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p. Bruno klammer

Gold über Klein-Potala
Reiseerfahrungen im Reich der Mitte

 

ls die Wahrheitsbeweise brüchiger und der Einfluss geringer geworden waren, griff Mao noch einmal zur Revolution. Zu jener der Roten Garden. Die Roten Garden haben den Kommunismus nicht gerettet. Aber sie haben dreitausend Jahre Geschichte vernichtet. Nach dem Verlust von Geschichte, Marxismus und Großem Führer hat China Mühe, neu nach seiner Identität zu suchen. Die leeren Hüllen der Residenzen und die goldenen Kuppeln von Klein Potala in Chengde wieder mit Erinnerung und mit Leben zu füllen.

1978, nach der Ausschaltung der Mao-Witwe, Jiang Qing, und der Viererbande, gibt Deng Xiaoping dem Lande die Vier Modernisierungen: Industrie, Landwirtschaft, Technologie, Wissenschaft. Die Landwirtschaft, auf die Mao primär seine Revolution gegründet hatte, war nicht mehr die Königin.

Die zweieinhalb Tage den Yangzefluss hinunter war es irgendwo Zeit und Halbzeit geworden, die Eindrücke zu besprechen und Vergleiche zu ziehen. In vielen Einzelgesprächen setzten sich die Yangze-Gespräche hernach fort. Medizin, Jus, Politik, Theologie, Kunst und Wirtschaft trafen sich auf dem Wege durch die drei Schluchten.

Auf dem Wege von Norden nach Süden werden in China große Konzentrationen sichtbar. Peking (13 Mill. Einwohner) ist eine moderne Stadt und ist Verwaltungszentrum des Landes. Shanghai (16 Mill.) wetteifert mit Hongkong und ist geschäfts- und handelsorientiert . Allein die Hafenanlage zieht sich über hundertvierzehn (114) km hin. Fünftausend (5000) Wolkenkratzer zwischen sechzig und vierhundertzwanzig m wurden in den letzten Jahren erbaut, dreitausend neue sind im Bau und innerhalb der nächsten 2-3 Jahre bezugsbereit (mit dem höchsten Bauwerk der Welt: 520 m). Wenn etwas geplant ist, fallen die Ameisen ein. Unten ziehen die Büros, Mieter und Eigentümer ein, darüber hausen in den halbfertigen Etagen die Arbeiter (viele vom Land), und darüber wird weitergebaut. Häufig auf einfachen Bambusgerüsten. Als hätte das geschäftige China nach Mao keine Zeit zu verlieren. Die Hintergrundreflexion Chinas auf Weltgeltung ist enorm. Chongqing am Yangzi ist ein Stadt- und Wohnagglomerat von dreißig Millionen, auf mehr als auf sieben Hügeln und mit weit höheren Insulae als jene des kaiserlichen Rom. Die Region um Wuhan entwickelt sich zum riesigen Energiereservoir Chinas (Yangze-Staudamm, über vierhundert mittlere und größere E-Werke allein innerhalb der letzten zehn Jahre). Die Zone am Li-Fluss und um Guilin ist ein unvergleichliches Touristenareal, anmutig, vielfältig, freundlich. Hongkong ist internationale Drehscheibe des Geldes, und vielleicht auch ein bisschen der Korruption. Was Rang und Firmennamen in der Welt hat, hat Vertretung und Markt auch in Hongkong. Die goldenen Kuppeln von Chengde sind das Gold der Erinnerung und der Vergangenheit. Das Gold der Ostküste Chinas ist die klingende Münze der Banken und des Handels. Kowloon besitzt die Zone mit der größten Bevölkerungsdichte der Welt (2 Quadratmeter Bodenfläche pro Einwohner). Hongkong ist privilegiert und auch den Chinesen nur mit eigenem Visum zugänglich. Die Hongkonger selbst brauchen derzeit vier Pässe: einen gesamtchinesischen, einen britischen, einen in der Zone und einen für Auslandsreisen, z.B. nach Canada etc.

Ausgangspunkt der Yangzegespräche war und ist immer wieder der überwältigende Eindruck: der gewaltige Aufbruch und das Gefühl, wie klein ist Europa geworden. Wie willensschwach, wie vergaukelt in kleinliche Sonderinteressen, in Parteienkram, selbstverloren in kniffligen Parlamentarismen. Die Ursachensuche dafür ergab vieles. Die kommunistische Partei hatte sich in eine unternehmungsstarke, kompakte Lobby verwandelt. Sie ist selbstbewusst und treibt den Aufbau voran. Mit dem Vorteil, ihren Initiativen, sind sie einmal beschlossen, stehen keine Bürokratismen und Gängeleien entgegen. Mit dem Nachteil für viele Bürger, wie ihn der Yangzi-Staudamm exemplarisch belegt: Es werden Striche gezogen. Was darunter ist, muss wandern und weichen. Bisher an die zwei Millionen Menschen. Ganze Stadtgebiete bis zu hundertsechzigtausend Einwohnern werden geflutet. Das Museum des Staudamms in Chongqing bietet ein eindringliches Bild davon.

