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Bruno Klammer

Die Erschließung der  historischen Buchbestände des Landes
Ein Projekt der Stiftung Südtiroler  Sparkasse

  

             Als ich vor Jahren  für die k.e.  den Beitrag „Monasterium sine libris.“ schrieb, stand das Erschließungsprojekt  für die historischen Buchbestände des Landes  noch weit am Anfang und bezog sich erst auf einige wenige Bibliotheken. Die Einschätzung offizieller Stellen war nicht feindselig, aber zurückhaltend.  Mittlerweile gilt das Projekt zur Erschließung  der historischen Buchbestände und Bibliotheken des Landes (EHB)  als das größte Kulturprojekt  in privatrechtlicher Sponsor- und Trägerschaft ohne Beiträge der öffentlichen Hand.  1997 gegründet von der Stiftung Südtiroler Sparkasse, unter deren damaligem Präsidenten Sen. Dr. Hans Rubner, geht es mit Jahreswechsel zu 2005 ins achte Jahr seiner Tätigkeit. Unter ihrem neuen Präsidenten, Honorarkonsul Dr. Gerhard Brandstätter wurde das Projekt  von der Stiftung Südtiroler Sparkasse  weiterhin in das Förderprogramm der nächsten Jahre aufgenommen.  Mit dem Aufbau und der Leitung des Projekts war von Anfang an P. Bruno Klammer betraut worden.

 

Die Ausgangslage des Projekts

            In Klöstern, alten Pfarransitzen, im Besitz adeliger Familien, bei Sammlern, in Museen lagern seit Jahrhunderten Buchbestände in erheblichem Ausmaße. Zumeist  ungenützt und seit vielen Jahrzehnten verschlossen. Seit  den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts sind diese Bestände in Bewegung geraten. Klöster wurden aufgelassen, die bibliothekarische Betreuung war mehr und mehr weggefallen, viele Pfarransitze wurden umgebaut und in der Folge zusammengelegt.  Sammler brachen in die kirchlichen und privaten Bestände ein, und so wurde veräußert, ausgelagert, entsorgt.

            Für+ das Projekt lagen zunächst, außer einer grundsätzlichen Sponsorbereitschaft der Stiftung und einer verschwiegenen Zielstrebigkeit im Aufbau, keine günstigen Voraussetzungen vor. Aus einem sehr einfachen und kostenniedrigen Projekt ging es darum, ein  solides Wissenschaftsprojekt aufzubauen, mit den Schwerpunkten:  dem erfolgreichen Urkundenprojekt des Südtiroler Landesarchivs ein äquivalentes Buchprojekt an die Seite zu stellen; den Verlust der Bestände zu stoppen; die reiche, aber verschlossene Bibliothekslandschaft der Öffentlichkeit und der Forschung zugänglich zu machen.

 

Der Befund

            Ein erster Durchgang durch fast alle 280 Pfarreien, durch die Klöster und viele private  Buchträgerschaften ergab ein erstaunliches Bild: Südtirol besaß einst eine Buch- und Bildungslandschaft, die einzigartig war. Und die zweite überraschende Einsicht war: Die Urkundenbestände des Landes hatten sich, von Ausnahmen abgesehen, als Archivbestände weit besser erhalten als viele Bibliotheksbestände. Die Mentalitätsgeschichte des Landes, auch das ergab sich immer deutlicher, das, womit die Bevölkerung des Landes in Jahreskreis, Brauchtum, rechtlichem und sittlichem Verhalten, in ihren Anschauungen und in ihrem gesamten sozialen und geistigen Beziehungsfeld geprägt wurde, eben die Mentalitäts- und Verhaltensgeschichte des Landes, lag in den Buchbeständen weit mehr als in der Urkundendokumentation. Es sei denn, Bücher werden als das betrachtet, was sie eigentlich sind, eine ausgeweitete und umfassende Bestandsdokumentation in diachroner und synchroner Geschichte.

