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Johannes Andresen und Volker Klotz

Öffentliche Bibliotheken in Südtirol: geprüfte Qualität

 

In der freien Wirtschaft sind sie schon lange üblich. Durch verbindliche Qualitätsstandards und strenge Qualitätskontrollen versuchen Unternehmen und Unternehmerverbände die Güte ihrer Produkte zu gewährleisten, um sie erfolgreich auf dem Markt zu plazieren. Internationale Zertifizierungssysteme signalisieren dem Kunden die Bemühungen der Produzenten. So sind dem Verbraucher ISO 9000-Normen und ähnliche Gütesiegel inzwischen ein Begriff geworden, die unseren Alltag auf Joghurtbechern, Haushaltsgeräten und anderen Industrieprodukten begleiten.

Ebenso versucht man Qualitätsprodukte unter geschützten Markenbezeichnungen und eigenen Logos zu vermarkten, wie den Südtiroler Bauernspeck, die Weine mit der Banderole des Tatzelwurms oder den naturreinen Apfelsaft versehen mit dem Zeichen der Schutzmarke Südtirols. Jeder von uns stösst so tagtäglich auf die Diskussion um Qualität, die Merkmal eines verschärften Wettbewerbs ist.

In den letzten Jahren lassen sich in der Presse immer häufiger Artikel finden, die jene offensiv geführte Qualitätsdebatte auf einen Bereich verlagern, den noch vor einigen Jahren nur wenige damit direkt assoziiert hätten: den Bildungs- und Kulturbereich. Bildungshäuser führen Leistungsstandards ein und lassen sich zertifizieren, in Kultureinrichtungen finden Qualitätsmanagement und Kundenorientierung verstärkt Eingang in die Planungen. Es hieße den Qualitätsbegriff falsch zu verstehen, würde man ihn mit Kosteneinsparung gleichsetzen. Darauf darf sich Kulturarbeit nie reduzieren lassen. Qualität im Kulturbereich ist vor allem die Reflexion über die eigenen Angebote vor der Hintergrundfolie der Aufgaben, die durch die Gesellschaft, die Kulturpolitik und die jeweiligen Träger definiert werden.

In Zeiten von stagnierenden Finanzmitteln und einer im Bildungs- und Kulturbereich zunehmenden Konkurrenz der Angebote werden auch die Öffentlichen Bibliotheken als die klassischen Bildungs- und Kultureinrichtungen mit einem engmaschigen Netz in allen Gemeinden des Landes von ihren Benutzern kritisch begutachtet. Bietet meine Dorfbibliothek ein für mich interessantes Angebot an Büchern, Zeitschriften und modernen Medien wie CDs, Videos und DVDs? Entsprechen die Abendveranstaltungen, Lesungen und Vorträge meinen Vorstellungen von Freizeitgestaltung? Unterstützt die Bibliothek mit ihrem Angebot die schulische Entwicklung meiner Kinder?

Als Einrichtungen der Öffentlichen Hand bzw. durch diese finanziert begutachten auch die Entscheidungsträger in den Gemeinden und auf Landesebene die Bibliotheken und Bibliothekssysteme. Welchen Beitrag leistet die Bibliothek zum kulturellen Leben in der Gemeinde? Bringt sie sich aktiv in die Zusammenarbeit mit Vereinen und Schulen ein? Wie wird sie von der Bevölkerung angenommen?

Rückblick

Das Öffentliche Bibliothekswesen in Südtirol hat sich in den letzten 20 Jahren sehr gut entwickelt und den Sprung von einem ausschließlich auf kirchlichem Engagement aufgebautem Bibliothekssystem hin zu einem System europäischen Zuschnitts geschafft. Dabei bildete die vom Südtiroler Landtag im Jahr 1983 verabschiedete Rechtsgrundlage den Rahmen, der von engagierten Menschen in unterschiedlichen Funktionen auf Landes-, Amts- und Verbandsebene ausgestaltet wurde: als ehrenamtliche oder hauptamtliche Bibliotheksbetreuer/innen, als Mitglieder in Bibliotheksräten, als Verwalter in den Gemeinden, als Verantwortungsträger in Vereinen und Pfarreien. So konnten in den achtziger Jahren Schritt für Schritt jene Akzente gesetzt werden, die in vielen Bibliotheken zur Verbesserung der räumlichen Situation und zum Auf- und Ausbau von aktuellen Medienbeständen führten. Parallel dazu wurden auch zunehmend Gemeinden für das Anliegen „Bibliothek“ sensibilisiert, eine Ausbildung für Bibliotheksbetreuer wurde angeboten und damit der Weg zur Fachlichkeit eingeschlagen. In dieser Pionierphase wurden – abgesehen von den bereits hauptamtlich betreuten Bibliotheken in den Städten Bozen und Meran – erste Personalstellen geschaffen, so z. Bsp.in Schlanders, in St. Martin in Passeier und in Toblach.

