zurück  

     

      

                         
Sabine Gamper und Roger Pycha 

Das erschöpfte Selbst 
Kunst im Krankenhaus - zum Thema Depression in Gesellschaft und Gegenwart

 

Seit Ende der 90er Jahre hat die Kunst wieder den Anspruch, sich in aktuelle Fragestellungen unserer Gesellschaft einzumischen. Das Ausstellungsprojekt „Das erschöpfte Selbst“ fußt auf der Gewissheit, dass zeitgenössische Kunst für Betrachter eine Möglichkeit darstellt, sich mit Fragestellungen auseinanderzusetzen, die auf der verbalen Ebene noch mit Tabus und Verboten besetzt sind. Das Krankheitsbild der Depression gehört trotz seiner deutlichen Erscheinung in unserer Gesellschaft zu jenen Bereichen, die eine offene Auseinandersetzung sehr schwierig machen. Eine bildliche Annäherung kann da Zugänge schaffen, die über die Sprache (noch) nicht möglich sind.

 

In den 40er Jahren galt die Depression lediglich als ein Symptom, das die meisten Geisteskrankheiten begleitet, und wurde kaum beachtet. 1970 war sie die am weitesten verbreitete psychische Störung der Welt. Heute steht die Depression im Mittelpunkt des psychiatrischen Interesses. 5 % aller Menschen in der westlichen Welt leiden in jedem Augenblick daran, und fast jeder fünfte Mensch wird im Laufe seines Lebens eine behandlungsbedürftige Depression mitmachen. Vieles weist darauf hin, dass die Depression zusammen mit der Angststörung die typische Krankheit der  modernen Leistungsgesellschaft ist – nämlich ein Leiden an der Verantwortlichkeit. Der Depressive ist erschöpft von der Anstrengung, er selbst werden zu müssen. Im Zeitalter der unbegrenzten Möglichkeiten ist die Melancholie die unerbittliche Kehrseite des Menschen, der sein eigener Herr ist. Der motivationsarme, verlangsamte und sozial gehemmte Depressive ist das genaue Gegenteil dessen, was die kapitalistische Fastfood-Gesellschaft zum Ziel hat.

 

Vielleicht ist ja Erschöpfung wirklich der Preis, den wir moderne Menschen am häufigsten zu zahlen haben –  Rollenvielfalt, Informationslawine, Isolation trotz Kontaktaufnahme durch elektronische Medien, rasende Geschwindigkeit der Umwälzungen, sofortige Veralterung des neu Gelernten erzeugen einen Sumpf, der die Energien des Einzelnen verbraucht. Keine Generation war so sehr von seelischer Erschöpfung bedroht wie die unsere. Diese Hinfälligkeit trägt dementsprechend moderne Namen wie Depression, burn-out oder chronisches fatigue-Syndrom.

Deshalb wird der Umgang mit inneren Energien zur Überlebensstrategie. Haushalten können damit, sich selbst bremsen, Überforderung spüren, im Bedarfsfall aus eigenem Antrieb Hilfe suchen und die richtige finden – diese Themen ziehen sich wie ein roter Faden durch Selbstverwirklichungsseminare unserer Tage.

Sie sind das Anliegen der „Europäischen Allianz gegen Depression“ – eines Projekts, das in ausgewählten Regionen von 17 europäischen Staaten für viereinhalb Jahre auf verschiedene Weise dazu beitragen will, dass depressiv erkrankte Mitmenschen bessere Hilfe und mehr Verständnis erfahren, aber auch selbst eher imstande sind, ihr Leiden wahrzunehmen und sich helfen zu lassen.

 

Das Gesellschaftsbild moderner Selbstüberforderung entwirft der französische Soziologe Alain Ehrenberg meisterhaft in seinem Werk „Das erschöpfte Selbst“ (Campus-Verlag, Frankfurt New York 2004). Dieser Titel hat unserer Kunstausstellung den Namen geliehen. Wenn es uns mit ihr gelungen ist, die Abneigung einiger Menschen in Neugier zu wandeln, die Furcht in Verwunderung, ist viel zur Akzeptanz seelisch Leidender in der Gesellschaft geschehen. Damit unsere Chancen steigen, haben wir die Werke dorthin gestellt, wo dauernder Besucherstrom gesichert und die Bereitschaft zur Erschütterung groß ist: in die Krankenhäuser. 

8 Künstler aus Süd- Nordtirol und dem Trentino wagen sich in den Bereich des schwer Ausdrückbaren, werden mit Zweischneidigkeiten vertraut, senden mehrschichtige Botschaften und kratzen kreativ, satirisch und humorvoll an Klischees und Tabus. Auch gelächelt darf werden, ist doch Vieles an der Überforderung hausgemacht durch zu hoch gesteckte Ziele. Ebenso braucht der Ärger seinen Raum, ist man doch zu oft Mitläufer sozialer Sinnlosigkeiten. Betrachter werden natürlich auch herausgefordert, vielleicht werden ihnen eigene Ängste gespiegelt. Aber alles Gespiegelte ist bereits gebrochen, verbildlicht, verarbeitet, und damit leichter verdaulich.

