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Marat Abrarov

 

Petersburgs Eremitage

 

Ich muss gestehen, ich hatte mich gleich verliebt in diese Stadt, kaum dass ich den Zug verlassen und den Boden des "Vitebsker Bahnhofs" betreten hatte: Sankt Petersburg. Zweifellos ist die zweitgrösste russische Stadt eine der schönsten überhaupt. Ich übertreibe? Nun, zumindest stehe ich nicht allein mit dieser Meinung, André Gide und manch andere sagen dasselbe. Ja, welch andere Stadt hat noch eine solche Atmosphäre? Ist sie nicht ein Kunstwerk? Nein, nicht nur ein Kunstwerk, sondern auch ein Märchen, ein Traum und zuweilen sicherlich auch ein Alptraum.

Eines der interessantesten Gebäude hier, das ebenso wie die Stadt auf Peter den Grossen zurückgeht (direkt am Ufer der Newa gelegen), ist zugleich mit das bedeutendste Museum der Welt: die Eremitage. Noch am ersten Tag meiner Ankunft führte mich Nikolaj, ach, wie sehr bat ich ihn darum! dorthin. Wir spazierten den Newskij-Prospekt mit seinen zahlreichen Brücken und Palästen hinab, überquerten die Kanäle, dann rechts hinein in eine Seitenstrasse, der gegenüber das Telegrafenamt steht, und durch den Torbogen des Generalstabsgebäudes, der einen glauben machen kann, in eine andere Zeit, in eine andere Welt einzutreten - da stehen wir dann: vor uns der weite Schlossplatz mit der Alexandersäule, die, riesig, siebenundvierzig Meter in die Höhe ragt, darüber die Kulisse eines hellblauen Himmels mit Cumulus-Wolken, die das nahe Meer verraten. Und dann dieses eindrucksvolle, zartgrüne, aus fünf Komlexen bestehende Gebäude: der Winterpalast der Zaren. In mehr als 400 Räumen des Palastes von Rastrelli (1754-62), der Kleinen Eremitage mit den zwei Galerien und der Orangerie von Vallin de la Mothe, der monumentalen Alten Eremitage von Velthen (1787), des Palasttheaters von Quarenghi (1794) und der Neuen Eremitage von Leo von Klenze (1842), dem Erbauer der Münchener Pinakothek, dokumentieren mehr als zweieinhalb Millionen Ausstellungsstücke Kunst und Kultur nahezu aller Völker und Epochen! Nirgends sonst läßt sich die Geschichte der westeuropäischen Malerei besser studieren als hier, wo knapp 16.000 Gemälde eben diese Geschichte erzählen, nirgends vergisst man leichter die Zeit. Dabei fing das alles im Jahr 1764 vergleichsweise klein an, als Katharina die Grosse für den gerade bezugsfertigen Winterpalast die ersten 225 Gemälde eines Berliner Kaufmanns erwarb, die meisten davon flämische und holländische Bilder, Frans Hals' "Bildnis eines jungen Mannes" war darunter sowie Jan Steens "Die Zecher".