Entscheidend war jedoch die zunehmende Professionalisierung des Personals in den neunziger Jahren. Seinen sichtbaren Ausdruck fand sie in dem mehrjährigen Ausbildungslehrgang für Bibliothekare und Buchhändler, in der Schaffung von weiteren Stellen in den größeren Ortschaften sowie in der Ausrichtung der landesgesetzlichen Standards an europäischen Parametern. Gerade die gesetzliche Verankerung einer spezifischen mehrjährigen Ausbildung als Grundlage der hauptamtlichen bibliothekarischen Arbeit in Südtirol ist ein Fundament der Weiterentwicklung des Bibliothekswesens.

In den Öffentlichen Bibliotheken des Landes finden sich heute in unterschiedlicher Ausprägung Zeitungen und Zeitschriften, Spiele, Musikkassetten, CDs, CD-ROMs, Videos, DVDs, Zugänge zum Internet. Ergänzt wird dieses Medienspektrum durch ein breites Veranstaltungsangebot, das auf die Erfordernisse der jeweiligen Zielgruppen eingeht. So ist heute jede Öffentliche Bibliothek ein wichtiger Pfeiler des außerschulischen Bildungsangebots bzw. des traditionellen kulturellen Angebotes unserer Ortschaften.

 

Qualitätskonzept

Der heute erreichte Professionalisierungsgrad war eine Voraussetzung, dass Bibliothekarinnen und Bibliothekare sich und ihre Arbeit kritisch begutachtet haben und sich entschlossen haben, die Debatte um die Qualität der bibliothekarischen Arbeit selbst in die Hand zu nehmen. So initiierten der Bibliotheksverband Südtirol und die Fachstelle für das Bibliothekswesen in der Landesverwaltung ein Entwicklungskonzept für die Öffentlichen Bibliotheken. Bibliothekarinnen und Bibliothekare aus kleinen Dorfbibliotheken und großen Stadtbibliotheken, aus Schulbibliotheken und Fachbibliotheken, ehrenamtliche Bibliotheksleiterinnen und hauptamtliche Dimplombibliothekare haben sich zusammengesetzt, um darüber zu diskutieren, was qualitative Bibliotheksarbeit heute und vor allem morgen bedeutet, wie sie gestaltet und abgesichert werden kann.

Die gemeinsame Ausgangsbasis der Überlegungen war, dass es in Südtirol ein leistungsfähiges und vernetztes Bibliothekswesen braucht, um Bildungs- und Kulturaufgaben in den Gemeinden wahrzunehmen. Darüberhinaus sollte mittelfristig eine „Bibliothek Südtirol“ entstehen, in der jede Bibliothek ihre spezifischen, auf ihre Zielgruppe hin orientierten Aufgaben hat, die für die Bürger in Südtirol aber gleichzeitig als Ganzes wahrgenommen wird, etwa durch einen Gesamtkatalog im Internet, durch einen gemeinsamen Leserausweis oder intern durch ein abgestimmtes Fortbildungskonzept und zentrale Dienstleistungen für alle (Medienbearbeitung, EDV-Service-Stellen). Leitgedanken des Entwicklungskonzeptes sind:

4    Klare Aufgaben auf allen Ebenen der unterschiedlichen Bibliotheken zu formulieren und für diese Aufgaben auch entsprechende Standards zu setzen.

4    Dadurch Transparenz zu schaffen, wofür Personal- und Finanzmittel aufgewendet werden.

4    Professionelle bibliothekarische Leistungen messbar nachzuweisen.

4    Zuständigkeiten im Bibliothekswesen offen zu legen und Vernetzungen nach innen und außen herzustellen.

4    Systematisch und regelmäßig die sich ändernden Zielgruppenwünsche zu messen und das Angebot und die Leistungsstandards diesen Wünschen anzupassen.