Eine weitere Typik des Landes ist: Die gesamte Jugend Chinas zieht um. Ins Management, in die Verwaltung, in Dienstleistung, Technik, Forschung. In den Aufbau. Auf dem Lande zurück bleiben in ihren ärmlichen Katen die Alten und die Kleinkinder. Noch während unseres Reiseaufenthalts war in „China Daily" ein sehr kritischer Beitrag erschienen. China besitzt dreihundertsiebenundsechzig (367) Millionen Kinder und Jugendliche unter achtzehn Jahren (28% der Bevölkerung). Laut dem Pekinger Prof. Xi, werden die Jugendlichen Chinas zumeist durch ihre Großeltern erzogen und, von diesen verweichlicht. Diese untergraben den Geist der Erneuerung und der Kreativität (spirit of innovation and creativity). Die großelterliche Erziehung ist zu nachsichtig und zu fürsorglich. Positiv angemerkt wird aber auch, Großeltern haben mehr Zeit, sind geduldig und besitzen Erfahrung.

China besitzt eine ganz klare Ressourcenpolitik. Über die Ein-Kind-Familie vermeidet China, dass, was aufgebaut wird, durch einen unkontrollierten Bevölkerungszuwachs gleichzeitig wieder aufgezehrt wird. Das Land hat bereits 1,3 Milliarden Menschen. Auf dem Weltmarkt kauft China derzeit alle Rohstoffe auf, die es für seinen Aufschwung braucht. Der Weltmarkt ist leergefegt z.B. von Stahl, Alteisen u. a. Produkten. Dem Westen bringt dies Absatz, aber auch eine indirekte Verteuerung seiner Rohstoffe.

Unsere westlichen Demokratien sind zu immer engmaschigeren Verwaltungsdemokratien geworden. Mit Fußangeln, die allem angelegt werden. Und mit Ideologien in Grün, Rot, Violett und Grau in Grau. Aus einem Ideologieriesen ist China zu einem Umsetzungsland geworden. Zielbewusst, pragmatisch, ein Land der Superlative. Was bei uns abgewürgt wird, oft auch mit dem altväterlichen „die öffentliche Hand" und „die Allgemeinheit", wird dort gefördert und entsteht. Und dann hat es die Allgemeinheit als Produkt, Energie, Leistung zur Verfügung. Denn die Produzenten essen Produkte und Energien ja nicht selbst auf.

Mit dem ausländischen Kapital kommen Initiative und Arbeitsplätze ins Land. Auf seinen Unternehmungsgeist ist China stolz. Mit diesem kommt außerdem größere Freiheit ins Land. Für alle.

Aus China zurück, das ist wahr, kann man für lange Zeit keinen Firlefanz mehr ertragen.: die verschrobene Sucht der Verhinderer und Verhinderungen, die Selbstbestätigungsneurosen der Zwischenbeamten und der Beiräte, und dass es an tatkräftigen Aufbaukonzepten oft fehlt. Nach 2 Tagen Fahrt auf dem sechshundert (600) km langen Yangzi-Stausee kommt es aber auch zu den ersten Feststellungen: Etwas fehlt. Buchläden sind selten. Große künstlerische Schöpfungen sind nicht zu sehen. Das Alte ist weggewischt. In den Gesprächen und Erläuterungen der Begleitpersonen fehlt das zeitgenössische spirituelle China und fehlen die Erbschaften der großen Denker und Philosophen. Wenn an Geistiges angeschlossen wird, sind es Verbindungen zu konfuzianisch, buddhistisch, daoistisch beeinflussten Dynastien der Vergangenheit. Kaum Gegenwart und Null Marxismus. Auf dreißig-vierzig Quadratmeter Wohnfläche in den Stadtzentren zusammengepfercht und der angestammten Bindungen beraubt, ist China vielleicht auch etwas ein Land ohne Trost. Die Hochhauskrankheit nannte es unsere technische Reiseorganisation. Anderseits, die ideologische Freisetzung nach Mao tut dem Lande gut. Das ehemalige Kollektivgefasel von „gehört allen", „öffentliche Hand", „Volksgut", „Volkswille" etc. tritt zurück. Das Ausspielen privaten Unternehmungsgeistes gegen Amtsinitiative ist an ein gewisses Ende gekommen. Das Experiment der zehntausend freien Bauern hat die Effizienz des Privaten (mit zwei Dritteln Landesertrag) gegenüber der Kollektivinitiative demonstrativ belegt.