Jetzt, da Nikolaj mich hineinführte, wurde mir bewusst, schlagartig, dass aber auch die Gebäude selbst des Besuchs lohnen, stellen sie doch ein wahres Architekturdenkmal dar, dessen Inneres durchaus etwas ahnen lässt von Geist und Pracht vergangener Zeiten, und als ich so durch die Gänge wandelte (die bis 1865 übrigens nur in Paradeuniform oder Frack betreten werden durften), die imposante Treppe zu den Gemäldeausstellungen erklomm, da fühlte ich, was man nur selten und nur wenige Augenblicke in einem Leben fühlt. Nikolaj kannte sich aus, und das war gut so, denn bald merkte ich, wie riesig dieser Palast ist. Nikolaj und ich reihten uns also ein in den Strom der mehr als drei Millionen Besucher, die Jahr für Jahr hierherkommen, und doch muss ich sagen, dass man sich nicht im geringsten beengt fühlt und kaum der zahlreichen anderen Gäste gewahr wird, so gross sind die Säle, so weit die Gänge. Wie kamen diese ganzen Bilder bloss hierher? Diese Frage beschäftigte mich, und Kolja wusste mir Interessantes dazu zu berichten. Nachdem Katharina II., um darauf zurückzukommen, mit den ersten Bildern aus Berlin begonnen hatte, wuchs die Sammlung nicht zuletzt durch Russlands Botschafter im Ausland rasch an. Einer von ihnen, Fürst Golyzin, erwarb beispielsweise 1766 Rembrandts "Heimkehr des Verlorenen Sohnes", 1768 und 69 erstand man von Graf Karl von Cobenzl in Brüssel und Graf Heinrich von Brühl in Dresden weitere Sammlungen wertvoller Bilder und Zeichnungen, worunter sich Rubens' "Perseus und Andromeda" und Rembrandts "Bildnis eines alten Mannes in Rot" befanden; Musin-Puschkin kaufte in London Van Dyck, Rubens und Snyder, wobei zur vollständigen Würdigung dessen noch angemerkt werden muss, dass den meisten dieser Namen damals noch lange nicht der Klang zukam, der ihnen heute anhaftet. Als ein besonderes Glück müssen wir es deshalb begreifen, dass man auch diese damals wenig bekannten oder zeitgenössischen Künstler der Nachwelt erhielt, ja, diesen teils sogar Aufträge für die Eremitage gab: Chardins "Die Attribut!

e der Kunst" verdankt diesem Umstand ebenso seine Existenz wie verschiedene Bilder Reynolds und anderer englischer Maler. So wuchs also mit der Zeit die Sammlung bis zu wie gesagt 16.000 Gemälden und sage und schreibe annähernd einer halben Million Zeichnungen und Stichen an. Wie sehr u.a. die Gemäldesammlung sich vergrösserte, wie rasch, mögen an dieser Stelle einige Zahlen verdeutlichen: war sie seit ihrem Bestehen bis zum Jahre 1774 auf 2800 Werke angewachsen, so zählte sie wenige Jahre später schon das Zehnfache!

Und dann steht man da, in Bann genommen: hier die Farben, die mal hauchdünn, mal fingerdick aufgetragen sind, dort die Pinselstriche, die von Caspar David Friedrich, von Renoir, von Caravaggio, von Rubens stammen. Die Zeit, ja, alle Zeit um mich herum war verschwunden. Zuerst schritten wir die Säle mit den vielen Plastiken, Möbeln, Bildern französischer Kunst aus dem 15. Jahrhundert bis zu unserem Jahrhundert hindurch, Poussins Klassizismus, Lorrains Landschaften, Silber, Porzellan, Gobelins, Kandelaber, und über alles ist man umso mehr erstaunt, wenn man es vorher auf Photographien gesehen hat: jetzt, in natura, sieht alles doch viel eindrucksvoller aus, und die Vorstellungen, die man sich von gewissen Bildern und Gegenständen gemacht hat, erfahren ganz neue Ansätze.

Nikolaj führte mich in die 2. Etage, wo die Impressionisten ausgestellt sind, wenige Säle weiter dann die holländischen Meister, neben den bereits Erwähnten auch Vermeer, van Eyck, Roger von der Weyden, Bouts, Terborch und de Hooch, um nur einige zu nennen. Endlich stand ich vor den Werken von Lucas Cranach und anderen deutschen Malern: wie gern hätte ich ihnen allen beim Arbeitenn an diesen Bildern über die Schulter geschaut.

Nikolaj führte mich weiter, ihm nach ging ich, vorbei an den granitenen Säulen, über Treppen aus Carrara-Marmor, über die sich eine weite, vergoldete Decke mit Stuckmustern aus Alabaster streckte und Gasparo Tizianis Deckenfresko "Götter auf dem Olymp". Ohne Frage, der Palast allein ist schon des Besuchs wert, Geschichte wird lebendig: durch den Malachitsaal Alex Brüllows von 1838/39 mit den grünen Säulen, dem Kamin, den vergoldeten Spiegeln und Türen und Decken, dem Parkettboden aus neun verschiedenen Holzarten ging es zum Kleinen Speisesaal: hier, am 26. Oktober 1917, wurde um zwei Uhr nachts und zehn Minuten Kerenskijs provisorische Regierung verhaftet, nachdem der Palast von Soldaten und Matrosen gestürmt worden war - Russlands Schicksal und das der ganzen Welt war besiegelt. Weiter ging es durch den Thronsaal, die Wappenhalle, die Galerie des Vaterländischen Krieges von 1812, in der 332 Portraits russischer Generale hängen, an der Stirnwand daselbst das dem berühmten Napoleon-Portrait verblüffend ähnelnde Bildnis Alexanders I. von Franz Krüger.

