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Bernhard Nußbaumer

 

Stadtgeschichte(n) im Turm
Ein Rundgang durch die Ausstellung: „Stationen einer kleinen Stadt. 700 Jahre Glurns“

 

Im Oberen Vinschgau beweisen Kurator Sebastian Marseiler und sein Team, dass man auch auf begrenztem Raum und mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln eine repräsentative Ausstellung machen kann – wenn das Konzept stimmt.

  

Vorspann

 

Jedes Jubiläum beginnt mit einer Jahreszahl. Im Fall des Städtchens Glurns findet sich diese in einer Urkunde aus dem Jahr 1304. Zum ersten Mal wird der Ort darin als „stat“ bezeichnet. Eine befestigte Siedlung, burgum, ist Glurns wohl schon viel früher gewesen, allerdings ist bei heutiger Quellenlage die Stadtrechtsverleihung oder Stadterhebung nicht mehr zweifelsfrei datierbar. Denn im Laufe der bewegten Geschichte des Städtchens am Oberlauf der Etsch sind bei Brandkatastrophen und als Folge von Kriegseinwirkung immer wieder Urkunden verloren gegangen.

Von den Stadtverantwortlichen wurde das bekannte Datum jedenfalls zum Anlass für eine Reihe von Feierlichkeiten zu sieben Jahrhunderten Stadtgeschichte genommen. Eine Initiative in diesem Rahmen ist die Ausstellung „Stationen einer kleinen Stadt. 700 Jahre Glurns“von Sebastian Marseiler und Brigitte Kauntz.

  

Ein Rundgang im „Kirchentorturm“

 

Um sich dem Ort von der richtigen Seite zu nähern, muss man von Westen kommen: vom mustergültig renovierten romanischen Söles-Kirchlein gelangt man zu Fuß über einen malerischen Jakobs-Pilgerweg (der an die mittelalterliche Pilgertradition auch hierzulande erinnert) an eines der drei Stadttore von Glurns. Markiert wird dieser Einlass durch den imposanten „Kirchentorturm“, der seinen Namen von der gegenüberliegenden, außerhalb der Stadt und jenseits des Etschflusses befindlichen Stadtpfarrkirche erhält. Die etwa 1510 fertig gestellte Tor-Anlage ist nachweislich das erste Gebäude, das Kaiser Maximilian nach der vollständigen Zerstörung der Stadt während des sogenannten „Calvenkrieges“ im Jahr 1499 wieder errichten ließ. Beinahe, wird man später in der Ausstellung erfahren, hätte der Kaiser den besagten, gegenüberliegenden Kirchturm abreißen lassen wollen, um die Sicherheit seiner Grenzfestung nicht zu gefährden. Der Schrecken über die vernichtende Niederlage des Habsburgerreiches gegen die Graubündner saß den Glurnsern zu dieser Zeit wohl noch in allen Gliedern. Die Befestigungsanlagen am Bau (Zugbrücke, Pechnasen, Geschützscharten und Wehrgang) sowie die frontale Lage gegen das benachbarte – und verfeindete – Engadin lassen noch heute erkennen, worum es den Bauherren von damals ging. Kaum verwunderlich, dass der Turm die meiste Zeit seines fünfhundertjährigen Bestehens als Munitionsdepot und Militärkaserne benutzt worden ist. Und dem heutigen Besucher der Ausstellung, die an diesem geschichtsträchtigen Ort untergebracht ist, schallt beim Näherkommen die Stimme des (virtuellen) Turmwächters entgegen: „Wer pisch, woos willtsch, pisch epper an Engadeiner?“ (Wer bist du, was willst du, kommst du aus dem Engadin?)

