mir vorbei. Das helle feine Gesicht glüht wieder auf. Sie kämpft mit ihren Worten und was dahinter sitzt.

"Neulich bin ich durch die Innenstadt gegangen und habe ein Kreuz getragen", versucht sie es auf einem anderen Weg.

„Wo trägt man denn ein Kreuz, als junge Frau? An der Halskette?"

Keine Antwort. Unerheblich. Da sei sie angepöbelt worden im Basar, von ein paar Jungs, wegen ihres Kreuzes. Kein Problem für sie, die Jungs waren klein. Aber so etwas passiere einem jeden Tag, wenn man mit einem Kreuz durch Sarajevo gehe.

Ich verstehe nicht, wovon sie spricht.

„Seit einer Weile bin ich jetzt schon in Ihrer Stadt. Aber das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Gut, ich trage kein Kreuz an mir. Aber dennoch ..."

"Das erzählen Ihnen Ihre Freunde dort." Jelena läßt nicht ] locker. Ihr Gesicht ist hart geworden, mit einer Spur Abneigung gegen mich. Wenn wir weiterreden wie bisher, käme es zum Streit.

"Ich habe viel erlebt, glauben Sie mir. Obwohl ich erst fünfzehn bin."

Wir schweigen, beide. Ich ziehe mich in die Erinnerung zurück, an damals, als ich fünfzehnjährig war. Mein Gott, da verteidigte ich auch, in einer entsprechenden Situation übrigens wie Jelena, nach einem anderen Krieg, meine zwei, drei dürftigen Sicherheiten. Mit einer Überzeugtheit und einem seelischen Aufwand, vor dem mir noch heute graut. Und dieses Mädchen da?

Ihr Vater ist tot. Moslems haben ihn umgebracht, Bosniaken. Sie hat ihre Stadt verlassen müssen, lebt in einem fremden Land. Damit ist sie groß geworden und in die Welt hineingewachsen, ob in Hamburg oder anderswo. Wenn sie jetzt an ihren Geburtsort Sarajevo zurückkehrt, zu den Verwandten, ist das nicht mehr die Stadt, von der ihr die Mutter vorgeschwärmt hat und von der sie alle träumen: unsere Heimat! Fremd sind sie hier, eingesperrt in einen Vorort, zurückgesetzt. Schlimmer noch als in diesem Hamburg. Und früher - Mutter und die Verwandten erzählen ihr das immer wieder - früher war das Leben hier so einfach, (in der Vorstellung eines Fünfzehnjährigen muß das Leben einfach sein.) Da waren alle Bürger der Stadt Serben, zumindest ihre Urgroßväter. Alle.

Gern würde ich mehr von Jelena erfahren, doch sie mag nicht mehr, kehrt zurück an ihren Platz. An einen Blick zum Abschied erinnere ich mich nicht. Als ich die Republik Srpska auf vier rollenden Rädern verlasse, bedrückt mich lange noch die Begegnung mit diesem Mädchen. Fremd sind wir auseinandergegangen, vielleicht bin ich sogar ein Feind für sie geworden.

In ein paar Schritten bin ich von der Haltestelle des falschen Busses mitten im Basar und tauche ein in ein anderes Leben, nehme mir bei Mokka die serbischen Gesänge wieder vor. Es ist schon eine Weile her, daß mir Literatur so nötig war wie hier im "ehrenreichen stein'gen Bosnien". Um frei zu werden, leicht im Kopf, und Vorurteile niederzuhalten, soweit es möglich ist. Schlage den Gesang auf, der von der Schlacht auf dem Mischarfeld erzählt, im August 1806. In diesem Krieg haben serbische Aufständische das Heer der Türken geschlagen, so entscheidend, daß die Herrschaft des Sultans auf dem Balkan darüber zerbrach, nach vierhundert Jahren. Begonnen hatte sie mit der Schlacht auf dem Amselfeld, im Kosovo.

Ein Bote bringt der Frau des türkischen Feldhauptmanns Kulin die Nachricht von der Niederlage und vom Tod ihres Mannes.

......"Edle Herrin, Kulins Ehgemahlin!

......"Gerne brächten wir dir beßre Kunde,

.......Können's nicht, wie's ist, muß es gesagt sein!

.......Waren eben noch im untern Grenzland,

.......Auf der breiten Ebene von Mischar;

.......Waren dort, sahn vor Augen alles,

.......Wie die Heere aufeinanderstießen

.......Auf der weiten Ebene von Mischar,

.......Serbisch eines und das andre türkisch.