4    Grundlagen für ein umfassendes Qualifizierungsprogramm zur Personalentwicklung zu schaffen. Dies gilt für ehrenamtliches und für hauptamtliches Personal.

4    Mit Partnern auf der Basis eines jeweils eindeutigen Profils besser zu kooperieren und arbeitsteilig auch schwierige Aufgaben gemeinsam in Angriff nehmen zu können.

4    Entscheidungsgrundlagen für zukünftige notwendige Strukturveränderungen im Bibliothekswesen zu gewinnen, um auch morgen den Anforderungen haupt- und ehrenamtlicher bibliothekarischer Tätigkeit gerecht zu werden.

Die Entwicklung des Bibliothekskonzepts in vier Etappen (Aufgabendefinition, Qualitätsstandards, Qualitätssicherungsverfahren, Ressourcenumverteilung) ist maßgeblich unter Einbeziehung der Bibliotheken selbst erfolgt. Eine Steuerungsgruppe hat die wesentlichen Inhalte einer Etappe bearbeitet, die erarbeiteten Teilziele den Bibliotheken präsentiert und Rückmeldungen eingearbeitet. Politik und Verwaltung wurden frühzeitig in den Prozess eingebunden, um die langfristige Umsetzung sicherzustellen.

Vereinbarte Standards müssen abgesichert, aber auch weiterentwickelt werden. Und hier treffen sich der eingangs erwähnte Südtiroler Bauernspeck und die Südtiroler Bibliotheken. Ein internes Qualitätssicherungsverfahren wurde eingerichtet. Kolleginnen und Kollegen überprüfen die Einhaltung der Standards, helfen mit, diese zu erreichen, bzw. diskutieren die Ursachen, wenn Standards nicht eingehalten wurden. Dabei werden Elemente externer Zertifizierungen (Audits, Auditbericht usw.) aufgegriffen, wie sie uns aus der Wirtschaft bekannt sind.

Fünf Bibliotheken bekamen nach erfolgreicher Auditierung im Oktober 2004 die Zertifizierungsurkunde feierlich ausgehändigt. Im Frühjahr 2005 werden erneut Auditorinnen und Auditoren geschult, um die zeitliche Belastung auf mehrere Schultern zu verteilen. Auf einer jährlich stattfindenden Auditorenkonferenz, die 2005 zum ersten Mal durchgeführt wird, sollen die Standards diskutiert, angepasst und weiterentwickelt werden.

 

Betreuung

Die vielfältigen Aufgaben stellen haupt- wie ehrenamtlich geführte Bibliotheken vor große Herausforderungen und lassen eine Reihe von unterstützenden Maßnahmen als sinnvoll erscheinen.

Als ein Amt innerhalb der deutschen Kulturabteilung des Landes hat das Amt für Bibliothekswesen die Entwicklungsverantwortung für den Fachbereich. Dies heißt, auch immer wieder darüber nachzudenken, wie bibliothekarische Angebote vor dem Hintergrund sich ändernder Rahmenbedingungen angepasst und abgesichert werden können. Das oben angesprochene Entwicklungskonzept mit seiner Vision einer „Bibliothek Südtirol“ leistet dazu einen wesentlichen Beitrag.

Eine der Hauptaufgaben der Landesfachstelle ist die Qualifizierung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Bibliotheken durch ein differenziertes Aus- und Fortbildungsangebot. Die Koordinierung und Vernetzung der unterschiedlichen Bibliotheken ist eine weitere Aufgabe, die dazu dient, allen Bürgern des Landes bibliothekarische Angebote gleichermaßen zugänglich zu machen. Darüber hinaus geht es auch um den Aufbau von Partnerschaften, beispielsweise zu Einrichtungen der Leseförderung, zum Buchhandel, zu Schulen und Weiterbildungseinrichtungen sowie weiteren Organisationen.

Ein dritter großer Bereich ist die fachliche und finanzielle Unterstützung der Bibliotheken, der seinen Ausdruck unter anderem in einem umfangreichen Beratungsangebot in Bau- und Einrichtungsfragen, in Fragen zu Aspekten des Lesens in seinen unterschiedlichsten Ausprägungen findet. Schulbibliothekarische Fragestellungen werden ebenso bearbeitet wie die große Herausforderung der Vernetzung und die Schaffung eines Gesamtkataloges, in dem alle Bibliotheksbestände über das Internet zugänglich gemacht werden. Mit dem BISON (Bibliotheken Südtirols online) wurde ein erster großer Schritt in diese Richtung gemacht.

