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Margret Bergmann

Bibliotheksarbeit – wie fad!

 

Oder nicht? Es mag schon verwundern, dass ich es 30 Jahre damit ausgehalten habe und nicht daran denke, mich davon zu verabschieden.

Angefangen hat alles mit dem Antritt meiner neuen Arbeitsstelle in der Mittelschule „Albin Egger-Lienz“. Als unter dem Lehrpersonal die verschiedenen Sonderaufgaben verteilt wurden, meinte ich, auch etwas Zusätzliches tun zu müssen und erklärte mich bereit, die Lehrerbibliothek zu übernehmen. Schließlich wollte ich nicht gleich als Drückebergerin dastehen. Ein Kollege warnte mich zwar, die Lehrpersonen hielten nie Ordnung, brächten die Bücher nicht zurück, ... Doch ich wollte meine Zusage nicht schon gleich wieder zurückziehen – und kam dann trotz aller Unkenrufe gut zurecht.

Eine Schülerbibliothek im eigentlichen Sinn gab es damals noch nicht. Im Tiefparterre, von wo aus man in den Pausenhof und in die Turnhalle gelangt, kümmerten damals drei unbeachtete Schränke mit Glastüren vor sich hin, durch die teils vergraute Jugendbuchrücken, dicht aneinandergereiht, herausschauten.

„Wie wäre es“, sagte ein Kollege – er war auch neu in der Schule – zu mir, „wie wäre es, wenn wir diese Bücher in der Pause verleihen würden?“

So begann meine Arbeit in der Bibliothek, die eigentlich, räumlich gesehen, noch gar keine war. Ich legte ein Heftchen an, in das Schüler-, Buch- und Fälligkeitsdaten eingetragen wurden, und die Schülerinnen und Schüler stürmten die Schränke, der Bücherumsatz war erfreulich.

Deshalb, es fügte sich schicksalhaft gut, stieg ich auch gleich ein, als im Jahr darauf die Einheitssystematik für die Südtiroler Bibliotheken ausgearbeitet war und Herr Walter Dettwiler aus der Schweiz uns Bibliothekspionieren mit Rat und Tat zur Seite stand.

Ein ungenutzter Wandelgang wurde verglast und nach den Vorstellungen von Herrn Dettwiler und Dr. Franz Berger eingerichtet.

Unsere Bibliothek wurde zur kombinierten Mittelschul- und (öffentlichen) Jugendbibliothek, dadurch kamen wir zu Geld von Land und Gemeinde. Und – das waren noch Zeiten! – jedes Mal, wenn ich mich bereit erklärte, einen Jugendbuchautor , eine –autorin einzuladen, erhielt ich vom Amt für Bibliothekswesen einige Bücher des Schriftstellers, der Schriftstellerin geschenkt. Wie die Zeiten sich ändern! Wir haben jedoch auch durch Elternabende mit Mega-Programmen Spendengelder eingetrieben und damit neue Bücher gekauft.

Nun geht es uns finanziell weitaus besser, und auch sonst hat sich einiges geändert. In den Anfängen habe ich z.B. für jedes Buch 3-5 Katalogkarten und eine Buchkarte getippt und jeweils das Wesentliche händisch unterstrichen. Die Schreibmaschine, auf der ich damals lautstark schrieb, steht heute noch in der Bibliothek, gehörte aber eigentlich viel eher hinauf nach Partschins, ins Schreibmaschinenmuseum.

Schon lange schreibe ich keine Katalog- und Buchkarten mehr, und auch mit den Regeln von RAK und LIBRO muss ich mich nicht abplagen; das wurde mir gottlob abgenommen. Denn bereits seit Jahren, seit vielen Jahren, widme ich mich fast ausschließlich der Verwirklichung von Ideen, die mir zufliegen. „Ideen sind Schmetterlinge, die umherflattern“, antworte ich manchmal, wenn ich gefragt werde, woher ich denn die Ideen hätte, „und ich fange sie einfach mit einem Schmetterlingsnetz ein.“ Man könnte auch sagen, es sind Steinchen am Flussufer, die man nur aufzulesen braucht, oder Bruchstücke aus Zeitungsmeldungen, die sich für die Bibliotheksarbeit umsetzen lassen. Oft kommen Ideen im Gespräch oder werden dadurch konkreter, oft aber – der Wahrheit die Ehre – fällt mir auch während der Sitzung am Örtchen etwas ein, oder beim Zähneputzen oder Tellerwaschen oder Schuhe schnüren, ..., oder nachts, wenn ich gerade mal wach liege.