.......Vor dem türkischen Feldhauptmann Kulin,

.......Vor dem serbschen Petrowitsch George

.......Überwand das serbische das türksche,

........Fiel dein Gatte, Landeshauptmann Kulin,

.......Tötete ihn Petrowitsch George;

.......Mit ihm fielen dreißigtausend Türken,

.......Fielen all die türkschen Oberhäupter,

.......Ausgesucht die Besten von den Besten

.......Aus dem ehrenreichen stein'gen Bosnien.

.......Nicht kehrt heim der Landeshauptmann Kulin,

.......Kehrt nicht heim, noch wird er je heimkehren.

.......Nicht erwart ihn, sieh ihm nicht entgegen!

.......Zieh den Sohn auf, sende in den Krieg ihn!

.......Serbien läßt nimmer sich befrieden!"

Zieh den Sohn auf, sende in den Krieg ihn ...

Warum soll es nicht auch die Tochter sein?

 

 

 

 

 

 

..........Geht auf den Abend zu. Der Basar von Sarajevo leert sich. In den Gassen, vor und zwischen den Lädchen und Cafes, wird bereits gefegt. Durch ein schön gewirktes Gitter schau ich in den Harem der alten Moschee hinein. Nah an der Mauer die schlanken weißen Stelen von Gräbern.

Dazwischen, im Gras, ein Knäuel junger Katzen. Vier oder fünf. Ein Knoten aus Weiß, Fuchsrot und Schwarz. Kaum ein Zittern in dem Gemeinschafts-Leib. Hin und wieder hebt sich etwas, ein vom Schlaf betäubtes Köpfchen, und sackt wieder hin, unter ein weggestrecktes Bein, einen somnambul winkenden Schwanz. Die Sonne, scheint's, gibt ihnen ihre letzte Wärme gern.

Unter dem abgeblühten Rosenstock des Grabs zwei Flügel einer Taube. Aus dem Rumpf gerissen. Blut am Gelenk, ins Gefieder hinein. Träumen die vier oder fünf kleinen Katzen ihren Verdauungsschlaf?

Gleich wird der Muezzin vom Minarett herab zum Gebet rufen. Es geht auf den Abend zu. Der Basar hat sich geleert.

Friede auf Erden –

 

 

 

 

          Samstagabends kommt Emina nie uns AJSA. Da macht sie Hausarbeit. Die Wohnung wird gereinigt, die Wäsche, eingekauft für die Woche, vorgekocht. Ihr Mann Senad muß dann eben zwei Schichten fahren.

Ein bißchen voller als sonst ist es schon im Lokal, doch eigentlich hatte ich mehr Gäste erwartet. Im Olympiastadion von 1984, eine halbe Stunde Fußweg von hier, am anderen Ende der Stadt, findet ein wichtiges Fußballspiel statt. Bosnien-Herzegowina gegen Serbien. Ausgerechnet. Kein „Freundschaftsspiel“. Das Wort wäre ohnehin nur als blanker Zynismus zu verstehen. Es geht um etwas im „ehrenreichen stein’gen Bosnien“: um die Qualifikation für die nächste Europameisterschaft. Wettkämpfe im Sport sind wohl der einzige Bereich, in dem Europa pünktlich funktioniert.

Vier oder fünf Gäste außer mir sitzen vor dem Fernsehgerät, nur Männer. Gottlob sind auch zwei Polizisten darunter. Der Bildempfang ist so miserabel, daß einer aufspringt und aus dem Dienstwagen eine Antenne holt. Nach einer Weile findet er auch die passende Buchse.

Ein Fußballspiel wieder jedes andere auch, eher von der faden Sorte. Überraschend lediglich die Kameraführung. Dergleichen sah ich nie. Sklavisch eng halten sich die Kameras an das grüne Areal des Spielfeldes. Kein Schwenk in die Zuschauerränge. Man hört die Kulisse eines vollen Stadions, sieht aber keine Bilder dazu. Dabei malten in den letzten beiden Tagen Burschen auf dem Pflaster ihrer Straße riesige Plakate für dieses Spiel, mit den üblichen Parolen und Symbolen. Nichts davon zu sehen bei der Übertragung. Einmal nur, wohl durch das Versehen eines Kameramannes – oder doch gezielt? - , gerät ein weißes Tuch ins Bild mit der handgemalten Aufschrift SREBRENICA. Das ist alles. Über anderthalb Stunden hinweg. Fußball pur, vor amputiertem Fernsehpublikum.