Den Yangze und die ganze Studienreise entlang wurde immer wieder versucht, gesammelte Eindrücke zu Meinungen und zu vorsichtigen Urteilen zusammenzufassen. Wir hatten das Land der Fahrräder nicht gefunden. Statt dessen ein Radfahrverbot in den Zeiten von 8.oo Uhr bis 19.30 Uhr in den Städten. China ist das Land der endlosen Taxis (allein in Shanghai fünfundvierzigtausend) und eines intensiven Verkehrsaufkommens. Das Land verdrängt die Armut aufs Land und in die Hinterhöfe. Doch insgesamt ist die Armut geringer geworden. Die Reisschalen sind auch für die Armen gefüllter. Auskunftsträchtige Statistiken über die Armut freilich stehen nicht zur Verfügung. Soweit es in den saubergefegten Straßen noch Bettelnde gibt, picken diese sich vor allem Fremde heraus und sind noch weit „anhänglicher" als anderswo die Zigeunerkinder. Grundnahrungsmittel sind für die Bevölkerung billig geblieben, die Inflation erreicht einzig die Luxusgüter stärker. Einem Seidenteppich von siebenhundert Euro entsprechen ca. vierundvierzig Tonnen Weizen, wie ein Teilnehmer an den Yangzegesprächen ermittelte. Die meisten Familien, könnten sich, auch wenn sie wollten und sich den staatlichen Planungen widersetzten, ein zweites Kind nicht leisten. Wer dennoch ein zweites Kind will und behält, muss zahlen. Viel Geld, für chinesiche Lohnverhältnisse. Muss zahlen für Kindergarten, Schule, Ausbildung, sanitäre Betreuung... Und etwas mehr Wohnraum gibt es lediglich in den Außenbezirken der Großstädte, mit langen Anfahrten zur Arbeitsstätte. Wie riesige Säulen stoßen dort die Wohntürme in den Himmel. Die alten Viertel werden Zug um Zug niedergewalzt, und einige sind nur noch als vorläufige touristische Reste und Zeugen eines vormodernen China zurückgeblieben. Zur Armutsbekämpfung auf dem Land hat unter anderem beigetragen, dass nunmehr den Bauern 0,5 – 0,7 ha Land zur freien privaten Bewirtschaftung und Verfügung überlassen werden.

 

Die Wiederkehr der Götter

 

Von Xi’an nach Chongqing war es ein junger Begleiter, der, im Nebenhergehen und in Abständen, sein „Amithaba...", Oh Lotusgeborener, hilf uns, murmelte. Und der Gruppe im Bus ein kosmisch-buddhistisches All-Gebet verlas. Wie eine Panik nach der kulturrevolutionären Wut und der darauf folgenden kulturellen Leere, hat China das Vergangenheitsfieber erfasst: Weithin über das Land sind Grabungen im Gang und hat die Ausbuddelung der alten Geschichte begonnen. Wer China besucht, muss die Vorzeiten sehen. Dennoch leere Hüllen, stehen sie da in ausgesuchter Landschaft, die alten Residenzen und die noch älteren ehrwürdigen Klosteranlagen. Eine einzige Anlage (in Wuhan), so der Führer, ist völlig erhalten geblieben von einem unüberschaubaren Netz in ganz China. Und es ist eine junge Generation, die man zu Füßen der drei Buddhas sieht. Im Unterschied zu islamischen Ländern, baut China gegenwärtig seine Konfliktpotentiale nicht über Aggressionen Dritten gegenüber ab, dazu ist sein aktueller, leiser Weg in den Aufbau zu erfolgreich. Sondern leitet sie in Aufbruchsstimmung um. An der Art und Weise, wie China an Jahrtausende alte Weisheitssprüche und Weisheitssprache anknüpft und sie zeitgemäß abwandelt, wird die große Kraft buddhistischen Verwandelns sichtbar. Bert Brecht ist über China nach den USA ins Exil weitergereist. Brechts Wort von der „produktiven Güte" ist kein leninistisches, das Wort ist ein chinesisches Wort. Das Bild vom Wasserrad, dass einige im Drehen der Geschichte immer unten und andere oben sind, verlässt im Grunde den marxistischen Klassenkampf hin zu allgemeinerer, chinesischerer Weisheitslehre. Es hat nicht den Anschein, China mache sich keine Gedanken über die, die gegenwärtig unten sind. Es lässt ihnen ihre Götter wieder zukommen, sorgt sich um die Hebung des allgemeinen Wohlstands und will auch den armen Schichten Bildung und ihr anständiges Gesicht geben.

