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Walter Angonese

Weiterdenken, Weiterbauen

 

Um das „Weiterbauen" und einige wenige andere Begriffe (Dialektik, Einfalt, Kontext, Materialität, Legitimation) bewegen sich meine Gedanken zu Architektur und Landschaft; „weiterbauen" ist am Vorgefundenes anzuknüpfen, weiterzudenken, um dann schlussendlich weiterzubauen.. Vorgefundenes meint nicht notgedrungen Gebautes; es kann eine Situation, ein Ort oder eben auch ein „Nichtort" sein. Dies wiederum setzt voraus, Vorgefundenes vorerst so zu akzeptieren, wie es wahrgenommen wird, ohne Wertung, auch wenn es auf den ersten Blick belanglos, überholt, anachronistisch oder festgefahren erscheint; es dann kritisch zu hinterfragen, um wichtige Weichen zu stellen, Weichen für Gedankengänge über die Architektur hinaus, um schlussendlich wieder zu dieser zurückzukehren. Ich glaube an die Bedeutung einer prozesshaften Entstehung von Architektur, daran, dass ein Entstehungsprozess nicht im Geplanten abgeschlossen sein darf, sondern sich den Phänomenen und Zufällen während der Umsetzung auch anzupassen vermag, aus diesen neue Aspekte und Betrachtungen ermöglicht und „ein Verkochen" verhindert.

Dazu bedarf es einer offenen, kritischen und dialektischen Betrachtungsweise von Raum und Landschaft, dazu bedarf es auch einer ständigen Hinterfragung (Neugier) gegenüber all den Dingen, die uns umgeben oder uns ansprechen. Diese haben nicht immer unmittelbar mit konkreten Aufgabenstellungen zu tun, sehr oft ist dieses „Ständig-für-alles-Interesse-haben" auch eine große Last. Sie stellt, meines Erachtens, aber die wesentliche Voraussetzung für „Weiterbauen" dar.

Es ist schließlich aber auch das Potential der Einfalt - in deren positiven Konnotation -, die uns hier in ländlichen ruralen Gebieten dazu nötigt, alles und vieles vorab wahrnehmen zu wollen, weil uns die Virulenz einer Großstadt fehlt und damit die kleinen Dinge (wie die Kanaldeckel zwischen meiner Wohnung und der Vinothek Battisti), eine eigene Wertigkeit und Wichtigkeit bekommen und dann später und anderswo,, dialektisch betrachtet .und dann maßstäblich verfremdet, vielleicht anderswo in einem Projekt wieder auftauchen und so diese Manie auch erst legitimieren. Und so können eben Banalitäten manchmal zum Ausgangspunkt und zu den Koordinaten unserer Projekte werden und widerlegen damit mit schlichter Logik schein- und überintellektuelle Ansprüche abgehobener Ästheten - was mich dann sehr freut, um einen Gegenbeweis anzutreten gegen eine scheinbare Welt mit über-intellektualisierten Ansprüchen.

Der Künstler Manfred Alois Mayr meint nicht zu Unrecht, dass viele Antworten auf Fragen zur Raumgestaltung und Wahrnehmung schon vor Ort sind, „herumliegen". Sie aufzunehmen, zu manipulieren oder sie in einen „anderen Kontext" zu setzen, darin liegen die spannenden Aspekte unserer Arbeit, darin liegt die große Herausforderung, die Ressource Architektur für einen Ort zu generieren.

Auch deshalb finde ich am überstrapazierten Begriff „Kontext" nichts Anrüchiges; natürlich meine ich ihn in seiner ganzheitlichen Dimension, weit über geografische oder morphologische Grenzen und Aspekte hinaus, nicht nur reell, eben auf konkret eine Situationen bezogen. Sehr oft bleibt er virtuell, rein gedanklich, sehr oft äußert er sich aber auch politisch oder soziologisch, immer aber ist er jedenfalls grundlegend für meine Betrachtungen.

Claudio Magris hat in seinem Buch „Microcosmi" aufgezeigt, wie viele interessante Aspekte ein solcher Mikrokosmos bieten kann, wie facettenreich er zu sein vermag und wie spannend scheinbar banale, hinterwäldlerische Situationen schlussendlich sich als höchst interessant erweisen können.

Auch deshalb sind für mich Diskussionen über die Zeitgenossenschaft nicht zielführend, schon gar nicht auf die Materialität bezogen., Denn schon allein die Notwendigkeit und Fähigkeit, historische, scheinbar anachronistische Materialien zu manipulieren, ihnen eine andere semantische Bedeutung zu geben, sie aus festgefahrenen symbolischen Betrachtungen herauszulösen, den Kanon zu brechen, lässt keinen Raum für Epochendenken Themen einer zeitgenössische Architekturdiskussion.

Auch deshalb und aus derselben Konsequenz heraus, ziehe ich einen pragmatisch/programmatischen Ansatz (‚mochma an Keller’) einer hochphilosophischen oder gestenreichen Deklarationen bei weitem vor. Auf diesen „offenen" Pragmatismus kann schließlich im Entstehungsprozess konzeptionell besser aufgebaut werden, als auf ein vorgefasstes Korsett. Es geht mir - durch konzeptionelle Hinterfragung – schlussendlich nur darum, ein angestrebtes Niveau zu halten, und nicht umgekehrt hochgeistig loszulegen um nicht dann im Prozess ständig Abstriche machen zu müssen, denn darunter leiden Projekte und schlussendlich Bauten am meisten. Darin sehe ich auch sehr oft das Dilemma dieser unserer Landschaft und ihrer gebauten Realität.

