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Fragen an die Kulturlandesrätin von Südtirol, Dr. Sabina Kasslatter-Mur

 

 

Frau Landesrätin, welche Schwerpunkte setzen Sie in der laufenden Amtszeit im Wirkungsbereich Kultur?

 

Kulturarbeit verstehe ich hauptsächlich als nachhaltige und zukunftsträchtige Form von Entwicklung. In Zeiten leerer Kassen ist Kultur besonders gefährdet, da sie keinen unmittelbar erkennbaren Nutzen zu bringen scheint. Diese vom wirtschaftlichen Denken geprägte Sichtweise ist aber kurzsichtig. Daher verstehe ich Kulturarbeit auch ganz lapidar als Standortsicherung im ökonomischen Sinn.

Eines meiner vorrangigen kulturpolitischen Ziele ist es, neue Publikumsschichten für Kultur zu gewinnen. Ich hoffe, dass kulturelle Aktivitäten sich immer mehr zum „Volkssport“ entwickeln, dass es eine möglichst breite kulturelle Teilhabe in unserem Land gibt. Wir müssen Kultur als einen unverzichtbaren Wert begreifen. Gerade für eine Minderheit ist es überlebenswichtig, die eigenen kulturellen Traditionen zu pflegen und lebendig fortzuführen. Daneben gilt es aber, der Kreativität Chancen zu eröffnen, sprich kulturelle Innovation zu fördern. Die Nachhaltigkeit von Kulturarbeit ist mir dabei besonders wichtig. Initiativen und Projekte, die über längere Zeiträume hinweg wirken, möchte ich daher honorieren. Um das Kulturschaffen zu stärken, möchte ich die Tendenz zur Zellteilung, d.h. zur ständigen Vermehrung von Vereinen und Organisationen umkehren. Im Gegenzug sollen Kooperationen gefördert und Synergien unterstützt werden.

 

„Mehrwert Kultur“: Wie kann man diese – hauptsächlich in Kulturkreisen so empfundene – Leitvorstellung in einem gesamtgesellschaftlichen Rahmen verankern ?

 

Kultur macht Menschen reicher, verleiht unserem Leben eine zusätzliche Dimension. Möglichst viele an Kultur teilhaben zu lassen, ist daher, wie gesagt, eines meiner vorrangigen kulturpolitischen Ziele. Eine Form, den „Mehrwert Kultur“ in einem gesamtgesellschaftlichen Rahmen zu verankern und Kulturarbeit zu profilieren, sehe ich im Vorschlagen von Jahresthemen. Ein solcher Themenstrang ist das Fördern von Erinnerungskultur beispielsweise in Erinnerung an den ersten Weltkrieg. Die entsprechenden kulturellen Initiativen im vergangenen Jahr wurden von der Bevölkerung mit regem Interesse aufgenommen. Für das laufende Jahr habe ich das Thema Alltagskultur als Jahresthema vorgeschlagen. Damit möchte ich das Augenmerk darauf richten, wie sehr die Kultur des Alltags den Menschen prägt. Für 2007 planen wir Arbeitskultur, Kultur der Arbeit, in den Vordergrund zu stellen und 2008 den Schwerpunkt Familienkultur, Kultur in der Familie zu setzen.

 

Vor einigen Monaten ist die Entscheidung über den Standort des neuen Museums für moderne und zeitgenössische Kunst in Bozen gefallen. Wie stehen Sie zur Standortentscheidung?