 

Für den „Kirchentorturm“als Beherbergungsort der Ausstellung „700 Jahre Glurns“ spricht zunächst einmal die Möglichkeit, das Gebäude auf mehreren Ebenen zu nutzen: Torbereich, Wehrgänge, erster Stock, zweites Stockwerk und Dachgeschoß lassen sich als gesonderte und dennoch ineinander laufende Themenbezirke bespielen. Darüber hinaus nimmt das Gebäude aufgrund seiner Lage die gesamte Umgebung, das mauerbewehrte Städtchen und auch die Umgebung mit ihren Dörfern, in den Betrachtungsraum hinein und erweitert dadurch den thematischen Darstellungshorizont weit über die eigentlichen Ausstellungsräume hinaus. Zudem haben die Ausstellungsmacher darauf geachtet, die architektonischen Besonderheiten und Funktionen der jeweiligen Räumlichkeit auch für sich selbst sprechen zu lassen: so erfahren die Besucher beispielsweise schon vor dem eigentlichen Ausstellungsbezirk, zwischen Brücke und Torbogen, etwas über den Salztransport und die Salzniederlage, also jenes Handelsgut, das nach dem mittelalterlichen Privileg in Glurns, gewogen, gemessen und verkauft werden musste – was die Grundlage für die wirtschaftliche Entfaltung der mittelalterlichen Kleinstadt bildete. Und der Eingangsbereich bietet Gelegenheit, den Beruf der Nachtwächter und die Aufgaben der Brückenverteidiger vorzustellen. Auf der nächsten Ebene wird im Wehrgang die militärische Bedeutung der Anlage erklärt, und der weitläufige Blick über die Ringmauern ermöglicht es, wie in einem Freilichtmuseum das ganze Umfeld in die Information mit einzubeziehen. Ein Faksimile der Baupläne des Innsbrucker Architekten Jörg Kölderer von 1521 bildet den architektonischen Grundriss der heutigen Stadtanlage noch einmal in Miniatur ab.

Im ersten Stockwerk wird der Besucher mit der Entstehung einer mittelalterlichen Kleinstadt vertraut gemacht. Die Entwicklung vom Dorf zur Stadt, nicht zuletzt aus machtpolitischen Überlegungen der Landesherrschaft, wird trotz sparsamem Einsatz von Exponaten anschaulich nachgezeichnet. Glurns hat seine Lage als Marktplatz und Umschlagplatz am Kreuzungspunkt von Handelswegen und –übergängen zwischen dem Tiroler, dem Graubündnder und dem lombardischen Raum schon früh geschickt genützt, die politische Rivalität zwischen den habsburgischen Landesfürsten und den Bischöfen von Chur hat später zu einer besonderen Aufmerksamkeit der Landesherren für diese „Festung“ an ihrer Reichsgrenze geführt. Ein Stadtmodell als Blickfang gibt in der Mitte des Saales Aufschluss über den architektonischen Bestand. Stadtschlüssel, Stadtfahne und Stadtsiegel verweisen auf die rechtliche Bedeutung einer „Stadt“ im  Gefüge der mittelalterlichen Welt.

Das zweite Obergeschoß ist dem Themas Wirtschaft vorbehalten: In den Illustrationen von Jörg Müller werden die Berufe in einer mittelalterlichen Stadtsiedlung eindrucksvoll nachgezeichnet: Kaufmann, Wirt, Richter, Notar, Handwerker, Henker. Die Waren auf einem mittelalterlichen Markt sind an marktständen nachempfundenen Bänken ausgelegt: Wolle, Loden, Salz, Tuche, Wein, Getreide. Münzen zeugen von der Vielfalt der Handelsbeziehungen: der Mailänder Denar liegt neben dem Meraner Kreuzer und dem Haller Sechser.

Ins Dachgeschoß haben die Ausstellungsmacher eine Art Erinnerungskarussell der Stadtgeschichte montiert: an den Wänden läuft eine Zeitleiste, und daran „hängen“ wichtige Ereignisse der Stadtgeschichte – sprichwörtlich – von der Decke herab, beginnend mit der ersten Stadtnennung bis heute: Kriege und Katastrophen sind da erwähnt, Schmugglergeschichten aus früheren und späteren Zeiten werden erzählt, auch die berühmten Persönlichkeiten des Ortes kommen zu Ehren, Calvenschlacht und Franzosenzeit, die berühmt-berüchtigten Karrner und die Schwabenkinder laufen ringsum und bilden einen haptischen, sinnlich erlebbaren Abschluss des Parcours, zumal diese Ebene mit einer Toninstallation ausgestattet ist, die im Hintergrund ein angenehmes Gewebe  aus Feuerknistern, Wasserrauschen, Tier- und Menschengeräuschen durch den Raum zieht.

