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Literarische Hochburg Lana
"Böse Blumen" als Thema der 19. Kulturtage Lana

 

Fest zur literarischen Tradition im Südtiroler Kulturherbst gehört mittlerweile das renommierte Literaturfestival „Kulturtage Lana". Seit 1986 wird die Veranstaltungsreihe vom Verein der Bücherwürmer organisiert, ? hoch seit jeher der Anspruch, aber offen stets für Neues und für alle. Vom 1. bis zum 5. September 2004 fand die 19. Ausgabe statt. Internationale Autorinnen und Autoren waren in Lana zu Gast und stellten ihre Arbeiten vor. Als thematischer Bogen der diesjährigen Ausgabe fungierten die „Bösen Blumen": Angelehnt an das Hauptwerk von Charles Baudelaire „Die Blumen des Bösen" standen naturgemäß die dunklen Seiten des Lebens im Vordergrund, die „bösen" Aspekte menschlicher Existenz. Es ging so um den Versuch einer Ästhetik der Grausamkeit, des Hässlichen, Abgründigen in der Paarung mit dem Schönen oder Alltäglichen, einer Ästhetik des Banalen bis hin zu den daraus resultierenden Wirkungen des Komisch-Absurden auf die Spur zu kommen: Ist das Schöne nur sichtbar im Spiegel des Hässlichen, über die Deformierungen des Alltäglichen? Braucht „das Gute" „das Böse", um als solches erkennbar zu werden und entzündet sich „das Böse" erst am „Guten"? Beantworten oder gar lösen lassen sich naturgemäß solche Fragen weder durch Kunst und Literatur noch durch die Politik. Sie lassen sich höchstens darstellen und als Spielformen des Lebens erfahrbar machen. Darum waren die Kulturtage 2004 bemüht.

 

Neben Vorträgen und Filmvorführungen standen v. a. Autorenbegegnungen auf dem Programm. Urs Allemann aus Basel war einer der Vortragenden. Mit lautstarker, teils deftiger Sprache erkämpfen sich seine Verse und Gedichte ihren Raum, dringen unerbittlich und unüberhörbar ins Bewusstsein der Leser- bzw. Hörerschaft. Der Autor konstituiert gleichsam eine fragmentarische Sprache der Verstörung. Alltag und Erotik werden beschwört und gebrochen, jedoch transformiert durch traditionelle metrische Formen. Die spektakuläre und spannende Vortragsweise von Urs Allemann beeindruckte das Publikum sehr.

Allemann war es auch, der für den kurzfristig erkrankten Frankfurter Autor Paulus Böhmer einsprang und im Rahmen der Kulturtage-Eröffnung Texte aus dessen neuem Buch vortrug. „Fuchsleuchten" heißt der Band, und er setzt das umfassende Werk des Autors fort, ? als langer, wütender Wortstrom, beeindruckende Gedichte, die geprägt sind durch die bittere Hingabe an das Leben mit all seinen Konturen und Facetten.

Zoran Feric aus Kroatien gehört in seiner Heimat zu den wichtigsten Schriftstellern der jüngeren Generation. Der Folio-Verlag (Wien/ Bozen) bemüht sich seit einigen Jahren, seine Werke auch im deutschen Sprachraum bekannt zu machen. Drei Bücher des Autors sind bereits in deutscher Übersetzung erschienen. Im Rahmen der Kulturtage stellte Zoran Feric zusammen mit seinem Übersetzer Klaus Detlef Olof seinen neuesten Roman vor: „Der Tod des Mädchens mit den Schwefelhölzchen". Es ist ein Roman voller Sarkasmus und schwarzem Humor, eine eindringliche Art und Weise, mit Tod und Krieg umzugehen: Mit ungeheurer Kraft und Witz, aber nie pietätlos. Feric fand beim Lananer Publikum große Resonanz.

Der österreichische Philosoph Leonhard Schmeiser trug zum Festivalthema mit einer kuriosen Untersuchung bei: In seinem Vortrag ging er den mysteriösen Entstehungsumstände eines der berühmtesten und rätselhaftesten Bücher der Renaissance – der Hypnerotomachia Poliphili ? nach. Dieses als Liebesromanze aus dem Jahre 1499 äußerst rege rezipierte Buch, so wies Schmeiser nach, sei nicht vom angeführten Autor Francesco Colonna verfasst, sondern eigentlich das Werk dessen Druckers; Literaturwissenschaft in Kriminähe.

