Der Neutrale
Standpunkt (Neutraler Gesichtspunkt / Neutrale Sichtweise) ist einer der
Grundsätze bei der Formulierung von Artikeln für die Wikipedia. Nach der
englischen Bezeichnung Neutral Point Of View wird der Neutrale Standpunkt auch
mit NPOV abgekürzt.
Eine universelle
Enzyklopädie ist eine Sammlung von "synthetischem" Wissen, das von
einem neutralen Standpunkt aus präsentiert wird. Soweit irgend möglich, sollte
der Autor von Enzyklopädieartikeln versuchen, beim Schreiben einen neutralen
Standpunkt einzunehmen. Dieser gehört zu den Prüfsteinen eines guten Artikels.
Durch Einnehmen eines
neutralen Standpunkts wird versucht, Ideen und Fakten in einer Weise zu
präsentieren, dass sowohl Gegner als auch Befürworter einer solchen Idee deren
Beschreibung akzeptieren können. Er fordert nicht die Akzeptanz aller: dies
wird man selten erreichen, da manche Ideologien alle anderen Standpunkte außer
ihrem eigenen ablehnen. Daher sollte das Ziel darin bestehen, eine für alle
rational denkenden Beteiligten akzeptable Beschreibung zu formulieren.
Inhaltsverzeichnis
1 Richtlinien für
einen neutralen Standpunkt
2 Ausführliche,
nicht unbedingt neutrale Vorschläge zum neutralen Standpunkt
2.1 Was ist Tatsache,
was ist Wertung?
2.2 Zuweisung von
Standpunkten
2.3 Unparteiische
Darstellung
2.3.1 In welchem
Umfang soll man Minderheitenmeinungen überhaupt erwähnen?
2.3.2 Welche
Standpunkte darf man getrost außer Acht lassen?
2.3.3 Wortwahl
2.3.4 Alles was Recht
ist...
2.3.5 Mythen und
Fakten
2.4 Was tun, wenn ein
Artikel oder Teile davon deiner Meinung nach nicht neutral sind?
2.5 Beispiel
3 Wiki-Quelltext
1. Richtlinien für
einen neutralen Standpunkt
Ein Artikel in einer
Enzyklopädie sollte nicht versuchen, für den Standpunkt des Autors zu
argumentieren. Es sollte vielmehr erwähnt werden, welche relevanten Leute,
Gruppen, Religionen etc. welchen Standpunkt vertreten.
Mehrere verschiedene
oder gar widersprechende Standpunkte können in einem Artikel beschrieben
werden. Fakten und Standpunkte sollten dabei klar als solche gekennzeichnet und
voneinander abgegrenzt werden.
Argumente für den
einen oder anderen Standpunkt dürfen angegeben und sollten klar zugeordnet
werden.
Alle Standpunkte
sollten unterschiedslos in einem neutralen, nicht emotional gefärbten Ton
dargestellt werden.
Im Zweifelsfall statt
„X gilt" besser „Es wird allgemein angenommen, dass X gilt"
schreiben. Die erste Aussage beansprucht eine Absolutheit, die nie bewiesen
werden kann und daher auf nähere Sicht immer lächerlich wirkt; die zweite
ließe sich dagegen statistisch belegen.
Wenn möglich, alle
„ernsthaften" Standpunkte erwähnen. Eine Sicht mag dann als ernsthaft
gelten, wenn sie von beträchtlichen Teilen der Bevölkerung oder
Wissenschaftlern eines Fachgebiets aktuell vertreten wird. Es sollte sich nicht
um einen aus rhetorischen Gründen untertriebenen, übertriebenen oder als
Gegenteil des Gewollten dargestellten Standpunkt handeln.
Die vollständige
Darstellung von Argumenten hat Vorrang vor der Bestrebung konkurrierende
Sichtweisen möglichst in gleichen Umfang wiederzugeben.
Wer in einem sehr
emotionalen Verhältnis zu einem bestimmten Thema steht, sollte zum Wohle aller
auf eine Mitarbeit in dem betroffenen Themengebiet verzichten.