 

Spezifisches und Exemplarisches

 

Durch eine maßvolle, von der Architektur-Fakultät der Universität von Padua (?) wissenschaftlich begleitete Renovierung seit den siebziger Jahren ist Glurns heute ein architektonisches Kleinod, das wie ein Freilichtmuseum eine vollständige, geschlossene, kaum zweckentfremdete oder architektonisch veränderte Bausubstanz aus der frühen Neuzeit bewahrt hat. Diese Eigenheit wird mittlerweile auch immer wieder – und immer öfter – von Film- und Fernsehregisseuren geschätzt, die das Etschstädtchen als Drehkulisse wählen.

Die weitläufig geplante Anlage des schon genannten Innsbrucker Architekten Jörg Kölderer wurde so konzipiert, dass selbst heute noch innerhalb der Stadtmauern Bauland für eine Stadterweiterung zur Verfügung stünde. Um die ursprünglich dörfliche Hauptstraße und die später dazugekommene Laubengasse gruppierten sich nach dem Wiederaufbau von 1500 auch die Stadtpalais des lokalen Adels. So wie die Stadt wohl ursprünglich im 13. jahrhunderten aus einer älteren, bäuerlichen Siedlung (der Siedlungsname „Glurns“ ist rätoromanischen Ursprungs und bedeutet in etwa Hasel- oder Erlenau) hervorgegangen ist, später von den habsburgischen Herrschern als Grenz- und Konkurrenzort zu den „bündischen“ Markt- und Gerichtsplätzen Müstair und Mals etabliert wurde, sinkt die Bedeutung im 17. Jahrhundert wieder und Glurns kehrt zur landwirtschaftlichen Produktionsform zurück. Eine urban-agrarisch Mischform entsteht: der „Ackerbürger“, also ein Stadtbürger, der außerhalb der Stadtmauern seine Felder bestellt.

Diese Entwicklung zeichnet die Ausstellung behutsam nach; den genius loci des aufragenden Stadtturms und auch seine Perspektive über die gesamte Siedlung nutzend und diese quasi optisch in den Ausstellungsgegenstand einbeziehend. Toreingang und Wehrgänge veranschaulichen die strategische Bedeutung; die „Beletage“ im zweiten Stockwerk bleibt der Thematik Wirtschaft und Handel vorbehalten, im Dachgeschoß, das Ausblicke nach allen vier Himmelrichtungen gibt, wird auch die Umgebung der Stadt in die historische Dimension mit einbezogen: von hier aus sieht man die alten Verkehrsverbindungen, auf denen Pilger, Krieger und Händler zogen, die umliegenden Dörfer, deren Bewohner Frondienste für die Stadt leisten mussten, im Nordosten den „Tartscher Bühel“ mit seiner Hinrichtungsstätte, das Calvenflüsschen, an dessen Ufern 1499 die wohl schwerste Schlacht auf Tiroler Boden geschlagen – und verloren- wurde.

 

Aber den Ausstellungsmachern ist mehr gelungen: am spezifischen Beispiel Exemplarisches festzuhalten, ganz, wie der Untertitel „Stationen einer kleinen Stadt“ verspricht. Glurns und seine Geschichte wird in einen größeren, in einen länderübergreifenden Rahmen gestellt: die Hinweise auf den Fernhandel zwischen Norden und Süden, auf Pilgerzüge und –wege, ganz allgemein auf die Verkehrverbindungen im Mittelalter zeigen einen historischen Aspekt jenseits der „großen“ Geschichte: In vielen Details ist es Kurator Marseiler gelungen, neben die Daten und Ereignisse der (meist militärisch besetzten) politischen Geschichte auch das Leben der Menschen, im besten Sinne „Handel und Wandel“, in die Betrachtung einfließen zu lassen: Gebrauchsgegenstände und Waren des täglichen Lebens werden gleichwertig neben Urkunden und politische Insignien gestellt. Kleines Leben und große Politik – dem Besucher der Ausstellung in den Räumen des Kirchentorturms in Glurns wird ein griffiges, nachvollziehbares Bild vom Leben der Menschen in einer mittelalterlichen Kleinstadt vermittelt.

 

 

 

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