Eine weitere „Blume des Bösen" lieferte der Wiener Künstler Hans Schabus. Er präsentierte seinen Film „Western": In einem selbstgebauten Segelboot fährt der Künstler in dem Streifen durch das Labyrinth der Wiener Kanalisation. Wie vor ihm Orson Welles im Film der „Der dritte Mann" verfolgt ihn die Kamera auf seiner Reise durch die dunklen, unergründlichen Gewässer der Wiener Unterwelt. Baudelairsche Ästhetik als Performancekunst.

Den Höhepunkte des diesjährigen Kulturtage-Programms bildete jedoch die szenische Lesung des Stückes „Crave/Gier" von Sarah Kane. Das Ensemble des Vorarlberger Landestheaters Bregenz präsentierte in einer eindringlichen Aufführung im Raiffeisenhaus das beklemmende und gleichzeitig äußerst faszinierende Theaterstück der jung verstorbenen britischen Dramatikerin: Vier Personen, vier innere Monologe, vier Lebensspuren, vier Formen der Sehnsucht, vier Formen des Scheiterns, das ist „Crave". Aus Resten einer Geschichte, Dialogfetzen und aus einem Netz gemeinsamer Erinnerungen formte die Autorin ein dramatisches Gedicht für vier Stimmen von ungeheurer seelischer Tiefe. Die vier Stimmen sind zwar unterteilt und erkennbar, berühren sich aber, und so verschwinden die einzelnen Figuren im beklemmenden Duktus des Stückes. Unter der Leitung von Andreas Hutter sorgten die vier Schauspieler für einen unvergesslichen Theaterabend.

Der Abschlussabend des Festivals war wiederum geprägt von Literatur und Lesungen:

Die Innsbrucker Schriftstellerin Barbara Hundegger stellte ihre Arbeit vor. Sie beschreibt in kühnen Bildern und großen Metaphern sprachgewandt unmittelbare Welterfahrung. Lebens- und Beziehungssituationen werden von ihr in teils behutsamen, teils radikalen Bildern nachgedichtet. Alltag wird so auch politisch.

„Kunst muss die Wirklichkeit zerstören, / so ist es, die Wirklichkeit zerstören statt / sich ihr unterwerfen." Dieses poetische Selbstverständnis liegt den Büchern des Wiener Dichters Werner Kofler zugrunde. Er stellte in Lana sein neuestes Buch „Kalte Herberge" vor: Nüchterne Bestandsaufnahmen, mit bösem Blick protokolliert, wechseln in den Prosatexte sich ab mit persönlichen Momenten, Erinnerungsfetzen, Passagen über Krankheit und Tod, ? stets mit viel Wut als konstituierendem literarischen Element.

Ebenfalls dem Absurden der menschlichen Existenz auf die Spur begab sich die Schweizer Lyrikerin Ilma Rakusa. Sie stellte einen Querschnitt aus ihren letzten Büchern vor, u.a. aus dem Gedichtband „Love after Love", der geprägt ist von Texten rund um Einsamkeit, Trennung und Schmerz.

Als letzter Autor des Reigens las der in London und Moskau lebende Dmitrij Prigow. Zusammen mit seinem Übersetzer Erich Klein stellte er Passagen aus seinem, Buch „Lebt in Moskau!" (Folio-Verlag) vor, ? ein Delirium mit und ohne Alkohol, ein Feuerwerk an schwarzem Humor und Sarkasmus, eine Apotheose Moskaus, deren Surrealismus mehr über die Realität der Stadt und ihrer Bewohner aussagt, als alle realistischen Beschreibungen es je leisten könnten. Der russische Moloch im Spiegel literarischer Reflexion aus dem Untergrund.

 

Die „Kulturtage Lana" sind nach all den Jahren im literarischen Betrieb weit über die Grenzen Südtirols ein Begriff, Lana hat einen guten Namen in der Szene. Die 19. Ausgabe des Festivals hat aufs Neue gezeigt, dass wichtige kulturelle Ereignisse nicht nur in den großen Städten stattfinden müssen, sondern dass auch abseits der Metropolen eine nachhaltige Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Literatur und Kultur einen gewichtigen Stellenwert einnimmt, ja, hier vielleicht auf größere Rezeption zu stoßen vermag.

  

 

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