Siehe auch den sehr
ausführlichen Artikel in der internationalen Wikipedia (Sprachenleiste
English).
2 Ausführliche,
nicht unbedingt neutrale Vorschläge zum neutralen Standpunkt
2.1 Was ist
Tatsache, was ist Wertung?
Als Tatsachen kann
man Aussagen formulieren, die unter den meisten Menschen heute unumstritten
sind: beispielsweise allgemein etablierte naturwissenschaftliche Erkenntnisse
oder mathematische Aussagen (Satz des Pythagoras, Elemente, Gravitation), Daten
wie die Einwohnerzahl eines Landes usw.
Vorsicht ist hingegen
geboten bei wertenden Aussagen: "Picasso war der größte Maler des 20.
Jahrhunderts." Auch wenn das für den Autor des Artikels und für
zahlreiche andere Menschen möglicherweise so sein sollte, sollte man solche
endgültigen Aussagen besser vermeiden, also besser: "Picasso wird in der
Kunstwelt als einer der größten Maler des 20. Jahrhunderts angesehen."
Meinungen und
Wertungen (dies müssen nicht unbedingt die eigenen sein) sollten am besten mit
Tatsachen untermauert oder begründet werden: "Sänger XY war einer der
beliebtesten Musiker der 70er Jahre: Seine Lieder waren fünf Jahre lang
ununterbrochen in den Charts und er erhielt 8 goldene Schallplatten...".
2.2 Zuweisung
von Standpunkten
Besonders bei
umstrittenen Themen ist es wichtig, Standpunkte zuzuordnen, dabei darf ruhig der
eine oder andere wichtige Vertreter wörtlich erwähnt oder zitiert werden. Bei
einem Thema der deutschen Politik will der Leser vielleicht wissen, welche
Position die CDU und welche die SPD vertritt.
Ein anderes Beispiel:
"Softwarepatente werden von vielen Menschen abgelehnt". - "Wer
sind denn die vielen?", fragt sich der Leser. Besser: "Softwarepatente
werden von vielen Programmierern, vor allem aus den Reihen der Open Source
Bewegung, abgelehnt, während große Konzerne wie Microsoft ihre Verankerung in
einer EU-Richtlinie fordern."
2.3 Unparteiische
Darstellung
Zur unparteiischen
Darstellung gehört in erster Linie, die Argumente aller Seiten angemessen zu
schildern, d.h. sowohl vom Umfang her eine Ausgewogenheit zu wahren als auch in
der Wortwahl keine implizite Wertung vorzunehmen. Es bringt auch nichts, Pro-
und Kontralisten in den Artikel einzubauen, die eine scheinbare Unparteilichkeit
erzeugen sollen, da gerade in politischen Fragen viele Argumente unter
Berücksichtgung verschiedener Nebenaspekte von beiden Seiten verwendet werden.
Die Kunst besteht hier in der Konzentration auf das Wesentliche.
6 In
welchem Umfang soll man Minderheitenmeinungen überhaupt erwähnen?
Faustregel: Wenn eine
wissenschaftliche Theorie von der ganzen Fachwelt bis auf einen Professor und
seine drei Assistenten anerkannt wird, sollte die Darstellung dieser
abweichenden Haltung auf keinen Fall länger als der restliche Artikel sein. Oft
ist es am besten, den Kritikpunkten unseres Professors einen eigenen Artikel zu
spendieren (in dem natürlich, im Sinne des NPOV auch die Einwände seiner
Fachkollegen erwähnt werden) und im Hauptartikel nur darauf zu verlinken.
Wenn das Auftreten
einer Minderheitenmeinung bereits historisch ist und zu einer breiteren
öffentlichen Diskussion geführt hat, dann sollten diese Meinung und ihre
Diskussion sowie die gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen usw.
Auswirkungen in ausreichendem und angemessenem Umfang erwähnt werden.
Beispiel ist die
theoretische und praktische Forschung über die Möglichkeiten
extraterrestrischen Lebens gegenüber den Berichten von Ufo-Sichtungen und
Kontakten mit Außerirdischen; beides hat einen gewissen Minderheitenstatus.