 

Der nichtmetaphysische Humanismus Chinas

 

Nicht alles ist Wiederkehr der Götter in China. Im nicht-metaphysischen Humanismus Chinas sind Wahrheit, Gerechtigkeit, Hoffnung sachbezogene Werte. Gestaltungsformeln eines sehr konkreten Alltags. Strategien produktiver Lösung. Uralte Worte des Konfuzianismus, des Lamaismus, des Laotse erhalten eine zeitgemäße Wendung auf die neuen Verhältnisse zu. Die Parteidevise nach Mao: „Wenn man das Fenster aufmacht, kommt frische Luft in den Raum, es kommen aber auch einige Fliegen", fußt auf einem uralten Fensterbild Laotses: Man muss Fenster und Türen in ein Haus schlagen, will man es nutzbar machen... In der Weisheitslehre liegt ein Menschen und Göttern gemeinsames Wissen und Wesen. Darauf können sich alle, Gläubig wie Nichtgläubige, berufen. Darin besitzt China eine Argumentationserbschaft ohnegleichen.

 

Die vieldeutige Information

 

Die ständige Betonung der Minderheiten in den Hinweisen der Begleiter und Begleiterinnen, je weiter die Gruppe nach Süden zu kam, kann mehreres sein: Demonstration eingehaltener Menschenrechte, Faustpfand in einer schleichenden Sinisierung des ostasiatischen Raumes, wortlose Erwiderung auf die Menschenrechtsanklage vor allem der USA. Sie spiegelt aber auch buddhistische und konfuzianische Anschlüsse. Architektonisch ausgedrückt und dargestellt in den zahlreichen Hallen und Plätzen der Harmonie, des Friedens, der Glückseligkeit (Tempel des Universalen Friedens, Hallen der Harmonie, Halle der Berührung von Himmel und Erde, Tempel der Universalen Güte , Tempel der Befriedung der Fernen Gebiete...., in Chengde, Peking etc.). China sucht allerorten seine Friedensliebe zu beweisen, und auf seine eigene mögliche Aggressionsbereitschaft befragt, verweist es auf die Gefährlichkeit Indiens und betont den eigenen gegenwärtigen Zustand des Friedens mit allen angrenzenden Staaten und Völkern. Seine Atom- und Raketenprogramme sind ein Beitrag der Gleichberechtigung unter den Völkern, des nationales Schutzes und dienen der Sicherung des Friedens. Viel mehr ist von Seiten der amtlich zugewiesenen Reisebegleiter nicht zu erfahren. So ungefähr klingt das in Indien, Frankreich, Pakistan, USA auch.

 

Die Definitionsfiguren Chinas

 

Arbeitslose werden „überschüssige Arbeitskräfte" genannt. Die Machtnachfolge auf Mao wurde als Viererbande deklariert. Die Globalisierung und der Wettbewerb mit dem Westen werden als die Vier Modernisierungen bezeichnet. Bereits Mao Zedong kleidete seine Umgestaltungsprozesse ein in Bilder der Hoffnung: Lasst tausend Blumen blühen; der große Sprung nach vorn (der es dann nicht wurde). Das Land ist von Symbolik durchzogen. Maße haben „himmlische" Geltung in den Modulen der Bauwerke, in den Einteilungen der Zeit und Epochen, in den Rhythmen des einzelnen und kollektiven Verhaltens. Die Zahlen 9, 8, 7, 6, 5, die wichtigste, sind heilige Zahlen seit altersher. Die Verbotene Stadt in Peking besitzt neuntausendneunhundertneunundneunzig (9999) Räume. Von insgeheimer Symbolik war in jeder Tempelführung der Verweis darauf, man trete in das Zeitalter des lächelnden Buddha ein, der der Budha der Zukunft sei (Maitreya). Wie die unbewussten Versprecher bisweilen die tiefsten Einblicke geben, waren die feinen Nuancen nicht zu überhören, wenn der Buddha der Zukunft ständig benannt, der Buddha der Vergangenheit aber eher immer in der Form des Buddha der Medizin genannt wurde. Vergangenheit ist ein vielbedeutsames und ein viel belastetesWort für das Reich der Zukunft.