Liegt es daran, daß keinerlei Stimmung aufkommt unter der Handvoll Gäste? Oder weil noch kein Tor gefallen ist? Das AJSA brütet vor sich hin. Man trinkt Mokka oder ein Glas Mineralwasser und hält sich daran die neunzig Minuten fest. Kein lautes Wort. Erst gegen Ende des Spiels ändert sich das. Mittlerweile stehen ein paar weitere Kiebitze hinter uns, die auf dem Weg zu ihrem Bus kurz reinschauen. Die letzten Minuten. Es geht um die Wurst. Laut wird es auch jetzt nicht. Aber in die Körper der Männer ist Spannung gestiegen: das heftige Wegrücken des Stuhls, ein Aufbäumen oder kurzes Hochspringen. Entlädt sich nicht in Worte, schon gar nicht in Geschrei.

Kurz vor dem Abpfiff des Spiels die einzige wirkliche Torchance. Ein serbischer Stürmer allein vor dem bosnischen Tor. Der haut den Ball irgendwohin, nur nicht in die Maschen. Mit einer solchen Nonchalance, daß ich ins Grübeln komme. Aufatmen der Männer um mich rum, das ein Stöhnen ist. Oder ein verschlucktes Stoßgebet, ein Fluch.

Vorbei. Das Spiel endet torlos. Kein Fachsimpeln, kein Nachkarten. Nichts. Der eine Polizist zieht seine Antenne raus, der andere zahlt. Dann sind sie draußen, mit ihnen der Rest. Senad rückt die Tische zurecht, die Stühle. Meinem fragenden Blick weicht er aus. Eine Stille, als sei nichts gewesen.

Irritiert greife ich zu Notizbuch und Lektüre, und mit einem Mal bin ich mir ganz sicher: Es stand so ungeheuer viel auf diesem Spiel daß es nicht zu Worten finden konnte. Von den deutschen Soldaten in der Stadt weiß ich, daß sie an diesem Samstag Ausgangssperre hatten und auf Abruf in ihren Stuben saßen (wahrscheinlich vorm Fernseher). Was wäre passiert, wenn ein Tor gefallen wäre, egal auf welcher Seite? Ich wag es mir nicht auszumalen. Da hat eine Lunte gebrannt und den Sprengkopf nicht erreicht.

Nach und nach füllt sich der Bahnhofsplatz. In kleinen und in großen Gruppen kommen die jugendlichen Zuschauer aus dem Stadion, streben am AJSA vorbei zu ihren Bussen. Die Fahne Bosniens geschultert, ihre Gesichter angemalt in den Landesfarben, das Haar eingesprüht. Wie überall. Sie skandieren ihre Sprüche, singen ihre Lieder. Aber auch das gedämpft, ohne den Überschwang von Begeisterung oder Wut. Betrunken ist niemand. Keine Rauferei, man ist unter sich. Nicht gewonnen, aber wenigstens auch nicht verloren, ausgerechnet gegen die. Ein bißchen kann man sich ärgern, ein bißchen zufrieden sein. Die sedierende Wirkung eines Null zu Null.

Am nächsten Abend steht Emina wieder im Lokal, mit frisch aufgedrehten Locken. Sie erzählt mir von dem wunderschön traurigen Liebesfilm aus Amerika, den sie sich gestern beim Bügeln gegönnt hatte. Und das Fußballspiel?

Sie zuckt die Achseln. "Bayern Minchen!" seufzt sie und schlägt den Blick zur Decke. Doch, etwas Positives fällt ihr ein. Diesmal sei nicht nur bosniakische Polizei im Stadion gewesen, sondern die eine oder andere Einheit aus der Republik Srpska. Überhaupt das erste Mal, daß die Polizei aus beiden Teilen des Landes zusammengearbeitet hätte. Immerhin. Aber sehr tief berührt sie das nicht. Sie hat sich offenbar wirklich gelöst von diesem Land, lebt hier nur noch im Wartestand, bis sie und die Ihren auf der Einwanderungsliste der Amerikaner stehen.

"Es ist wegen unserer beiden Kinder. Mein Mann und ich, wir kommen hier über die Runden. Aber unsere Kinder. Sie brauchen eine gute Ausbildung, die beste. In Amerika werden sie alle Chancen haben, die sie verdienen. Sie sind klug und talentiert und fleißig und wollen sich anstrengen. Sie sollen einmal ein anderes Leben haben als wir. Wir können arbeiten, mein Mann und ich!"

Emina steht vor mir, ein Wischtuch in der Hand. Blitzblank gewienert ist das AJSA. Ihre dunklen Augen funkeln nicht. In ihnen sitzt die gesammelte Ruhe einer Entschlossenheit. Amerika kann sich freuen auf solche Menschen.

 

 

Ende

 

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