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Bernhard Nußbaumer

Interview FOLIO Verlag

Vor der Verlagsgründung im Jahr 1994 leiteten Sie Folio als „Buchbüro“. Was muss man sich darunter vorstellen?

 

Das Buchbüro, das wir auch heute noch betreiben, ist der Dienstleistungszweig von Folio. Dabei werden im Auftrag Dritter Bücher und Drucksorten hergestellt, die jedoch nicht in den Buchhandelsvertrieb kommen.

 

Warum haben Sie sich dann entschieden, einen Verlag zu gründen? Welchen Anspruch hatten Sie?

 

Viele Auftraggeber, die unsere Buchherstellungs- und Lektoratsdienstleistung in Anspruch genommen haben, wollten ihre Bücher oder Broschüren auch im Buchhandel vertreten sehen. Darum war es für die Auftragsakquisition notwendig, auch einen Vertrieb anzubieten.

Den haben wir dann sowohl für den regionalen Südtiroler Markt, aber auch für den gesamten deutschsprachigen Buchhandel organisiert.

Das war der äußere Anstoß der Verlagsgründung. Der innere, gewissermaßen latent vorhandene, war der Wille, jene Bücher zu machen und unter die Leute zu bringen, von denen wir selbst überzeugt waren, dass es sie braucht. Dazu zählten von Beginn an anspruchsvolle, engagierte Sachbücher und gute Literatur. Das heißt, wir haben Folio von Beginn an als Kulturverlag gegründet, der sein Engagement über das System der Mischkalkulation absichert: Auftragsbücher und gut verkäufliche populäre Titel stützen ein unabhängiges, an inhaltlichen Qualitätskriterien orientiertes Programmsegment.

 

 

Der Einstieg ins Verlagsgeschäft hat sicher auch ein bestimmtes Risiko mit sich gebracht. Wie sehen Sie heute diese Gründerphase?

 

Retrospektiv besehen, war diese Gründerphase von einer veritablen Naivität in wirtschaftlichen Dingen geprägt: Wir haben uns ja nicht nur im literarischen Segment in einen umkämpften und zunehmend geschwächten deutschsprachigen Markt hineinbegeben, sondern selbst im vermeintlich sicheren Segment der Auftragsbücher und Regionalia in einem mit Athesia, Tappeiner und Raetia bereits stark besetzten Umfeld begonnen. Man muss freilich dazusagen, dass der Südtiroler im Verhältnis zu vergleichbaren regionalen Einzugsbereichen wirtschaftlich unverhältnismäßig gefestigter dasteht und dass dies auch dem Buchmarkt und allem, was damit zusammenhängt, weit mehr Spielraum lässt. Zudem gibt es in Südtirol eine vorbildlich ausgebaute Bibliothekslandschaft und engagierte Institutionen im Bereich der Leseförderung und damit einen höheren Stellenwert des Lesens und des Buchs an sich.

 

 

Und wie beurteilen Sie die Entwicklung des „Marktes“ nach zehn Jahren im Geschäft? Ist Bücherproduktion heute rentabel?  (evtl. welche Segmente)

 

Der Buchhandel und das Verlagswesen sind ein ständiges Risikogeschäft, zumal der Wettbewerbsdruck des Buchhandels in den letzten Jahren enorm gestiegen ist. Vor allem im belletristischen Bereich ist die Titelanzahl, die jährlich auf den Markt kommt, hoch. Im kulturellen Bereich ist deshalb auch das größte Risiko zu suchen.

Die Bücher im Sachbuchbereich müssen vor Produktionsbeginn präzis kalkuliert und der Absatzmarkt erforscht werden, dann haben sie bei kleinen Verlagen ein größeres Potenzial als die literarischen Titel.

 

Können Sie uns kurz Ihr Verlagskonzept erläutern (Programmschwerpunkte)?

