zurück  

     

      

 

Andreas Hapkemeyer

Das neue Museum für moderne und zeitgenössische Kunst Bozen

 Ein Museum für moderne und zeitgenössische Kunst ist heute ein Ort, an dem die Besucher der visuellen Kultur unserer Zeit begegnen. Im Idealfall zeigt sich diese schon im Bau selbst. Das Museum ist der Ort, an dem man Bilder seiner Zeit lesen lernt, vor allem solche, die einem bisher nicht bekannt oder geläufig waren – diejenigen der Kunst, aber auch die des Alltags, der Wirtschaft und der Wissenschaft. Im Mittelpunkt der Museumsarbeit stehen natürlich die speziellen Zeichen der Kunst: Kunst ist der Ausdruck ihrer Epoche, in ihr manifestieren sich die Spannungen, die Gefährdungen und Ängste, die Hoffnungen und Bedürfnisse einer Zeit; in ihr kündigt sich das Neue, noch nicht Bewusste an. Das Museum macht uns bekannt mit dem Unbekannten; oft stellt es mehr in Frage als es beantwortet und fördert dadurch neue, kreative Sichtweisen.

 Das Museum, das aus der Vielfalt dessen, was der Handel bietet, das Interessanteste bzw. Haltbare auszusuchen bemüht ist, ist also zunächst ein Ort der intellektuellen Auseinandersetzung. Es ist aber auch ein Ort, an dem man Kunst genießt, sich mit Freunden trifft, gut trinkt und isst, liest, shopt. Das Museum lebt – ob man das nun will oder nicht – zu einem guten Teil von Events: Konzerten, Parties, Abendessen, Firmenpräsentationen; Berufsverbände führen ihre Jahrestagungen durch.

Der Neubau des Museum für moderne und zeitgenössische Kunst Bozen, der technisch den europäischen Standards entspricht, stellt zweifellos eine der architektonischen Hauptattraktionen in Südtirol dar und als solches eine sehr attraktive Bühne für so verschiedene Aktivitäten.  

Bei all den verschiedenen Aktivitäten, die heute einem Museum zufallen, bleibt letztlich doch die zentrale Frage, mit welchen kulturellen Inhalten es sich beschäftigt und auf welchem Niveau es sich bewegt. Dazu einige Kernsätze:

Satz 1: Das Museum für moderne und zeitgenössische Kunst Bozen ist eine Kulturinstitution, die – ähnlich wie die Universität – eine Auseinandersetzung mit den aktuellen Fragen unserer Zeit führt. Das Museum repräsentiert das zeitgenössische Südtirol, das neben dem traditionellen Südtirol der Burgen und Schlösser bzw. neben der vielgerühmten Naturschönheit immer mehr an Bedeutung gewinnt . 

Satz 2: Die größte Herausforderung für ein Museum moderner und zeitgenössischer Kunst am Standort Bozen ist die Verbindung eines europäischen Anspruchs mit den besonderen Bedürfnissen des Ortes. Es gilt, einen Spagat zu meistern: zwischen Internationalität und Regionalbezug, zwischen einer für das lokale Publikum notwendigen Breite und einer im regionalen Museumskontext notwendigen Spezialisierung, zwischen Zeitgenossenschaft und Geschichte. 

Satz 3: Das Museum ist regional, national und international vernetzt. Die Integration in einen weiteren Museumskontext ermöglicht und fördert Kooperationen. Konkret: das Museion ist derzeit Mitglied des Südtiroler Museumsverbands, des regionalen Verbands ACROSS (Tirol, Südtirol, Trentino) sowie des italienischen Verbandes AMACI, der gesamtstaatlich aktiv ist. Diese Kooperationen sind fortzuführen und wo möglich auszubauen. Darüber hinaus gibt es je nach Aktivität Kooperationen mit verschiedenen europäischen Museen und Kulturinstitutionen Die Kooperation mit ausgezeichneten internationalen Institutionen wird in Zukunft eine eine wichtige Rolle spielen. Für das lokale Publikum bedeutet Vernetzung die Garantie eines guten Niveaus und aktueller Information. Kooperationen mit Unternehmen im Zeichen des Sponsoring helfen nicht nur bei der Fianzierung, sondern schaffen eine zusätzliche Bindung an den Ort und erschließen neue Besuchergruppen. 

Satz 4: Das neue Museum positioniert sich innerhalb des Museumsnetzes. Die Positionierung bzw. Charakterisierung im europäischen Museumskontext betrifft die besondere Leistung, die ein Museum erbringt und durch die es sich von den Partnern unterscheidet. Eine Positionierung ist umso notwendiger als in den letzten Jahren vor allem im deutschen Sprachraum mehrere neue Museen entstanden sind – verwiesen sei hier nur auf Salzburg, Linz, Graz, Stuttgart, Baden-Baden. 