2.3.1 Welche
Standpunkte darf man getrost außer Acht lassen?
Hier sollte man sich
fragen, wer alles in das Thema involviert ist. In einem allgemeinen Artikel zum
arabisch-israelischen Konflikt wäre es zum Beispiel sinnvoll, die israelische
und die palästinensische Haltung, die der USA, der EU und der arabischen Welt
zu beschreiben, d.h. aber nicht, dass zu jedem einzelnen Ereignis alle
Standpunkte mit aufgenommen werden müssen.
Nehmen wir als ein
anderes Beispiel die katholische Kirche: Die Kirche nimmt zu vielen Themen
eigene Standpunkte ein. Erwähnen sollte man diese jedoch nur in Themen, wo sie
z.B. politisch oder gesellschaftlich eine wichtige Rolle spielen (z.B. in der
Abtreibungsdebatte).
2.3.3 Wortwahl
Wortwahl ist ein
schwieriges Thema. Bereits ein einzelnes Wort in einem Satz kann die
Sachlichkeit zerstören und den Satz zu einer tendenziösen Aussage machen. Ein
Beispiel: Im Satz "Er hat es versäumt, die Öffentlichkeit zu
informieren" ist es das Wort 'versäumt'. Es impliziert und unterstellt
eine nachlässige Haltung, die zu diesem angeblichen Versäumnis führte. Der
Satz kann auch ohne das Wort 'versäumt' geschrieben werden. Die Formulierung
"Er hat die Öffentlichkeit nicht informiert" ist neutraler, da aus
ihr nicht hervorgeht, weshalb er sie nicht informiert hat. Ein weiteres
Beispiel: "Sie informieren immer noch nicht" impliziert, dass sie es
längst hätten tun müssen, womöglich aufgrund eines Gesetzes o.ä. "Sie
informieren nicht" ist neutraler. Es geht um Nuancen.
Mit der Wortwahl kann
der Autor den Leser manipulieren. Es gibt Autoren, die sich dessen nicht bewusst
sind und Autoren, die diese Möglichkeit bewusst und gezielt einsetzen. Es gibt
Leser, die zuwenig Sprachgefühl haben, um diese Nuancen zu spüren, es gibt
Leser, die sich deutlich manipuliert fühlen, und es gibt aber auch Leser, die
manipuliert werden, ohne sich dessen bewusst zu werden.
Man macht sich beim
Schreiben oft gar nicht bewusst, wie man Standpunkte einfach dadurch abwertet,
indem man negative Ausdrücke benutzt. Generell gilt: Starke Wörter wie
"Terrorist", "Massaker" oder "Völkermord" sehr
vorsichtig einsetzen.
Nicht in die Rhetorik
einer Partei verfallen. Beispiel: Die "Achse des Bösen" ist kein
Faktum, sondern etwas, das man deutlich als politische Aussage einer Seite
ausweisen sollte. Nicht: "Schurkenstaaten sind z.B. Sudan, Iran und
Libyen" sondern: "Die US-amerikanische Regierung bezeichnet Sudan,
Iran... als Schurkenstaaten"
Wörter wie 'oft',
'selten', 'viele', 'wenige' sind ungenau, und was wenig ist, hängt oft vom
Standpunkt ab. Beispiel: Ist das Glas halb voll oder halb leer? Neutraler sind
numerische Quantifizierungen, also Zahlenangaben ("das Glas hat ein
Fassungsvermögen von 2dl und ist mit 1dl Flüssigkeit gefüllt") und
Statistiken ("das Glas hat ein Fassungsvermögen von 2dl und die Messungen
im 10-Minuten-Abstand ergaben: 1,4dl, 1,3dl, 1,1dl, 1,0dl, 0,9dl, 0,7dl,
1,7dl"). Da kann sich der Leser dann selber sein Bild von der Realität
machen.
Statistiken sind
numerische Quantifizierungen, sie sind deswegen aber nicht a priori sachlich.