 

Folio hat im Großen und Ganzen drei Programmsegmente:

Zum einen die Regionalia-Schiene mit Sachbüchern und Reiseführern. In diesem Segment haben wir uns vor allem als Partner der Südtiroler Museen positioniert. Wir haben bisher beispielsweise sämtliche vom Südtiroler Archäologiemuseum autorisierte Publikationen über Ötzi produziert, und zwar die gesamte Bandbreite: ein Jugendsachbuch, Unterrichtsmaterialien, Kurzführer durch das Museum, einen Bildband und wissenschaftliche Dokumentationen. Aber auch für andere Landesmuseen (Volkskundemuseum, Naturmuseum, Touriseum) haben wir Unterrichtsmaterialien und Bücher produziert. Die Jugendsachbücher von Gudrun Sulzenbacher („Die Gletschermumie“ und „Altes Handwerk“) haben dabei vor allem auch überregional gepunktet und wichtige Auszeichnungen erhalten.
Einen guten Namen im deutschsprachigen Ausland haben wir uns weiters mit unseren Südtirol-Reiseführers gemacht – vor allem mit jenen von Oswald Stimpfl. Alles Bücher im Übrigen, die auch von der einheimischen Bevölkerung gut angenommen wurden und die immer auch versuchen, einen kulturellen Anspruch zu verteidigen, indem sie neben den traditionellen Stärken Südtirols – seiner Landschaft und Gastronomie – die kulturellen Sehenswürdigkeiten (Museen, kunsthistorische Schätze usw.) beschreiben.

 

Das zweite Segment beinhaltet Kunst- und Künstlerbücher. Hier arbeitet Folio in erster Linie mit Kunstinstitutionen zusammen, mit Museen und Galerien, deren Ausstellungen mit Katalogen begleitet und dokumentiert werden. So haben wir mit der Kunsthalle Wien, dem Museion Bozen, dem OK – Centrum für Gegenwartskunst Linz, der Galerie Hauser und Wirth in Zürich und natürlich sehr viel mit Künstlern selbst gearbeitet. In Südtirol haben wir gemeinsam mit vielen Künstlern der mittleren Generation mit Erfolg Bücher gemacht, Namen wie Gotthard Bonell, Arnold Dall’O, Jörg Hofer, Siegfried Höllrigl, Brigitte Mahlknecht, Manfred Mayr, Carmen Müller, Josef Rainer, Paul Thuile, mit dem Verein Gokart usw. Dabei hat die Kunstkuratorin Marion Piffer Damiani stets eine wichtige Rolle in der Vermittlung eingenommen. Bereits seit den Anfängen haben wir natürlich mit österreichischen und internationalen Künstlern auch zusammengearbeitet, etwa Lawrence Weiner, Die Damen, Johanes Zechner u. a.

 

Ein Hauptaugenmerk legen wir natürlich auf unser literarisches Programm, das dritte Segment bei Folio, das uns im deutschen Sprachraum ein gewisses Standing ermöglicht. Seit Beginn unserer Tätigkeit, gewissermaßen zur Platzierung der Verlages selbst in den Medien, im Buchhandel und bei den Lesern, haben wir das belletristische Programm aus verschiedenen vorwiegend europäischen Kulturen zusammengesetzt, d. h. wir haben etwa Bücher von Pier Paolo Pasolini übersetzt, auch von Michael Hamburger oder Norman Lewis aus dem Englischen, aus dem Französischen den Algerier Tahar Djaout.
Mit dem Balkankrieg wollten wir als Südtiroler und Wiener Verlag den Stimmen Platz einräumen, die sich gegen einen mordenden, dummen Nationalismus erhoben, so haben wir den jungen brillanten Erzähler Miljenko Jergović aus Sarajevo für den deutschen Buchmarkt entdeckt. Seine Kolumnen in kroatischen Zeitschriften hatten durch die euphorischen Rezensionen in der Zeit, in der FAZ, in der NZZ auch in seiner Heimat mehr Gewicht, dasselbe galt für Zoran Ferić aus Zagreb oder den Kulturphilosophen Ivan Lovrenović aus Bosnien. Ivan Lovrenović hat die bislang einzige ins Deutsche übersetzte Kulturgeschichte Bosnien-Herzegowinas verfasst.
Sukzessive sind wir weiter nach Osten gewandert und konnten mit dem Roman „Lebt in Moskau!“ von Dmitri Prigow zum Frankfurter-Buchmessen-Schwerpunkt Russland 2003 einen ziemlichen Medienerfolg landen.
Letzthin haben wir uns wieder auf die italienische und mitteleuropäische Literatur besonnen (Anonimo Triestino, den Sizilianer Vincenzo Consolo) und auf das Nächstliegende, die Südtiroler und österreichische Literatur. Uns freuen die Publikumserfolge der Bücher von Luis Stefan Stecher, Wolfgang Sebastian Baur, nicht zuletzt der Neuauflage von Anita Pichlers Debüterzählung „Haga Zussa“ und des Romanerstlings von Maria E. Brunner „Berge Meere Menschen“, der große Beachtung im deutschsprachigen Raum findet.
Stete Begleiterin seit 10 Jahren ist Eva Rossmann, anfänglich als wirbelnde Sachbuchautorin, mittlerweile seit fünf Jahren als sehr erfolgreiche Krimiautorin. Die Hauptperson des Krimis, die Journalistin Mira Valensky, ist bereits ein Markenzeichen in der Krimiliteratur.