Nicht sinnvoll ist es, dass sich das neue Museum mit großen und traditionsreichen Museen vergleicht wie der Pinakothek der Moderne in München, der Staatsgalerie Stuttgart, dem Museum Ludwig in Köln, dem Centre Pompidou oder der Tate Modern, die es sich leisten können, einen breiten Überblick auf höchstem Niveau über die Entwicklungen der Moderne bis in unsere Zeit zu geben. Die Museen, mit denen man sich sinnvoll vergleichen kann und muss, sind die mittelgroßen Häuser wie die weiter oben genannten, zu denen auch Museen wie diejenigen von Bregenz, Vaduz, Nürnberg hinzukommen. 

Satz 5: Die Positionierung erfolgt durch eine aktive und eigenständige Ausstellungs-, Sammlungs- und Veranstaltungspolitik. Das Museum holt nicht nur den aktuellen Stand der europaweiten Diskussion nach Bozen, sondern ist aktiver Teilnehmer der Diskussion innerhalb des Museumskontextes, d.h. es exportiert auch Kultur bzw. macht Produktionen, die auswärts auf Anerkennung und Interesse stoßen.

a. durch eine qualitativ hochstehende Ausstellungspolitik, bei welcher – wo es geht - direkt mit Künstlern zusammengearbeitet wird bzw. bei welcher Werke eigens für das Museum konzipiert werden. Das Museum ist  gleichzeitig Ausstellungsraum und Labor bzw. Werkstatt. Im Gegensatz zur Sammlungspolitik, die sich auf wenige Bereiche konzentriert, ist die Ausstellungspolitik breiter angelegt.  Bei einem grundsätzlich in der Gegenwart liegenden Ansatzpunkt erfolgen Rückgriffe in die Vergangenheit, um Zusammenhänge sichtbar zu machen. Eine breitere Anlage des Ausstellungswesens ermöglicht einem größeren Bevölkerungsanteil die Teilnahme an den Aktivitäten. Kunst wird vom Museum auch immer wieder in den öffentlichen Raum oder an andere, nicht von vorneherein der Kunst gewidmete Orte gebracht, um neue Gruppen anzusprechen bzw. Kunst in einem anderen Licht erscheinen zu lasen.

b. durch die Auseinandersetzung mit einer Fragestellung von aktueller und internationaler Bedeutung in der Sammlung. Es ist die Auseinandersetzung mit dem Thema „Sprache in der Kunst“, mit welcher das Museion eine Marktnische besetzt: kein anderes Museum hat sie bisher in den Mittelpunkt ihrer Aktivitäten gerückt. Das Thema spielt seit dem Kubismus eine ganz eminente Rolle für die moderne Kunst und zeitgenössische Kunst. Hybridität und Gattungsmischung sind überhaupt typische Züge sowohl der Moderne als auch der zeitgenössischen Kunst. Tatsächlich ist die Präsenz der Sprache in der Kunst heute eine nicht mehr wegzudenkende Konstante. Die Hauptfragen sind dabei: Wann und warum bedienen sich Künstler, deren eigene Domäne traditionell das Bild war, der Sprache? Welche Leistungen vermag das Wort für die bildenden Kunst zu erbringen, die sie mit ihren eigenen Mitteln nicht zu erbringen vermag? So bietet sie z.B. die Möglichkeit sozialer Kritik bei Hans Haacke, Alfredo Jaar, Jenny Holzer oder Barbara Kruger; bei Lawrence Weiner und Robert Barry entstehen entmaterialisierte Skulpturen, soziale Skulpturen bei Jochen Gerz und Joseph Beuys; die Sprache ermöglicht Narration und Reflexion in den Filmen von Eija-Liisa Ahtila oder in den Fotoarbeiten von Sophie Calle und Yanagi, Überlegungen zum Verhältnis zwischen westlichen und außereuropäischen Sprachen bei Shirin Neshat und Mona Hatoum, die Analyse dessen, was Bild und Malerei sind, bei Remy Zaugg, die Differenzierung zwischen Linie und Schrift bei Otto Zitko, Cy Twombly, Hanne Darboven, Heinz Gappmayr usw. 

 Die im Zusammenhang mit solchen Künstlern und Werken sich ergebenden Fragen erlauben es, sich wissenschaftlich mit auch gesellschaftlich sehr aktuellen Themen wie dem „linguistic turn“ bzw. dem „iconic turn“ auseinanderzusetzen. Das soll auch in Zukunft in Form von öffentlichen Gesprächen mit Wissenschaftlern wie Omar Calabrese, Gottfried Böhm, Siegfried J. Schmidt oder Christina Weiss erfolgen. Ziel wäre es, dass im Lauf der Zeit auch in Teilen der Bevölkerung ein Bewusstsein für die Auseinandersetzung mit diesen Fragen entsteht.

 Weitere Schwerpunktthemen, die bereits in der Sammlung angelegt sind und im Lauf der Zeit ausgebaut werden sollen, sind das „Licht in der Kunst“ – ein Thema, das sich in der Sammlung z.T. mit „Sprache in der Kunst“ überschneidet -, aber auch die Neuen Tendenzen vom Beginn der 60er Jahre mit Künstlern wie Mack, Uecker, Piene, Fontana, Rainer u.a. Weitere Schwerpunkte werden im Lauf der Jahre hinzukommen.

