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Patrick Ohnewein

Die Freiheit der Informationsgesellschaft verdanken wir einem schlecht funktionierenden Drucker!

 

Unsere heutige Gesellschaft wird als Informationsgesellschaft bezeichnet. Diese Bezeichnung beruht auf dem Gedanken, dass das größte Gut in unserer Gesellschaft die Information ist. Unter Information verstehen wir Wissen. Ein uns allen geläufiges Sprichwort lautet: "Wissen ist Macht!" Dieses Sprichwort verdeutlicht die Erkenntnis, dass sich derjenige eine unvorstellbare Macht aneignet, der Wissen kontrolliert.

 

Wissen ist kein Gegenstand und kann daher nicht auf die selbe Art und Weise konserviert werden, wie wir das zum Beispiel mit Eisenstangen machen können. Seit jeher wurde das Wissen von Generation zu Generation überliefert. Früher durch mündliche Erzählungen und Malereien, dann schriftlich und heute immer mehr in elektronischer Form.

 

Jede Übertragungsmethode hat ihre Probleme. Die zugänglichste und einfachste Art ist mit Sicherheit die mündliche Überlieferung. Jeder kann erzählen und daher kann auch jeder lehren. Das Problem bei der mündlichen Übertragung ist jedoch die große Verfälschungsgefahr. Verdeutlicht wird dieser Effekt zum Beispiel bei einem einfachen Kinderspiel: Stellen sich mehrere Kinder in einer Reihe auf und wird ein Satz von einem Kind zum nächsten geflüstert, kommen die komischsten Sätze am anderen Ende heraus. Höchst selten kann das letzte Kind in der Reihe das wiedergeben, was das erste anfänglich geflüstert hatte.

 

Bei der elektronischen Datenverarbeitung können wir die Verfälschungsgefahr minimieren. Leider bezahlen wir dafür einen hohen Preis. Jeder kann erzählen und kann dadurch dem Nächsten durch Informationsweitergabe helfen. Leider kann aber nicht jeder die Informationen in elektronischer Form verwerten.

 

Dieses Phänomen wird "digital divide" (digitale Spaltung) genannt. Es bezeichnet die Spaltung unserer Gesellschaft in zwei Gruppen. Die erste Gruppe besteht aus jenen Menschen, die mit der Information in elektronischer Form umgehen können und die zweite aus jenen, die damit nichts anfangen können. Meist werden ältere Menschen als Beispiel der benachteiligten bzw. abhängigen Gruppe genannt. Die Jugend soll damit kein Problem haben, der PC ist bereits Teil eines jeden typischen Haushalts unserer modernen Gesellschaft geworden. Ist es also nur ein Generationsproblem?

 

Wäre es nur ein Problem der Generationen unserer Eltern und Großeltern, würde es sich nach einer Überbrückungszeit von selbst lösen. Das "digital divide" ist jedoch von größerem Ausmaß.

 

Einer der verheerendsten Effekte des "digital divide" ist die uneingeschränkte Abhängigkeit derjenigen, die nicht mit den Informationen in elektronischer Form umgehen können. Sie werden dem Wohlwollen der Privilegierten, die Zugang zur Information haben, machtlos ausgeliefert.

 

Es geht also um den Zugang zum Wissen. Wer kann sich Information beschaffen und noch wichtiger, wer kann Information schaffen.

 

Es geht um die Freiheit eines jeden Mitglieds unserer Gesellschaft sich zu informieren und Informationen weiterzugeben.

 

Die Erkenntnis der Wichtigkeit dieser Freiheiten für unsere Gesellschaft und der Gefahren der elektronischen Datenverarbeitung sind nichts neues. Fast jeder kennt das Zitat "Big Brother is watching you" aus George Orwells Bestseller "1984".

 

Der Zusammenhang zwischen Informationsfreiheit sowie Privacy zur Informationstechnologie ist auf dem ersten Blick nicht immer deutlich erkennbar. Da der Zugang, die Konservierung und der Austausch von Information immer mehr über Informationstechnologien abgewickelt werden, wird es sehr klar, dass die Informationstechnologie nicht monopolisiert werden darf. Derjenige würde nämlich indirekt auch die Information und darüber die Informationsgesellschaft direkt kontrollieren.

 

Interessant ist, dass Anfang der 80er Jahre ein eigentlich banales Ereignis einen Informatiker dazu bewegt hat, sich darüber Gedanken zu machen.

 

Der Forschungseinrichtung für künstliche Intelligenz des MIT (Massachusetts Institute of Technology) in Cambridge wurde von der Firma XEROX ein Drucker geschenkt. Zu dieser Zeit war ein Drucker noch eine wertvolle Ausstattung und nicht jeder Forscher konnte sich einen eigenen Drucker leisten. In der Forschungseinrichtung für KI stand also nur dieser Drucker zur Verfügung, welcher von allen gemeinsam genutzt wurde.

 

Richard Stallman war einer dieser Forscher im Institut und wollte den Drucker zum Drucken eines Berichts nutzen. Zuversichtlich schickte er seinen Druckauftrag an den Drucker. Weil ihm bewusst war, dass das ganze Institut den selben Drucker nutzte, wartete er eine Weile, bevor er seinen Druck abholen ging.

