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Bernhard Nußbaumer

Das Handwerk des Schreibens
Norbert Gstrein. Das Handwerk des Tötens. Roman
Frankfurt, Suhrkamp, 2003

 

Norbert Gstrein hat sich mit „Das Handwerk des Tötens" viel vorgenommen: einen erzählenden Bericht über die Kriegsereignisse auf dem Balkan nebst politischer Analyse abzuliefern, einen Künstlerroman zu schrieben und eine Medienschelte vom Stapel zu lassen. Quer dazwischen zieht sich die Biografie des österreichischen Journalisten Christian Allmayer durch den Text, der 1999 im Kosovo ermordet wird. Diese unschwer als Referenz an den 1999 im Kosovo ermordeten Südtiroler Journalisten Gabriel Grüner erkennbare Achse des Romans verbindet Leben und Entwicklung der drei Protagonisten, des Journalisten und verhinderten schriftstellers Paul, dessen kroatischer Freundin Helena und des namenlosen ich erzählers, der sich ebenfalls als Journalist in Hamburg durchs Leben schlägt. Paul träumt vom großen Roman, den er um Allmayers Schicksal herumranken will. Immer tiefer dringt er in das Leben des getöteten Journalisten ein, identifiziert sich mit seiner Biografie, rekonstruiert dessen Leben nach, besucht dessen Angehörige und bekannte, fährt auf seinen Routen durch das ehemalige Jugoslawien. Seine freunde begleiten sein Vorhaben mit kritischer Distanz, je mehr, desto länger die Fixierung von Paul Besitz ergreift und er sich immer mehr in seinen Roman eindichtet. Wenn er sich zum Schluss in einem Hotelzimmer in Zagreb umbringt und Helena und der Icherzähler endlich zueinander finden, atmet man erleichtert auf, das nach langewigen verwicklungen alles so kam, wie es kommen musste. Oder, etwas böser formuliert: Mit diesem Buch könnte man es sich einfach machen: man liest die letzten acht seiten und hat alles an handlung und Entwicklung drinnen, was diesen Roman ausmacht und spart sich die quälende lektüre der übrigen 372 seiten. Zwei männer und eine frau zwischen wollen und nicht können, hoffen und scheitern und vor allem das: scheitern.

 

Denn in der hauptsache erzählt „Handwerk des Tötens" die Geschichte eines mehrfachen Scheiterns: des künstlerischen, menschlichen und politischen scheiterns. Die Melancholie des Autors, mit der er zu erkennen gibt, Sinnloses mit der Sprache einfangen zu wollen, gereicht dem Text nicht immer zum Vorteil. Wenn sich die Erzählabsicht – eigentlich müsste man von Erzählabsichten sprechen, weil ja Gstrein stets an mehreren Fäden strickt – allzu sehr im Sprachlichen manifestiert, wirkt der text vage, wird der nachvollzug mühselig, breitet sich ein morbide, pastellfarbene Aura um das Erzählte aus. Auch drängt sich die Figur des ermordeten Journalisten gelegentlich massiv ins Bild, wenn auch dahinter die redlichste Absicht erkennbar wird, nämlich die mitunter doch recht zwielichtige Rolle der Medien im Jugoslawienkrieg – stellvertretend für die Kriegsberichterstattung aus aller Welt – zu beleuchten. Dennoch ist an der moralischen Botschaft des Ganzen nicht im geringsten zu zweifeln, besonders wenn der Autor den grotesken Vergleich zwischen dem Winnetou III-Film und dem realen sterben der Männer zieht, vor derselben Kulisse: einem steil aufragenden Felsmassiv im Hintergrund der serpentinenhaft von Obrovac auf den Mali-Alan-Pass ansteigenden Straße und der Bucht und den vorgelagerten Inseln im Blickfeld.

 

Es sei dem Autor zugestanden, dass ein Kriegsbericht in Medienzeiten als Thema eine nicht recht einfache schriftstellerische Herausforderung bedeutet, zumal der Leser bereits hunderte vorgefertigter Bilder im Kopf hat, die seinen Eindruck schon vorgeprägt haben. Mit der mehrfach gebrochenen Perspektive findet Gstrein hier immerhin einen Weg, der Gefahr einfach erzählter und dadurch beliebig wirkender Chronik zu entgehen. Andererseits überfrachtet er sein Werk dadurch mit einer Vielzahl von Erzählabsichten, die verhindern, dass der text einer davon wirklich auf den grund geht. So bleibt vieles an der Oberfläche, ohne Dimension zu gewinnen. Besonders die eingebaute Schiene „Künstlerroman", das sattsam bekannte Schreiben über das Schreiben, die Methode, einem Leser die Geschichte gleichzeitig zu erklären, indem man sie ihm erzählt, wirkt distanzierend und dadurch wie ein Unsicherheitsfaktor. Dass im resort „künstlerroman" zugleich Klatsch und Tratsch echter und lebender Figuren ausgebreitet wird, deren Zuordnung der Autor kaum verhüllt und teilweise sogar bewusst verstärkt, mag Insider der österreichischen Literaturszene je nachdem ärgern oder freuen – für den Außenstehenden bleiben sie so etwas wie satirische Ausritte in einem sonst eher melancholisch und blass gehaltenen Text.

 

 

 

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