 

 

Welche Erscheinungen sind Ihnen persönlich am wichtigsten? Hinter welchen Produktionen steht die „Leitlinie“ des Verlags, jenseits finanzieller Überlegungen?

 

Ein Leitbild jenseits wirtschaftlicher Überlegungen zu entwickeln hätte etwas Schizophrenes: Es mag sein, dass die literarisch-essayistische Reihe „Transfer“ in gewisser Weise das Herzstück unserer Verlagstätigkeit darstellt und gleichzeitig nicht eben unsere Cashcow ist, andererseits gilt nicht der Umkehrschluss, wonach wir nicht zum Inhalt gut verkäuflicher Titel stehen würden.

Der Verlag versucht mit jedem der drei Programmschwerpunkte ein eigenes Profil, aber auch ein eigenes Finanzierungsmodell zu entwickeln.

Es gilt, was Claus Gatterer gesagt hat, gute Qualität in allen Bereichen sollte jede Bauernstube erreichen.

 

 

Mit den Standorten Wien und Bozen hat Folio ein internationales und ein lokales Standbein. Was sind die logistischen Überlegungen dahinter?

 

Logistische Überlegungen weniger, als vielmehr Tatsachen zur Anbindung an verschiedene kulturelle Hintergründe.

In Bozen wird zum einen ein Großteil der Herstellung abgewickelt und das Folio-S-Programm (das Regionalprogramm) entwickelt, produziert und vermarktet.

In Wien, bedingt durch die Größe der Stadt, gibt es ein artikuliertes literarisches Leben (das zum deutschen Markt trotzdem immer noch sehr peripher liegt); dort wird das literarische Programm zumindest angedacht. Von Wien aus wird der Vertrieb und die Pressearbeit für Österreich, Schweiz und Deutschland organisiert. Von Wien aus wird auch der österreichische Kunstbuchmarkt beobachtet.

 

 

In Südtirol sind in den letzten Jahren hintereinander mehrere mittlere und kleinere Verlage in Erscheinung getreten. Wie sehen Sie diese Entwicklung im internationalen /regionalen Vergleich und was bedeutet es für Sie als Geschäftsmann?

 

Jeder der – gemessen am internationalen Buchmarkt – sehr kleinen Verlage in Südtirol versucht sich ein eigenständiges Profil zu geben. Sicher gibt es Überschneidungs- und Konkurrenzfelder, wichtig scheint es uns, dass die Programme gut artikuliert und gut vorbereitet in den Buchhandel kommen.

