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Bernhard Nußbaumer

Mord im Ministerium
Gabriele Wolff: Das dritte Zimmer. Roman
Haymon, Innsbruck, 2003

 

 

„Dilettantismus" wird meiner Meinung völlig zu Unrecht als abwertender Begriff gebraucht. Denn er meint dem Wortsinn nach eigentlich Liebhaberei, die Beschäftigung mit einer Sache aus Freude und Neigung, aus einem gewissen inneren Bedürfnis heraus, und nicht zum „Broterwerb"– was zumindest als Vokabel mindestens ebenso schrecklich klingt. Oberstaatsanwältin Gabriele Wolff leistet sich zum Beispiel die Liebhaberei der literarischen Produktion, und das sogar mit Erfolg, wie der Friedrich-Glauser-Preis bestätigt, mit dem die gebürtige Hamburgerin (?) für den hier zu besprechenden Roman im Jahr 2004 ausgezeichnet wurde.

 

„Das dritte Zimmer", Gabriele Wolffs erster bei Haymon erschienener Kriminalroman, führt den Leser in das Getriebe des Finanzministeriums eines deutschen Bundeslandes. Nach dem politischen Machtwechsel hat auch auf bürokratischer Ebene ein Köpferollen eingesetzt. Lennart Voßwinkel, Referatsleiter (Abteilung IV, Landesvermögen und Landesschulden, Referat 44, Liegenschaften) und Protagonist der Erzählung, nimmt diese Vorgänge aus der zynischen Distanz des unkündbaren Planbeamten wahr. Karrieresprünge strebt er nicht an, seine Arbeit empfindet er seit Jahren als lähmende Pflichtübung. Entspannung findet er gelegentlich im strengen Studio einer käuflichen Dame. Als mit der Personalrochade Monika Herbst in sein Leben tritt, die persönliche Referentin des neu besetzten Staatssekretärs, ist es allerdings um die Contenance der geschiedenen Mittelständlers und Vaters zweier pubertierender Töchter geschehen. Unvermittelt sieht er sich in der Besetzung des nicht mehr ganz jugendlichen, aber dennoch für seine Begriff stürmischen Liebhabers. Und außerdem bringt der damit einhergehende galoppierende hormonelle Zickzackkurs nicht unbedenkliche Schwierigkeiten beruflicher Natur mit sich: Voßwinkel wird über die dunkelhaarige Schönheit in eine Intrige gegen seinen Vorgesetzten verwickelt, der der neuen politischen Räson zum Opfer gebracht werden soll. Als Abteilungsleiter Dr. Wenz tatsächlich ermordet wird, richtet sich der Hauptverdacht auf Voßwinkel. Vor allem aber quält ihn ein Gedanke: welche Rolle spielt Monika Herbst in der ganzen Geschichte?

Gabriele Wolff hat aus einer durchschnittlichen Vorlage, wie man sie aus -zig Vorabendkrimis kennt, dennoch ein Stück gehobener Unterhaltung zustande gebracht. Nicht die – ziemlich vorhersehbaren – Wendungen im „Fall" schaffen literarischen Mehrwert, vielmehr verleihen die detaillierte und von der Motivationsstruktur her plausibel entwickelte Personenzeichnung sowie die sprachlich sauber nachvollzogene Architektur institutioneller Abläufe dem Text Eigenart und Charakter. Weil es Gabriele Wolff darüber hinaus versteht, auf der Klaviatur der Ironie die richtigen Töne zu finden, erzielt die Lektüre besonders beim Kenner bürokratischer Apparate so manchen witzigen Wiedererkennungseffekt.

 

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