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Katharina Hersel 

 

Sensationslust und Faszination
Erfahrungen mit einer Mumie als Ausstellungsobjekt

  

Im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen, Südtirol (I) sind Funde des südlichen Alpenbogens aus der Altsteinzeit bis zur Karolingerzeit ausgestellt. Berühmt geworden ist das 1998 in der Altstadt von Bozen eröffnete Museum durch den Fundkomplex  "Mann aus dem Eis".

Nach seinem Fundort in den Ötztaler Alpen, an der Grenze zwischen Italien und Österreich, trägt die 5.300 Jahre alte Feuchtmumie den Kosenamen "Ötzi". Das Museum wird deshalb, vor allem im internationalen Kontext, eher als "Ötzimuseum" oder „Iceman Museum“ denn als „Südtiroler Archäologiemuseum“ wahrgenommen.

 

Die Weltsensation

 

Der Fund vom Tisenjoch in den Ötztaler Alpen im September 1991 war eine Weltsensation: nirgends auf der Welt war zuvor eine so gut konservierte menschliche Leiche aus der Kupferzeit gefunden worden - mit seinen 5.300 Jahren handelte sich um die älteste bekannte Feuchtmumie der Welt.

Ein Mann aus der Kupferzeit scheint mitten aus seinem Leben gerissen worden zu sein. Nicht nur der Körper, sondern auch seine Bekleidung und Ausrüstungsgegenstände sind im Eis ausgezeichnet erhalten geblieben. Die Funktion und das Aussehen von kupferzeitlichen Waffen und Gebrauchsgegenstände konntenbis dato nur aufgrund der anorganischen Überreste vermutet und rekonstruiert werden. Kleidung und Ausrüstungsgegenstände aus der Kupferzeit waren überhaupt nur rudimentär bekannt Erstmals in der Geschichte der Medizin war es möglich, an einer über 5000 Jahre alten Leiche wissenschaftliche Untersuchungen durchzuführen.

Der Fundkomplex „Mann aus dem Eis“ öffnet ein Fenster in die Urgeschichte und bietet einen noch nie da gewesenen Einblick in das Leben der steinzeitlichen Alpenbewohner.

 

 

Beschluss: ein Museum mit Leiche

 

Die Südtiroler Landesregierung war sich der Bedeutung einer Gletschermumie aus der Kupferzeit bewusst und beschloss, die Mumie in einem musealen Kontext der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, nachdem sie im Institut für Anatomie der Universität in Innsbruck verwahrt und erforscht worden war. Parallel dazu sollte es aber auch in Zukunft weiter möglich sein, die wissenschaftliche Forschung an dem Mann aus dem Eis fortzusetzen. Die öffentlich diskutierte Frage, ob die Leiche nach archäologischen, anthropologischen und medizinischen Untersuchungen in Innsbruck beerdigt werden sollte, war damit zugunsten ihrer Konservierung und Exposition entschieden. Der Fund sollte bestmöglich erhalten an die Nachwelt weitergegeben werden und dem interessierten Publikum zugänglich sein. Ein Symposium mit international renommierten Spezialisten aus den Bereichen Archäologie, Medizin, Anthroposophie, Theologie und Ethik zum Thema "Tod im Museum" aus dem Jahr 2000[1] bekräftigte die Entscheidung, dass der Seltenheitswert dieser Mumie das Vorhaben rechtfertigte.

 

Die Intimsphäre der Mumie

 

Heute stellt sich der Mann aus dem Eis chronologisch eingeordnet in die Archäologiegeschichte von Südtirol dar, wobei der Präsentation der Mumie und ihrer Beifunde eine eigene Etage (von vier) gewidmet ist. Den weitaus größten Platz in diesem Stockwerk nehmen die stickstoffgefüllten Vitrinen ein, in denen die Beifunde zu besichtigen sind (Kleidung, Ausrüstung, Werkzeuge, Waffen). Die Mumie selbst befindet sich verdeckt durch eine apsisähnliche Abtrennung zur Ausstellung in einem abgedunkelten Halbrund und kann durch ein ca.40x40 cm großes Schaufenster betrachtet werden. Dahinter verbirgt sich ein doppelt abgesichertes Kühlsystem, das der Mumie optimale Temperatur und Feuchtigkeitsverhältnisse gewährt Die Lichtbelastung ist durch den vollständigen Entzug des UV-Lichtes auf ein Minimum reduziert, daher muss sich das Auge der BesucherInnen erst an das Dämmerlicht in der Kühlzelle gewöhnen, um alle Einzelheiten des Körpers wahrnehmen zu können. Diese zurückhaltende Art der Darstellung in einer Art kapellenartigem runden Raum ist bewusst so gewählt. Die Mumie soll nicht im Mittelpunkt der Ausstellung präsentiert werden. Mit dieser abgeschirmten Ausstellungssituation wollten die Gestalter  sowohl konservatorischen als auch ethischen Anforderungen nach einer Art "Intimsphäre" für die Mumie gerecht werden.