Unterm Strich zählt in der Bewertung eines Verlags zunächst einmal seine Fähigkeit zur Kontinuität, und zwar im Sinne einer relevanten Anzahl von Neuerscheinungen pro Jahr, aber auch im Sinne der Kraft über mehrere Jahre hinweg ein Programm zu machen. Das war und ist nicht immer bei allen der Fall. Aber erst diese Kontinuität (gepaart mit den branchenüblichen Instrumenten: mindestens zweimal jährlich erscheinende Verlagsvorschau, Buchmessenpräsenz usw.) erlaubt es, einen über den lokalen Markt hinausreichenden Vertrieb (mit Auslieferungen, Verlagsvertretern usw.) aufrecht zu erhalten. Und erst diese Kontinuität rückt einen in die Wahrnehmung der Buchhändler: Natürlich lassen sich mit einem populären Titel im Bauchladensystem, bei dem der „Verleger“ oder Selbstverleger die Buchhandlungen besucht, veritable Verkaufserfolge erzielen. Damit lässt sich aber noch keine Verlagsstruktur mit Mitarbeitern finanzieren.

 

 

Wie würden Sie überhaupt Südtirol als Buchmarkt/Absatzmarkt einschätzen – was lässt sich gut vermarkten und was gilt hierzulande als „Bestseller“?

 

Südtirol ist – allgemein gesprochen – mit Sicherheit ein überdurchschnittlich guter Absatzmarkt für Bücher. Das hat mit der touristischen Bedeutung des Landes zu tun: Dementsprechend lassen sich Bücher über Südtirol (Reiseführer, Bildbände, Kochbücher usw.) am leichtesten vermarkten. Als Markt für anspruchsvolle Literatur ist Südtirol dagegen vergleichbar mit anderen ähnlich strukturierten Regionen, wenngleich die erwähnte gute Ausstattung mit Bibliotheken und die zahlreichen Initiativen zur Leseförderung – und nicht zuletzt der Wohlstand – nicht jene kulturelle Ödnis entstehen haben lassen, wie sie mitunter in der bundesdeutschen Provinz herrscht.

 

Was zählt zu den „größten Erfolgen“ in der Verlagsgeschichte?

 

Die größten Erfolge im Regionalprogramm – imagemäßig und wirtschaftlich – waren die Bildsachbücher von Gudrun Sulzenbacher: Sie hat beispielsweise für „Die Gletschermumie“ den österreichischen Kinder- und Jugendsachbuchpreis erhalten und war (im Übrigen auch mit „Altes Handwerk und ländliches Leben“) auf der „Liste der besten 7 Bücher für junge Leser“ von Deutschlandradio und Focus. In Südtirol haben wir mit den doch letztlich „staatstragenden“ Büchern über Ötzi bewiesen, ein seriöser Verlag zu sein, der verlässlich an einem anspruchsvollen Programm arbeitet und die größte und nachhaltigste Außenorientierung aller Südtiroler Verlage besitzt. Damit sind wir im Ausland durchaus ein Werbeträger für dieses Land.

Und die Bücher der Erfolgsautorin Eva Rossmann, die kontinuierlich, Jahr für Jahr, einen ziemlich gut verkaufbaren Krimi schreibt.

 

Mit welchem Gefühl/Anspruch sehen/gehen Sie in die Zukunft?

 

Es gibt in diesem Geschäft ein ständiges Auf und Ab. Verlegen in unserer Liga – also ohne Einbettung in einen Konzernverlag – bedeutet immer ein Lavieren zwischen finanziellem Abgrund und Erfolgen. Wir glauben daran, dass sich unter Verteidigung eines ökonomisch vertretbaren Qualitätsstandards und unter konsequenter Ausnützung sich eröffnender Nischen das Geschäft betreiben lässt.

Aber die öffentliche Hand soll in punkto Kultur nicht ihrer Verantwortung entlassen werden, und zum Glück gibt es öffentliche Förderungen, was das literarische Programm anbelangt. In Österreich etwa gibt es eine wohl durchdachte Verlagsförderung mit festgelegten Definitionen und Standards, die auf die Präsenz österreichischer Verlage und Kultur auf dem gesamten deutschsprachigen Markt abzielen. Aber auch in Südtirol wird dem Rechnung getragen, dass Privatverlage zwar Wirtschaftsbetriebe sind, aber Kulturarbeit leisten – vergleichbar mit der Kulturarbeit von Theatern oder Konzerthäusern.

Was die Reichweiten nach verkauften Stücken anbelangt, liegt unser Verlag gemessen an anderen Südtiroler Kulturinstitutionen sicher im Spitzenfeld.

 

 

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