Grundstruktur des Religiösen ist in China eine Form der Ehrfurcht, derVerehrung, der Autorität und der Anerkennung von Tradition und Würde. Daoismus, Konfuzianismus, Buddhismus (vor allem in der Form des Lamaismus) durchdringen sich mit ihren Lehrsätzen der Weisheit, der Tugend und der Deutung. In den drei Welten der Materie, der Begierde und des Geistes ist es nicht immer leicht, voneinander abzuheben, was was ist. Das war auch der Yangze-Runde nicht durchwegs möglich. Trotz guter Vorbereitung einiger. Man kann die cool attitude in Tsim Sha Tsui spüren, im Übrigen aber ergeht es einem, wie die drei Buddhas immer wieder Zusammensetzung, Namen und Bedeutung ändern, sieht man sich als Angehöriger westlicher Religionen gleichsam einem Chamäleon gegenüber. Die Spiritualität Chinas sind Begleitsätze, offene Wert- und Orientierungsmaximen. Keine starr abgegrenzten Lehrsätze und Dogmen westlicher Religionen (mit ihren „Wissenschaftssätzen" des Heils, einer Mathematik der Spiritualität). Es ist wohl das, was die christliche Mission über Jahrhunderte in China nicht Fuß fassen ließ (erste Chinamission 1244, unter Papst Innozens IV.; erster Bericht von Johannes de Plano-Carpini, eines Franziskaners, über das Land „Cathay"). Einen Durchbruch kann erst Matteo Ricci, S.J., der 1583 nach China kam, erzielen. Und Adam Schall von Bell, ebenso Jesuit, der durch seine Mathematik- und Wissenschaftskenntnisse das Erstaunen des Hofes erregt und Leiter des kaiserlichen astronomischen Amtes wird (gest. 1666).

 

Auf dem Weg zu einem Santana

 

Das chinesische Stadtbild wird von den Taxis und Bussen geprägt (Shanghai 45.000, wobei bisweilen, wie z.B. in Wuhan, alle zwölftausend Taxi von einer einzigen Autofirma gestellt werden, in Wuhan z.B. von Citroen). Für die schnelle Abwicklung des Transports und des Verkehrs legt China ein gigantisches Straßennetz an. Die Devise: flüssig, zeitsparend, schnell (vor allem auf dem Weg zur Arbeit, der in China wie in aller Welt zurückgelegt werden muss). Und spritsparend. Wie in der Verwaltung werden Verzug und Blockade nach Möglichkeit vermieden. Anders als in den lärmenden und lähmenden Umweltdemarchen des Westens. China hofft auf eine nächste Phase einer umweltfreundlichen und konsumverträglichen Autogeneration für seine Massen und setzt dort an. Und bereitet seine Netze darauf vor. Am Anspruch auf das Auto lässt China keinen Zweifel für die Zukunft.

 

Die neue Verwaltung

 

Man schätzt den Verwaltungshickhack für ein größeres Bauprojekt für Europa auf im Durschnitt drei Jahre. Shanghai baut innerhalb von zweieinhalb Jahren die nächsten dreitausend Wolkenkratzer (Zahlenangabe: Reisebegleitung). Die Stärke der chinesischen Verwaltung ist, dass sie Reibungsverluste zu vermeiden trachtet, überflüssige Schritte und Funktionen abbaut, die Besoldung der Beamtenschaft eher niedrig hält und Abläufe beschleunigt. Die moderne KP Chinas lässt auch keinen Zweifel daran, dass Grund und Boden der Initiative gehören. Die Verwaltung gängelt nicht. Sondern fördert. Wenn dieses Land sich eines Tages auch noch das lateinische Alphabet neben seinen eigenen Schriftzeichen aneignen sollte, wie bereits auf den Nummernschildern der Autos, kann es den Weltmarkt mit seinen Dienstleistungen überfluten. Wenn dies China im Moment nicht tut, liegt der Grund in seinen Schriftzeichen, die trotz unterschiedlicher Sprechsprachen in allen Territorien Chinas verstanden werden. Als Tourist bedauert man, dass Straßen, Plätze, wichtige Informationen nicht auch durchgängig auf Englisch angeschrieben werden. Allen Gesprächsteilnehmern erging es so, dass sie sich auch ein Stück weit ausgeklinkt vorkamen und wohl ein Stück weit auch ausgeliefert. Wie käme man aus einem Land mit solchen Schriftzeichen jemals wieder zurück?, fragte unterwegs ein Teilnehmer.

 

Das unsichtbare China

 

Das der Yangzegruppe verfügbare Informationsnetz, darüber waren sich alle einig, reicht nicht aus, um in allem hinter die chinesische Stirne zu sehen. Das Ineinander von Strömungen und Erfahrungen zeigt sich nicht nach Art eines Bildes auf einer photographischen Platte.