 

Motivation für den Besuch des Archäologiemuseums

 

Die meisten BesucherInnen nehmen sich viel Zeit, um den Mann aus dem Eis zu sehen. Dieser ist laut einer Umfrage aus em Jahr 2002 Hauptmotivation für den Besuch des Archäologiemuseums. Dort nehmen sie dann in der Folge erstaunt wahr, dass zu "Ötzi" noch viel mehr als nur der mumifizierte Körper gehört, für den sie ursprünglich gekommen waren. Die hoch entwickelten Beifunde, deren hoher Grad an technischer Ausführung, fesseln das Interesse und lassen die meisten BesucherInnen weit mehr Zeit im Museum verbringen, als sie ursprünglich vorgesehen hatten.

 

Sensationslust und Faszination

 

Insgesamt ändert sich bei den meisten Menschen die Relation zum gesamten Fundkomplex. Während vorher Neugier, auch Sensationslust und auch Schauder überwiegen, die zum Besuch der Mumie führen, nimmt nach dem Besuch die Bedeutung der Leiche im Gesamterlebnis zugunsten einer Faszination über steinzeitliches Leben ab. Nicht wenige BesucherInnen verlassen das Haus mit vielen Anregungen und Theorien über das Leben in der Kupferzeit und über das persönliche Schicksal des Mannes aus dem Eis. Überlegungen für eine Umgestaltung des Ausstellungskomplexes möchten diesem Phänomen in Zukunft mehr Raum widmen, indem den BesucherInnen die Möglichkeit geboten werden soll, an der Debatte um den Mann aus dem Eis direkt teilzunehmen und um einige Dinge in Ruhe verarbeiten oder nachschlagen zu können (Pinnwand zur Diskussion, Ruhezone, Bücher zum Nachlesen, etc.).

Viele Menschen hatten vor ihrem Besuch im Archäologiemuseum noch keine oder wenige Gelegenheiten, einem toten Menschen gegenüber zu treten. Deshalb rührt die Begegnung mit dem ausgestellten Leichnam oft auch an Lebensthemen, die sich in verschiedensten Diskussionsbeiträgen und Fragen äußern, denen ein Archäologiemuseum ohne Mumie in der Regel nicht ausgesetzt ist.

 

Kreislaufprobleme durch Anspannung?

 

Ein andere Beobachtung im Südtiroler Archäologiemuseum sind die immer wieder vorkommenden Kreislaufprobleme von BesucherInnen - meist Mädchen im Alter zwischen 12-14 Jahren. Verbesserungsanstrengungen sowohl auf technischer als auch auf logistischer Ebene änderten nicht viel. Gespräche mit anderen Museen, die ebenfalls Mumien beherbergen, zeigen, dass die Vorfälle im Südtiroler Archäologiemuseum kein Einzelfall sind. Auslöser für die Ohnmachtsanfälle ist vermutlich die emotionale Anspannung.

 

Zwischen Staunen und Mythos: Reaktionen auf den Mann aus dem Eis

 

Die Begegnung mit Ötzi wirft je nach Kultur und Vorbildung der BesucherInnen meistens Fragen nach dem persönlichen Schicksal des Mannes aus dem Eis auf. Einige BesucherInnen reagieren im Angesicht der Mumie mit einem hohen Grad an Identifikation, die von Mitleid bis Ekel vor dem eingefallenen Gesicht oszillieren kann, mit Angst und Aberglauben (der von den Medien inszenierte "Fluch des Ötzi" findet hier seinen Niederschlag) oder die BesucherInnen sorgen sich, dass seine "Seele" in der Kühlzelle keine Ruhe finde. Solche Reaktionen/Proiektionen steigern sich in Ausnahmefällen sogar zu konkreten kultisch-religiös motivierten Forderungen: dem Bedürfnis nach einer Segnung durch eine Glaubensgemeinschaft oder darin, der Mumie ein Begräbnis zuteil werden zu lassen: in Neumarkt - südlich von Bozen - setzte ein Unbekannter dem Mann aus dem Eis sogar ein Grabmal auf den römisch-katholischen Friedhof. Es gibt inzwischen ein halbes Dutzend Personen, die glauben, direkt mit Ötzi verwandt zu sein, Einbildungen von Reinkarnation, das Medium von Ötzi zu sein oder vor diesem oder jenem gesundheitlichen oder katastrophalen Phänomen warnen zu müssen.