Da seit 1802 auch russische Maler wie Lossenko, Schebujew, Wenezianow ausgestellt wurden, bildete dieses Museum in doppelter Hinsicht ein bedeutendes Forum für die russische Kultur: zum einen hatten russische Künstler hier die Möglichkeit, Werke der Vergangenheit und des Auslands in eigenem Augenschein zu studieren, zum anderen die Chance, vielleicht irgendwann einmal selbst hier ausgestellt zu werden. Wie gross die Wirkung dieser Eremitage auf die russische Kunst und russische Künstler war, zeigen zahlreiche Gedichte Puschkins: wie oft erwähnt er Bilder, die er hier sah!

Wir müssen gehen! meinte plötzlich Nikolaj zu mir. Tatsächlich, war es denn nicht früher Morgen gewesen, als wir eingetreten waren? Und doch, die Sonne stand schon tief über den Dächern, das Museum schloss. Erst jetzt bemerkte ich, wie hungrig ich war, erst jetzt fiel mir die hübsche Milizionärin auf, die am Ende des Saales patroullierte und ab und zu einen Blick auf uns warf. Was für schöne Augen! Nikolaj bemerkte wohl meine Enttäuschung, und er meinte sofort: Wir kommen morgen wieder hierher. Und das taten wir dann auch. So fahren wir also mit der Metro zur Station Gostinij Dwor, von wo wir dann zu Fuss weitergehen. Diesmal führt mich mein Begleiter von der anderen Seite zur Eremitage, indem er einen kleinen Umweg macht, vorbei am Admiralitätsgebäude mit der goldenen Turmspitze: vor uns die Brücke zum Universitätsufer und dem Marinemuseum, zur Rechten die beiden Leuchttürme, drüben, etwas weiter entfernt, die klobigen Mauern der Peter-und-Paul-Festung, vor der sich die Schönheit des Winterpalastes, ja der ganzen Uferpromenade und all der klassizistischen Fassaden prächtig abhebt. Wie wäre es heute mit Renaissance und Antike? Wir betreten einen Saal, an dessen einem Ende eine etwa 50 Zentimeter hohe Statuette auf einem Tisch stand, der Tisch von einem Seil umspannt, um den Betrachter auf Distanz zu halten. Gleich war ich von der kleinen Statue fasziniert, schritt näher, las: Michelangelo. Wie mein Herz raste! Dieser "Hockende Knabe", der ursprünglich für das Grabmal der Medici bestimmt gewesen war, ist, so erfuhr ich später, der einzige Michelangelo in ganz Russland. Ich muss gestehen, ich konnte nicht anders, obgleich es freilich verboten ist und in jedem Saal Babuschkas sitzen, die sich ihre magere Rente aufbessern, indem sie auf die Ausstellungsstücke achtgeben: ich berührte das Marmorbildnis, das einst aus den Händen des grossen Italieners entstanden ist. Nicht anfassen! flüsterte Kolja aufgeregt. Und da geschah auch prompt das nächste: die schöne Milizionärin, die ich schon lange heimlich gesucht !

hatte, nein, sie ist natürlich nicht mehr hier, wollte ich schon denken, stand plötzlich in der Tür. Ach, wie gerne wäre ich von ihr verhaftet worden! Sie geht an uns vorbei durch den Saal, ich blickte ihr nach, ich könnte wetten, sie wusste es. So grau der Uniformrock war, so schön waren ihre Beine darin. Nikolaj grinste. Noch lange sah ich mir den "Hockenden Knaben" an, bis schliesslich Nikolaj weiter drängte - die Eremitage hält noch etliche andere Renaissancekünstler bereit: da sind Berninis Skulpturen, Leonardo da Vincis Madonnen (eine davon wurde erst dieses Jahrhundert als ein Werk da Vincis identifiziert), Francesco Melzis "Frauenbildnis", die "Madonna" Raffaels (ein Frühwerk von ihm) und Fra Beato Angelicos Fresko, das eines der letzten Erwerbungen des Eremitage im Ausland ist.