Wenn man die Erklärungen der insgesamt ein Dutzend Führer/innen nach ihren primären Wortfeldern abgehorcht hat, kam in ihnen wenig Kommunismus, dagegen viel Geschichte, viel Wirtschaftsaufbau, und kamen sehr viele spirituelle Kernwörter vor. Diese wirken nicht abgegriffen, sondern scheinen Formen innerer Wahrnehmung zu sein. Das verwurzelte und das vertraute China. Überhaupt nicht sichtbar werden für Reisende das Militär, die genetische Durchwanderung des ostasiatischen Raumes, das Wirken der Danweis (lokale Einheiten, innerhalb derer alles geregelt wird: Erziehung, Altersversorgung, Ehe, soziale und kulturelle Aktivitäten....). Darüber sind keine Protokolle zu haben. Wie überhaupt in Touristenreichweite nur billiger Reisekram, zumeist in englischer Sprache, zu haben ist. Wieweit die westlichen Werbeidole, die von den Plakatwänden Pekings prangen, tatsächlich tiefere Weisen der Globalisierung andeuten, man muss vorsichtig sein. Wäre China bereits Weltmacht genug, kämen Chinas Schönheiten vermutlich zu uns. Wie China die Übergabe Hongkongs durch Plakate und Mitteilungen bis in die letzte Dorfschule hinaus vorbereitete, und dann bereits zehn Minuten nach Beendigung der Übergabefeierlichkeiten der chinesische Legislativrat demonstrativ ins Parlament in Hongkong einzog, hat aufhorchen lassen. Opiumkriege (der erste 1841/42), Taiping Rebellion, Boxeraufstand, Rebellion von 1911... sind nicht vergessen. Die Umgestaltung Chinas meint eine Umformung des Landes zu Gewinnern. Auf allen Ebenen. Auch das ist ein Zeichen, wenn Touristen beim Auspacken ihrer Einkäufe selten genau das vorfinden, was sie am Verkaufstisch und selbst in „seriösen" Vorzeigeläden erworben haben. Oder Baristen und andere bei der Wechselgeldrückgabe einfach verschwunden sind u.dgl. Im Interessenkonflikt meint es China mit den Ausländern nicht glimpflich. Reisepläne in China sind so festgelegt, dass es darüber keine weitere Diskussion gibt. Jeder in der Yangzegruppe wusste das.

Es gibt Dinge, auf die China bzw. dessen Reisebegleiter von sich aus nicht eingehen. Z. B. auf die Frage nach dem Dalai Lama. Allgemein war aufgefallen, dass im Zusammenhang mit dem Lamaismus nur vom Panschen Lama als dem höchsten Lama gesprochen wurde, nie vom Dalai Lama. Der Panschen Lama ist chinafreundlich, während der Dalai Lama seit dem Überfall auf Tibet im Ausland zu leben gezwungen ist. Die Frage Tibet, scheint es, ist noch nicht zu ihrem inneren Abschluss gekommen. Und wenig weiß und erfährt man hinsichtlich der Mongolei.

 

Die permanente Revolution

 

Längst ist an unserem Chinabild nichts Stimmiges mehr. Die alten Stadtviertel mit den offenen WC’s für eine oder mehrere Gassen, die Billigwaren-Bazars mit dem sonderbarsten Gewürm und Gekreuch (auch zum lebendig Versspeisen, z.B. kleine Skorpione, Tausendfüßler oder Asseln...) sind Kuriositätenrückstände für den Tourismus und vielleicht noch Verkaufschancen für die Armen. Die Bulldozertage für sie sind in den Städten bereits bestimmt. In fünf Jahren vermutlich wird in den Städten kein Chinese mehr in der Abendsonne seinen Nachttopf zum offenen WC durch die Gasse tragen. Nur auf dem Lande mag es dann noch anders sein. Die Umsiedlung in die Wohnungsagglomerate der Städte wird dann abgeschlossen sein.

Nicht alle Umwandlungen in Europa verliefen friedlich. Das Christentum vernichtete das „Heidentum". Die Fürsten verheerten sich gegenseitig die Bibliotheken, Residenzstädte und Länder. Kulturpogrome und Bücherverbrennungen ziehen sich bis 1933 und in den 68er Ideen darüber hinaus hin. Für China sind uns große Bücherverbrennungen berichtet. Z.B. von 213 v.Ch., unter Kaiser Qin Shi Huangdi, dem Schöpfer der weltberühmten Terrakotta-Armee bei Xi’an. Dann zwischen 842 und 845 n. Ch. (mit der Zerstörung von viertausendsechshundert (4600) großen und vierzigtausend (40.000) kleineren Klöstern und Kultstätten des Buddhismus). Bis 1966 herauf, zum Wüten der Roten Garden. Beinahe gleichzeitig mit der Französischen Revolution fand in China eine sog. Literarische Inquisition (1774-1789) statt, welche nicht nur die Werke vieler Intellektueller und Literaten, sondern gleich auch diese selbst samt Freunden und Verwandten mitvernichtete. Niemand kann sagen, wieviele stille und schleichende Revolutionen China noch braucht und es noch geben wird auf seinem Wege zur führenden Weltmacht. So sehr die arabisch-moslemische Umklammerung Europa gegenwärtig auch zu schaffen macht, niemand kann sagen, wiesehr der arabisch-russisch-sibirische Gürtel auch eine Schutzzone bzw. Trennzone zwischen Ost und West zu werden im Begriffe ist.