 Satz 6: Die Positionierung erfolgt auch durch die spezifische Auseinandersetzung mit lokalen Gegebenheiten:

a. durch die Kooperation mit den lokalen Künstlern: In der Sammlung mit Papierarbeiten des Museion erfolgt eine Dokumentation der markantesten Beispiele zeitgenössischer Kunst in Südtirol (z.B. Bornefeld, Dall’O`, Eustachio, Kofler-Fuchsberg, Mader, M.A. Mayr, Skuber, Thuile). Dabei erfolgt eine Privilegierung des Frischen, Flüchtigen, Provisorischen gegenüber dem Fertigen, Vollendeten. Ziel ist die Präsentation von Künstlern, die vielleicht den internationalen Durchbruch nicht schaffen, aber von ihrer Arbeitsweise her überregional interessant sind. - Die Kuratoren des Museums stehen in einem offenen Dialog mit den verschiedensten Künstlern und führen sie zusammen mit Gastreferenten, Kritikern, Galeristen und Museumsleuten.

b. durch eine Kooperation mit der Universität Bozen. Gerade mit einem Schwerpunkt „Sprache in der Kunst“ liegt eine Verbindung zum Kommunikationsdesign nahe, das an der Design-Fakultät der Universität Bozen gelehrt wird. Zu den bereits bestehenden Synergien sollen weitere geschaffen werden; Affinitäten und Differenzen zwischen bildender Kunst und Design werden zum Gegenstand von Untersuchungen und Präsentationen. – Die Kooperation im Zusammenhang mit der Vortragsreihe „artiparlando“ wird mit namhaften Referenten zu immer neuen Themenbereichen fortgesetzt. Sie bietet nicht nur Universitätsangehörigen und Freunden des Museums, sondern einer interessierten Öffentlichkeit die Möglichkeit, aktuelle Fragen auf höchstem Niveau abgehandelt zu erleben und zu diskutieren.

c. durch die Auseinandersetzung mit lokalen Themen, die gleichzeitig eine überregionale Bedeutung annehmen. Z.B. die Auseinandersetzung mit der Architektur bzw. Bauskulptur der 30er und 40er Jahre in Bozen, mit der speziellen Landschaft Südtirols, mit der Tatsache des Nebeneinanders verschiedener Sprachen und Kulturen ....

d. durch das Führen einer öffentlichen Fachbibliothek, die in einem Radius von mehreren hundert Kilometern nicht ihres gleichen hat. Durch Ankäufe und durch ein ausgedehntes Austauschsystem liegen neben Nachschlagewerken und theoretischen Schriften zahlreiche aktuelle Kunstzeitschriften und Ausstellungskataloge zur Nutzung auf. Die Bibliothek zielt auf eine möglichst vollständige Dokumentation der Kataloge der Südtiroler Künstler.

e. durch einen massiven Einsatz der Vermittlungsarbeit. Die Vermittlungsarbeit, die direkter Ausdruck der Bildungsfunktion des Museums ist, stellt die Brücke dar zwischen den Positionen zeitgenössischer Kunst und der lokalen Bevölkerung. Eine wichtige Zielgruppe sind dabei die Schulen, aber auch Vereine, Clubs, Berufsorganisationen. Ziel ist, dass die lokale Bevölkerung das Museum und seine Aktivitäten als Anregung und Bereicherung erlebt.

 Bei der Eröffnung des neuen Museums denke ich an eine Ausstellung eines namhaften Künstlers, dessen interdisziplinär angelegtes Werk völlig in der zeitgenössischen Kunst verankert und zugleich spektakulär genug ist, um damit auch eine breitere Besucherschichten anzusprechen. Grundsätzlich sollte man beim Ausstellungsprogramm systematisch mit namhaften Kuratoren kooperieren, die für einzelne Projekte oder auch für ein paar Jahre an das Haus gebunden werden. Bei der Präsentation der Sammlung kann es natürlich nicht um eine chronologische Abfolge von Werken und Stilen gehen, sondern punktuell sind die in der Sammlung angelegten Schwerpunkte hervorzukehren und durch Leihgaben von außen zu verstärken und zu erweitern. Gleichzeitig fungiert Museum als Katalysator für das Land: Vom Museum gehen architektonische Stadtführungen aus, Besuche von Künstlerateliers, Führungen zu wichtigen Beispielen von Kunst am Bau bzw. innovativen Architekturen.

 

Wichtig ist, dass das Museum bei allen seinen Aktivitäten und bei seinem Spagat zwischen Internationalität und Regionalbezug, zwischen breitem Programm und Spezialisierung, zwischen Zeitgenossenschaft und Geschichte immer wieder auf seine Schwerpunkte zurückkommt. Sie sind es, die das Museum zu einer Marke werden lasen, die sich von den anderen Anbietern unterscheidet. Sie sind es, die auch am Ort einen Mehrwert entstehen lassen, der nachhaltig über die bloße Summe von Einzelaktivitäten hinausführt.

 

 

 

 

 

zurück