 

Blaue Psychiatrie-Pyjamas stellen zum Beispiel das „Material“ der Arbeit „Nixe“ von Julia Bornefeld dar, die aus einem Objekt und einer Fotografie besteht. Zwei ausgestopfte Hosenbeine mit schwarzen Gummistiefeln liegen am Boden, so als wären sie ausgerutscht oder gestolpert. An der Wand spiegelt sich die Situation in einer Fotografie, die den Unterkörper und Beine einer am Strand im Wasser liegenden Frau zeigt, ebenfalls mit Psychiatrie-Uniform und schwarzen Flossen bekleidet. Die Redewendung „Ins Wasser gehen“ bezeichnet den Umgang der Künstlerin mit dem Thema Suizid, der von Tragik und Ironie gleichermaßen geprägt ist. Wenn Menschen ins Wasser gehen, sterben sie vielleicht, aber für wunderschöne Nixen ist Wasser das Lebenselixier. Die Künstlerin verwendet die Ironie als Werkzeug, um den Schrecken der Realität zu ertragen. Die halbe Puppe, der liegende weibliche Unterleib hat in Bruneck zum Beispiel bei verschiedenen Ärzten und Schwestern den Reflex zum Wiederbeleben ausgelöst. Er wurde immer wieder von Kindern zum Spielen hergenommen, von Passanten auch verlegt oder versteckt. Mitarbeiter der Psychiatrie haben den Unterleib immer wieder gesucht, gefunden und neu platziert – ein wochenlanges Spiel mit Gegenständen und dem Thema der Ausstellung.

 

Daniela Chinellato versucht in ihrer Kunst, die „Dinge umzukrempeln, um zu sehen wie sie wirklich sind“. Ihr Thema ist der Verlust des Gleichgewichts, die Auflösung der Sicherheiten und der Mangel an Stabilität im alltäglichen Leben. Dies erleben an Depression erkrankte Menschen in massivem Ausmaß, und gleichzeitig betrifft es uns alle. Die Künstlerin bringt uns anhand der Metapher eines Bettes mit schräger, seitlich abfallender Liegefläche zum Nachdenken über Dinge, die in unserem Leben aus dem Lot geraten sind.

Die in der Tiefe unseres Seins verborgenen Kräfte symbolisiert die Künstlerin durch rot bemalte und beleuchtete Äste unter dem Bett. Auf behutsame und gleichzeitig eindringliche Weise wecken Chinellatos Arbeiten Empfindungen zwischen Geborgenheit und Einsamkeit, Hoffnung und Verlust. Am Eingang des Krankenhauses Bruneck vermittelte dieses Werk gerade zur Weihnachtszeit auch viel Ästhetik, und war eine bildhafte Einladung, sich auf die Ausstellung einzulassen.

 

Rosario Fontanellas Computerzeichnungen stellen archetypische Modelle des menschlichen Körpers dar. Der Künstler verschachtelt die auf bloße Umrisse reduzierten Körperformen ineinander, stellt sie nebeneinander oder blendet sie übereinander, sodass sich die Figur im Bild vervielfacht. Kurze Texte beschreiben die Darstellungen als Selbstbildnisse. Folglich setzt sich der Künstler mit der eigenen inneren Befindlichkeit, seinem Schmerz und seiner seelischen Zerrissenheit auseinander. Gleichzeitig fungieren die Bilder als Spiegel: Sie werfen den Betrachter auf sich selbst zurück, auf die je eigene Auseinandersetzung mit dem inneren Befinden.

 

Christoph Hinterhubers Textarbeit führt schlagartig ins Thema Depression und reißt Wunden auf. „Alles was ich tue ist falsch“, steht in den Signalfarben pink, schwarz und weiß und in 4 Sprachen auf einer Plastikplane, wie sie für Lastwagen verwendet wird, unübersehbar am Eingang des Krankenhauses. Ein Satz, der kein Zurück ermöglicht: sobald wir ihn gelesen haben, stehen wir im Einstiegsfenster zur eigenen Depression, empfinden ihn als Warnung oder als Aufforderung zur Auseinandersetzung. Die Form, die Hinterhuber wählt, ist auch eine Kritik an gesellschaftlichen Mechanismen, die glatte Oberflächen brauchen, um nicht in die Tiefe sehen zu müssen.

 

In Manuela Prossliners leiser und poetischer Videorabeit „s’Pflasterle“ geht es um das Thema von Schmerz und Abwehr, um Selbstschutz und Verletzlichkeit, um den Umgang mit eigenen überhöhten Wunschvorstellungen. Eine junge Frau klebt ihr Gesicht in unaufhörlicher Geste mit Pflastern zu, die sich wie von selbst festzusaugen scheinen. Als Ergebnis vieler Einzelverarztungen entsteht eine Maske, die das Gesicht komplett bedeckt und entstellt. In einem schmerzvollen Akt muss die Maske wieder abgerissen werden. Einen Augenblick lang sieht man das entblößte, „nackte“ Gesicht, den verletzten Ausdruck, dann kleben sich die Pflaster wieder fest und der ganze Vorgang beginnt von vorne. Selbstbehandlung und Befreiung davon ergeben ein dauerndes Spiel.