Ein Impuls in Richtung privater Effizienz trat den Yangzeteilnehmern zweifellos aus der Reiseorganisation selbst vor Augen. Noch vor wenigen Jahren gab es in Städten wie Shanghai ausschließlich staatliche Reisebüros, und häufig nur eines. Jetzt gibt es in demselben Shanghai daneben etwa fünfundzwanzig weitere und freie Reiseagenturen. Einige Normen aber sind geblieben, so z. B. dürfen ausländische Agenturen nicht selbst Reisen in China organisieren bzw. durchführen. Einmal begonnen, gehen Reformen, wie einst die Revolution, ihre beinahe unaufhaltsamen Wege.

 

China gräbt nach seiner Vergangenheit

 

China empfindet den Verlust durch die Roten Garden schmerzlich. Vor der Kulturrevolution haben aber auch Engländer und Franzosen bereits unvergleichliche und unverzeihliche Verwüstungen angerichtet (z. B. die Plünderung der Verbotenen Stadt, Boxeraufstand...). Heute sucht China in einem Fieber der Ausgrabungen wieder nach seiner kulturellen Identität. Restauriert Residenzen und Tempelanlagen, gräbt in allen Teilen des Reichs nach den Gräbern der alten Dynastien (Ming-Gräber, Grabungen in Xi’an...); forscht nach alter Musik, Literatur, Kunst. Die Pavillons des Literaturgottes werden in mehreren Städten wieder erwähnt und der großen Mäzene von eisnt wird wieder gedacht ( der Brüder Ma oder des Mäzenatenclans Che etwa). Die Acht Exzentriker von Yangzhou finden wieder breite Nachahmung. Auf dem Programm stand der Besuch einer Zeichen- und Malschule in Chengde, mit den unterschiedlichsten Stilrichtungen. Einzelne Anlagen am Yangzi werden vor den Fluten gerettet und stehen ebenso wieder auf den Reiseprogrammen.. Wenn auch Fengdu mit seinem Eingang zur Unterwelt mit ihren achtzehn Leidensebenen und seiner „Nichts-mehr-zu-machen-Brücke" inzwischen im Yangzestaubecken versunken ist. China hat keinen Zugang zur Hölle mehr.

 

Bereits in Sprachfetzen in Shanghai, im Teehauspavillon, mit den Jasminblüten in den Teetassen, kamen auch die ersten ernsten Vorfragen zu den Yangzigesprächen auf: China wird seinen Wohlstand streuen müssen; der Weltmarkt kann nicht einfach von Rohstoffen zugunsten Chinas leergefegt werden; die Preissteigerungen, die Chinas offensive Wirtschaftspolitik bewirken wird; irgendwann werden auch in China die Löhne steigen und der Kapitalzufluss geringer werden; auch andere Länder im ostasiatischen Raum erwachen; die siebenhundert (700) Millionen Bauernbevölkerung in China wird am Kuchen teilhaben wollen; eine 7%ige Exportsteigerung wird so nicht auf ewig aufrecht zu erhalten sein; der Aufkauf von Patenten und Hochtechnologieanlagen auf dem Weltmarkt kann in Zukunft erhebliche Widerstände in den Ankaufländern selbst auslösen; wird China den ausländischen Firmenansiedlungen in nicht allzu ferner Zukunft fünf bis zehnmal größere eigene Produktionsanlagen vor die Nase bauen, sobald sie die Produktionstechnologie beherrschen?; die USA haben in China keinen guten Klang und im Wechselkurs zahlt China für den Euro mehr als für den Dollar. Und Fragen über Fragen. Kein Land ist für immer für alle Krisen stabil und vermag alle gefährdenden Momente vollkommen abzufedern. Japan, wurde in den Gesprächen bemerkt, ist ein Beispiel dafür.

 

In den Yangzegesprächen hat ein Thema kaum Anklang gefunden: der Kommunismus. Die Gründung der kommunistischen Partei in Shanghai 1921 wurde von den Reisebegleitungen nicht einmal erwähnt. Alle Führer und Führerinnen kannten dagegen die vielfältigen Göttertriaden und alle Benennungen Buddhas.

 

Man merkt manches erst langsam und manches erst im Nachhinein im Reich der Mitte. Mit seinen Weltnabeln, wie andere Völker und Kulturen sie auch kennen. Die unterschiedlichen Küchen z.B., Guandong, Sichuan, Shandong usf. wurden nichteinmal von den Frauenteilnehmerinnen entsprechend wahrgenommen. Ähnlich entgehen einem leicht die Feinheiten der Darbietungen in Peking, Shanghai und vermutlich auch anderswo: Eleganz, Rhythmik, Präzision, Symbolik in Wort und Bewegung. Die Zeit der "Roten Frauenkompanien" und „Den Tigerberg mit Strategie erobern" ist vorbei. Es sind heiterere Stücke auf den Programmen („Der Schmetterling" z.B., von Wang Meng, oder artistische Darbietungen von Rang und Genuss).