Wir dürfen davon ausgehen, dass die meisten Leute, die eine Statistik
erstellen, sauber arbeiten und grundsätzlich richtig messen. Die Probleme
beginnen einerseits dort, wo man festlegt, was überhaupt gemessen werden soll
und hören dort auf, wo die Messwerte ausgewertet, zusammengefasst und mit
Sätzen kommentiert werden. Ein (möglichst neutrales) Beispiel: Wenn ich z.B.
eine Statistik über die Anzahl der jährlich im Strassenverkehr getöteten
Hunde erstelle und bloß Autobusse berücksichtige und dann schreibe:
"x-tausend Hunde in den letzten zehn Jahren durch Autobusse getötet",
diffamiere ich so alle Leute, die mit Autobussen zu tun haben (Autobus-Fahrer,
Autobus-Unternehmen etc.). Ich sollte hier also auch andere Verkehrsteilnehmer
berücksichtigen.
Generell gilt: Wer
eine Statistik bringt, sollte immer eine Quellenangabe beifügen: Name,
Organisation, Land der Autoren und Jahr der Erstellung. So kann der Leser -
falls er die Quelle und deren Qualität kennt - abschätzen, wie zuverlässig
die Angaben sind.
Siehe auch: Zu
vermeidende Wörter
2.3.4 Alles
was Recht ist...
Vieles auf der Welt
mag der Autor eines Artikels für furchtbar ungerecht halten. Diese Meinung
sollte aber nie ungefiltert in einen Artikel mit einfließen. Statt: "Die
gegenwärtige Wirtschaftsordnung, in der die Industrienationen den
Entwicklungsländern für diese verheerende Handelsbedingungen aufzwingen, ist
ungerecht" besser: "Die gegenwärtige Wirtschaftordnung, in der die
Handelsbedingungen zum großen Teil von den Industrienationen bestimmt werden,
wird von vielen Sprechern der Entwicklungsländer wegen ihrer negativen
Auswirkungen auf die Entwicklungsländer als ungerecht bezeichnet."
2.3.5 Mythen
und Fakten
Im Internet findet
man häufig Sammlungen so genannter "Mythen", gekoppelt mit einer
Widerlegung derselben anhand von "Fakten". Diese beliebte
Propagandatechnik, mit der ein Standpunkt, oft verzerrt und überspitzt
formuliert, von vorneherein ins Zwielicht gerückt wird, hat in einer
Enzyklopädie nichts zu suchen.
2.4 Was
tun, wenn ein Artikel oder Teile davon deiner Meinung nach nicht neutral sind?
Hier gibt es mehrere
Möglichkeiten:
Wenn du vom Thema
genug Kenntnis besitzt, kannst du versuchen den Artikel umzuschreiben.
Eine andere,
höfliche, Möglichkeit besteht darin, die Teile, die deiner Ansicht nach nicht
neutral sind, auf die Diskussionsseite auszulagern mit einer - am besten mit
Argumenten versehenen - Bitte an den Autor, sie umzuformulieren.
Zusätzlich kannst du
den Artikel auch auf Wikipedia:Artikel, die etwas mehr Neutralität benötigen
eintragen und hoffen, dass sich jemand der Sache annimmt.
Auf keinen Fall
solltest du Passagen kommentarlos löschen.
Du solltest auch
nicht versuchen, Artikel, in denen der eine Standpunkt nur ungenügend erklärt
wird, durch Kürzungen des anderen Standpunktes neutraler zu machen. Stattdessen
solltest du den nur ungenau erklärten Standpunkt besser erklären.
Wenn Artikel
regelmäßig durch Vandalen von ihrer Neutralität befreit werden, ist es
sinnvoll sie auf Wikipedia:Beobachtungskandidaten zu verlinken, damit viele
Benutzer sie regelmäßig verfolgen.
In der englischen
Wikipedia hat sich außerdem der Brauch etabliert, Artikel, die einige als nicht
neutral ansehen und die nicht so einfach umzuschreiben sind, mit einem Vorspann
zu kennzeichnen, der auf diese Seite linkt:
2.5 Beispiel
Die Neutralität
dieses Artikels ist umstritten. Siehe Wikipedia:Neutraler_Standpunkt.
Parteigefärbte,
subjektive Informationen sollen auf dieser Seite nicht veröffentlicht werden.