In den meisten Fällen überwiegt aber die Faszination der BesucherInnen für den gesamten prähistorischen Fundkomplex und erweckt eine Art von Respekt vor einem Menschen, der sich in die Reihe der eigenen Vorfahren einreihen könnte. Die überwiegende Mehrheit der BesucherInnen im Archäologiemuseum kann mit der Thematik zum Mann aus dem Eis gut umgehen und empfindet das Kennenlernen von Mann und Thema als positives Erlebnis und persönliches Bereicherung.

 

Das Geschäft mit der Mumie

 

Viele BesucherInnen reagieren auf den Prozess des Landes Südtirol mit dem Ehepaar Simon um einen Finderlohn, der von vielen als entwürdigend empfunden wird. Die Wut richtet sich in diesen Fällen dann entweder gegen das Archäologiemuseum und den vermeintlichen Gewinn aus dem Eintrittskartenverkauf (das Museum ist trotz überdurchschnittlicher Eintrittsbilanz für ein Museum Subventionsbetrieb der öffentlichen Verwaltung) und die Ötzi-Vermarktung (der Name "Ötzi" ist nicht geschützt und kann von jedem verwendet werden). Die Kritik richtet sich aber auch gegen die Finder, die genauso an einem „Toten“ verdienen wollen bzw. gegen eine slowenische Schauspielerin, die erst im vergangenen Jahr das Finderprimat der Familie Simon angezweifelt hat.

 

Mediale Vereinnahmung

 

Vor allem nach dem von der Lokalpresse im Sommer 2005 konstruierten Kausalzusammenhang zwischen der Mumie und dem Tod einiger Menschen, die im Laufe ihres Lebens unter anderem mit Ötzi zu tun hatten, fühlten sich auch weite Kreise der Öffentlichkeit angesprochen, an der Diskussion teilzunehmen. In erster Linie hat von dieser Diskussion allerdings die lokale und die Regenbogen-Presse profitiert. Befragt, ob sie selbst an das glaubten, was sie schrieben, verneinten dies ausnahmslos alle Berichterstatter.

Im eigenen Leitbild hat das Archäologiemuseum festgelegt, dass der Umgang mit dem Mann aus dem Eis und seine Präsentation auf rücksichtsvolle und umsichtige Art geschieht. Da nicht bekannt ist, ob und welcher kultischen Form der Mann aus dem Eis angehört haben könnte, soll die Mumie von zeitlich gebundenen kulturellen und religiösen Vereinnahmungen frei bleiben.

 

Lebenslange Mumiendiskussion

 

Als Ausstellungsort einer kupferzeitlichen Mumie ist das Südtiroler Archäologiemuseum mit anderen Bedürfnissen konfrontiert, als es ein archäologisches Museum ohne Mumie sein könnte. Die Erfahrung mit den Reaktionen von MuseumsbesucherInnen und den Medien hat gezeigt, dass die Diskussion um die Mumie offen bleiben wird, solange das Museum von immer neuen Menschen besucht wird, die sich mit dem eigenen Tod auseinandersetzen müssen. Diese menschlichen Bedürfnisse werden von den Museumsmitarbeitern wahr- und ernstgenommen. Das Museum ist deshalb an der Aufrechterhaltung eines Dialogs interessiert und veranstaltet in unregelmäßigen Abständen Vortrags- und Diskussionsabende zum komplexen Thema einer Mumie im Museum.

 

 

Katharina Hersel M.A., geb. 1969 in Würzburg (D), Kunsthistorikerin. Nach einer pharmazeutischen Ausbildung studierte sie Kunstgeschichte, Archäologie und Italianistik in Würzburg, Antwerpen/Brüssel, Bologna und München. Zusatzausbildung für Pressebeauftragte. Seit 2002 Pressereferentin des Südtiroler Archäologiemuseums und des Naturmuseum Südtirol. Seit 2005 verantwortlich für die Pressearbeit der Südtiroler Landesmuseen.

 



[1] "Tod im Museum". Tagungsunterlagen in gedruckter Form vorhanden

 

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