 

Gold in Klein-Potala

 

Der Titel wiederholt sich. Der Konfuzianismus des Landes ist ein System der Integration. Allerdings auch des Sichausrichtens nach dem Wind der Verhältnisse. Auch davon hat China etwas an sich, und wenn man Kritikern glauben darf, auch etwas von der bisweilen erschreckenden Eindimensionalität des Neokonfuzianismus. Baustile waren über Jahrhunderte gleich geblieben, und Untertöne der Rückkehr zu altehrwürdigen Traditionen scheint es zu geben.

Den Vier Wahrheiten des Buddhismus (Erkenntnis, Entstehung, Aufhebung des Leidens, acht-stufiger Pfad der Leidensüberwindung), stellt Mao 1948-1952 seine vier Reformen gegenüber (Bodenreform, Ehereform, politische Reform, mit Unterstützung Koreas und Widerstand gegen die USA, Gedankenreform, mit Maos Hass gegen die Intellektuellen). Das nachmaoistische China wiederum, setzt dem seine Vier großen Modernisierungen entgegen. Unter dem abgewandelten Laotse-Diktum: Brich Fenster und Türen in die Wände...., durch das Nichts erst (seine Löcher und Öffnungen) wird brauchbar das Haus (Laotse, Vom Nutzen des Nichts).

Klein-Potala strahlt mit seinen Goldkuppeln in der Sonne. Etwas trostlos und verlassen noch. China lächelt. Hat gerade wieder zu lächeln begonnen. Wenn es nicht lächelt, rechnet es. Rechnet ab und ist berechnend. Zur Berechnung gehört, dem Reich der Mitte seine verdiente Zukunft zu geben.

Man sagt China nach, dass es nicht vergisst. Dafür gibt es in den Yangzegesprächen nicht ausreichend Belegmaterialien. Weder seine alten Symbole und die Schriftzeichen seiner langen Einheit, noch seine Geschichte mit ausländischen Mächten, nicht die Nord-Süd-Achse, der entlang seine großen Reiche und Residenzen ausgerichtet waren, und nicht Pingfang, wo die japanische Armee ein Zentrum für bakteriologische Kriegsführung eingerichtet hatte und wo viertausend Gefangene den unmenschlichsten Humanversuchen unterworfen wurden und grausam daran zugrunde gingen (nach Kriegsende hatten die USA den heimgekehrten dreitausend japanischen Ärzten, Angestellten und Forschern Straffreiheit zugesichert, unter der Bedingung, dass ihnen die Ergebnisse der Forschung überlassen wurden) scheint China vergessen zu haben. Wie einst die christlichen Missionare nach der Machtübernahme durch Mao als Ausländer, Spione des Westens oder des Vatikans erbarmungslos verfolgt, gedemütigt und ausgewiesen wurden oder in Gefängnissen endeten als sog. Agenten des Auslands und als Konterrevolutionäre, auch das ist Geschichte der Unvergessenheit.

Das Letzte der Gesprächsgruppe ist die Einsicht, man müsse vielmals den Yangze hinunter fahren und die Gespräche immer neu führen. Europa mit China zu vergleichen, heißt, an unzähligen Punkten beide gegeneinander zu halten, und die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede abzuheben, wie sie in einer Analyse auf unterschiedliche Weise verfügbar werden.

Ich schließe mit einem Gedanken an Zhu Jiang Ling , der uns ein großartiger Begleiter war, ruhig und besonnen, und an die Yangzi-Gesprächsgruppe, die auch mir geholfen hatte, Eindrücke zu ordnen und manches besser zu beachten und zu verstehen. Ich entschuldige mich aber auch dafür, dass manches an Eindrücken, Beobachtungen, Schlussfolgerungen auch ungenau oder zu voreilig sein mag. Was mir trotz, dank, mit und über allem geblieben ist: ein Land mit einem großen Reichtum in meinem Herzen und mit der Macht in mir, über vieles neu nachdenken zu müssen.

Im Bereich des kaiserlichen Mittelpalastes (Zheng Gong) in Chengde findet sich die Bibliothek der Vier Wissen. Die Vier Wissen der Han-Zeit (206 v. Ch. bis 220 n. Ch.) waren: Der Himmel weiß, die Götter wissen, ich weiß und du weißt. Über Himmel und Götter verfügten die Yangzegesprächsteilnehmer nicht. Ihr eigenes Wissen ist aber ein bisschen heller geworden. Und stellt sich einem Dialog über China, dem du-Wissen, offen zur Nachreflexion.

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