Dann waren wir in der Antike. Braucht es noch erwähnt zu werden, dass die Antiken-Sammlung der Eremitage ebenso reichhaltig und voller Kostbarkeiten ist wie alles übrige auch, wovon ich bereits berichtete? Sie ist mit mehr als 300.000 Ausstellungsobjekten die reichste Sammlung in Russland; schon Peter I. hatte damit angefangen; 1720 erwarb er die "Taurische Venus", das erste antike Kunstwerk, welches nach Russland kam, und ab 1863, als zum hundertjährigen Bestehen des Museums der Archäologe Gedeanow Direktor desselben wurde, wuchs die Sammlung schnell an. Eine Kollektion aus Campana machte den Anfang, nach und nach kamen etruskische Kunstwerke und Ausgrabungsstücke vom Schwarzen Meer dazu. Ich staunte nicht schlecht, als ich vor den zahlreichen altgriechischen Vasen aus dem 9. bis 3. Jahrhundert stand, die vor allem auf die griechischen Handelsbeziehungen mit der Krim zurückgehen.

Besonders beeindruckend - fast wie der Michelangelo eben (und natürlich auch das andere Erlebnis) - waren dann für mich die römischen Kopien von Skulpturen Praxiteles' (sein "Ruhender Satyr"), von Phidias, Lysippos, das Standbild Oktavians, Cäsars, Terrakotten, Tanagrafiguren, wunderschöne geschnittene Steine, Kaneen... es ist fast unglaublich, was Menschen zustande bringen können. Doch damit nicht genug weiss die Eremitage einen zeitlich noch weit mehr zurückzuversetzen, man betrete nur die 1920 eingerichtete Abteilung für die Kunst des Orients. Wer könnte je diese monumentale Granitstatue des Pharao Amenemhets III. vergessen? Wer die hinter Glas ausgestellten Papyri, uralte und einmalige Literaturdenkmäler? Eines davon berichtet von einem Schiffbrüchigen, der auf eine von einem Drachen bewohnten Insel gelangt. Soll ich fortfahren? Da die reichhaltige Sammlung skythischer Kunst, vor allem prächtiger Schmuck, dort der älteste iranische Teppich der Welt, dessen Gewebe sich durch den Frostboden, in dem er gefunden wurde, gut erhalten hat. Dennoch, das sei hier bemerkt, darf nicht vergessen werden, wie wichtig Pflege und Wiederherstellung von Kunstgegenständen ist - woran die Eremitage mit ihren zahlreichen spezialisierten Laboratorien grossen Anteil hat.

Ich war erschöpft. Nikolaj ebenso. Wir hatten uns draussen in einer der vielen Treppenhallen auf einer Bank niedergelassen. Da, da war sie wieder! Sie kam aus einem der angrenzenden Räume und ging, die ausgehängten Bilder betrachtend, den Flur entlang. Wie ich sie um ihre Arbeit beneidete!

Wenn ich nun beim Schreiben an all das zurückdenke, wird es mir gleich zur Gewissheit: diese Stadt und dieser Palast haben mich in ihren Bann genommen. Wo sonst sind Geschichte und Kunst so lebendig wie hier? Wo sonst werden wie hier ganze Romane lebendig, werden sie zur Realität wie hier? Ist das nicht die Strasse, in der Raskolnikow beschloss, ein Mörder zu werden? Ja, hier in St.Petersburg gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Fiktion und Wirklichkeit, Traum und Realität, Geschichte und Gegenwart, Schönheit und Hässlichkeit: hier, in dieser Stadt, ist alles eins.

 

Marat Abrarov

 

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