Der Bibliotheksverband Südtirol, der 1981 gegründet wurde, ist die zweite bibliothekarische Fachstelle im Land. Er sieht sich seinem Selbstverständnis nach einerseits als Organ der Interessensvertretung seiner Mitglieder (Bibliotheken sowie ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter) und andererseits als Dienstleistungsunternehmen für die Mitglieder. In dieser Rolle ist er die Medienbearbeitungszentrale für Öffentliche Bibliotheken, Schulbibliotheken und in zunehmenden Maße auch Wissenschaftliche Bibliotheken. Ebenso bündelt sich im Verband die EDV-Betreuung der Bibliothekssoftware.

Um gerade im ehrenamtlich geprägten Bibliothekswesen Freiräume für inhaltliche Kernaufgaben der bibliothekarischen Arbeit zu schaffen, wird seit 2004 die Katalogisierung von Büchern und modernen Medien diesen Bibliotheken kostenlos angeboten. Dies konnte durch eine Konvention mit der deutschen Kulturabteilung des Landes erreicht werden. Die zentrale Bereitstellung der dabei gewonnenen Daten hat jedoch auch den Zweck, Verbundprojekte, wie den Südtiroler Gesamtkatalog oder die Datenbereitstellung von qualitativ hochwertigen Katalogisaten zu ermöglichen.

Ebenso ist der Verband Partner im neuen Fortbildungskonzept. So bietet er Schulungen in seinen beiden Kernkompetenzen „Erschließung“ und „EDV“ an. Als dritte Kernkompetenz ist der Bereich „Bibliotheksrecht“ kürzlich hinzugekommen. Gerade dieser Bereich macht deutlich, dass sich die Aufgaben der Interessensvertretung und der Dienstleistung sinnvoll ergänzen lassen.

Beide Einrichtungen, jede mit eigenem Profil und ihren spezifischen Aufgaben, bieten den Bibliotheken zusammen einen Korb voller Serviceangebote an, der die Bibliotheken in ihrer Arbeit unterstützen soll.

 

Johannes Andresen und Volker Klotz

Auf einen Blick !

Die Bibliotheksstruktur in Südtirol

2 x zentrale Betreuungseinrichtungen

Amt für Bibliothekswesen

Bibliotheksverband Südtirol

 

10 x größere Bibliotheken in den zentralen Orten der einzelnen Talschaften

114 x Bibliotheksysteme mit Hauptsitz und Zweigstellen in den Gemeinden

58 x anerkannte Schulbibliotheken

16 x Fach- und Studienbibliotheken

4 x Wissenschaftliche Bibliotheken

Bibliothek Südtirol: eine Vision rückt näher

2007 ist die Vision einer „Bibliothek Südtirol“ umgesetzt.

2007 ist jede öffentliche Bibliothek auditiert. Damit ist sichergestellt, dass die Bürgerinnen und Bürger des Landes bestmöglich mit professionellen Leistungen versorgt werden und diese Leistungen messbar nachgewiesen werden. Daran sollen auch die Fördermaßnahmen des Landes ausgerichtet werden.

2007 erfolgt die Weiterentwicklung des Bibliothekswesens auf der Grundlage des Prinzips einer lernenden Organisation (Audits/Auditorenkonferenz).

2007 sind bibliothekarische Angebote weiterhin für alle Bürgerinnen und Bürger des Landes grundsätzlich kostenlos und frei zugänglich. Damit wird eine Chancengleichheit für alle garantiert und ein Beitrag zur Überwindung der „Digitalen Spaltung“ geleistet.

2007 ist der einheitliche Leserausweis für alle öffentlichen Bibliotheken eingeführt.

2007 ist ein Bibliotheksportal für öffentliche Bibliotheken umgesetzt.

2007 sind 70% der Hauptsitze mit ihren Beständen im Gesamtkatalog BISON nachgewiesen.

2007 können wir mit Partnern auf Basis eines klaren Profils besser kooperieren und arbeitsteilig auch schwierige Aufgaben gemeinsam angehen.

zu uns

Johannes Andresen, Bozen, Geschäftsführer des Bibliotheksverbands Südtirol

Volker Klotz, Bozen, Direktor des Amtes für Bibliothekswesen in der deutschen Kulturabteilung des Landes

 

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