Übrigens ist diese prozesshafte, konzeptionell ständig hinterfragende Haltung auch eines der spannendsten Themen der zeitgenössischen Kunstdiskussion. Deshalb arbeiten ich auch gerne mit Künstlern zusammen, die offen sind sich für ein solches Ping-Pong Spiel hergeben , denn in den Diskussionen und in der Reibung mit den Künstlern entstehen immer wieder neue Aspekte für, das gemeinsame Anliegen und die gemeinsame die unsere Arbeit dann schlussendlich weiterbringen. Dafür war die Zusammenarbeit mit der Arge /Kunst Galerie Museum in den 90iger Jahren von großer Wichtigkeit für mich. Schlussendlich stellt diese Auseinandersetzung eine große Bereicherung für meine Arbeit dar und genau deshalb mag ich so gerne die Arbeiten von Donald Judd, Lois Weinberger, Olafur Elliason, Manfred Alois Mayr oder eben Walter Niedermayr, dessen intensive Auseinandersetzung mit Raum und Landschaft hierzulande viel zu wenig Würdigung erfährt und dessen Gedankengut maßgebliche Einflüsse auf landschaftsgerechtes Bauen haben könnte.

 

Und da wären noch die „Sachzwänge" (gesetzliche Auflagen, Bebauungspläne) zu nennen, die von vielen als Beengung oder Beschneidung ihres Geistes aufgefasst werden, mich dann aber nicht weiter stören, wenn vorausgesetzt sie werden anspruchsvoll artikuliert und professionell erarbeitet werden. Das ist zwar im realsozialistischen Netzwerk der Südtiroler Einheitspartei leider zur Seltenheit geworden, ich sehe in diesen Sachzwängen aber nichts grundsätzlich Negatives, auch weil sie mir wichtig sind, meine Arbeit legitimierbarer zu machen, vorab für mich selbst, dann für das Umfeld, die Gesellschaft, in der ich mich dann auch wieder finden muss. Leider ist das dafür notwendige „öffentliche Interesse" hierzulande dann nicht so wirklich öffentlich gemeint, bedauerlicherweise werden an und für sich gute Instrumentarien der Raumplanung vom „Netzwerk" verwässert, sehr oft banalisiert, auf private Interessen reduziert und für eigennützerische Aspekte umgemünzt. Trotzdem ist dieses Umfeld ein guter Ausgangspunkt für eigene Projektansätze, auch um mittels Architektur gesellschaftskritische und politische Aussagen zu treffen.

Denn meist geht es eigentlich nur darum, die Sachen zu vereinfachen, abzuspecken oder zumindest nicht zu verfetten, sie stringenter zu machen, um sich von der breiten Masse abzusetzen. In diesen vereinfachenden Aspekten sehe ich dann auch eine große Chance, eine authentische Architektur für dieses, schöne, reiche Land mit großen kulturpolitischen Defiziten zu generieren, eine Architektur, die sich der Vielfalt der verschiedensten Landschaften bewusst ist und aus diesem Bewusstsein abseits von modischem Benchmarking substanziellere Bauten hervorbringt. Dafür gibt es sehr viele gute historische Vorbilder. Aus dieser Haltung heraus schätze ich die Arbeit eines Hans Wielander und seiner „Arunda" so sehr, der uns aufzeigt, wie einfach komplex oder komplex einfach unsere kleine Welt hier gestrickt war, ist oder nach wie vor sein könnte und welche Kraft - auch um einer überregionalen Diskussion standzuhalten - darin nach wie vor liegen könnte, wenn man das Verständnis dafür aufbringt, daran weiterzubauen. Deshalb mag ich anonyme Architektur besonders, die immer ehrlich entstanden ist und notgedrungen die Ressourcen und Werte aufgenommen hat, die diese Landschaften geboten haben. An den Ressourcen von heute weiterzubauen - an den Werten wird man nicht mehr gut weiterbauen können, sie sind kaum mehr vorhanden - finde ich eine sehr interessante Herausforderung für ein Südtirol im 21. Jahrhundert.

 

Schlussendlich haben sich durch unser Projekt für Manincor dann noch einige Schwerpunkte herauskristallisiert, die ich für diese Betrachtungen als Ausgabe wichtig empfinde und die in meinen neueren Projekten auch eloquent Einfluss gefunden haben. Zum einen, glaube ich, sollten das Zusammenspiel und die Vernetzung zwischen topographischen Ansätzen und typologischen Überlegungen mehr Akzente finden und in sich vernetzt werden, das Besondere und die jeweiligen Einzigartigkeiten unserer Landschaften sollten mehr zu Projektinhalten werden, denn hier liegen noch riesige Chancen für eine substanzielle, authentische Architektur. Zum anderen gilt es aber auch verstärkt das wahre Wesen dieser Landschaften, - mit anderen Worten, das Andere, das jeder Architekt sucht - nicht von Aussen zu übernehmen, sondern nur in dieser unserer Vielschichtigkeit wieder zu entdecken und in ein Projekt zu integrieren. Wenn dies gelingt, dann werden Alibis und Klischees wie Stülpschalung aus Holz als Synonym und Legitimation für Bauen im alpinen Kontext endlich in Frage gestellt sein, dann werden Gleichschaltungen vom Reschen bis nach Winnebach ihr Ende finden, dann werden immer dieselben Reihenhäuser an den verschiedensten Orten hoffentlich der Vergangenheit angehören.

 

Walter Angonese ist Architekt in Kaltern. Bekannte Arbeiten von Walter Angonese sind das Weingut Manincor in Kaltern und die Gestaltung des Bergfrieds im Südtiroler Landesmuseum Schloss Tirol; neuere Projekte entstehen am Karersee, am Kalterer See und in der Toskana (Tenuta Ampeleia).

 

 

 

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