 

Ich denke, dass der Standort in mehrfacher Hinsicht gut gewählt ist. Das Museion in der Dantestraße befindet sich im Zentrum, also an einem Ort der, im Gegensatz zur Alumix in der Industriezone, allen drei Sprachgruppen und allen Generationen gleichermaßen nahe steht. Es ist aufgrund der zentralen Lage leicht zu Fuß oder mit dem Rad erreichbar, außerdem können bestehende Parkplätze beansprucht werden. Das Museum wird die sogenannte „Kulturmeile“ des Bozner Stadtzentrums zwischen Stadttheater, Haydn-Auditorium, Archäologie-, Natur-, Merkantil- und Stadtmuseum sowie Konservatorium, Eurac und Universität um eine weitere kulturell bedeutsame und auch touristisch interessante Einrichtung bereichern. Durch ein geplantes Cafè/Bistro könnte sich dieses Museum auch zu einem Treffpunkt für viele entwickeln. Die zentrale Lage bietet mehr Chancen, den „einfachen“ Museumsbesuch als Freizeitgestaltung zu fördern. Darüber hinaus kann die Nähe zur Universität und vor allem zur Fakultät für Design Synergien eröffnen – die Fakultät wird im Zentrum ja Werkstätten für unterschiedlichste Bildtechniken erhalten. Außerdem ist die Fachbibliothek für Studierende leicht erreichbar.

 

Welche Impulse erwarten Sie sich von dieser Institution für die Stadt Bozen, aber auch für das Land?

 

Das Museion ist das einzige Museum in Südtirol, das sich mit zeitgenössischer Kunst auf internationalem Niveau befasst. Es fungiert als Fenster, das sich neuen Tendenzen öffnet, das das Lokale mit dem Globalen verbindet und vernetzt. Es fördert den Diskurs, die Auseinandersetzung mit neuen Richtungen und Ausdrucksweisen in Kunst und Kultur und unterstützt die kulturelle Entwicklung der Menschen in unserem Land. Das Museion repräsentiert damit das zeitgenössische, in die Zukunft gewandte Südtirol – als Gegenpol zum Südtirol der Traditionen und der über Jahrhunderte gewachsenen Volkskultur. Aufgabe des Museums für zeitgenössische Kunst wird es sein, eine ständige Ausstellung zu führen und eine Sammlung zu gestalten. Wissenschaftliches Arbeiten und Führen der Fachbibliothek sind weitere Aufgabenfelder. Schließlich soll das Museion eine Plattform für die hiesigen Kunstschaffenden sein und die zeitgenössische Kunstszene in Südtirol beleben.

 

Mit welcher inhaltlichen Konzeption will das neue Museum im regionalen Vergleich bestehen, wenn man z.B. an die „Konkurrenz“ des MART in Rovereto denkt?

 

Ich würde das Mart nicht als „Konkurrenz“ bezeichnen. Beide Museen verfolgen eine eigenständige programmatische Leitlinie, ergänzen sich also. Während das Mart den Futurismus als Schwerpunkt gewählt hat, ist es für das Museion die Thematik „Kunst und Sprache“. Der Konnex ist aus den lokalen Gegebenheiten heraus entwickelt worden. Schließlich ist das Museion das einzige Museum in Mitteleuropa, das an der Schnittstelle zwischen zwei großen Kultur- und Sprachgruppen liegt.

 

Könnten Sie heute schon ansatzweise den Finanzierungsplan für die Struktur skizzieren? Die Beteiligungsverhältnisse schlagen sich sicher auch in den Führungsgremien nieder ...

 

Derzeit gehen wir davon aus, dass sich das Jahresbudget des Museions auf rund 3 Millionen Euro belaufen wird. Die Frage nach den Führungsgremien ist zu früh gestellt. Wir sind derzeit dabei, die Trägerstruktur zu definieren. Die entsprechenden Gespräche finden derzeit an politischen Tischen statt.

 

Im Rahmen Ihrer Tätigkeit erleben Sie vielfältige Aspekte des Kulturlebens in Südtirol: zu welchen kulturellen Ausdrucksformen haben Sie einen persönlichen intellektuellen oder emotionalen  Zugang ? (Vorliebe)

 

Persönlich und privat lese ich sehr, sehr gerne, und wenn es meine Zeit zulässt auch viel. Auch Theater, Musik, Gesang und Kunst bedeuten mir viel. Je nach Stimmungslage bevorzuge ich die eine oder andere kulturelle Sparte.

 

Frau Landesrätin, wir danken für das Gespräch.

 

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