Und was hat sie denn alles auf die Beine gebracht, in diesen 30 Jahren?, könnte jetzt jemand fragen. Was faselt sie so herum?

Als meine Bibliothek nicht mehr nur Schul- sondern eine für alle zugängliche Jugendbibliothek war, organisierte ich Jugendbuchwochen zu „Spiel, Sport und Hobby“, zu „Freundschaft und Liebe“, zum Thema „Rund um die Arbeitswelt“.

Immer gab es eine einschlägige Buchausstellung mit Quiz und Preisen und ein dichtes Rahmenprogramm, das je nach Thema variierte: die Begegnung mit Spitzensportlern und Autoren, Spielwettbewerbe, Diskussionen, Liederabende, die unbeabsichtigt in Tanzabende umschlugen und das ganze Schulhaus zum Zittern brachten. (Allen Schutzengeln sei Dank, dass es nicht einstürzte!), mit Schreibwettbewerben, Sketches, Luftballonpost u.a.

Und was hab ich mit den Schülern nicht alles gemacht, als sie – ja, das waren noch Zeiten! – als sie ihren Freizeitstress noch nicht hatten! Wir schrieben und spielten Theater, wir wanderten in stockdunkler Nacht hinauf zur Haselburg, um den Kometen Hale-Bopp zu beobachten, wir sammelten Müll im Haslacher Wald, wir ... Im Biblio-Club (mit eigenem Mitgliedsausweis), der sich wöchentlich einmal traf, wurde rund ums Buch, um Texte gerätselt, geschrieben, gespielt.

Das Spielen lag mir schon immer am Herzen, deshalb das Spielen mit Sprache, der kreative Umgang mir bereits existierender Lyrik und Prosa. In Schreibwerkstätten schuf ich mit Schülern, später mit Erwachsenen und Senioren neue, individuelle Texte, die häufig in der Form eines Büchleins ihre Krönung fanden. Welches Glücksgefühl für Kinder, welches Erlebnis der Befreiung in der Märchenschreibwerkstatt mit Frauen, welche Steigerung des Selbstwertgefühls und welcher Stolz bei Senioren!

Mit Schülern bastelte und spielte ich auch „Spiele aus aller Welt“, passend zum Land, auf das in Erdkunde gerade das Augenmerk gelenkt wurde, oder ich erzählte Sagen aus der Blütezeit der Ägypter, der Griechen, der Römer, und anschließend spielten wir ein Spiel des jeweiligen Volkes.

Spiel und Sport (und Lesen!): Wie viel Spiel- und Lesefreude, wie viel Teilnahmemotivation konnte ich wecken mit dem Auftakt zu den Olympischen Lesespielen, die wir mit Fackelzug, Olympischem Feuer und der Vorstellung aller Disziplinen – vom Titelraten zum Vorlesewettbewerb und Schattenspiel, ... feierlich eröffneten.

„Dabei sein ist alles!“ Wo? Beim Lesemarathon unserer Schule, zu dem sich Schüler begeistert meldeten, und auch beim gerade startenden „Bücher-Staffellauf“, bei dem wir die lesefreudigste Klasse und das meistgelesene Buch prämieren wollen.

Manchmal fing ich auch Ideenschmetterlinge ein, die dann – ausgearbeitet und konkretisiert – über die ganze Stadt flogen, z. B. den „Bozner Leseherbst“ oder die schulübergreifende Aktion „Eine Woche voller Lesen“, oder gar über das ganze Land, wie etwa meine Idee, merkenswerte, d.h. merk-würdige Sätze in gelesenen Büchern zu finden und in der Bibliothek zu melden. Ich konnte über 500 Sätze sammeln. Daraus entstanden, in Zusammenarbeit mit dem Jukibuz, neue Geschichten, von Schülern des ganzen Landes geschrieben und illustriert und, unterstützt vom Amt für Bibliothekswesen, das Buch „Aus Sätzen wachsen Geschichten“, dessen Herstellung wir der Berufsschule für Grafik „Johannes von Gutenberg“ verdanken. Herr Dir. Alfons Steiner und seine Schule haben meine Vorhaben oft unterstützt und realisiert, z. B. das mit den Senioren erarbeitete Büchlein „Reisen in die Kindheit“, „Schreiben ... wie fliegen, wie lachen, wie träumen, wie sich erinnern“, oder „Hausmannskost, althergebracht und neu“.