 

Das Austauschnetz der Buchsammlungen

            Ein beachtlicher Teil dessen, was die einstige Buch- und Bibliotheksgeographie des Landes gesammelt, aufgebaut und hervorgebracht hat, liegt außer Landes. Erst wenn auch diese Bestände erschlossen und katalogisiert sein werden, kann sich die Aussage bestätigen: Die einstigen Diözesangebiete  Brixen und Trient, mit Einschluss des Churer Anteils auf Tiroler Boden, besaßen ein Austauschnetz von hoher kultureller Dichte und von außerordentlicher Prägkraft.  Dieser Mentalitätsbestand mag aus vielen Quellen  und Ursachen zusammengeflossen sein: eine Serie von hoch aufgeschlossenen, bildungsorientierten Bischöfen längst vor dem Konzil von Trient; an Reform und Gegenreformation beteiligte und interessierte Landesfürsten; der geographische und personelle Zusammenhang mit dem Konzil von Trient; das Vorhandensein früher Druckorte; eine Pfarrschicht, von der wie selten sonst in Diözesen, soweit sich dies bisher beurteilen lässt,  ein hoher Prozentsatz hervorragend ausgebildet war, mit Studienabschlüssen an den Universitäten in Wien, Dillingen, Ingolstadt, Rom, später Innsbruck u.a.

 

 

Der aktuelle Projektstand

            Bis 2001 konnte das Projekt auf neun Mitarbeiter ausgebaut werden. Bis dahin war EHB verwaltungsmäßig angesiedelt  beim Südtiroler Bildungszentrum. In Zusammenarbeit mit der Stiftung wurde dann ein eigenes Verwaltungszentrum und eine eigene Fachorganisation aufgebaut:  Bibliogamma, eine Genossenschaft m.b.H. Alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Bibliogamma besitzen eine volle akademische Ausbildung, entweder als Diplombibliothekare oder in irgendeinem Fachgebiet (Germanistik, Romanistik, Theologie, Geschichte, Philosophie, Publizistik.....). Die Erschließungsorte  der Katalogteams für 2005 sind:  Franziskanerkloster Bozen , Kapuzinerkloster Brixen, Kloster Neustift und Lana, am Sitz des Deutschordens. Eine Projekthomepage gibt Aufschluss über Arbeitsleistung, Sponsorschaft,  Projektfortschritt, Mitarbeiter, wichtige Informationen und  Bibliogamma. Die  Daten sind abrufbar unter www.ehb.it . Dort wird auch der Zugang zum EHB-Katalog  im Netzwerk der Universität Bozen angegeben. Die Durchschnittsleistung  an Katalogisaten betrug in den letzten Jahren ca. 30.000 Datensätze  (Werksätze) im Jahr. Die Aufnahmeleistung hat 2004 eine viertel Million Werkeinträge überschritten. Erschlossen wird nach den Regeln RAK-WB  (Regeln für alphabetische Katalogisierung in wissenschaftlichen Bibliotheken).

 

Die Projektpartner – die Projekteinhänger

            Seinen Durchbruch verdankt EHB vielen Faktoren: der Sponsorschaft durch die Stiftung Südtiroler Sparkasse; der Mitträgerschaft des Projekts durch die Diözese; der Bereitschaft der Orden, der religiösen Gemeinschaften und der Bestandseigentümer, ihre Bestände  aufzubrechen und der Allgemeinheit zugänglich zu machen; der Aufbauhilfe der Bayerischen Staatsbibliothek; einer wachsenden Bewusstseinsbildung hinsichtlich  der Bestandswerte; dem unglaublichen Einsatz der Arbeitsgruppen. Ohne Geld gibt es kein Werk, ohne Wertbewusstsein keinen Einsatz.