Prossliners Video „Marlene“ hingegen setzt sich mit der häufig vorkommenden Depression bei Müttern in der Zeit nach der Geburt ihres Kindes auseinander. In 4 dramatischen Szenen wird eine junge Frau mit vielen Puppen gezeigt. Einmal dem mütterlichen Körper entsprungen, vervielfachen sich die Puppenkinder, stellen die Vereinnahmung und Kontrolle über den weiblichen Körper dar. Die Spaltung des weiblichen Selbstverständnisses endet in einer kämpferischen Auseinandersetzung mit den Kindern.

Als roter Faden  zieht sich eine wiederholte Szene, in der die Frau resigniert im weißen Nachthemd auf dem Boden sitzt, durch die Arbeit.

 

Sylvie Riant richtet ihren Blick auf die Anfänge der Psychoanalyse am Ende des 19.Jahrunderts. Ausgangspunkt ihrer Arbeit „Augustine“ (2005) sind Originalfotos des berühmten französischen Nervenarztes Charcot und seiner hysterischen Lieblingspatientin Augustine in der Pariser Salpetrière aus den 80er Jahren des 19.Jahrhunderts. Wie in einem Theater zelebrierte Charcot die hysterischen Anfälle seiner äußerst attraktiven Patientin in öffentlichen Vorlesungen vor einem zahlreich erscheinenden Publikum – als perverses und gleichzeitig erotisches Ereignis. Bei Sylvie Riant schwebt Augustine nach Originalvorlage in weißem Seidenrock mit langem Haar in einer Metallstruktur. Ihr Körper beugt sich in hysterischer Pose wie in einem Bogen nach hinten. Ihr Haar wird von einem schweren Gewicht auf den Boden gezogen. Sylvie Riants Arbeit trifft uns aufgrund ihrer historischen Anleihe und der Ästhetik ihrer Materialien - Frauenhaar, Eisen und Seide – in der Tiefe unseres Unterbewusstseins.

 

Die Videoarbeit „Esyra“ (2003) von Elisabeth Weiss bewegt sich zwischen den Ebenen unseres Bewusstseins und Unterbewusstseins. Im Großformat werden die Füße von Esyra gezeigt, die unaufhörlich mit einem weißen Band ein- und wieder ausgewickelt werden. Dann werden sie mit Wasser übergossen und in Mausefallen gezwängt. In dem ständigen Ein- und Ausbinden der Füße versucht Esyra, sich von inneren Zwängen zu befreien und hält gerade dadurch ihre Fesseln aufrecht. Mit hartnäckiger Hingabe werden die Handlungen vollzogen: Abstauben, Einbinden, Begießen, Ausbinden. Die Fallen unter der Oberfläche werden zwar freigelegt, aber auch wieder zugedeckt und geglättet. Das Werk beschreibt die Aussichtslosigkeit des Versuches, sich zu befreien, den Krankheitsgewinn und das freiwillige Verbleiben in immer derselben, unabänderlichen Situation.

 

Letizia Werth’s Arbeiten befassen sich mit unseren Erinnerungen und Befindlichkeiten. Eigens für die Ausstellung schuf sie drei Zeichnungen, so genannte „Schattenbilder“, sowie eine Installation mit Staubblumen. Vorlage für die Zeichnungen sind gefundene Fotos von uns unbekannten Personen in Fotografierpose. Wie im Foto-Negativ zeichnet Werth die Licht- und Schattensituationen umgekehrt. Letizia Werth’s Arbeiten erfordern eine andere Art des Sehens, in dem jene Stellen, die ansonsten beleuchtet sind, in der Dunkelheit der Schatten versinken, um anderen Details, die normal unsichtbar sind, eine ungewöhnliche Deutlichkeit zu verleihen.

In der Arbeit „Staubgarten“ wachsen Staubblumen aus dem Steinboden – zart und verletzlich, und gleichzeitig dreckig und madig. Diese Blumen möchte man beschützen, aber gleichzeitig nicht gerne anfassen, wie psychisch kranke Menschen häufig auch. Das Thema des Abgrenzens und Ausgrenzens zieht sich durch alle Arbeiten der Künstlerin, die ihren Blick vorzugsweise auf kleine, vergessene, unbedeutende Geschichten und Situationen lenkt.

 

Seit 1. Oktober 2005 war die Ausstellung je knappe zwei Monate in den Krankenhäusern Brixen und Bruneck zu sehen, am Krankenhaus Bozen musste sie nach wenigen Tagen auf Druck der Verwaltung abgebaut werden. Sie wird ab 18. März für knappe zwei Monate im Krankenhaus Meran wieder gezeigt.

Die rege Diskussion macht deutlich: Diese Kunst ist nicht unbeachtet geblieben, sie eckt auch an und fordert Reaktionen heraus. Und das Thema ist bedeutsamer denn je.

 

 

 

zurück