Als wir im Jubiläumsjahr 2000 verschiedene Kleinodien der Stadt, Klöster und Kapellen, besichtigten und ich die Erklärungen der jeweiligen Führer festhielt, war es auch Dir. Steiner, der daraus die bebilderte Broschüre „Wo Menschenwerke zu Gebeten werden“ entstehen ließ.

Ja, so wurde nach und nach aus unseren drei verglasten Bücherschränken ein Kulturzentrum, vor allem als 1995 die vorher noch eigenständige Bibliothek des Haslacher Singkreises mit unserer Jugendbibliothek fusionierte. Von da an hatte sich mein Arbeitsfeld auch auf die Erwachsenen ausgedehnt.

Immer wieder reizt es mich, die Leute zum Schreiben zu verlocken und die Bibliothek „auszulagern“. So hörten wir im gemütlichen Kohlerhof „Literatur auf der Veranda“, umrahmt von Zithermusik, und in der Pizzeria Grazia von Haslachern verfasste Texte, Erinnerungen, Erlebtes, Erdachtes rund um die Pizza oder ums Kuchlkastl, begleitet von „O sole mio“ und anderen süditalienischen Geigenklängen. Auch die Haselburg ist ein beliebter Veranstaltungsort für besondere Ereignisse. „Wo die Liebe hinfällt“ war unser erster, erfolgreicher Versuch, Texte, Lyrik und Musik losgelöst von den Räumlichkeiten der Bibliothek darzubieten. Der Erfolg ermutigte mich, selbst als Vortragende aufzutreten. Und ich wagte es sogar im Freien! „Texte unterm Sternenzelt“ las ich, und sie wurden umrahmt von der Nachtmusik lieber Freunde. Darauf folgten Texte und Musik aus der Zeit Michael Pachers, da zu seinem Jubiläumsjahr nur Pachers eigene Werke und Gemälde und Skulpturen seiner Zeitgenossen „zu Wort“ kamen und ich mich fragte: „Und wo bleibt die Literatur?“ Folglich recherchierte ich, wurde fündig und trug die wunderschönen Texte, begleitet vom Ensemble „Oswald von Wolkenstein“ im Riemenschneider-Saal der Haselburg vor. In der Folge wagte ich mich an Siegfried Lenz, Erich Kästner und den „Kleinen Prinzen“ heran, den ich in der Folge weit ins Land hinaus tragen durfte.

Aber zurück zur Bibliothek: wir sind nicht nur hinausgegangen, wir haben die Leute, die Vereine oft und oft hereingeholt in unseren schönen Vortrags- und Veranstaltungsraum. Von Töpfern, Glasritzen und –malen zum Aquarell und Linoldruck, von Englisch-, Selbstverteidigungs- und Feldenkraiskursen reicht unser Angebot bis hin zum Meditieren und Schreiben von Psalmen, von einer Bibelwoche, die die ganze Haslacher Bevölkerung, vom Kindergarten zu den Senioren mit einbezog, von spanischen Tänzen zur Zigeunermusik, von der Präsentation aller Haslacher Vereine, die sich mit eigenen Darbietungen vorstellten, bis zum Blick über den Tellerrand.

Was ich damit meine?

Mit meinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen und mit dem Wohlwollen der Haslacher Bevölkerung gelingt es mir, einmal im Jahr, meist im Advent, in die weite Welt zu schauen, dorthin, wo es den Menschen nicht so gut geht.

Mit einem Riesen-Adventkalender, der voller Kunstwerke zum Verkauf steckte, und dem Buch „Welt voller Wunder – Worte voll Wärme“ unterstützten wir die Aidswaisen in Uganda, mit einer Keks-Aktion (in Zusammenarbeit mit der Mittelschule) das Caritas Baby Hospital in Bethlehem, und inzwischen kam Afghanistan mit seinem Krieg, mit seinem Elend. Ich erzählte in Haslach afghanische Märchen und tue dies inzwischen im ganzen Land, nun schon fast drei Jahre lang. Mit den eingehenden Spenden und dem Erlös aus meinem Buch „He du, großer Komet!“ gelingt es mir, die große Mädchenschule Tabqus in Zentralafghanistan zu finanzieren.

So kann eine Bibliothek von einer Buchausleihstelle zu einem Zentrum werden, das eine Botschaft für die Welt bereit hält, eine Botschaft des Friedens, des Teilens, eine Botschaft der Versöhnung, ja, eine Botschaft des Glaubens.

Vieles gäbe es noch zu sagen, und über viel Gesagtes müsste ich ausführlicher berichten. Aber ich bin schon weit über die mit zugesprochenen 7000 Anschläge hinaus.

 

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