            Mit den wachsenden Ausmaßen  nehmen auch Verantwortung  und Verwaltungsaufgaben zu. Der Maschinenpark muss fortwährend erneuert, für neue Aufgaben adaptiert werden. Amtsstellen und Ehrgeiz von allen Seiten klinken sich ein und hängen sich an. Die Netzwerke werden komplexer. Es erfordert einige Anstrengung, Interessen, Instanzen, technische Ansprechpartner, Amtszuständigkeiten, Bestandseigner, Projektorganisation, Sachliches und Personelles im Einklang zu halten. Es wird vieles an Wünschen und Vorstellungen herangetragen, seitdem Größenordnung und Bedeutung des Projekts in den Vordergrund treten.

 

Die öffentliche Rechtfertigung der Mittel

            Im deutschen Kulturraum hat EHB einen guten Namen. Bereits zwei Fachkräfte des Projekts erhielten  inzwischen Berufungen an die Deutsche Staatsbibliothek  in Berlin. Das Projekt ist angetreten im Interesse an  Kulturwerten des Landes, die bisher  in ihrer zentralen Bedeutung nicht erfasst wurden. Darin lag für Projektaufbau und Projektleitung auch ein glücklicher Umstand. Ohne ehrgeiziges Zerren konnte die Arbeit ruhig und autonom gedeihen. Ganz ist es jetzt nicht mehr so. In der zweiten Halbzeit rütteln PR-Prinzen am Dornröschen  und wollen dieses für sich. Posthum. Dass die Ehre nach getaner Arbeit und nach der Auferstehung kommt, ist schwerer zu vermitteln. Gleichzeitig steht es einem Sponsor auch zu, seine Mittel öffentlich gerechtfertigt zu sehen. Und der Stiftung gebührt Dank. Im Namen eines Kulturbestandes, der in seiner ganzen Zukunftsbedeutung  erst mit Hilfe der Sponsorschaft  der Stiftung geweckt werden konnte. Dank gebührt der Diözesanleitung, die mit ihrem Vertragswerk und mit ihrem historischen Verständnis und Bemühen mit an der Wiege stand. Dank gebührt vielen:  SBZ, Bayer. Staatsbibliothek, den Bestandseigentümern, Dr. A. Guarriello,  Ex-Dator und Deltadator, Dr. H. Leimgruber, der Fa. BOND, Telecom, Legabund, CoopServizi, Projektberatern und dem EHB-Beirat, der das Projekt mit Diskussion und Interesse begleitet; dazu kommen Landesstellen mit ihren Aufsichtspflichten für Erhaltung und Pflege der Bestände. Zu manchen Zeiten wäre wohl auch ein Dank an die Sparkasse Bruneck vonnöten gewesen, bei der EHB/Bibliogamma zeitweilig beängstigend in der Kreide gestanden haben.

            Ich kann hier nicht alle und alles aufzählen. Schließen aber möchte ich mit dem allergrößten Dank an die Projektmitarbeiter und an die Bibliogamma-Mitträger Dr. Walter Garber und Dipl. Bibl. Manfred Schmidt (München). Unsere Homepage listet  die gegenwärtigen Mitarbeiter auf. Nicht aufgelistet finden Sie dort alle gesellschaftlichen Instanzen, eine sich ständig verändernde Rechtslage und all die Ansprechpartner für zahllose Bedürfnisse und Aufgaben.

            Die Ernte ist groß, und der Arbeiter sind, bei dieser Größenordnung,  wenige. Trotzdem, Jahr für Jahr wird Ernte in die Scheune geschoben und füllen sich die Speicher. Sie müssen nicht mehr nach dem fernen Ägypten, wenn Sie Hunger an Kultur haben und leiden. Ägypten liegt in Südtirol. Für sehr vieles und sehr reich. Über Internet finden Sie Klein-Alexandria im Lande. Das Forschungsfeld ist eröffnet. Und der rote Faden der sozialen und geistigen Landesgeschichte führt durch die Werkverzeichnisse im Internet. Und dahinter öffnet sich eine unübersehbare, faszinierende Welt. Das Weitergeben, Werden und Vergehen der Kultur unseres Landes.

p. bruno klammer

 

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