 

Als er zum Drucker kam, entdeckte er, dass sein Druck nicht durchgeführt wurde. Die Ursache war ein Papierstau. Eine typische Fehlfunktion bei Druckern. Diese tretet auf, wenn das Papier im Drucker stecken bleibt. Zum Glück ist es sehr einfach eine solche Fehlfunktion zu beheben, was er auch ohne zu zögern machte. Ein wenig enttäuscht war er dennoch, weil sein Druckauftrag nicht der nächste in der Warteschlange war, sondern erst auf Nummer 20 stand. Daher entschied er sich erst nach der Mittagspause wieder vorbei zu schauen.

 

Nach der Mittagspause erwartete ihn jedoch eine erneute Enttäuschung. Wieder wurde die Abarbeitung durch einen Papierstau unterbrochen. Erneut behob er den Fehler und zu seinem Schrecken entdeckte er, dass sein Auftrag immer noch auf Nummer 20 in der Warteschlange stand. In all der Zeit wurde also kein einziger Druckauftrag fertig gestellt.

 

Die einzige Lösung um zu seinem Bericht zu kommen war also, am Drucker zu bleiben und bei jedem Papierstau den Fehler sofort zu beheben, sodass die Verzögerungszeiten minimal blieben.

 

Natürlich war dies keine Lösung auf Dauer. Daher entschloss er sich seinen Freund bei Xerox zu besuchen. Er schilderte seinem Freund das Problem und fragte, ob Xerox in die Druckersoftware nicht ein Warnsystem einbauen könnte, welches bei Papierstau allen Forschern eine E-Mail schickt. Dadurch würden sich die Leerlaufzeiten des Druckers verkürzen, ohne dass einer der Forscher den ganzen Tag am Drucker verbringen muss. Technisch war das einfach zu realisieren, jedoch berichtete ihm sein Freund, dass der Drucker ein Auslaufmodell sei und Xerox keine Weiterentwicklung an diesem Modell geplant hat. Richard Stallman sah ein, dass es nicht wirtschaftlich für Xerox war, diese Funktion zu implementieren. Da am MIT sehr viele renommierte Software-Entwickler arbeiteten, darunter Richard Stallman selbst, verlangte er den Quellcode vom Druckerprogramm um die Erweiterung am MIT anzufertigen. Der Quellcode ist eine Art Aufsatz, in dem beschrieben wird, was das Programm zu tun hat. Um das Verhalten der Druckersoftware zu verändern, benötigt man dessen Quellcode, sodass man es erweitern bzw. anpassen kann.

 

Richard Stallman war sehr schockiert, als ihm sein Freund die Hilfe verweigerte. Sein Freund erklärte ihm, dass er einen Vertrag bei Xerox unterschrieben hätte, welcher es ihm verbiete den Quellcode auszuhändigen. Für Richard Stallman war dies der erste Kontakt mit proprietärer Software.

 

Da er selbst nie vor dem Dilemma stehen wollte, sich zwischen Erfüllung einer Vertragsklausel und Hilfestellung gegenüber eines Freundes entscheiden zu müssen, musste er einen anderen Weg finden. Er hatte zwei Möglichkeiten: Entweder würde er kein Computersystem mehr benützen oder er musste selbständig ein freies Computersystem schreiben.

 

Obwohl er bereits viel Erfahrung bei der Softwareentwicklung hatte, selbst bei der Entwicklung von Betriebssystemen, wusste er, dass es womöglich eine unerfüllbare Aufgabe ist, ein Betriebssystem zu schreiben. Er wollte es trotzdem versuchen, da er nicht in einer Gesellschaft leben wollte, wo es zur Selbstverständlichkeit wird, dass Vertragsklauseln das Helfen und das Verbreiten von Wissen verbieten.

 

Also begann er einzelne Programme als "Freie Software" zu entwickeln. Er beschränkte sich nicht damit, Programme zu schreiben. Ihm war bewusst, dass er Hilfe benötigt und hat daher viel Zeit und Energie investiert, weitere Entwickler zu finden. Das GNU Projekt wurde geboren.

 

Es hat fast ein ganzes Jahrzehnt Entwicklung gebraucht, um seinen Traum von einem freien Betriebssystem zu erfüllen. Anfang der 90er hat der finnische Student Linus Torvalds die Entwicklung vom letzten Puzzlestein dieses freien Systems gestartet, den Linux Kernel.

 

Aus der Kombination des im September 1983 gestarteten GNU Projektes und dem im August 1991 gestarteten Linux Kernel ist das freie Betriebssystem GNU/Linux entstanden.

 

Das freie Betriebssystem wurde nicht in den Labors einer Gesellschaft entwickelt. Es wurde in aller Öffentlichkeit von unzähligen Entwicklern übers Internet erstellt. In kurzer Zeit wuchs die Entwicklergemeinschaft und es bildete sich eine noch größere Benutzergemeinschaft, welche sich mit der Entwicklergemeinschaft verschmolzen hat.

 

Wieder ein Jahrzehnt später haben sich auch Südtiroler Benutzer und Entwickler freier Software in einen Verein zusammengeschlossen. Im Jänner 2001 wurde die Linux User Group Bozen-Bolzano-Bulsan (www.LUGBZ.org) gegründet. Ziel des Vereins ist es, die Südtiroler auf die Wichtigkeit des freien Zugangs zu Information bzw. Wissen aufmerksam zu machen.

 

 

 

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